Aris Fioretos

Writer and Literary scholar
Born 6/2/1960
Member since 2010

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Klaus Reichert, sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen,

morgens hörte ich sie besonders deutlich. Während ich mir den Schlaf aus den Augen rieb, räumte meine Großmutter in der Küche im 5. Bezirk in Wien. Tick-tack, tick-tack klang es, wenn sie über den Fliesenboden ging. Ihre Bewegungen waren ruhig und überlegt, den Geräuschen entstieg eine sachliche Warme, die das sechsjährige Enkelkind mit der Geborgenheit in ihrer Wohnung verband.

Die Absätze sorgten dafür, dass ich immer wusste, mit welchem Fuß Großmutter auftrat. Ein helles tick bedeutete links, ein dumpfes tack rechts. Auch wenn sie stets an ihre Schmerzen erinnert wurde, war sie kein Mensch, den etwas aus der Fassung bringen konnte. Noch im Bett liegend, horchte ich darauf, wie dem leichten Fuß der schwere folgte. In meinen Ohren markierten die Laute die Zeit vor und nach dem Krieg – wie Akut und Gravis. Ich wusste, dass Großmutter sich bei einem Bombenangriff die Hüfte gebrochen hatte. Im tick hörte ich dementsprechend die leichte, methodische Präzision, mit welcher sie vor dem Unglück die Abendgarderoben der Damen aus den vornehmeren Kreisen genaht haben musste. Aus dem tack hörte ich dagegen die schweren Jahre heraus, die folgten, als sich das Kriegsglück wendete, ihr Gatte an Krebs gestorben war und sie drei Kinder als Näherin erziehen musste. Der Unterschied zwischen den Jahren vor und nach dem Unglück war aber nicht das Einzige, woran ich erinnert wurde. Ebenso akut wie grav, ließen die Akzente ihrer Absätze mich auch an das Deutsch denken, daß ich während eines Winters im Kindergarten der Nonnen in Notre Dame de Sion verbessern sollte. Irgendwie verknüpfte ich die Verankerung der Kiefer mit den Hüftgelenken. Ein Mensch mochte den Raum mit Hilfe seiner Füße durchmessen, in der Sprache bewegte er sich jedoch mittels seiner Zunge. Wenn er sprach, markierte tick die perfekte Aussprache, tack die defekte. Im ersten Laut fasste ich ein Idiom auf, von Lippen und Zunge wie zum ersten Mal berührt – eine jungfräuliche Mundart, ewig akut, die ich in Großvaters Ausgabe von Nietzsches Gesammelten Werken wiederfand, in deren Frakturstil ich so etwas wie Haltung zu erkennen meinte. Im zweiten Laut nahm ich eher eine Störung wahr – grav und abweichend, schlimmstenfalls eine Anomalie. Korrigierten die Nonnen mich denn nicht, wenn ich über etwas unbeherrscht schrie? Das Brennen in dem Ohr, an dem sie zogen, war alles, was ich Spuren musste, um zu wissen, bei einer korrekten Aussprache ging es darum, die Balance zu halten.

Im Winter 1966 hatte ich diese Eindrücke so wenig formulieren können, wie ich die späteren Spekulationen verstanden hatte, die ich Ihnen heute zumute. Gleichwohl lösten die Hüften meiner Großmutter eine Art sanften Schock aus. Das Geräusch der Absätze erinnerte mich an etwas, was ich letztlich immer schon gewusst hatte: Es gab Menschen, die sprachen, als waren ihre Kiefer einmal ausgerenkt gewesen. Der fremde Akzent bewies, sie hatten etwas Ähnliches erlebt wie das, was Großmutter widerfahren war – einen derart radikalen Bruch, dass jeder Schritt, den sie in der neuen Sprache machten, die Fraktur belegte. Wenn meine Eltern Schwedisch sprachen, nahm ich die fremden Bewegungsmuster doch wahr. Ich hörte die Verben, die automatisch ans Ende der Sätze platziert wurden, oder diese lustig falsch platzierten Pronomen. Ich hörte das rollende R aus dem österreichischen Deutsch meiner Mutter, die gleitenden Konsonanten aus dem Griechisch meines Vaters. Und ich hörte, wie sich die Zunge in ihren Mündern auf der Suche nach der richtigen Betonung zaghaft bewegte.

Anfangs fielen mir diese Komplikationen nicht auf. Doch mit zunehmendem Alter wurde mir immer stärker bewusst, dass ich weder war noch aussah wie meine Kameraden. An Namen oder dunklen Haaren ließ sich nichts ändern, ich konnte aber darauf bestehen, dass Schwedisch das Deutsch, das bis dahin als unsere Familiensprache durchgegangen war, ersetzen sollte. Danach war die Zukunft als unauffälliger Schwede gesichert.

Als ich später meiner Großmutter lauschte, war die erste Sprache, die ich als Kind gesprochen hatte, bereits zur zweiten Sprache geworden. Es fehlte ihr weder an Vertrautheit noch an Stimmungen sowie an Gegenständen, die weiterhin nur auf Deutsch benannt werden konnten. Sicherlich existierte Marillenmarmelade bloß bei Großmutter, und nur in ihrer Sprache konnte man fragen: Woz, samma kompliziert? Dennoch fühlte ich mich in dieser Sprache nicht mehr heimisch, sondern wie ein Fremdling. Wenn ich jetzt sprach, geschah es mit Akzent. Tick-tack, tick-tack ... Die vertrauten Laute aus der Küche signalisierten, dass ein Mensch tat, was in seiner Macht stand, um sich durchs Leben zu schlagen, es jedoch wichtiger war, mit der Schiefheit zurechtzukommen. Der Körper trug seinen fremden Akzent wie einen schadhaften Schatz. Das halbe Jahr, das ich in der Burggasse verbrachte, war genug, um später überzeugt zu werden: Literatur ist Pflege von defektem Gut. Auf ihre Weise waren Großmutters Schritte ein Lobgesang auf den fremden Akzent. Seitdem sowie nach einigen Romanen, Essaybänden und Übersetzungen, nicht zuletzt aus der deutschen Sprache, tue ich, was ich vermag, um dem Wiener Schmäh entgegenzukommen: Naturgemäß samma kompliziert.

Liebe Autoritäten, durch die Aufnahme in Ihre Akademie haben Sie es mir erleichtert, mich weiter mit den Komplikationen zu arrangieren. Für die Aufnahme, für die Erleichterung, für die kommenden Jahre der Komplizenschaft möchte ich Ihnen herzlich danken. Oder wie wir in Schweden sagen: tack, tack.