Members

Marian Szyrocki

Marian Szyrocki

Germanist
Born 6/4/1928
Deceased 30/1/1992
Member since 1982
Friedrich-Gundolf-Preis

Self introduction

 

Als ausländischer Germanist habe ich zwei verschiedene Gesichter: in Polen ein anderes als in Deutschland. In meiner Heimat bin ich der Verfasser von Geschichten deutscher Literatur, in Deutschland dank meiner deutschsprachigen Veröffentlichungen Barockforscher. Mein Interesse gilt immer auch den literarischen deutschpolnischen Beziehungen; nicht denen, die von Haß und Feindschaft geprägt sind, diese sind uns allzu gut bekannt, sondern denen, die von Verständnis und Freundschaft zeugen und einzig für unsere Völker zukunftweisend sind.
Geboren wurde ich in einer Kleinstadt, die heute zur Woiwodschaft Częstochowa gehört. Ist Częstochowa durch die schwarze Madonna berühmt, so war mein Heimatort Lubliniec – der Name bedeutet etwa locus amoenus – wegen einer psychiatrischen Anstalt verrufen. Wir Kinder aber liebten die Irren, stellten sie doch mit ihren Händen schönes, sinnloses Spielzeug her. Onkel Jerzy, der von Zeit zu Zeit selbst Patient der Anstalt war, wußte uns die wunderbarsten Geschichten über das Gebaren der Insassen, unter ihnen Professoren und Dichter, zu erzählen. Mit dem Satz: »Die ganze Welt ist eine Irrenanstalt« begründete er meine erste Weltsicht, die mit der Überzeugung von der Gebrechlichkeit der Menschen einherging.
Vertieft wurde mein Pessimismus durch Erzählungen über das Warten auf den Tod in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges, die in mir sehr früh Angst vor einem unausweichlichen Krieg weckten. »Wenn du erwachsen bist, kommt wieder Krieg«, meinten die Männer, die ihn am eigenen Leib erfahren hatten. Sie irrten sich: der Krieg ereilte mich noch als Kind und sorgte neben der Einführung in die deutsche Sprache mit Nachdruck dafür, daß der Vanitasgedanke mein eigen wurde.
Von Anfang an bereitete ich meinen Eltern große Sorgen. Ich biß allen meinen Puppen die Nasen ab, und alle meine Spielzeuge zerschlug ich nach Möglichkeit sofort. Es genügte, mir irgendetwas zu verbieten, und man konnte sicher sein, daß ich das bestimmt tun werde, denn jedes Verbot weckte in mir solch eine Neugierde, daß ich ihr, obwohl der Strafe bewußt, schließlich erlag und dadurch meine Eltern zur Verzweiflung brachte. Erst viel später wurde mir bewußt, daß sowohl die angebliche Zerstörungswut – ich wollte ja eigentlich nur wissen, was im Innern der Spielzeuge und Puppen versteckt sei – als auch das Gebotebrechen einzig im Wissensdrang begründet waren. Scheinbar war ich schon damals zur Wissenschaft vorprogrammiert und bereit, für sie etwas zu riskieren.
Diese Neugierde trieb mich später zur Philosophie, Pädagogik, Kunstgeschichte und Germanistik. Ich arbeitete im Museum, im Modehaus, war Journalist, buddelte als Archäologe; – die Schwarzarbeit bleibe unerwähnt. Schließlich ergriff ich einen Beruf, in dem man bereits fürs Bücherlesen bezahlt wird. Von den Herren Ford und Humboldt wurde ich so tüchtig gefördert, daß mein Sohn die Frage: »Was willst du werden« lange Zeit mit: »Wie mein Vater Stipendiat« beantwortete. Mein erstes Buch, das ich zusammen mit meinem Lehrer herausgab, erzählt die Geschichte der freundschaftlichen deutsch-polnischen Beziehungen im 17. Jahrhundert. Das Buch entstand in Wrocław, einer Stadt, in der immer noch die Trümmer der Festung Breslau an die Vanitas mahnten, einer Stadt mit prachtvollen Barockbauten, mit einem barocken Universitätsgebäude, mit barocken Buchsammlungen, mit barocker Atmosphäre. Sogar mein Professor hatte barocke Ausmaße, und da er sich bereits in Lwów/Lemberg mit Gryphius beschäftigt hatte, empfahl er mir, eine »barocke« Bahn einzuschlagen.
Der Germanistiklehrstuhl befand sich damals im ehemaligen Haus der Piastenherzöge, in dem drei Jahrhunderte früher der Vater der deutschen Dichtung, Martin Opitz, ein »sehr kleiner Mensch mit einem sehr häßlichen und faltenreichen Gesicht«, einige Zeit wohnte. Hier könnte er sich – so »Der Butt« – »mit Breslaus Töchtern mehr erschöpft als vergnügt« haben. Und Opitz, dem Poeten und Politiker, der die letzten Lebensjahre in Diensten des polnischen Königs Wladyslaw IV. verbrachte, galt auch meine Doktorarbeit.
Auf der anderen Straßenseite, im Matthiaskirchlein, fand seine letzte Ruhestätte der große deutsche Mystiker und Dichter Johannes Scheffler, als Angelus Silesius bekannt, der im Taufbuch als »Scheffler, Polonus« eingetragen ist; die Eltern kamen aus Krakau. Nach seiner Konversion zum Katholizismus zog er in der Karwoche mit dem Kreuz auf dem Rücken und der Dornenkrone auf dem Haupt blutüberströmt durch die Straßen der protestantischen Stadt, verhöhnt und ausgelacht. Er stand damals in verbissenem Streit mit den Lutheranern, und ein ehrwürdiger Theologe nennt ihn in seiner Schrift einen »Mameluckischen Priester von St. Matz, der durch Eintunken einer Rabenfeder ins Uringlas für die polnischen Mägde einen commentarium über die Offenbarung Johannes schreiben möchte. Angelus Silesius drohte mit einer Klage beim polnischen König.
Der schwergewichtige Andreas Gryphius, der in einem Singspiel die legendären Anfänge der ersten polnischen Königsdynastie, der Piasten, verherrlichte, der aber sonst nicht müde wurde, der Vanitas in seiner Dichtung nachzuspüren, Tod und Verwesung variantenreich zu beschreiben, sezierte in der Stadt, nachdem er es früher im »theatrum anatonicum« von Leyden »an etlichen Leichen geübet« hatte, ägyptische Mumien, was er auch in seinem Büchlein Mumiae Wratislavienses dokumentierte. Sogar Karten, die er »nicht vmb Gewinn sondern Ergetzung wegen gespielet« haben sollte, verleiteten ihn zur dichterischen Meditation über den Tod mit dem nur bedingt optimistischen Schluß: es faulen die Leichen der Armen und der Reichen gleich. Andreas Gryphius, dem »alles eitel« war, galt meine Habilitationsschrift. Damit waren freilich die barocken Themen dieser Stadt nicht erschöpft.
In dem berühmten Rathaus, in dem mir übrigens vom Standesbeamten vor über drei Jahrzehnten das Versprechen meiner ehelichen Treue entlockt wurde, residierten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Hauptleuchten der seinerzeit als schwülstigbombastisch verrufenen Zweiten Schlesischen Schule, der Obersyndicus Casper, dessen Vater den schönen Beinamen von Lohenstein erhielt, und der Präses des Stadtrats Christian Hofmann von Hofmannswaldau.
Es besteht der naheliegende Verdacht, daß sowohl der dickleibige Arminiusroman Lohensteins, an dem noch heute die Greuel- und Wollustszenen von Kennern geschätzt werden, als auch die gewagten Erotica von Hofmannswaldau während der bezeugt langen und langweiligen Ratssitzungen – sie begannen im Sommer um 6 Uhr früh – entstanden waren.
In dem unweit vom Ring gelegenen Elisabeth-Gymnasium unterrichtete in Eloquenz und Poesie der Opitzfreund Christoph Köler, Colerus genannt, ein halbes Dutzend später berühmt gewordener Dichter. Der trinkfreudige Lehrer ist mir besonders sympathisch als Liebhaber von Hunden und Katzen, die er sogar »zum Gegenstande je eines Schulactus machte«.
Im zweiten Gymnasium der Stadt, dem Magdaleneum, lernte der frühgeniale Quirinus Kuhlmann, Poet und Mystiker, der sich selbst nicht gerade bescheiden als ein »anderer Opitz« pries, als ein »neuer Homerus und Virgilius/Pindarus und Horatius/... ein neuer Sophocles/Euripides/Seneca/Plautus/Terentius... als ein Demosthenes, /... als ein neuer Apoll mit allen Musen«. Kuhlmann wurde später, trotz oder wegen seiner Qualitäten, in Moskau auf Wunsch des Patriarchen als Ketzer öffentlich verbrannt, wobei man ihm allerdings auf dem Weg zum Scheiterhaufen soviel Zeit einräumte, daß er »in die Apotheke noch eingesprochen, und von guten Freunden sich Brandewein schenken lassen«. Man war im Zarenreich vielleicht der Meinung, mit Alkohol stirbt man leichter und brennt schneller.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in fleißiger Arbeit der Bücherschatz dieser namhaften Barockdichter und anderer alter Autoren, der zum Teil ausgelagert, zerstreut und beschädigt war, gesammelt, katalogisiert und zugänglich gemacht. In dem 1958 wieder aufgebauten Gebäude der ehemaligen Staats- und Universitätsbibliothek, die dem Kommandanten der Festung Breslau als Hauptquartier gedient hat, können wir heute die Sammlung von über einer Viertelmillion Altdrucken bestaunen, einen Kulturschatz von unermeßlichem Wert. Das alles, meine Damen und Herren, bewirkte, daß mich die Dichter des 17. Jahrhunderts, wie schon erwähnt, bereits Anfang der fünfziger Jahre in Bann schlugen, daß sie sich immer mehr in meine Biographie einschlichen, mir immer mehr von meiner Zeit stahlen, in ihren Schriften stets darauf bedacht, mich an die Vergänglichkeit zu mahnen und gleichzeitig zum »carpe diem« zu ermuntern; in den letzten Jahren zu meinem Bedauern mit immer leiser werdenden Stimmen.