
Writer
Born 13/1/1977
Member since 2025
Verehrte Akademie,
sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Anwesende,
ich komme aus einer erfundenen Sprache.
Jede Sprache, auch die älteste, ist ja eine erdachte, und meine hat mein Großvater erfunden, den ich seit je nur als gesprächigen Toten kenne. Natürlich ist auch das Erfinden erfunden, denn mein Großvater hat nur einen Teil dieser Sprache zu verantworten, ein still vergnügtes Vokabular, das aus Wörtern für Farben oder Kriminalschriftsteller bestand, für nahende Gewitterwolken oder für Abschnitte des hinteren Körpers, auf die man sich gefälligst zu setzen hatte. Die Sprache, die mein Großvater hinterlassen hatte, wurde von meiner Familie bei jeder Gelegenheit mit Zitaten angereichert, Bonmots aus DEFA-Filmen oder aus der luftig sortierten Obst-und-Gemüseabteilung der Plauener HO-Kaufhalle oder egal woher. In meiner Familie war es gewissermaßen Einstellungsvoraussetzung, dass man sich auf dieses Sprachgemisch einließ, dass man es benutzte und auch zu deuten wusste. Und als wäre diese Mixtur aus Erdichtetem und Zitiertem nicht schon genug gewesen, wurde ihr auch noch der vogtländische Dialekt untergehoben, der mit Sicherheit ebenfalls irgendwann einmal erfunden worden war, nämlich in einer einzigen fröhlichen, vielleicht etwas schwermütigen Sommernacht unter dem Einfluss von Kaltgetränken. Ich dachte mir damals nichts dabei. Erfand sogar noch Wörter hinzu und schrieb schließlich meine ersten Geschichten, düstere Kurzprosa mit Figuren, die eine durchweg bedenkliche Überlebensprognose hatten.
Dass es noch eine andere Sprache als dieses gewagte Konglomerat geben könnte, das wurde mir erst klar, als ich mit achtzehn von Plauen nach Leipzig zog, um dort Germanistik und Anglistik zu studieren. Damals begann für mich die Suche nach einem Ausdruck, der gültig und entschlüsselbar war, den ich Anderen und auch mir selbst getrost zumuten konnte. Im literaturwissenschaftlichen Teil meiner Studienfächer schien mir diese Form erreichbarer als im sprachwissenschaftlichen, und besonders hatte es mir die Beschäftigung mit Lyrik angetan, dieser kleinteiligen, fast zärtlichen Ordnung von Sprache. Und dann gab es ja auch noch die Seminare über Kinder- und Jugendliteratur. Ich habe so viele besucht, dass ich gar nicht erst auf die verbreitete Idee kommen konnte, Bücher für ein junges Lesepublikum seien weniger gewichtig als die sogenannte echte Literatur. Literatur, das habe ich damals begriffen, ist immer echt.
Was folgte, waren eine Magisterarbeit über die deutschen Übertragungen von Roald Dahls Kinderbüchern und eine Dissertation über englischsprachige Kinderlyrik in deutscher Übersetzung. Auch ich selbst erlebte, ähnlich den analysierten Texten, eine Art Sprachtransfer und fand über das Englische zu einer für mich neuen Form der deutschen Sprache, in der ich mit Rhythmus und Syntax, mit Betonungen und Fremdheit spielen konnte. Dass ich in dieser Zeit auch ein Jahr in Dublin gelebt und dort studiert und in einem Lebensmittelgeschäft gearbeitet habe, hat an dieser Sprachfindung einen enormen Anteil: Vormittags an der Uni erlebte ich die Lyrik von Yeats und Heaney, abends im Laden die Sanftmut der Weißrübe und die tieffreundliche Schroffheit des Dublin accent, der schätzungsweise in derselben Nacht wie das Vogtländische erfunden worden war, nur mit hochprozentigeren Getränken.
Längst hatte sich wieder die sprachliche Mixtur in mein Leben geschlichen. Während ich immer weiter meine Erzählungen und Gedichte schrieb, lebte ich erneut in einer Sprache, die aus Erfundenem und Erlauschtem bestand, die von Dialekten und Akzenten, von syntaktischen Anleihen und umgeleiteten Idiomen durchzogen war. Und auch sonst konnte ich das eine nicht ohne das andere sehen, die Literatur für Kinder und Jugendliche nicht ohne jene für Erwachsene, die erzählende Literatur nicht ohne die Lyrik, sie gehören ja ohnehin zusammen. Ich glaube, dass all dies das Substrat ist, aus dem nach und nach meine Bücher wuchsen. Mittlerweile sind es fünf Romane für Jugendliche und drei für Erwachsene, außerdem viele kürzere Prosatexte und Gedichte für Kinder.
Meinen melierten Sprachschatz, der ja mehr als nur ein Inventar von Lexemen ist, habe ich schon früh gehoben, und im Versuch, ihn gegen das vermeintlich Gültige einzutauschen, ist er nur noch größer geworden. Er ist, und bitte verzeihen Sie mir die leicht poröse Brücke in die Welt der Backtriebmittel, mein ewig währendes Sauerteig-Starterset. Ja, ich komme aus einer erfundenen Sprache, und in Wahrheit habe ich sie nie verlassen. Vielleicht, weil sie die einzige Sprache ist, mit der ich all dem begegnen kann, was im Leben nicht erfunden ist. Dass ich trotzdem in Ihre Akademie aufgenommen werde, macht mich sehr froh. Ich danke Ihnen von Herzen dafür.