Saša Stanišić

Writer
Born 7/3/1978
Member since 2018

Ich wurde am 7. März 1978 in Višegrad an der Drina geboren. In den
Tagen vor meiner Geburt hatte es ununterbrochen geregnet. Der März
in Višegrad ist der verhassteste Monat, weinerlich und gefährlich.
Im Gebirge schmilzt der Schnee, die Flüsse wachsen den Ufern über
den Kopf. Auch meine Drina ist nervös. Die halbe Stadt steht unter
Wasser.
Im März 1978 war es nicht anders. Als bei Mutter die Wehen anfingen,
brüllte ein heftiger Sturm über der Stadt. Der Wind bog die Fenster
vom Kreißsaal und brachte Gefühle durcheinander, und mitten in
einer Wehe schlug auch noch der Blitz ein, dass alle dachten, aha, soso, jetzt also kommt der Teufel in die Welt. So unrecht war mir das nicht, ist doch ganz gut, wenn Leute ein bisschen Angst haben vor dir, bevor es überhaupt losgeht.
So beginnt mein letztes Buch – Herkunft. So beginnt der Versuch,
ähnlich dem, den ich gerade unternehme, mich abzuschreiben aus der
Welt und mich der Welt als Text auszusetzen. Es ist ein Versuch, selbstbewusst-unsicher von Selbstbestimmung zu erzählen und von all den Verunsicherungen, die eine Biographie voller Brüche und Wendungen und Großmütter, die einem aus Nierenbohnen die Zukunft zu lesen vermögen, so mit sich bringt. Überhaupt von der Biographie als der größten Verunsicherung zu erzählen, der banalen, schönen Unwahrscheinlichkeit, dass man existiert, dass man bestimmt und fremdbestimmt wird.
In Jugoslawien bin ich das Kind, das diese bunten Katzenaugen von
den Autokennzeichen abschraubt und sammelt und wenig später ansehen
muss, wie serbische Söldner auf einen Streuner schießen. In
Deutschland stehe ich am ersten Schultag vor der Tür meiner neuen
Schule, das einzige, was ich auf Deutsch sagen kann, ist »Lothar Matthäus«, und auf der Tür sind Buchstaben, da ist ein Z, ein I, ein E, ein H, ein E, ein N, ziehen, willkommen an der Tür zur deutschen Sprache. Und ich drücke.
Es kommt mir vor, als würde ich seit Jahren kaum etwas anderes schreibend tun, als den Erinnerungen nachzusetzen, um sie in Geschichten zu übersetzen: den Krieg in eine Sprache, die ich vielleicht sogar verstehe, das Prekäre der ersten Jahre als Flüchtling in Deutschland in Abenteuer, die Scham eines Lebens aus Koffern in Widerspenstigkeit. Ich erkläre und verkläre die Vergangenheit und will aber auch stets darüber hinaus von der Gegenwart erzählen, in der ich jetzt wate, einer Gegenwart, in der es einen vierjährigen Sohn gibt, der weiß, dass Kirschen auch Trešnje heißen und einen Kern haben, Košpica, weil ich Ihnen mitteilen will, dass er, dieser sensationelle Sohn, mir neulich erzählte, er habe jetzt eine neue Paprikantin in der Kita.
Während ich diesen Text schrieb, fragte er mich, was ich mache. Ich
arbeite, sagte ich. Das ist doch keine Arbeit, sagte er. Was ist denn Arbeit?, fragte ich. Mit einem Kran ein Haus bauen, sagte er.
Wie in Herkunft irre ich nun also auch hier durch meine Biographie,
ich nehme mich wichtig und hoffe, dass es niemandem auffällt: Literatur ist Eitelkeit und Koketterie, und alle Sätze, die mit »Literatur ist ...« beginnen, nicht ernst zu nehmen, und ich komme in Herkunft zu keinem konkreten Ergebnis, was das alles soll, das Wichtige vom Unwichtigen eines brüchigen Lebens mit Fiktionen zu trennen, ich scheitere auf 365 Seiten, und ich sehe auch keinen Grund, warum ich jetzt hier auf drei Seiten nicht auch scheitern sollte; der Schriftsteller muss das Scheitern lieben, sonst könnte er gar nicht Schriftsteller sein, und alle Sätze, die mit »Der Schriftsteller muss ...« beginnen, sind nicht ernst zu nehmen.
Meine Literatur ist tatsächlich – das immerhin wurde mir klar, während ich meine Nervosität für diesen Augenblick vorbereitet habe – das, wovon ich im Serbokroatisch- und später im Deutschunterricht
am meisten Angst hatte: das Thema verfehlen.
So ganz knapp aber nur, der Lehrer in mir merkt es gar nicht, oder er merkt es, aber zieht vor, es zu ignorieren. Ich weiß ziemlich genau, was mich interessiert, eine Frage, ein Motiv, ein Mensch, ein Augenblick, ich, und dann schreibe ich darüber, aber ich schreibe an alldem leicht vorbei, ein Mückenstich, und man kratzt sich neben der Wunde, meint aber die Wunde.
Muss ja nicht Wunde sein, das klingt gleich zu stark. Ich sage es einmal anders: Bei uns in Hamburg lebt im Hof ein Specht, der Specht
macht immer Löcher in die Fassaden, dabei sind da so geile Bäume, ich bin dieser Specht. Denke aber auch, der Specht möchte vielleicht bloß eine Botschaft gegen die Immobilienwirtschaft in Großstädten hinterlassen.
Wie Sie sehen, eines ist gewiss: Beginne ich einen Text mit meiner
eigenen Geburt, gelange ich recht schnell zum Verhalten von Spechtvögeln in gentrifizierten Vierteln des Hamburger Westens; meine Welt wird befeuert mit dem Addieren von Geschichten, und die Flammen greifen auf das Mobiliar über.
Im März 2008 musste ich zum Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft wie heute eine Selbstauskunft über mein Leben bei der Ausländerbehörde einreichen, handschriftlich. Die Deutschen mögen Listen und Tabellen, es wurde also eine tabellarische Erledigung erwartet. Ich schrieb 18 Seiten. Schilderte den Regen am Tag meiner Geburt und dass mir ein paar Jahre später meine Großmutter aus Nierenbohnen die Zukunft las und mir riet, ich solle mich ein Leben lang an Worte halten, dann würde nicht alles gutgehen, aber einiges ließe sich besser ertragen. Oder an Edelmetalle, da hätten die Bohnen sich nicht ganz festgelegt. Mein Fazit lautete: Ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie was geklaut. Außer ein paar Bücher auf der Frankfurter Buchmesse.
Da wir hier ja auch mehrheitlich Deutsche sind, habe ich auch für
uns eine Tabelle angelegt zu meinem literarischen Werdegang:

  1. Die erste Geschichte, die ich mit zehn in Jugoslawien schrieb, geht so: »Es kämpfen Partisanen und Deutsche in einem Wald, da kommt der Förster und schmeißt beide raus.«
  2. In meinem ersten Roman mit dem Titel Fußballgott, den ich vierzehnjährig schrieb, schießt die Hauptfigur, ein Vierzehnjähriger namens Saša, bei einem Fußballturnier das entscheidende Tor, worauf sich das schönste Mädchen seiner Schule in ihn verliebt. Falls unter Ihnen Verleger sind, der Stoff sucht noch einen Abnehmer.
  3. Mein erster Deutschlehrer nahm sich meiner an, lektorierte meine Texte, er legte sogar eines meiner Gedichte unserem Deutschkurs zum Interpretieren vor, mein Pseudonym lautete »Stan Bosni«, und ich meldete mich eifrig, um meine mündliche Note zu verbessern.
  4. In Leipzig habe ich später am Deutschen Literaturinstitut studiert, da war Sprache schon längst keine Anekdote mehr, sondern eine Art, sich Welten zu beschaffen, ich saß bis spät in der Nacht im Institut und sprach mit den Kommilitonen über Literatur, Liebe und Lidl-Käse, den wir uns im nahen Supermarkt holten, um nicht mit leerem Magen zu erfinden, das macht man nicht.
  5. In der Zeit wurde ich deutscher Staatsbürger, das schwierigste dabei war übrigens, den Nachweis zu erbringen, vom Schreiben leben zu können. Meine Sachbearbeiterin machte mir wenig Hoffnung, sie sagte: »Sie sind mein erster Schriftsteller, wird extrem schwierig. Neulich hatte ich einen freiberuflichen Clown, bei dem war es viel einfacher.«
  6. Dann die Bücher, eines, das meine Kindheit in Geschichten aufwog, eines, das mich in der uckermärkischen Endmoränenlandschaft mit
    der Landwirtschaft sprechen ließ, eines über Vagabunden, Zauberer
    und Hirten, und jetzt eines über dieses möglich gemachte Leben, in dem ich nun hier vor Ihnen stehe. Im Zug hierher unterhielten sich zwei Rentner über Pokémon und Angela Merkel, die Geschichten
    lauern überall, man muss doch einfach unter ihnen die richtigen finden, oder?
  7. Ich freue mich sehr, dass ich nun unter Ihnen erzählen und Ihren
    Geschichten zuhören darf. Dafür meinen aufrichtigen Dank.