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Christa Wolf

Christa Wolf

Writer
Born 18/3/1929
Deceased 1/12/2011
Member since 1977
Georg-Büchner-Preis

Self introduction

 

Was ich über mich zu sagen habe, kann nur kurz und trocken sein. Ich bin 1929 geboren, in Landsberg an der Warthe. Östliche Städte blieben mir das Muster für Städte überhaupt. Östliche Landschaften mit Fluß lösen in mir ein Gefühl von Wiedererkennen aus. Meine Eltern betrieben ein Lebensmittelgeschäft. Meine Kindheit fiel in die Herrschaftszeit des Nationalsozialismus. Mir die Prägungen bewußt zu machen, die aus dieser generationstypischen Lage entstanden, sie schreibend zu bearbeiten, das war ein elementarer Antrieb für spätere Arbeit. Die Brüche, die meine Generation in ihrer äußeren und inneren Biographie erfahren hat, können, so glaube ich, für die Brüche und die Zerrissenheit dieses Zeitalters stehen. Dies könnte ein Schreibender auch als Glücksfall begreifen – falls er nicht als Person zu viele seiner schöpferischen Energien darauf verwenden muß, diese Zerreißprobe ohne ernste Deformation zu durchleben.

Kunst – im weiteren Sinn – ist mir in meiner Kindheit und Jugend nicht begegnet. Obwohl ich den Büchern früh verfallen war, wußte ich nicht, was Literatur ist oder sein könnte. Daß ich die ersten bestürzenden Wirkungen von Gedichten unvorbereitet und unangeleitet erfuhr – vielleicht ist auch dies ein Glücksfall, von jener Art, die Glücksfälle heute an sich haben. Es war im Frühjahr 46, es war während einer langen Krankheit, die ich in einem mecklenburgischen Bauerngarten unter einem Apfelbaum »auslag«, es war ein kleines blau eingebundenes Buch mit Goethes Gedichten, es war »Wie herrlich leuchtet mir die Natur«. Das Maß war gesetzt, unbewußt, später bewußt, verlangte ich dann nach dieser Erschütterung. Allmählich, über Jahre, lernte ich es, auf ihr als auf einem nicht nur ästhetischen, auch moralischen Zentrum meines Lebens zu bestehen.

Vielleicht sollte ich erklären, wie ich, als Sechzehnjährige, in dieses mecklenburgische Dorf kam, das mir sehr fremd war. Es war die erste Station nach der Umsiedlung meiner Familie gegen Ende des Krieges; die Städte und Ortschaften, in denen ich bis heute in der DDR gelebt habe und lebe, will ich nicht alle aufzählen. Aber zählen will ich sie einmal: Es sind elf. Unter ihnen die Universitätsstädte Jena und Leipzig, in denen ich Germanistik studierte. Heimatsuche kann man aus häufigem Ortswechsel sich herauslesen; aber vor allem: Da war eine große Neugier, eine starke aktive Anteilnahme an dem Unternehmen einer Gesellschaft, mit den Eigentumsverhältnissen »das Leben« zu ändern. Es schien uns – vielen meiner Generation – ändernswert, und das scheint es mir heute noch. Auch der Widerstand, den eine durch historische Setzungen bedingte Realität einer inständigen Sehnsucht entgegenstellt, kann produktiv machen. Mir scheint, daß der anstrengende, schmerzhafte Versuch, nicht zu Vereinbarendes miteinander zu vereinbaren, seit langem schon, und bis heute, eine Wurzel für den Zwang zum Schreiben ist. So entsteht – entstand bei mir – Bindung, als ein widersprüchlicher Prozeß; so – aus Übereinstimmung und Reibung, aus Hoffnung und Konflikt – entstanden die Bücher, die ich bisher geschrieben habe.

Von der besonderen Art von Spannungen, welche eine Frau, die schreibt, auch bei uns erfährt, will ich nicht sprechen. Ich habe – um das Wort zum dritten und letzten Mal zu bemühen – die Möglichkeit, die Widersprüche unserer Gesellschaft als Frau von Grund auf zu erleben, immer als Glücksfall angesehen. Meinen Büchern kann man vielleicht entnehmen, in welchem Sinn.

Ich habe mir überlegt, was Sie bewogen haben mag, mich zum Mitglied dieser Akademie zu wählen. Wenn ich davon ausgehe, daß eine bestimmte Art von scheinlogischem Wahndenken, eine verbreitete Art von Denken in falschen Alternativen zu sehr ernsten Gefahren unserer Zeit geworden sind; wenn es stimmt, was ich glaube: daß diese Gefahren wenigstens teilweise aus Unkenntnis des jeweils anderen, aus Angst vor dem Fremden gespeist werden, dann wäre es wohl meine Aufgabe, in wie bescheidenem Maße auch immer, Kenntnisse zu vermitteln über die Literatur, die in der DDR entstanden ist und entsteht, auch Kenntnisse über die Umstände ihres Entstehens und über die Bedingungen, unter denen meine Kollegen und ich leben und arbeiten. Ich danke Ihnen also für diese Wahl und für Ihre Aufmerksamkeit.