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Friedrich Pfäfflin

Friedrich Pfäfflin

Editor and Exhibition Organizer
Born 9/12/1935
Member since 1995

Self introduction

 

Im Bilderbuch aus meiner Knabenzeit, vor anderthalb Jahrhunderten bei Vieweg in Braunschweig erschienen, erzählt Justinus Kerner, nicht ohne Hintersinn, von einem Strafgericht, das über das Herzogtum Württemberg verhängt worden sei.

Ein Stuttgarter Stadtschreiber, der zur Reformation übergelaufen war, habe in einer Wallfahrtskapelle auf dem Michaelsberg, über Sophie La Roches Bönnigheim gelegen, eine Feder an sich gebracht, die der Erzengel Michael nach der Überlieferung im Kampf mit dem Teufel verloren hatte. Als der um Vermittlung aufgerufene Herzog Ulrich die Herausgabe verweigerte, gießt Michael die Strafe der Vielschreiberei über das Land – ein Vorgang mit Folgen, wie man weiß.

Ich muß vor Ihnen die Ruhmesblätter der Dichter aus Schwaben nicht aufschlagen. Kein Name also, um zu renommieren! Eher wäre an ihre Schicksale zu erinnern: Frischlins Tod, Schubarts Haft, Schillers Flucht nach draußen, Mörikes Flucht nach innen; Hölderlin, Kurz, Hesse – ein Alphabet wäre zu füllen mit ihren Prüfungen.

Vielleicht konnte deshalb nur an diesem Ort das Schiller-Nationalmuseum gegründet werden, dessen Ausstellungen und dessen Bücher und Kataloge ich seit bald zwanzig Jahren mit Vergnügen mache. Nicht allein, versteht sich, sondern in einer produktiven Arbeitsgemeinschaft mit anderen, von denen manche unter uns sind. Kein Ort nirgends, der solche Schätze birgt.

Und wie komme ich dazu? Ich bin 1935 in einem geräumigen schwäbischen Pfarrhaus geboren – habe den Verlagsbuchhandel erlernt, von der Pike auf, in Stuttgart, Hamburg, Paris, Tübingen und München gearbeitet, Bücher gemacht. Mit anhaltendem Spaß, auch der Menschen wegen, die ich dadurch kennenlernte, der Lebenden und der Toten.

Der Verlag ist mein geliebter Beruf und die nicht dem Dezimalsystem folgenden Gesetze der Typographie geben dem Büchermacher das Regelwerk an die Hand, um der Sprache ein Haus zu bauen.

Es war – vor genau 100 Jahren – der Württembergische König (also ein Nachfahr jenes Ulrich und ein Nachfahr Carl Eugens, vor dem Schiller davonging), der die Museumsgründung anregte, die er aber einem Verein überließ, nicht dem Staat. Es war die unspektakuläre Heimholung eines Flüchtlings. 1955, mit der Gründung des Deutschen Literaturarchivs, wiederholte sich die stille Geste, als die aus Deutschland ausgebürgerte literarische Moderne unter das Dach des Marbacher Museums eingeladen wurde, wo sie sich in guter Gesellschaft befindet mit der deutschen Literatur von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Wenn ich von meinem Marbacher Arbeitsplatz aufblicke, habe ich den »schwäbischen Parnaß« vor Augen, den Michaelsberg, und ich habe die Geschichte im Ohr, die Kerner von ihm erzählt hat.

Ich danke Ihnen für die Aufnahme in Ihre Akademie.