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Jens Malte Fischer

Jens Malte Fischer

Theatre scholar and Literary scholar
Born 26/12/1943
Member since 2008

Self introduction

 

Seit Jahren bereits verschicken die jeweiligen Präsidenten an die neuen Mitglieder als Hilfshinweis und Anregung für die Selbstvorstellung einen Fragebogen; da dieser als keineswegs verpflichtend deklariert wird, ist er bisher, soweit ich sehe, wohl eher als lästiges Korsett empfunden und deshalb nie benutzt worden. Ich will versuchen, mich ihm zu fügen und damit eine neue Tradition begründen.

Was sind Sie eigentlich?
Der Öffentlichkeit bin ich nach meiner Wahl als Philologe und Musikwissenschaftler vorgestellt worden. Das letztere bin ich nicht wirklich – dieses Fach hatte in der Gestalt, in der es mir sich darbot, kaum Gelegenheit, mir die Begeisterung für die Musik auszutreiben. Das erstere bin ich schon eher; sagen wir also: von der Ausbildung her Literaturwissenschaftler und Historiker, darüber hinaus: ein schreibender Mensch, dessen Liebe der Literatur gilt und dessen Leidenschaft der Musik.

Woher kommen Sie eigentlich?
Die österreichische Presse jubelte: Czernin, Fischer, Kehlmann – drei Österreicher neu in der Darmstädter Akademie. Nein: bin nur zufällig in Salzburg geboren, bin kein Österreicher. Dass mich Literatur und Musik von Österreichern besonders interessiert, muss andere Gründe haben. Am Tag meiner Geburt war mein Vater nicht in Salzburg. Als Mitglied der Panzer-Grenadier-Division »Hohenstaufen«, der 9. Division der Waffen-SS, war er beim Ausbau des Atlantikwalls eingesetzt. Am Tag meiner Geburt studierte Thomas Mann in Kalifornien Arnold Schönbergs »Harmonielehre«. Am Abend las er im häuslichen Kreis aus dem Manuskript des Doktor Faustus vor, unter anderem den Abschnitt über Kaisersaschern und das Kapitel mit Wendell Kretzschmars Vortrag von Beethovens op. 111. Mann notierte: »Großer Eindruck, namentlich durch das Deutsche«.

Dass diese Akademie ausgerechnet auf Sie verfiel, als es um die Zuwahl neuer Mitglieder ging, muss Sie doch verwundern?
Nein.
Wo leben Sie, und: Wo möchten Sie leben?
Biographien von Kulturschaffenden sehen ja heute in der Regel folgendermaßen aus: »Lebt mit seiner Frau und sechs Kindern sowie vielen Tieren in der Nähe von Trondheim. Lehrt an den Universitäten von Santa Barbara und Klagenfurt und ist außerdem Writer in Residence an der Universität von Melbourne.« Es tut mir leid: ich lebe mit meiner Frau in München und lehre an der Universität München (die ich demnächst in einer Mischung aus Verzweiflung, Zorn und Erleichterung verlasse).

Wo befindet sich die gegenwärtige Zivilisation nach Ihrer Einschätzung?
Kunsthistorisch gesprochen leben wir im Quatschocento. Erdgeschichtlich betrachtet an der Kreuzung zweier Täler, und zwar auf deren Talsohlen: die Technik stammt aus Silicon Valley, die Mentalität aus dem Neandertal. Wie soll das gut gehen?

Welche Zeitgenossen nagen am stärksten an ihren Nerven?
Die üblichen Verdächtigen? Die verstehen sich von selbst. Was mich aktuell viel mehr aufregt, sind meine pathologisch mobilen Mitmenschen, deren Devise statt »Cogito ergo sum« zu sein scheint »Miles et More«. Die zerstörerischen Folgen dieser Mobilität machen neben anderem diesem an sich so schönen Planeten zunehmend das Atmen schwer und rauben ihm durch den Begleitlärm die Ruhe. »Was hilft mein Verreisen ins Ausland, wenn ich zu Hause die selben Leute wiederfinde?« (Jean Paul)

Was halten Sie für gänzlich sinnlose Tätigkeiten?
Im »Interschrott« zu schlurfen, sich von »Kokel«die sogenannten Informationen vorsortieren und sich dabei ausspähen zu lassen, sich von »Fuzzipedia« belehren zu lassen und den Mann ohne Eigenschaften am Bildschirm oder als Electronic Book zu lesen. »To scan a book« heißt »ein Buch überfliegen«, »To kindle« heißt »anzünden«. Beides sind nicht ganz die richtigen Verhaltensweisen Büchern gegenüber. Und es gibt noch Buch-Menschen, die zungenschnalzend Vor- und Nachteile abwägen. Bedenk es, o Buch-Mensch: Vom Kollaborieren zum Kollabieren sind es nur zwei Buchstaben.

Ihre Lieblingskomponisten?
Beethoven, Berg, Berlioz, Brahms, Jacques Brel, Janáček, Mahler, Offenbach, Allan Pettersson, Schubert, Verdi.

Ihre Lieblingsmaler?
Beckmann, Blake, Courbet, Delacroix, Friedrich, Goya, Klee, Klinger, Redon.

Ihre Lieblingsschriftsteller?
Ich beschränke mich auf die deutschsprachigen Autoren: Adorno, Blumenberg, Rudolf Borchardt, Fontane, Freud, Jean Paul, Keyserling, Kraus, Lichtenberg, Nestroy, Niebelschütz, Nietzsche, Raabe, Joseph Roth, Ferdinand von Saar, Wolf Schmidt, Schnitzler.

Ihre Lieblingsbäume?
Birken und Buchen. Und das, bevor ich wusste, dass meine Landsleute ihre Schädelstätten an Orten errichteten, die nach diesen zarten Gebilden benannt waren.

Welche Reform verachten Sie am tiefsten?
Es sind dero drei: Die politisch gewollte und ökonomisch forcierte Einführung und Durchsetzung des privaten Fernsehens in Deutschland.
Und: Die Selbsteinführung und Selbstdurchsetzung des Interschrotts.
Und: Die Schleifung der Grundmauern der Humboldtschen Universität und die Errichtung eines sich an Marktgesetzen orientierenden Science Shops, auf dessen Angebotskarte nur ein Gericht steht: Bildung und Wissen to go mit Bologna-Soße. Anders gesagt: was wir gegenwärtig erleben, ist die Einführung des Privatfernsehens auf Hochschulebene, camoufliert durch den Begriff »Universitätsreform«.

Ihr Lieblingsheld in der Dichtung?
Ein Kandidat der Rechte: Gottwalt Peter Harnisch, genannt Walt, in Jean Pauls Flegeljahre.

Ihre Lieblingsheldin in der Dichtung?
Ein Pflegekind: Lene Nimptsch in Fontanes Irrungen, Wirrungen.

Was ist für Sie das größte Unglück?
In der gegenwärtigen Welt zu leben, mit der ich in fast allem nicht einverstanden bin. Das ist keine besonders extravagante Haltung, ich weiß.

Was ist für Sie das größte Glück?
In der gegenwärtigen Welt zu leben, in Ermangelung einer Alternative.

Ihr Held in der Geschichte?
Karl Kraus, der in 40 Jahren Nachtarbeit und mit rund 25 000 Druckseiten der Menschheit unwiderleglich bewies, dass sie ein »kosmischer Schindanger« ist, und der sich mit seinem letzten Wort »Pfui Teufel«angemessen von der Welt verabschiedete, der er unermüdlich Widerpart geboten hatte.

Ihre Heldin in der Geschichte?
Alma Rosé, Nichte Gustav Mahlers und hochbegabte Geigerin, die es ertragen musste, mit ihrem Lagerorchester vor Eichmann und Mengele Mozarts Kleine Nachtmusik zu spielen.

Ihr Motto?
Es sind zwei, ausgeborgt von großen Meistern, die sich gegenseitig nicht leiden konnten, Kraus und Hofmannsthal:
Auch ein anständiger Mensch kann, vorausgesetzt, dass es nie herauskommt, sich heutzutage einen geachteten Namen schaffen.
Und: Es sind, Euer Gnaden, die irdischen Dinge sehr gebrechlich.

Vergessen Sie bitte nicht, sich zu bedanken.
Nein, natürlich nicht.
Als der ungarische Dirigent Zoltan Peskó Anfang der 70er Jahre in Italien seine Karriere begann, hatte er das einer Empfehlung des Komponisten Luigi Dallapiccola zu verdanken. Er schrieb ihm einen warmen Dankesbrief und erhielt folgende Antwort. »Danken Sie mir nicht. Ich werde Ihnen erklären, warum. Als ich jung war, hatte ich das Glück, dem Komponisten Alfredo Casella vorgestellt zu werden. Mit einer Empfehlung Casellas begann meine Karriere als Komponist und ich schrieb ihm einen Dankesbrief. Casella schrieb mir zurück: Danken Sie mir nicht. Ich werde Ihnen erklären, warum. Als ich jung war und als Pianist tätig, hatte ich das Glück, Gustav Mahler vorgestellt zu werden. Ich durfte ihm vorspielen und er engagierte mich als Solist für ein Beethoven-Konzert. Ich schrieb ihm natürlich einen Dankesbrief, und Mahler antwortete mir folgendermaßen: Danken Sie mir nicht. Ich werde Ihnen erklären, warum. Als ich jung war, hatte ich das Glück, Anton Bruckner vorgestellt zu werden. Ich hörte seine Vorlesungen und durfte als ganz junger Mensch den Klavierauszug einer seiner Symphonien erarbeiten. Ich schrieb ihm einen Dankesbrief. Darauf antwortete mir Bruckner: Danken Sie mir nicht. Ich werde Ihnen erklären warum ...
Hier endet die Überlieferung.
Ihnen dankend danke ich also eigentlich Gustav Mahler, ohne den ich wohl nicht hier stehen würde. Um Sie jedoch zuletzt direkt anzusprechen, wähle ich die Maske des Drehergesellen Schmidt in Ernst Elias Niebergalls wunderbarem Datterich, als ihm Datterich ein »scheniemäßiges Aussehen« und »geistmäßige Aage« attestiert: »Mache Se mich net schaamrethlich«.