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Jean-Marie Valentin

Jean-Marie Valentin

Germanist
Born 2/6/1938
Member since 1991

Self introduction

 

Herr Präsident, meine Damen und Herren,
daß ein Leben aus Momenten, Stadien, Stationen besteht, wissen selbst unsere postmodernen Zeitgenossen. Kontinuitäten zu rekonstruieren, fällt uns Heutigen schwer, fällt mir immer schwer. Aus der Rückschau lassen sich jedoch Konstanten feststellen. Dies sei also versucht, um den impliziten Regeln der Gattung »Selbstvorstellung« in vertretbarem Maße Genüge zu tun, wobei ich mich – als Zeugnis für meine alte, eingefleischte Liebe zur Rhetorik – auf die Schirmherrschaft der großen antiken aristotelisch-tullianisch-quintilianischen Trias berufen darf.
Kairos/Occasio/Gelegenheit: dies spielte selbstverständlich eine nicht unerhebliche Rolle – nicht minder auch die Memoria, die es ermöglicht, Gespräche mit den Toten zu führen, Verbindungen herzustellen, Vergangenes wieder lebendig zu machen.
Es hat vor 53 Jahren in Lothringen angefangen, genauer gesagt: in den Vogesen, dort wo die Sprachgrenze lag und liegt, die fast fünf Jahrzehnte lang, dann noch im Zweiten Weltkrieg für vier weitere Jahre zur Landesgrenze geworden war – mit seit 1870 geteilten, nicht selten einander entfremdeten Familien. Eines Tages erklärte mir René Schickeles Neffe, seine Mutter habe ihre nun deutschen nahen Verwandten immer »les boches« genannt. Ein derart schreckliches Erlebnis blieb mir Gott sei Dank erspart. Den Nazifizierungsversuchen des Elsaß und der Teilung Frankreichs zum Trotz wurden nach 1945 die Kontakte sofort wiederhergestellt. Als junger Schüler durfte ich Ferien auf dem Land, in der Nähe von Schlettstadt, verbringen. Dort hörte ich zum erstenmal die singende Mundart der elsässischen Winzer und Bauern. Dort entdeckte ich deutsche Bücher, die ich bald danach zu Hause, in alten Koffern, die – wie es sich im Märchen gehört – auf dem Dachboden lagen, buchstäblich wieder entdeckte: Seit achtzig Jahren hatte sich niemand um sie gekümmert. Dort oben – darunter befand sich eine katholische, in Colmar gedruckte Bibel – fristeten sie ein verstaubtes Kistendasein.
Daß diese Bücher (das erste, das ich ganz lesen konnte, war Storms Pole Poppenspäler) in meinen Augen mit Deutschland nichts zu tun hatten, wurde mir erst später klar. Infolge der Besatzung, der Deportierung meiner Onkel sowie die Teilnahme meines Vaters an der Widerstandsbewegung war nämlich Deutschland weniger der zu hassende Feind als das radikal Andere, das sich damals meinem Zugriff völlig entzog. Deutsche Sprache, deutsche Literatur und Deutschland koinzidierten während meiner Studienjahre auf dem Gymnasium lange nicht. Auch auf der Universität in Nancy und Straßburg schreckte ich vor dieser Schizophrenie zurück, der ich – anfangs sicher unbewußt – zu erliegen fürchtete. Nicht dem Studium der Germanistik widmete ich mich, sondern dem der Geschichte, der klassischen Philologie und – in Straßburg – der Theologie. Nur auf Umwegen ließ sich nämlich die Kluft der Alterität und des Unverständnisses überbrücken. Vor allem die Entdeckung gemeinsamer kultureller Grundlagen war von entscheidender Bedeutung. Auch hier war die Memoria am Werk, der ich im philosophischen, theologischen und dichterischen Erbe begegnete und die gerade dann bei den Langzeithistorikern der Braudelschule hoch im Kurs stand. Aus dem Nebeneinander wurde endlich ein immer intensiveres Hin und Her, das seit diesen Tagen nicht nachgelassen hat, aus dem mit kritischer Distanz gepaarten Blick von draußen eine aktive Sympathie, die sich im Bereich der Forschung und der – auch offiziellen – Kooperationspolitik – so zum Beispiel im Rahmen des Deutsch-Französischen Hochschulkollegs – zwischen unseren beiden Ländern niederschlug.
Für Germanisten hat eine solche Einstellung nicht nur positive Ergebnisse. Von den meisten wird das »Spezialgebiet«, zu dem sich jeder – will er sich legitimieren – zu bekennen hat, vermißt, so daß man Gefahr läuft, zum unseriösen Polygraphen abgestempelt zu werden. Um so mehr freue ich mich, meine Damen und Herren, von Ihnen so ernst genommen worden zu sein, daß Sie mich für würdig hielten, in Ihre Reihen aufgenommen zu werden. Die ehrwürdige Académie française verspricht ihren neuen Mitgliedern die Immortalitas. Am Quai de Conti hält der frisch Gewählte in grüner, goldbestickter Uniform, mit Schwert und Hut, seinen Einzug ins Palais Mazarin; vor der illustren Gesellschaft lobt er in epideiktisch-feierlicher Form die natürlich einzigartigen Verdienste seines verstorbenen Vorgängers. Hier habe ich keinen Vorgänger. So sind Sie bescheidener und auch weiser. Die von Ihnen gewählte Art der Civilitas und intellektuellen Urbanität setzt den Konventionen engere Grenzen. Dafür aber versprechen Sie dem von außen kommenden ein Vaterland der Vaterländer, ein Vaterland des Geistes und der Bücher, eine moderne Variante der Respublica litteraria, einen Raum schließlich, in welchem der Dialog an höchster Stelle steht. Auch dafür spreche ich Ihnen allen meine Anerkennung und meinen Dank aus.