
Writer
Born 15/5/1970
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Lieber Ingo Schulze, liebe und geehrte Damen und Herren.
Vor zwanzig Jahren bin ich einmal mit der Eisenbahn durch ein fernes und ziemlich fremdes Land gefahren. Zwei Tage und zwei Nächte lang; ich hatte ein Abteil für mich allein, was zu Beginn der Reise beglückend – ich las, ich schlief, ich sah aus dem Fenster, ich sprach mit mir selber – letztlich aber ein Fehler war, weil ich durch die Exklusivität des Alleinseins offenbar auf mich aufmerksam gemacht hatte und mitten in der zweiten Nacht unvorbereitet Besuch von einer Räuberbande bekam.
Sie waren zu siebt. Sie hatten meine unverschlossene Abteiltür leise auf und hinter sich wieder zugezogen, sie hatten einige Ideen mitgebracht und jede Menge Zeit. Sie weckten mich unsanft, ich brauchte einen Moment, um mich zurechtzufinden und musste umstandslos einsehen, dass ich nichts besaß, womit ich mich hätte zur Wehr setzen können. Die Situation war unwirklich, unangenehm und eindeutig, keiner von uns redete drumherum. Ich setzte mich trotzdem zur Wehr. Sie ließen das zu, ließen aber nicht nach. Sieben Katzen, eine Maus. Ich war dann sehr wach. Wir schubsten uns heftig. Ich wollte mir selber zu Hilfe kommen und wusste nicht, wie; ich sah mich aus dem Eisenbahnfenster springen, vor dem eine vom Mond beschienene fahle und menschenleere Ebene lag, eine Ebene wie aus Träumen. Wohin? Was nun. Mir fiel es aus diesem fahlen nächtlichen Himmel ein – mein Buch. Mein Buch! Das Buch, wegen dem ich mich überhaupt in dieser Eisenbahn befand, mit dem ich auf Reisen war, aus dem ich, nach einer Ankunft, die nun in den Sternen stand, in der Bibliothek einer noch lange nicht erreichten Stadt lesen sollte. Mein allererstes Buch.
Übersetzt in eine Sprache, die mir unverständlich, der Räuberbande aber eine Muttersprache war, eine ernsthafte kleine Ausgabe mit einfachem Umschlag, mein halbwegs realistisches Foto auf der Rückseite, mein Name auf der Vorderseite. Dieses Buch fiel mir ein. Und ich riss es aus meinem Rucksack und hielt es hoch über uns acht, die wir in dieser engen, heißen Schachtel von einem Eisenbahnabteil feststeckten, und ich rief, das bin ich. Das bin ich! Ich rief es wild. Zugleich rief ich es erstaunt, ich rief, als hätte ich von der Existenz meines eigenen Buches bis zu diesem Moment hin eigentlich noch gar nichts gewusst, als hätte ich es selber noch nie zuvor gesehen. Die sieben wichen zurück. Ich hielt mein Buch zwischen sie und mich, ein Schild aus Papier. Ich deutete auf meinen Namen, drehte es um und deutete auf mein Foto, vom Foto auf mich, von mir aufs Buch, sie folgten dem Deuten mit glühenden Blicken, ich rief noch einmal, da zogen sie sich zurück. Warum auch immer, sie zogen sich zurück. Möglicherweise hatte ich mich mit meinem Buch vervielfacht, ich hatte mich verdichtet auf eine Art, die ihnen nicht geheuer war. Sie diskutierten noch, aber sie stießen unvermittelt statt meiner einander, sie schüttelten die Fäuste gegen die Decke, drängten hinaus und knallten die Abteiltür, die sie so leise aufgezogen hatten, hinter sich zu. Sie trollten sich. Sie waren weg. Später kamen sie wieder und brachten mir warme Decken, getrocknete Aprikosen und ein Würfelzuckerstück. Hokuspokus. Es war ein Hokuspokus gewesen, ein erlösender Zaubertrick, zu dem man nur einmal im Leben in der Lage ist, auf den man nur ein einziges Mal zurückgreifen darf. Unwiederholbar; es ist bedauerlich. Ich will es so sagen: diese fünf Minuten einer Vorstellung vor der Akademie für Sprache und Dichtung sind eine kaum zu bewältigende Mutprobe für mich, ich sage das sachlich. Und ich wünschte, ich könnte auch jetzt, auch hier, eines meiner Bücher aus der Tasche holen und rufen, das bin ich. Das bin ich! Und natürlich wäre das verdreht, weil Sie dann, in Analogie, verschwinden, sich in Luft auflösen müssten und ich ja aber hier bin, weil ich hier sein darf und mit Ihnen sein will. Darüber hinaus sind Sie mitnichten eine Räuberbande, und bin ich doch auch glücklich über diese Einladung und vor allem bin ich nicht – mein Buch. Es wäre also verdreht. Aber das Verdrehte ist für mich von großer Bedeutung, es ist ein Zentrum, ohne das Verdrehte stünde ich hier nicht. Vor zwanzig Jahren hat mein Buch mich vor einer Räuberbande gerettet, in gewisser Weise rettet mich die Räuberbande heute in Halberstadt. Ich bedanke mich herzlich.