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Irène Heidelberger-Leonard

Irène Heidelberger-Leonard

Literary scholar
Born 18/8/1944
Member since 1999

Self introduction

 

Herr Präsident, verehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
ganz unerwartet erreichte mich die Nachricht meiner Aufnahme in Ihre Akademie. Die Freude ist groß. Doch der Preis, den ich nun entrichten muß, mich Ihnen vorstellen zu müssen, stürzt mich – ich muß es gestehen – in Verlegenheit. Wer oder was ich bin, woher ich komme, geschweige denn, wohin ich gehöre, ich wünschte, ich wüßte es.
Deshalb mutet es mich um so seltsamer an, ein korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie zu sein, denn gerade mein Verhältnis zur deutschen Sprache, zu dessen Hüter Sie sich doch gemacht haben, ist alles andere als selbstverständlich.
Meine Eltern waren deutsche Juden. Sie wanderten 1933 aus, um nach einem zweijährigen Versuch in Palästina nach Frankreich zurückzukehren. Dort wurde ich zwei Tage vor der Befreiung von Paris – dieser Friedenserwartung verdanke ich meinen Namen Irène – 1944 in einem Kloster geboren, in dem meine Mutter vor der Gestapo Zuflucht gefunden hatte. Nach meiner Geburt arbeitete meine Mutter als Putzfrau in französischen Waisenheimen, wo auch ich mit meiner Schwester und meinem Bruder lebte. Wir durften allerdings nicht mit meiner Mutter wohnen, sondern teilten die Schlafsäle mit den Kindern, deren Eltern in Konzentrationslagern getötet worden waren. Dort verbrachte ich die Jahre von 0 bis 6. Meine erste Sprache war also Französisch, soweit ich in diesem Zusammenhang überhaupt von Sprache reden kann, denn diese früheste Zeit verdichtet sich mir bis heute zu einem schwarzen Loch, stumm und stumpf.
1950 entschloß sich meine Mutter, jetzt alleinstehend, mit drei kleinen Kindern sich im ungelobten deutschen Land niederzulassen, um dort die Lehrerlaufbahn wiederaufzunehmen, aus der sie 1933 ausgestoßen worden war. Für die Franzosen hatten wir jahrelang – Juden hin oder her – die Rolle der bösen »boches« gespielt, obwohl ich kein einziges Wort Deutsch sprach. Für die Deutschen durfte ich nun ein zweites Mal den Feind mimen. Ich hatte die Wahl: Mal war ich den Mitschülern Verkörperung – diesmal – der bösen Franzosen, mal exotisches Überbleibsel einer ausgestorbenen Spezies. Meine Mutter war unerbittlich: Von einem Tag auf den anderen wurde nur Deutsch gesprochen. Die Schulferien verbrachte ich in Paris bei meinem Vater. Es dauerte nicht lange, bis ich mich auf deutsch verständigen konnte, aber von Verankerung konnte und kann bis heute nicht die Rede sein. Und das, obwohl ich 13 Jahre, also meine ganze Schulzeit, in Deutschland verbracht habe. Die Tatsache, daß mich mein Klassenlehrer im Gymnasium, früherer SS, sieben Jahre lang als jüdische Sprach-Aussätzige mit ungenügenden Zensuren im Fach Deutsch malträtierte, hat nicht gerade zu meiner Integration in Deutschland beigetragen, war mir vielmehr Bestätigung eines Fremden-Status, den ich immer mehr verabscheute.
Je bewußter ich meine Zweisprachigkeit erlebte, desto bewußter wurde mir auch die sprachliche, das heißt existentielle Unsicherheit, die mir aus ihr erwuchs. Von dem legendären Reichtum habe ich jedenfalls zunächst nichts zu spüren bekommen. War es Zwang, der meine Eltern 1933 nach Frankreich auswandern, finanzielle Notwendigkeit, die meine Mutter nach Deutschland zurückkehren ließ, so war es die Liebe, die mich 1963 nach England trieb. Mit 18 Jahren fing mein drittes, mein englisches Leben an. Gierig stülpte ich mir diese neue Sprachhaut über; sie war unkontaminiert von jüdischer Angst. London, beschloß ich, sollte die Zäsur werden: der englische Mann, Journalist und politischer Abgeordneter, und, sehr viel später, die englischen Kinder würden mich erlösen von dem französisch-deutschen Ballast.
Es sollte anders kommen. Die Vergangenheit holte mich rasch ein, mit dem Unterschied, daß die leidenschaftliche Flucht in ihr Gegenteil umschlug: Ich studierte in London Germanistik, verschlang wahllos Hartmann von der Aue – dem Armen Heinrich bin ich immer noch zugetan – bis zu 14mal Goethe in der Hamburger Ausgabe. Es dauerte lange, bis ich mich an die zeitgenössische Literatur traute, und noch länger, bis ich es wagte, meine höchstpersönlichen deutschen Nöte mit den wissenschaftlichen Anforderungen meines Berufes zur Deckung zu bringen.
»Ich« zu sagen in Sachen Germanistik lernte ich eigentlich erst in einem vierten, meinem belgischen Professoren-Leben, das ich seit 1980 führe. Geradezu obsessionell der Nachkriegsliteratur verfallen und ihrer ebenso obsessiven Umkreisung der Shoah, veröffentlichte ich nun unter meinem deutsch-jüdischen Mädchennamen »Heidelberger«, ohne meinen englischen Namen »Leonard« abzulegen. Brüssel scheint der erste Ort zu sein, wo die Bewußtseinsströme der Seine mit dem Rhein und der Themse zusammenzufließen vermochten. Heute ist Brüssel für mich die Stadt, wo sich der Alltag stundstündlich dreisprachig ereignet, mit dem Deutschen als Schrift- und Lehrsprache, dem Englischen als Sprache in der Familie und dem Französischen für den gesellschaftlichen Umgang.


Die Ironie will, daß auch Jean Améry, dessen Biographie ich zur Zeit zu schreiben versuche, Brüssel zu seinem Exil-Ort erkoren hatte. Als ich kürzlich in Marbach die Kästen seines Nachlasses durchstöberte, fiel mir ein Blatt in die Hand, datiert Oktober 1978, das folgende handschriftliche Eintragung betitelte: Ansprache an die Akademie für deutsche Sprache und Dichtung. Ein unverzichtbares Dokument für die Biographin, denn es muß das letzte sein, in dem der Autor sein Leben noch einmal Revue passieren läßt. Die Tagung, auf der er sich vorstellen sollte, fand am 25. Oktober statt. Am 17. Oktober ging Jean Améry in Salzburg den Weg ins Freie.
Ich danke Ihnen aufrichtig für die Anerkennung, die Sie mir durch die Zuwahl erwiesen haben. Sie wird mich beflügeln, Jean Amérys so minimalistische Vorstellungsrede an die Akademie, Rede, die er nie gehalten hat, um einiges zu vervollständigen.