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Joachim C. Fest

Joachim C. Fest

Historian
Born 8/12/1926
Deceased 11/9/2006
Member since 1982

Self introduction

 

Durch einen Zufall kam mir, während der Überlegungen für diesen Anlaß, der Text in die Hände, mit dem Günter Kunert sich unlängst, als neugewähltes Mitglied, der Akademie vorgestellt hat: ein Stück kunstvoller Selbstverschlüsselung, dem aber doch zu entnehmen war, daß ein Autor, einer wie Kunert zumindest, über sich selber nichts oder nur Undeutliches sagen könne und alle genauere Kenntnis über ihn lediglich in seinen Büchern aufzufinden sei: Person und Produktion seien so gut wie identisch, gingen ineinander auf.
Ich will nicht behaupten, daß es sich mit mir geradezu umgekehrt verhielte. Aber sehr anders eben doch. Denn was ich bisher geschrieben habe, die Themen, die mich über Jahre hin vor allem in Anspruch genommen haben, hatten wenig mit meinen ursprünglichen Neigungen oder vorgegebenen Interessen zu tun. Von frühauf fühlte ich mich weitaus stärker von gänzlich anderem angezogen: von Literatur, Kunst, politischer Theorie allenfalls, und wenn es Geschichte war, so vielleicht die der Antike oder, mehr noch, die der italienischen Renaissance, ihrer gloriosen Stadtstaaten, in deren Erscheinung sich nahezu alle meine Vorzugsthemen aufs Natürlichste zusammenfanden. Sofern ich damals, in sehr jungen Jahren, je die Vorstellung hatte, mit Geschriebenem hervorzutreten, richtete es sich stets auf dergleichen und gewiß nicht auf die Hitler-Jahre. Als Achtzehnjähriger, in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, verfaßte ich einen erdachten Dialog zwischen zwei Renaissance-Figuren, von denen die eine Cosimo I. war, Pater Patriae, dem, wie ich es damals sah, der Part des patriarchalisch eingefärbten Vernunftrepublikaners übertragen war, während sein Gegenspieler als misanthropischer Demagoge auftrat – mit all den falschen Leutseligkeiten, dem schneidenden Soupçon gegen die Menschennatur, die für diesen Typus kennzeichnend sind. Ein wenig spukten wohl Dostojewskis Großinquisitor, Thomas Manns Fiorenza, frühe Nietzsche-Erfahrungen, kurz, pessimistisch gestimmtes 19. Jahrhundert in der Sache herum: angelesene Katastrophen-Ahnungen, die aber durch die erfahrene Wirklichkeit beglaubigt und überboten worden waren. Im Nachhinein wundert es mich daher auch kaum noch, daß nicht selten und gegen alle Autorenabsicht, der krasse Menschenverächter, aufs Ganze gesehen, die überlegenen Argumente fand: ein früher Hinweis darauf, wie intellektuell reizlos und blaß bis zur Unansehnlichkeit die Position des politisch Vernünftigen ist, von der ich aber damals schon, sofern ich das so lange Zurückliegende mir zutreffend vergegenwärtige, zu begreifen begann, daß es die unsere, die meiner Generation sein werde. Ein Jahr später, im Verlauf der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft, wurde mir das Manuskript, zusammen mit einigem anderen Schriftlichen, von einem amerikanischen Sergeanten ohne lange Umstände und mit dem Bemerken abgenommen: das brauchte ich nun nicht mehr.
Vielleicht hatte er, ohne es eigentlich zu wissen, nicht ganz so unrecht. Jedenfalls wurden wir, zurückgekehrt in das zerstörte Nachkriegsdeutschland, unablässig darauf gestoßen, daß es Anderes, Vordringlicheres, gab. Der Zustand des Landes, die ersten Reisen über die Grenzen, die Vorwürfe und Bezichtigungen, denen man sich gegenübersah, führten stets aufs Neue vor Augen, wie sehr wir dem gerade Zurückliegenden verhaftet waren. Zwar las ich noch geraume Zeit mit größerem Interesse Jacob Burckhardt als eines der Bücher jener moralisch-politischen Besinnungsliteratur, wie sie damals erschienen, und Kantorowicz’ Friedrich II beeindruckte mich ungleich stärker und nachhaltiger als etwa, um ein anderes Buch zu nennen, das mir damals zugänglich wurde, Hermann Rauschnings Revolution des Nihilismus.
Aber allmählich sah man sich doch, vor allem über die Schuldfrage, hineingezogen in Aktuell-Politisches, und von dort zwangsläufig in die Problematik der eigenen Geschichte: die exklusiven Positionen waren auf Dauer nicht zu halten. Wir waren, wenn ich an mich selber und den Kreis einiger Freunde denke, nicht ganz so naiv-emphatische Überzeugungs-Demokraten, wie dies später von uns gesagt worden ist; und wenn wir vielleicht auch nicht »die skeptische Generation« waren: skeptischer als das Gesellschaftsbild der nachfolgenden Generationen, die den Marxismus, den Anarchismus oder Formen der Basis-Demokratie voll gläubiger Heilsgewißheit für sich entdeckten, ganz als beginne der Tag der Geschichte mit ihnen neu, war das unsere jedenfalls allemal. Gewiß bedeutete Demokratie für uns vor allem die Absage an die von Unrecht, Verfolgung, Krieg und Menschenausrottung geprägte Vergangenheit; aber manch einer begann damals auch schon zu ahnen, daß er bei solchen rückwärtsgerichteten Negativformeln nicht werde verharren können. Es war eine paradoxe Situation. Das Dritte Reich hatte uns, auf die eine oder andere Weise, politisch gemacht. Sein Untergang bedeutete nicht zuletzt den Gewinn einer Freiheit, die das Menschenrecht einschloß, unpolitisch sein zu dürfen. Aber in Wirklichkeit war dies nicht mehr als eine theoretische Möglichkeit. Die sahen wir, wußten sie aber auch, je länger desto deutlicher, unerreichbar. »Wir Fünfundvierziger«, wie Joachim Kaiser die Generation der bei Kriegsende Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen genannt hat, haben, nicht ganz ohne Widerstreben, aber genötigt von Erfahrungen und Umständen, den demokratischen Ausgangsgedanken schließlich akzeptiert, wonach der Mensch nicht so sehr im Privaten, in der Befriedigung persönlicher Neigungen und Vorlieben, kurz in politischer Indolenz sein Glück finde, sondern eingebunden sei in gesellschaftliche Zusammenhänge und ihrem Anspruch unterworfen.
Das klingt, in solcher Verkürzung, pathetischer als es sich im einzelnen ausnahm. Aber das Verhalten vieler aus jenen Jahrgängen ist von dergleichen Überlegungen geprägt worden: beim Eintritt in eine der Parteien, bei der Übernahme öffentlicher Ämter, und auch im Rahmen all dessen, was damals »Bewältigung der Vergangenheit« hieß – es lief für viele am Ende auf jenen »Galeerendienst« hinaus, von dem Thomas Mann im Blick auf seine politischen Einsätze gesprochen hat.
So kam ich an die Geschichte, genauer an die Zeitgeschichte. Und so lange es dauerte, so viele Jahre damit hingingen – ganz ohne ein Gefühl des Umwegs bin ich bei alledem nicht gewesen. Um die Eingangsformel wieder aufzugreifen: ich selber oder doch die Vorstellung, die ich einmal von mir hatte, sind in den Büchern, die in dieser Zeit entstanden, kaum aufzufinden, und ganz habe ich das hochmütige Wort eines Freundes nie verdrängen können, der, als ich damit begann, von einem »Gossen-Thema« gesprochen hatte. Nun, wie immer auch – inzwischen bin ich halbwegs dabei, mich den alten, einst unter dem Druck der Umstände aufgegebenen Themen wieder zuzuwenden. Ganz ohne Skrupel ist auch das, wie ich einräumen will, nicht möglich. Denn täuscht die Beobachtung, daß wir, entgegen aller Regel, wieder am Ufer des gleichen Flusses stehen und ihn womöglich ein zweites Mal zu durchqueren haben werden? Jedenfalls ist der Staat aufs neue in eine Vertrauenskrise geraten. Seine Mechanismen funktionieren im ganzen noch, aber gewiß ist er nicht mehr die Sache aller.
Hier ist nicht Antwort darauf zu geben, wie das begonnen hat, wo Ursachen und auch Verschulden liegen. Aber die Formen, in denen die Krise sich äußert, sind aus der eigenen Geschichte, nicht lange zurück, wohlvertraut: die ins Massenhafte gehende Verhexung durch jene schrecklichen Idealbilder von gesellschaftlichen Glückszuständen, denen keine Wirklichkeit standzuhalten vermag. Der Verlust an Skepsis, der plötzlich um sich greifende Überdruß an einem System geordneter Freiheit mitsamt den Ängsten, totgeglaubten Sehnsüchten nach Feindbildern und irrationalen Kollektiverfahrungen – auch wenn das alles sich, unter vielfachen Maskeraden oder Mißverständnissen, als die wirkliche und verstandene Demokratie ausgibt. Daß der Zweifel mehr Kraft verlangt als die Gewißheit, die sich damit großtut, und daß durch ihn erst menschliche Verhältnisse möglich werden: das ist, auf eine knappe Formel gebracht, die Erfahrung meiner Generation. Natürlich bin ich mir des Urbedürfnisses nach utopischen Konzepten bewußt. Aber vielleicht schreibt einer doch einmal, auch er bereit zu Umwegen, eine Studie, deren Titel lauten könnte: »Die Geburt der historischen Tragödien aus dem Geist der Utopie«.
Ich selber, so viel will ich sagen, werde es gewiß nicht tun, so wichtig mir die Sache auch erscheint. Aber ein Anlaß wie dieser, der zu einigen Gedanken über die eigene Person, über die eigene Entwicklung nötigt, ist vielleicht auch so etwas wie eine Erinnerung, den privatistischen Neigungen nicht allzu bereitwillig nachzugeben, sich der Gegenwart und dem, was aus der noch immer unabgeschlossenen Vergangenheit herüberwirkt, offenzuhalten, kurz, sofern das etwas hochgreifende Bild noch einmal herangezogen werden darf, die Galeere nicht gänzlich aus dem Auge zu verlieren.