Michel Chaouli

Literary scholar
Born 24/9/1959
Member since 2025

Liebe Mitglieder der Akademie, liebe Gäste,

als ich im Herbst die Mail mit der Nachricht über meine Zuwahl erhielt, stellte sich mir sofort eine Frage: Was hätte mein Vater hierzu gesagt? Das ist natürlich eine rhetorische Frage; natürlich weiß ich, was mein Vater, der immer viel zu stolz war auf seine Kinder, gesagt hätte. Die Frage verdeckt einen Wunsch, den schmerzlichen und kindischen Wunsch, ihm, der vor einigen Jahren gestorben ist, von dieser Ehre zu erzählen. Und in diesem Wunsch wiederum will eine einfache Wahrheit zu Wort kommen, die ich viel zu selten ausspreche, die Wahrheit nämlich über seinen und damit auch über meinen Ursprung.

Ich hätte meinem Vater von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gern erzählt, weil er eben nicht zur deutschen Sprache und Dichtung gehörte. Er wurde vor fast genau hundert Jahren hineingeboren ins jüdische Ghetto von Teheran, wo die Entfernung zum gebildeten Persisch immens und die zur deutschen Sprache und Dichtung unermesslich war. Obwohl er mehr als vierzig Jahre lang in Deutschland lebte – eine Revolution spülte ihn hierher –, haderte er bis zum Schluss mit dem Deutschen, selbst mit den Basics. Wenn er mich meinte, sagte er „meine Sohn“, und ahnte nicht, dass er dabei irgendwie an der Debatte ums Gendern teilnahm.

Dass die Einwohner dieses staubigen, armseligen Ghettos, die nie von Moses Mendelssohn oder Lessing gehört hatten, denen die deutsche Dichtung nichts, aber rein gar nichts sagte, dass diese Menschen nun über ein paar Ecken mit dieser ehrwürdigen Akademie verbunden sind, will mir wie ein Wunder erscheinen und wärmt mir das Herz. Umgekehrt steckt jetzt ein Bruchstück jenes Teheraner Viertels, das längst zugunsten von Hochhäusern platt gemacht wurde, in dieser Institution.

Ich will nicht den Exoten spielen und darf Ihnen meine direktere Verbindung zu unserer Vereinigung nicht verheimlichen. Meine Mutter stammte aus Hamburg-Winterhude. Schon auf dem Wickeltisch packte sie mich in die deutsche Sprache, und dafür danke ich ihr von Herzen. Aber auch sie hatte kaum einen Schimmer von deutscher Dichtung; sicher wusste sie, dass Goethe und Schiller wichtige Sachen geschrieben haben, aber kaum mehr als das. Doch bestand sie darauf, dass meine Geschwister und ich in Teheran auf die deutsche Schule kamen, einen segensreichen Außenposten der deutschen Kulturpolitik, für den ich der Bundesrepublik Deutschland danke.

Für mich war das deutsche Kulturgut – ich sage es ohne Scham und ohne Ironie – eine riesige Befreiung. Unsere Lehrerinnen und Lehrer waren mutige, neugierige Menschen, die ihre sichere Stelle in Deutschland aufgegeben hatten, um drei, vier, fünf Jahre lang uns etwas beizubringen. Sie wussten, was sie taten. Sie tischten uns die Filetstücke des deutschen Freigeistes auf. Nathans Ausspruch „Kein Mensch muss müssen“ traf mich in der zehnten Klasse wie ein Donnerschlag. Noch nie hatte ich so etwas gehört oder auch nur gedacht.

Don Carlos oder den Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ oder Das Leben des Galilei in Teheran zu lesen, verlangte eine Dehnung unserer Einbildungskraft, ja unserer gesamten Person. Wir mussten nicht nur lernen, die Texte zu verstehen; wir mussten auch lernen, zu den Menschen zu werden, die von diesen Werken angesprochen werden. Das verlangte uns einiges ab: schließlich lebten wir in einer Welt, in der es noch wenige Jahre zuvor Leibeigene gab, in der meine Tanten ständig damit beschäftigt waren, den bösen Blick der anderen zu neutralisieren. Wenn ich es recht bedenke, hat diese Erfahrung meine Arbeit bis heute geprägt: zu dem Menschen zu werden, der von einem Werk berührt, angesprochen werden kann.

Ich soll Ihnen etwas über meinen beruflichen Weg erzählen, sagte man mir. Das ist rasch getan. Studiert habe ich in Yale und Berkeley, dann hatte ich eine Stelle in Harvard, und jetzt unterrichte ich an der Uni Indiana in Bloomington. Zwischendurch wurde ich von großzügigen Einrichtungen in Deutschland beherbergt, etwa dem Wissenschaftskolleg in Berlin und der Friedrich-Schlegel-Schule der Freien Universität, wo ich Einstein Fellow war. Ich denke, ich darf mich offiziell Glückspilz nennen.

Aber die wirklich wichtigen Weichen wurden früher gestellt, nicht von mir, weshalb ich Ihnen von meinen Eltern gesprochen habe. Ohne deutsche Schule, ohne deutsche Sprache und Dichtung wäre ich nicht, wer ich bin. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, deutsche Literatur und Philosophie zu studieren, noch weniger auf den Gedanken, eines Tages amerikanischen Studenten Kleist und Kafka näher zu bringen. Ganz sicher würde ich heute nicht vor Ihnen stehen. Es freut mich, Mitglied dieser Akademie zu sein.