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Richard Alewyn

Richard Alewyn

Germanist
Born 24/2/1902
Deceased 14/8/1979
Member since 1967

Self introduction

 

Der Brauch der Deutschen Akademie verlangt von dem Neophyten eine Vorstellung, und das hat mir zu schaffen gemacht. Einmal, weil sie den fleißigen Gebrauch der ersten Person Singularis verlangt, die mir schwer von der Zunge geht, zum andern, weil eine »Vorstellung« voraussetzt, daß ich selber eine solche von mir besitze. Darum habe ich mich zwar in mehr als fünfzig Jahren redlich bemüht, aber nicht immer mit dem gleichen Ergebnis. Das mag auch an meiner Biographie liegen, die zerstückelt ist und reich an – freiwilligen oder aufgezwungenen – Abbrüchen und Neuanfängen. Wenn ich über eines froh bin, ist es die Gewißheit, daß ich niemals meinen Nekrolog zu schreiben haben werde.
Ich habe vieles aufgeschrieben und über vielerlei, nicht nur über deutsche Literatur und – wenn dies in diesem Kreis zu bekennen keine Ketzerei ist – nicht nur über die sogenannte »schöne«, aber das Wenigste davon ist veröffentlicht. Es wird höchste Zeit, die Ernte einzubringen, bevor sie mir auf dem Halm verfault.
Bei denen, die etwas von mir gelesen haben, gelte ich für einen Kleinmeister (mit dem Akzent auf »klein«). Ich empfinde das nicht als eine Schande. Die Form des Essays macht mir Spaß, nicht zuletzt, weil sie nicht leicht ist. Das Wort von Thomas Mann: »Ein Schriftsteller ist ein Mann, dem das Schreiben schwerer fällt als anderen Leuten« hat mich oft trösten müssen. Aber diese Tugend war einer Not abgelistet, der mörderischen Galeere des akademischen Betriebs. In dem, was ich bisher von mir gegeben habe, ist das, was mir seit vierzig Jahren als Aufgabe vorschwebt, nur in Andeutungen zu erkennen.
Es steht mir nicht zu, nach den Gründen zu forschen, die Sie bewogen haben, mich in Ihren Kreis aufzunehmen. Ich höre manchmal von Leuten, die mir etwas Nettes sagen wollen, dieses oder jenes von mir sei so »schön« geschrieben. Darf ich sagen, daß ich dieses Kompliment nicht gerne höre? »Schön« zu schreiben ist heute selbst Dichtern kaum mehr gestattet. Mir jedenfalls würde es als eine Überschreitung meiner Kompetenz erscheinen. Wenn ich das farbige oder das suggestive Wort nicht immer gescheut habe, dann geschah das nicht, um den Leser zu blenden, sondern um einen Sachverhalt möglichst adäquat zu reproduzieren – nicht ohne einen Schuß dessen, was ich »mimetische Ironie« nenne – und ihn schon damit für die Analyse zu präparieren.
Mein Wunsch ist nicht, »schön«, sondern angemessen zu schreiben, das rechte Wort (le mot juste) zu finden, und dies in einer Form, der die vorausgegangene Bemühung nicht mehr anzumerken ist, und dabei die Geringschätzung jener, die Tiefe mit Dunkelheit verwechseln, fröhlich in Kauf zu nehmen. Die Bürgertugenden der Einfachheit und Verständlichkeit standen bei deutschen Gelehrten nie hoch im Kurs, und sie sind in den letzten Jahren auch bei weniger Gelehrten in Verfall geraten. Sie verleihen einen Preis für wissenschaftliche Prosa. Wenn ich mir als Neuling schon eine Anregung erlauben darf, dann wäre es die, die Erfordernisse und die Grenzen guter wissenschaftlicher Prosa einmal zum Gegenstand eines Preisausschreibens zu machen. Wenn Sie mir erlauben sollten, mich Ihnen nützlich zu machen, dann denke ich nicht zuletzt an dieses weite Feld.
Herr Präsident, meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für die Ehre der Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.