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Rüdiger Görner

Rüdiger Görner

Literary scholar
Born 4/6/1957
Member since 2011

Self introduction

 

Sich vorstellen, eine Vorstellung von sich geben, das hat etwas naturgemäß Scheinhaftes, unweigerlich auch am Rande der Selbst-Täuschung Liegendes. Sich vorstellen, wie man ist oder sein konnte oder gewesen war. Sich Vorstellen, um danach irgendwie dazuzugehören, namentlich zu dieser erlauchten Akademie für Sprache, für Dichtung als der sprechendsten Sprache. Eine Situation freilich, die unwahrscheinlich genug anmutet, wenn man an die eigenen sehr akademiefernen Schwarzwälder Anfange zurückdenkt, als der Gedanke unvorstellbar war, sich je an diesem Ort, vor diesem Gremium einmal vorstellen zu dürfen.
Nur eine vokalische Nuance liegt zwischen (sich) vorstellen und (sich) verstellen. Ich stelle mir nun vor, von Spiegeln umstellt zu sein, Spiegeln, die verzerren, vergrößern, verkleinern, dieses Ich vor Ihren und meinen Augen brechen und vervielfachen, wobei ich eine Maske nach der anderen probiere. Oder anders: Ich stehe vor Ihnen und nehme eine Maske nach der anderen ab und stelle dabei erst fest, dass mein Gesicht womöglich aus lauter Masken besteht, und wenn denn alle abgenommen waren, was mehr Zeit als die für diese Vorstellung vorgeschriebenen fünf Minuten erforderte, wäre das Gesicht leer, physiognomielos. Ein leeres Gesicht aber ist erschreckender als ein fratzenhaftes Antlitz...
Was hat man schon zu sagen, auch noch über sich? Dieses Ich, das gerne als unpersönliches ›Man‹ in Erscheinung tritt, am liebsten mit ›Er‹ von sich spräche, schreibend, deutend, lehrend gar mit dem ›Sie‹ liebäugelt, probeweise androgyn sozusagen, sich des unbewussten ›Es‹ im Ich nur zu bewusst: Man muss sich eben einiges vorstellen können, um sich für andere überhaupt zumutbar zu fühlen. Das Ich ist ein Oszillat; es schimmert in meinem Fall grünlich-gelblich nach den Ufern des Neckars; es stellt sich vor, immer wieder dem Urweg entlang zu gehen, der Tübinger Platanenallee mit Hölderlin-Turm, dem Wehrturm des Wahngewitzten; es schillert, dieses Oszillat, schimmert wie mittlerweile die scheinheimatlich gewordene Themse im Abendlicht, die sich durch London wie ein Darm windet und die vor dessen südwestlichen Toren, bei Strawberry Hill etwa, noch ländlich beschaulich dahinfliest, dann aber zum breiten, das Meer bereits ahnen lassenden Strom wird, kaum dass sie London südöstlich verlassen hat. Immer dieser erste Gang zu den Flüssen in jeder Stadt, vielleicht weil dort die Ufer verlässlich scheinen oder weil gleichzeitig wellengespiegelt die Statik der Architektur ins Fliesen gerat, was freilich in Darmstadt schwieriger vorstellbar ist, da der sehr bescheidene Darmbach, auch Landgraben genannt, der im Ostwald der Stadt entspringt und seltsamerweise unterhalb Darmstadts ohne ersichtlichen Grund zu einem Gewässer namens Landwehr wird, solchen neckar- und themseerprobten Ansprüchen nur bedingt gerecht werden kann.
Wie sich vorstellen, dass man aussähe; zu beschreiben versuchen, was die anderen an einem ohnehin besser, scharfer sehen. Beim Sich-Vorstellen noch unbeholfener als sonst werden, zungenlahm, den Blick nach innen gekehrt, das Ohr auf die innere Stimme gerichtet. Zu verstummen beim Reden über sich, zu zeigen, wie man dabei verstummt, sich selbst vorzufuhren, und zwar dem immer schon vorverurteilenden Haftrichter namens Zeit.
Sich vorstellen, wie man ausgestattet ist: mit einem festen Glauben an die leisen Zweifel und an den Sinn einer – durchaus im frühromantischen Sinne – Kritik, die poetisch sein und gar zwischen zwei Kulturen etwas vermitteln will. Vom Elternhaus her mit dem Sinn für das Stoffliche ausgestattet, für Textilien, woraus in mir literarisch-akademische Stoffe und Texturen wurden. Elementar dagegen, ein belastetes Verhältnis zum Lebensmedium des Wassers. Und das rührt wohl von den Umstanden meines natalen Urmoments her, der keine Vorstellung mehr ist, sondern eine ärztlich beglaubigte Begebenheit, die diesem Ich jetzt und hier zu erwähnen letztlich doch mehr bedeutet als ein Plaudern über deutsch-englische Tätigkeitsbereiche, in denen ich mich nun seit genau dreißig Jahren wiederfinde. Vielleicht ist sogar dieser Urmoment die Ursache dafür, dass ich den Tunnel unter dem Ärmelkanal inzwischen einer Überfahrt mit der Fahre vorziehe und als die größte Errungenschaft in den britisch-kontinentalen Beziehungen werte, mithin mich im nahezu flusslosen Darmstadt trotz meines Dranges zu Flussufern daher sicher fühlen sollte. Zu diesem Urmoment also: Vor der Zangengeburt dieses Ichs legte sich die Nabelschnur dreifach um dessen Hals, und dieses Ich verschluckte dazu noch, ein Angstreflex beim Geburtsvorgang, Mengen an Fruchtwasser, die nach dem sogenannten Zur-Welt-Kommen ein ärztlicher Mund aus dem bereits leidgeprüften Körper heraussaugte. Was Leben spenden sollte, drohte den Säugling zu strangulieren, zu ertranken, eine Paradoxie, die im späteren Leben bislang durch nichts übertroffen werden konnte, allenfalls durch diesen aus tiefem Dank an Sie geborenen Moment des Versuchs einer Selbstvorstellung, den ich nun zeitgerecht abbreche, bevor er droht sich in noch ganz anderen Rollen vollends zu verselbständigen.