Daniela Danz

Cultural historian and Writer
Born 5/9/1976
Member since 2025

Verehrte, geschätzte und liebe Kollegen und Kolleginnen,

es freue mich sehr, in Ihre und Eure Runde aufgenommen worden zu sein und ich möchte mich kurz vorstellen, in dem Sinne, in dem der Präsident Ingo Schulze heute Vormittag den verstorbenen Uwe Pörksen zitiert hat: „Rede, damit ich Dich sehe“, um Ihnen also deutlich und erkennbar zu werden.

Seit fünfzehn Jahren wohne ich auf der Vorburg des Kranichfelder Oberschlosses, umgeben von Thüringer Mischwäldern, die sich nun in der Herbstzeit golden färben, in einem Wärterhäuschen aus dem 18. Jahrhundert.

So könnte die Erzählung meines Lebens beginnen. Sie könnte auch so beginnen: Ich wohne auf dem Gelände eines als Außenlager des KZ Buchenwald genutzten Burgareals inmitten eines Walds, dessen Wipfel zunehmend verdorren. Der Hof vorm Haus ist weit und zugig im Winter und heiß im Sommer und man kommt nicht umhin, an die Häftlinge zu denken, die Steinbrocken zum Wiederaufbau des Schlosses hier entlang schleppen mussten und an die Leute, die ihren Weg kreuzten, es billigten, es geschehen ließen, ohnmächtig zusahen – während auf dem Nachbarhof die Wirmerflagge weht.

Und so wie sie unterschiedlich beginnen könnte, meine Erzählung, so ließe sich der rote Faden auch ganz unterschiedlich weiter durch die Gänge meines Lebens ziehen, die in der Rückschau zwar gegangene Wege sind, aber doch immer nur die eine der Möglichkeiten waren und ihre Deutung erst von dem erhalten, was hinter der nächsten Biegung auf mich wartete. Dennoch, ich will von mir erzählen und folge dem Faden durch die vom Licht des heutigen Tages erleuchteten Räume, wohl wissend, dass morgen ganz andere erleuchtet sein könnten.

In der romanischen Kapelle des Oberschlosses, wo meine rote Garnrolle eben liegengeblieben war, sind vier Säulen eingebaut, die zwischenzeitlich ein Dach auf der Wartburg trugen – jener Burg, die die ersten achtzehn Jahre meines Lebens in Sichtweite war und ein Eckpunkt meines Denkens geblieben ist. Ein Denken, das sich die Landschaft, also die Kulturlandschaft, in der es geformt wurde, zum Vorbild genommen hat, und deren „trigonometrische Interpunktion“, wie Wulf Kirsten eine ähnliche Konstellation in einem Gedicht beschrieb, fortschreibt. Der Schnittpunkt der Sichtachsen zwischen mythisch und historisch wichtigen Landmarken liegt auf einem von der LPG beackerten Feld – dort, so nehme ich an, ist die Geometrie meines Denkens entstanden.

Ich bedarf dieser Landschaften, die von Geschichte geformt sind – von allen Arten von Geschichte, auch der der industriellen Landwirtschaft oder der politischen Vereinnahmung von Orten. Ich hatte das Glück, immer in solchen Landschaften leben zu können, die mit mir sprechen, in denen ich einen Außenraum meines geistigen Inneren fand. D. h. ich empfinde es als Glück, dass ich dort leben konnte – ein Zufall war es keineswegs: Wegen der Sprache Hölderlins bin ich nach Tübingen gegangen, wegen Kafka und einem unwiderstehlichen Zug nach Osten dann nach Prag, in einem Anfall von Vernunft nach Berlin, was sich sogleich rächte und erst der Umzug nach Leipzig brachte meinen kreiselnden Kompass wieder zur Ruhe und zeigte Halle als nächste Station für mehr als ein Jahrzehnt an, wo ich, auch hier wieder einer alten Neigung folgend, und zwar der zur „Architektur in Bewährung‟, mein kunsthistorisches Studium mit einer Promotion über den Krankenhauskirchenbau der Weimarer Republik abschloss.

Ich würde sagen, dass ich mit meinen Orten in einer recht idealen Beziehung lebe: Vieles an ihnen fügt sich meinem Rhythmus, manches widersetzt sich ihm und stört mich immerzu. Und ich weiß gar nicht, welche dieser beiden Eigenschaften mir die liebere ist, denn ich werde gerne gestört. Allerdings wundert es mich etwas, dass trotz dieses schönen Einvernehmens mein Fernweh so groß ist, dass ich schon den Verdacht hege, überhaupt nur um des Reisens willen zu schreiben. Meist zieht es mich nach Osteuropa, in die Ukraine, in der ich familiäre Wurzeln habe und in den Kaukasus. Die Gedichtbände, die aus diesen Reisen entstehen, gehen gesellschaftlichen und politischen Fragen nach. Es geht mir nicht um das einzelne gelungene Gedicht, sondern um das Kollektiv der Gedichte, das es braucht, um die ganze Topografie der Fragestellung eines Bands zu entwickeln. Und dafür schreibe ich, wenn sich überhaupt sagen lässt, warum man schreibt: Um eine solche begehbare Landschaft aus Sprache zu schaffen, in der Sichtachsen entstehen, innerhalb und nach draußen.

Derweil aber diese Bände sich formen, bedarf ich auch der äußeren Bühne meines Wirkens: Neun Jahre lang waren es die mitteldeutschen Kirchen, deren Kunstgut ich als Kunstgutinventarisatorin der EKM inventarisiert habe, dann war es für sieben Jahren das Schillerhaus in Rudolstadt, das ich geleitet habe, inzwischen ein Bundesprojekt zur Demokratieförderung junger Menschen. Ich werde öfter gefragt, auf welche Weise diese beiden Hälften meiner Tätigkeit ineinandergreifen – die Wahrheit ist, dass ich ganz im Gegenteil darauf bedacht bin, sie zu trennen. Sie sind für mich wie Sonne und Mond, ich ruhe in der Literatur vom Entscheiden, vom Organisieren und der Machbarkeit aus. Und zugleich schließen während meiner Tätigkeit in der nichtliterarischen Welt die Zumutungen eines Lebens mit einem alles vereinnahmenden Verhältnis zur Sprache die Augen und träumen ohne mich jene Texte, die ganz ohne die Garnrolle der Narration traumwandlerisch jene Räume finden, die die einzig richtigen für den Moment sind.

Ich freue mich darauf, mit Ihnen und Euch Gesprächsräume und physische Räume zu teilen und hoffe, dass auch ich der Akademie eine Freude sein werde.