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Emine Sevgi Özdamar

Emine Sevgi Özdamar

Writer
Born 10/8/1946
Member since 2007

Self introduction

 

Wenn ich jetzt hier vor Ihnen, sehr verehrter Herr Präsident, und vor Ihnen, sehr verehrte Damen und Herren, anstatt mich vorzustellen, das von Kurt Weill vertonte Berliner Volkslied singen müsste, würde mir das leichter fallen:

Ick sitze da un’ esse Klops
Uff eenmal klopp’s.
Ick kieke, staune, wundere mir, uff eenmal jeht’se uff, die Tür.
Nanu, denk ick, ich denk: nanu, jetzt is’se uff, erst war’se zu!
Ick jehe raus, un blicke
Un wer steht draußen?
Ikke!

Es gibt in der Türkei, in der Stadt, wo ich geboren bin, kein Klops, aber »uff eenmal klopp’s« gibt es. Ich klopfte »uff eenmal« im Bauch meiner Mutter, an einem Augusttag. »Nanu, denk ick, ich denk nanu, jetzt is’se uff, die Tür, erst war’se zu«. Plötzlich befand ich mich in einer heißen Stadt, einer alten Stadt, einer alten Hethiterstadt in Südostanatolien. Meine Mutter, damals fast selber ein Kind, sechzehn Jahre alt. Mein Vater, ein Abenteurer, versuchte in derselben Zeit, in Istanbul Millionär zu werden. Meine Kinderohren hörten in dieser heißen Stadt nur Frauenstimmen, Pferde- und Truthahnstimmen im Hof meines Großvaters. Seine fünf Frauen sprachen Aserbeidschanisch, Kurdisch, Armenisch, Türkisch, Tscherkessisch. Nur die Stimme der Mutter meiner Mutter fehlte, denn sie musste sehr jung sterben. Von ihr gab es kein Foto. Als Kind hatte ich zwei große Sehnsüchte: einen echten Affen zu haben und zu wissen, wie meine Großmutter ausgesehen hatte. Ihr Name war Güzel, die Schöne.

Als ich ein Jahr alt war, wurde ich sehr krank. Ärzte konnten mir nicht helfen. Zu meiner Rettung wollten die Frauen meines Großvaters den Tod in die Irre führen. Sie waren abergläubisch und dachten, dass sie mich erst in die Arme des Todes legen müssten, damit der Tod glauben sollte, dass er mich schon hätte, und mich in Ruhe ließe. Sie sagten meiner Mutter: »Weine nicht, bring sie zum Friedhof, leg sie in ein frisch gegrabenes Grab und warte. Wenn sie weint, wird sie überleben.« Meine Mutter ging mit mir zum Friedhof, legte mich in eine frisch gegrabene Grube, wartete.

Mein Vater holte uns später nach Istanbul. Dort ließen wir uns als erstes von einem Straßenfotografen fotografieren. Ich war zwei Jahre alt, hielt eine kleine Tasche in der Hand. Ich zeigte dieses Bild vor ein paar Jahren John Berger. Er sagte: »Auf dem Foto, du und dein Bruder, ihr seht aus wie die Eltern von eurem Vater und eurer Mutter, und eure Eltern sehen aus wie eure Kinder.« John hatte recht. Meine Eltern waren Waisenkinder, sie deckten sich mit uns zu, sie wärmten sich an uns.

In Istanbul, wo wir dann lebten, weiß man nicht, ob die Stadt das Meer in ihren Armen hält, oder das Meer die Stadt in seinen. Dort, hinter unserem Haus gab es ein Freiluftkino. Mein Bruder und ich gingen durch den Garten jeden Abend dorthin. Wenn der Film traurig war, verteilte der Kinobesitzer, der sich selbst wie ein Filmstar kleidete, am Eingang des Kinos Stofftaschentücher an die Zuschauer. Die älteren Zuschauer weinten leise, mein Bruder und ich laut, und wir wurden ein paar Mal aus dem Kino rausgeschmissen.

Mein Bruder und ich hatten Lust, entweder zu lachen oder zu weinen. Manchmal gingen unsere Eltern zum Tanzen. Dann zogen wir zu Hause die Vorhänge zu, machten das Licht aus, legten unsere Schallplatten zum Weinen auf das Grammophon. Eine Männerstimme sang: »Überall ist dunkel, mein kummervolles Herz/ Her yer karanlik, mahzun kalbim«. Während dieses Liedes weinte mein Bruder. Dann legten wir meine Schallplatte auf. Eine Frauenstimme sang: »Falle in eine Liebe, wie ich, und sieh, was Treue heißt /Düş ben gibi bir aşka, sadakat ne imiş gör«. Jetzt singe ich:

DÜṢ BEN GI BI BIR AṢ
KA SA DA KAT
NE I MIṢ GÖR GÖR

Dann weinte ich. Als Kind war ich auch später noch sehr oft krank. Als ich zehn war, stellten die Ärzte fest, dass ich Tuberkulose hatte. In der Zeit fing ich an, Gedichte zu schreiben. Ich hatte von den Älteren gehört, dass Dichter Tuberkulose bekamen, weil Dichter Menschen seien, die sich vom Feuer dieser lügenden Welt mehr verbrennen ließen als andere Menschen. In unserem Haus gab es einen kleinen, kühlen Raum, in dem nur Wassermelonen und Honigmelonen für den Winter gelagert wurden. Ich liebte den Geruch des Melonenzimmers. Dort schrieb ich meine ersten Gedichte.
Mit zwölf Jahren kam ich zum Theater. Eines Tages hatte ich in der Schule nach einer meiner Lieblingsfreundinnen gesucht. Sie war ein Waisenkind, wohnte in dem Waisenhaus. Sie hatte im Schultheater die Rolle der Dienerin im Eingebildeten Kranken von Molière bekommen und probte gerade. Ich rannte aus Freude, dass ich sie gefunden hatte, mitten in die Szene. Aus dem dunklen Saal rief der Regisseur: »Du spielst die Ehefrau vom eingebildeten Kranken!«
Als der Intendant des Stadttheaters sich die Schulvorstellung ansah, engagierte er mich für seine Bühne. Wieder ein Molière-Stück. Nach den Vorstellungen kehrte ich im Dunkeln allein über eine Brücke nach Hause zurück. In einer Nacht, auf dieser Brücke, schwor ich den Sternen und dem Mond, dass ich Schauspielerin werde.
Was im Leben schwierig war, war am Theater leichter. Der Tod, die Liebe, die Sehnsucht. Du stirbst, dann stehst du wieder auf, wischst das Theaterblut ab, steckst eine Zigarette in den Mund, gehst in die Kantine, machst einen Witz. Am nächsten Abend stirbst du wieder, dann stehst du wieder auf.
1965 schickten meine Eltern meinen Bruder zum Studieren in die Schweiz. Ich hatte große Sehnsucht nach ihm, durfte aber nicht ohne weiteres in die Schweiz fahren und dort bleiben. Damals konnte man innerhalb von zwei Wochen als Gastarbeiter nach Deutschland kommen. Ich liebe das Wort »Gastarbeiter«. Ich sehe immer zwei Personen vor mir. Eine ist Gast und sitzt da, die andere arbeitet. Ich kam also nach Berlin, arbeitete in einer Fabrik, ging mit linken griechischen und türkischen Studenten zum Berliner Ensemble, sah Filme von Godard, Kluge, Bunuel, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen.
In Berlin träumte ich einmal von Bunuel. Er sprach mit mir und schenkte mir eine Uhr, die er als Kind selber gebastelt hatte. Ich hängte die Uhr an die Wand, sie tickte noch. Ich aß damals in einem Berliner Imbiss Bouletten, ohne zu wissen, dass sie aus Pferdefleisch waren. Ich kannte das deutsche Wort »Pferd« nicht. Das türkische Wort für »Pferd« hatte mich als Kind öfter zum Weinen gebracht. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass mein Großvater als Großgrundbesitzer nicht nur mehrere Frauen, sondern auch viele Pferde hatte. Ein Pferd, das er sehr liebte, hieß »September«. Als mein Großvater auf der Seite Atatürks kämpfte, entführten andere Großgrundbesitzer, die gegen Atatürk waren, sein Pferd »September« und ließen es mit Steinen um den Hals im Fluss Euphrat ertrinken. Nach einem Jahr in Berlin kehrte ich, ohne meinen Bruder in der Schweiz gesehen und ohne Deutsch gelernt zu haben, nach Istanbul zurück.
Am ersten Abend in Istanbul, als die Straßenlaternen angingen, fragte ich: »Mutter, ist Istanbul dunkler geworden?« »Nein, meine Tochter, Istanbul hatte immer dieses Licht, deine Augen haben sich an deutsches Licht gewöhnt.«
Mein Vater verdiente zu dieser Zeit viel Geld, fuhr gerne amerikanische Autos und ließ seinen Chauffeur neben sich sitzen. Er rauchte wie Jean Gabin, trug einen Hut wie Humphrey Bogart, und wenn das Wetter schlecht war, lud er an der Bushaltestelle Leute zum Mitfahren ein und brachte sie zum Hafen. Einmal, als er mich spazieren fuhr, schneite es. Er lud wieder Leute in sein Auto ein, darunter eine sehr schöne Frau. Sie saß hinten, mein Vater sah sie im Spiegel, ihre Augen trafen sich im Spiegel. Er erzählte stolz, dass seine Tochter gerade aus Berlin zurückgekehrt sei: »Meine Tochter hat Europa gesehen!« Die schöne Frau sagte: »Europa gesehen zu haben, ist eine feine Sache. Man sieht einem Menschen im Gesicht an, dass er Europa gesehen hat. Die Europäer sind fortschrittlich, die europäischen Autos machen keine Unfälle, sie schicken sogar ihre Hunde zum Studieren in die Hundeschule. Wir treten hier auf der Stelle, bewegen uns einen Schritt vor und zwei Schritte zurück.« Dann fragte die schöne Frau meinen Vater, ob ich in Europa Deutsch gelernt hätte. Als sie erfuhr, dass ich kein Deutsch gelernt hatte, sagte sie: »Das geht aber nicht. Deutschland sehen und die Sprache nicht lernen? Sie muss die Sprache lernen!«
Bald darauf gab mein Vater mir viertausend Mark und schickte mich ans Goethe-Institut nach Radolfzell am Bodensee.
In Radolfzell am Bodensee lernte ich Deutsch. Und eine Griechin, die von der griechischen Militärjunta abgehauen war, machte mich mit Kafka, Camus und Engels bekannt. Ich kehrte mit der deutschen Sprache nach Istanbul zurück und mit zwei Schallplatten: Lotte Lenya und Ernst Busch singen Brecht / Weill. In Istanbul ging ich in die Schauspielschule, wurde Schauspielerin. Meine erste Rolle war die der Charlotte Corday in Marat-Sade von Peter Weiss. Mein Versprechen an die Sterne und an den Mond von damals auf der Brücke hatte ich eingehalten, ich war glücklich.
Dann kam 1971 der Militärputsch. Ich lernte die türkischen Gefängnisse von innen kennen. Damals war in der Türkei Wort gleich Mord. Man konnte wegen Wörter gefoltert, erschossen, aufgehängt werden. Wenn die Zeit in einem Land in die Nacht eintritt, suchen sogar die Steine eine neue Sprache. Dort in Istanbul, in der tiefen Nacht, haben die Worte Brechts mir geholfen:

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Ich fuhr nach Berlin zurück, zum Brecht-Schüler Benno Besson und fragte ihn, ob ich bei ihm das Brecht-Theater lernen dürfe. Er sagte: »Willkommen«. Ich danke Ihnen allen, dass Ihre Tür jetzt uff is und icke von Ihnen in Ihrer Akademie willkommen geheißen werde.