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Walter Kappacher

Walter Kappacher

Writer
Born 24/10/1938
Member since 2004
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Georg-Büchner-Preis

Self introduction

 

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren,
Wenn ich mich richtig erinnere, war es im Jahr 1973 – ich bin in Salzburg geboren –, daß ich hier in diesem Saal Ernst Bloch vortragen hörte. Damals wußte ich keineswegs, welche Profession die meine eigentlich sein solle. Zwei Berufe hatte ich erlernt; sobald eine Tätigkeit mir von der Hand ging, befriedigte sie mich nicht mehr und ich suchte mir etwas Neues – zumindest eine neue Stellung. Daran, daß ich nun seit mehr als dreißig Jahren immer noch Schriftsteller bin, ersieht man, daß die Widerstände groß sind. Zu der Zeit, als ich Ernst Bloch zuhörte, hatte ich einige Kurzgeschichten veröffentlicht, die mich jedoch nicht befriedigten. Ich hatte viel gelesen – besser gesagt, in meinem Leben gab es lange Zeit kaum etwas Wichtigeres als Lesen. Dann das Erlebnis Henry James, die Erzählungen der mittleren Periode vor allem. Es packte mich, die Erregungs-Energie dieser Sätze wirkte ansteckend. Ich ging auf die Vierzig zu und hatte zwei oder drei Bücher veröffentlicht. Wieder einmal kündigte ich meine Stellung und hoffte, mit dem Auftrag für ein Fernsehspiel-Drehbuch in der Tasche, mich einige Jahre lang durchschlagen zu können. Eine Laufbahn ist es nicht geworden, bloß ein Wiesenweg oder vielleicht ein Holzweg. Niemals habe ich das, was ich für Bücher ausgab, mit dem bestreiten können, was ich durch das Schreiben von Büchern einnahm. Vom Schreiben zu leben konnte ich mir nie vorstellen, eher durch das Schreiben eine Lebensform zu finden. Aus dem Getümmel habe ich mich, so gut ich konnte, herausgehalten; ohnehin empfand ich mein Verhältnis dem Literaturbetrieb gegenüber immer vergleichbar dem Verhältnis Käthchen von Heilbronn gegenüber Wetter vom Strahl, der dem Käthchen seinen Platz im Stroh zuweist.
Zurück an den Anfang: Ein Leser war ich schon sehr früh. Es begann, wie bei jedem vermutlich, mit Abenteuergeschichten. Dann stellte das Schicksal die Weichen um. 1945 hatte meine Familie ihre Wohnung an die amerikanischen Besatzer verloren. Nach einer Notunterkunft in einem leerstehenden Schloß baute der Vater mit der Hilfe zweier seiner Brüder am anderen Ende der Stadt eine Art Blockhaus, nahe der Autobahn Salzburg-Wien. Auf einem Abschnitt der Strecke fand der jährliche Österreich-Motorrad-Grand-Prix statt; die kaum befahrene Autobahn wurde einfach zwei Tage lang für den Verkehr gesperrt. Kurz und gut: Die Faszination des Motorrad-Rennsports war groß, wie immer in meinem Leben wollte ich das Metier von Grund auf lernen, und entgegen den Plänen meines Vaters wurde ich Motorrad-Mechaniker. Nach dem Dienst beim Bundesheer war mein Interesse an den Motoren plötzlich erloschen; im Gegenteil, von nun an haßte ich jegliche Art von Motorenlärm. Andere Töne verführten mich: Nachdem ich Oskar Werner als Torquato Tasso auf der Bühne erlebt hatte, begann ich ein Schauspielstudium in Gauting bei München. Ein halbes Jahr später wurde mir klar, daß mein Platz nur hinter der Bühne sein könnte, und ich fing an, Dialog-Szenen für meine Kollegen zu schreiben. Wieder zurück in Salzburg wurde ich Volontär in einer großen Reiseagentur, damit verdiente ich mir meinen Unterhalt. Das eigentliche Leben begann jedoch am Abend. Nie hatte ich die geringste Anleitung oder Anregung zum Lesen genossen, und so brachte eines mich zum anderen, führten Karl May und Hermann Hesse mich zu Hamsun, Dostojewsky, zu Kleist und Karl Philipp Moritz, zu Kafka, Martin Walser und Arno Schmidt. Langsam wie ich bin, brauchte ich eine Weile, um die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts näher kennen und lieben zu lernen, die unglaubliche Reihe, von Lessing bis Novalis. Es waren, wenn ich mich richtig erinnere, mindestens fünfzehn allergrößte Namen, welche innerhalb von sechzig Jahren hervorgetreten waren.
München war mir – nicht bloß in Kilometern – immer näher als Wien, das ich erst in mittleren Jahren schätzen lernte; auch entdeckte ich einige meiner Lieblingsautoren wie Hofmannsthal und Canetti erst später.
Das Schreiben ist im Laufe der Jahre für mich – anders, als ich es mir vorgestellt hatte –, nicht leichter geworden. In den Aufzeichnungen von Canetti fand ich einmal den Satz: »Er schrieb seine Romane nicht, er ging sie.« Ich überlegte mir, woher Canetti das über mich wissen konnte. Ja, ich brauche die Feldwege – während Canetti, wie Xavier de Maistre, sich mit Wanderungen um sein Zimmer begnügt hat. Meistens empfand ich das Schreiben als eine Auflehnung gegen die Realität; manchmal gebe ich mich der Illusion hin, dieses Monstrum mit der Hilfe von Sätzen ein wenig an der Nase herumführen zu können. In dieser Ansprache habe ich es zu vermeiden versucht. Trotzdem: drei oder vier solcher Reden könnte ich noch halten, jede würde wahrscheinlich einen anderen Schnappschuß von mir zeigen, und doch wären sie alle gleich unwahr oder wahr. Ich bedanke mich für die Aufnahme in die Akademie, insbesondere bei denen, die mich zur Aufnahme vorgeschlagen haben.