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Joseph Zoderer

Joseph Zoderer

Writer
Born 25/11/1935
Member since 1993

Self introduction

 

Es gibt sie schon wieder, oder noch immer, die Fahnenbegeisterten, die Fahnenschwenker und die Fahnenküsser. Ich bin allergisch gegen Fahnen, obwohl ich in einem Grenzland geboren bin, wo Grenzpflöcke natürlich eine besondere Wichtigkeit haben, und Fahnen sind wohl eine Art Grenzpflöcke, sind Abgrenzungssignale: Wir sind hier, oder meist: Wir sind wir!
Nun, ich bin ganz und gar für das Wissen von der Herkunft, von den Wurzeln, weil daraus kultureller Reichtum fließen kann und vor allem Verantwortungsbewußtsein, aber ich bin gegen das Verwurzeltsein von Stammtischfüßen.
Ich bin in Meran geboren, in einer privilegierten Geographie mit mehr als sechshundert Jahren österreichischer Vergangenheit, die auch der Tauschhandel Hitlers mit Mussolini nicht auszulöschen vermocht hat.
Ich bin einer von einer Viertelmillion deutschsprechender italienischer Staatsbürger, ein deutschschreibender Schriftsteller mit italienischem Paß. Ich habe mir diesen Existenzhintergrund nicht ausgesucht, aber er hat entscheidend mein Leben und meine Weltsicht geprägt, und zwar im Guten, wie ich meine: Ich bin in der Nähe nicht einer Grenze, ich bin in der Nähe vieler Grenzen geboren. Und Grenzen müssen nicht Beschränktheit bedeuten, Grenzen können im Gegenteil sensibel machen, neugierig darauf, was auf der anderen Seite ist. Ich bin nicht stolz auf meine Heimat, ich bin nur einigermaßen froh darüber, eine schöne Heimat zu haben. Als meine Eltern meine Geschwister und mich aus der Geburtsheimat fortbrachten, war ich vier Jahre alt, das war wenige Monate nach der Option 1939 – der Abstimmung für Deutschland oder Italien. Mein Vater – übrigens damals schon längere Zeit arbeitslos – ging wie zwei Drittel der Südtiroler auf den Leim der Nazipropaganda und glaubte der Heimat (von der er wie die meisten Ausgesiedelten sowieso keinen Quadratzentimeter besaß) treu zu bleiben, indem er sich für die Sprache entschied, was die Abschiebung ins Dritte Reich zur Folge hatte. So ist mein Vater, sind meine Eltern zu betrogenen Heimatverrätern geworden. Ich wußte das nicht als Kind, ich wuchs als Emigrantenkind in einem abgesicherten deutschen Sprachgebiet auf, in Graz, und ich fühlte mich gar nicht als Emigrantenkind, denn mich unterschied überhaupt nichts von meinen Freunden auf dem Hinterhof und in der Schule, bildete ich mir ein. Mir fiel erst später in der Erinnerung auf, daß ich damals in der deutschen Ostmark – in Graz – verschiedene Sprachen redete: Auf der Straße den steirischen Dialekt, in der Schule ein sogenanntes Hochdeutsch, doch hinter den Wänden der Wohnung mit den Eltern und Geschwistern die Meraner Umgangssprache, ich redete daheim mit einer ganz anderen Zunge als auf dem Hinterhof oder in der Schule und litt nicht darunter, nahm es nicht einmal wahr. Erst als mein Vater nicht aufhörte, von den Pfirsichen und Trauben der Heimat zu reden, fing ich an, mich nach der Fremde zu sehnen, nach den Pfirsichen und Trauben der mir fremden Heimat.
Meine Familie zog 1949 wieder nach Meran zurück, aber ich selbst lebte mich damals in eine andere Heimat ein – in die Ostschweiz, wo ich in einem religiösen Institut die Freiheit von Hunger und Durst kennenlernte und den Dünkel der vom Krieg Verschonten. Ich wurde rausgeworfen, arbeitete einige Zeit als Stallknecht, Ofenbauergehilfe und Metzgerlehrling, und beendete schließlich das Klassische Lyzeum in Südtirol, übrigens nach weiteren zwei Hinauswürfen. Es bedurfte dazu nicht viel, es bedurfte nur meines Widerredens.
Ich habe an der Wiener Universität verschiedene Studien betrieben (Jus, Philosophie, Psychologie, Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte), alles ohne Abschluß, doch schon während des ersten Semesters war ich als Journalist beschäftigt. Ich wollte leben und habe das Leben oft mit dem Schreiben verwechselt, habe auch mit dem Körper geschrieben – : Das Schreiben war für mich der Schlüssel zum Ausgang, dort stand die Neugier, und die Neugier hat mich immer wieder in das Leben getrieben und in das Schreiben. Es stimmt nicht, daß ich ein Späteinsteiger bin, ich habe seit meiner frühen Gymnasienzeit nichts so verlockend empfunden wie das Alleinsein und das Einssein im Formulieren – mit oder ohne Reim. Allerdings ist richtig, daß ich fast vierzig wurde, bis ich mein erstes Buch veröffentlichte. Seither habe ich ein paar Gedichtbände, einige Erzählungen und fünf Romane veröffentlicht.
Ich lebe seit fast einem Vierteljahrhundert wieder in Südtirol, in einem gebirgigen Abseits, in das ich mich über Inserat eingekauft habe –, ich habe mir die sogenannte Heimat aus dem Anzeigenteil einer Lokalzeitung verschafft und sitze nun dort mehr oder weniger bewußt wie auf einer Startrampe, die nicht benutzt werden muß. Die Stadt, wissen wir, hat längst nicht mehr das Informationsmonopol – : Über jede mögliche Medienform kann ich meine Ohnmacht erfahren, aber auch den Zeitpunkt, in dem ich aufschreien sollte.
Ich lebe am Schnittpunkt dreier Kulturen und habe an meiner Haut den Erfahrungsprozeß erlebt, daß ich in einer ständigen Herausforderung stehe: die Grenze, die Nähe des anderen, des Fremden fordern mein Wachsein heraus, meine Bereitschaft zu Abwehr oder Dialog. Es ist gewiß anstrengender, an einer Grenze, am Rande zum anderen zu leben, aber es ist ein beinahe gewöhnliches Leben zum Kreativen, die Wahl zwischen Aggressivität oder Bereicherung durch das Kennenlernen. Ich bin heute froh über diese meine geographisch und politisch bedingte Situation, es würde mir geradezu etwas fehlen, müßte ich plötzlich ohne diese Nähe der anderen Kultur leben. Unser Planet vergrößert sich nicht, wohl aber die Menschheit, die ihn bewohnt. Die Zukunft wird, ob es uns behagt oder nicht, immer mehr gesellschaftspolitische Beweglichkeit von uns abverlangen, weil sie sich zunehmend und unausweichlich multikulturell gestalten wird. Wir können nicht früh genug zu lernen anfangen: Bereitschaft zu Toleranz, letztendlich die einzige Chance für uns, zu überleben ohne Kannibalismus.
Ich danke für die Wahl in die Akademie.