Pavel Kohout

Writer
Born 20/7/1928
Member from 1987 to 2009

Die strenge Regel dieses Hauses, sich in fünf Minuten vorzustellen, zwingt auch mich, meinen Lebenslauf ein bißchen zu vereinfachen – vergleichbar ungefähr mit den Lebenslinien auf der Handfläche. So gesehen, habe ich nach meiner Kinderzeit, in der eigentlich nichts Besonderes passiert ist, außer einer Weltwirtschaftskrise und einem Weltkrieg, an dem ich noch, obwohl unbewaffnet, die letzten drei Tage während des Prager Aufstandes teilnehmen konnte, die ersten zwanzig Dichterjahre, weil das Schicksal es so wollte, an der Seite der Sieger verbracht. Und obwohl ein immer kritischer werdender Kommunist, der immer mehr in Konflikt mit dem Regime geriet, genoß ich trotzdem den Bonus der Mächtigen. Als ich mich im Jahre 1968, jetzt schon aus eigener Entscheidung, als ich mich entschloß, zu Hause zu bleiben und zu der erkannten Wahrheit zu stehen, habe ich zwar gewisse Unannehmlichkeiten auf mich genommen, aber wieder einen anderen Bonus genossen: den Bonus der restlichen Welt, der uns gegeben wurde für unsere Haltung und der in einer gewissen Nachsicht bestand. Erst nachdem ich vor fast genau zehn Jahren, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion unter Verletzung sämtlicher nationaler und internationaler Gesetze aus dem tschechoslowakischen Hoheitsgebiet nach Österreich gebracht worden war, hat für mich eigentlich ein normales Leben angefangen. Ein normales Leben eines normalen Schriftstellers unter normalen Umständen. Auf diese Art und Weise habe ich während eines einzigen menschlichen Lebens eigentlich sowohl die lichte Seite des Berufes kennengelernt als auch seine Kehrseite und zum Schluß auch die enge dritte Seite, die Kante der Münze, das Schreiben im Exil. Wenn ich über meine Erfahrungen nachdenke, so denke ich immer wieder an einen Film, den ich seinerzeit sehr mochte. Es war ein Nachkriegsfilm: Asche und Diamant nach dem Roman des polnischen Schriftstellers Jerzy Andrzejewski. Darin gab es folgende Szene: ein junger Bandit, ein verlorenes Kind des Bürgerkrieges, das selbst eigentlich nicht wußte, wohin es gehört, wird verhört von einem Ermittlungsbeamten: »Wie alt bist Du?« »Hundert Jahre«, antwortet der Junge und bekommt eine schallende Ohrfeige. »Wie alt bist du«, fragt der Beamte noch einmal und der Junge antwortet: »Hunderteins.« So gesehen, gerechnet nach der Zahl der Ohrfeigen, die ich erhalten habe, hege ich ab und zu das Gefühl, hundertfünfzig Jahre alt zu sein. Daß ich trotzdem so jung aussehe, nämlich wie ein normaler Sechzigjähriger, ist den Streicheleinheiten zu verdanken, die ich zwischendurch im Leben genießen durfte, unter anderem auch Ihrer Wahl in die Akademie. Ich bedanke mich dafür.