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Beda Allemann

Beda Allemann

Literary scholar and Critic
Born 3/4/1926
Deceased 19/8/1991
Member since 1977

Self introduction

 

Geboren wurde und aufgewachsen bin ich in der Schweiz, an einem Flußübergang zu Füßen des Juras, einer schon in der Steinzeit besiedelten, von den Römern befestigten Stelle, in der literarisch infizierten Kleinstadt Olten im Kanton Solothurn. Geprägt ist sie durch eine seit dem Bauernkrieg historisch belegte Neigung zur Unbotmäßigkeit.

Mein Vater, Staatsbankbeamter und kommunalpolitisch engagiert, kam tief aus dem 19. Jahrhundert, ein Zeitgenosse noch des späten Gottfried Keller, ein liberaler Republikaner der alten Schule. Der Abstand zu ihm, nach Jahrzehnten gerechnet, war beträchtlich, und sein für mich früher Tod ließ neben der Verpflichtung einen Freiraum zurück in der Gegend, wo andere Menschen ihren Generationenkonflikt austragen. Meine Mutter, aus Österreich kommend, träumte davon, zumal nach dem ›Anschluß‹ ihrer alten Heimat, die Reihe der Attentate auf den Führer durch ein erfolgreiches zu krönen. Von ihrem Vater, der Architekt und Restaurator in der Nachfolge der Vorarlberger Bauschule war, habe ich wohl ein Gefühl für Barockes im Blut – für barocke Musik, für Rubens und den Glanz der Residenzen, für Welttheater und vanitas.

Wie fern oder nah ist mir heute diese Herkunft und die Tatsache, Schweizer zu sein? Zwei elementare Auswirkungen scheint es immerhin gehabt zu haben:

Ich habe den Zweiten Weltkrieg überlebt; das versteht sich bei meinem Jahrgang (1926) wohl nicht von selbst. Und ich habe während der fast hermetischen Isolierung in der eingeschlossenen Schweiz meiner Jugendjahre starke zentrifugale Bedürfnisse entwickelt. Aus Jacob Burckhardt und Nietzsche lernte ich früh den Begriff des guten Europäers. Er kam mir zustatten, als sich während meines Studiums in Zürich (Germanistik, Philosophie, Kunstwissenschaft), die Grenzen wieder öffneten. Emil Staiger, der für mich ein Magnet mit starker gegenpoliger Anziehung war, ermunterte mich dann zur Habilitation. Ebenso bereitwillig ließ ich mich aus der kaum aufgenommenen Lehrtätigkeit in Zürich weglocken. Richard Alewyn lud mich für ein Gastsemester an die Freie Universität in Berlin ein, wo er damals tätig war. Ich konnte nicht ahnen, daß ich ihm ein Jahrzehnt später auf seinem Bonner Lehrstuhl nachfolgen würde.

Ich betrachte es als einen artigen Zufall, daß heute außer ihm auch – und aus besonderem Anlaß!* – zwei gelehrte Kollegen hier zugegen sind, die meine weiteren Schritte begleitet und gefördert haben: Claude David, unter dem ich damals vor 20 Jahren an der Pariser École Normale Supérieure arbeiten durfte, und Jan Aler, der mich an die altehrwürdige Reichsuniversität zu Leiden brachte.

Nachdem ich auf diese Weise die Bundesrepublik eine ganze Weile umkreist hatte, führte der Weg weiter über Kiel und Würzburg in die Friedrich-Wilhelms-Universität der Bundeshauptstadt, die mich bis heute festhält.

Genug der persönlichen Daten. Lassen Sie mich noch ein Wort zu meiner Arbeit sagen. Sie ist seit meiner Dissertation über Hölderlin und Heidegger durch ein im weitesten Sinn literatur-theoretisches Interesse bestimmt. Ich möchte dieser Linie weiter folgen und sie nach Möglichkeit noch verdeutlichen. Ich habe allerdings die Theorie der Literatur nie als ein praxisfernes Tun verstanden, auch nicht innerhalb des engeren Wissenschaftsbetriebes. Ich habe deshalb auch nicht gezögert, dem Wunsche Paul Celans zu folgen und die editorische Sorge um sein Werk zu übernehmen. Was mir vielmehr auffällt, ist der Umstand, wie eng sich theoretische Fragestellungen von scheinbar sehr hohem Abstraktionsgrad ganz unmittelbar mit editionstechnischen Einzelentscheidungen berühren können.

Allgemeine Literaturwissenschaft besteht nicht im Aufbau verblüffender Terminologien, so sehr der Begriffsgebrauch in unserem Sprechen über Sprache und Dichtung der ständigen Überprüfung und auch der positiven Destruktion bedarf. Ihr Ideal wäre, – bescheidener und richtiger gesagt: mein Ideal wäre, die Verlegenheit bei diesem Sprechen über Dichtung etwas zu mildern.

Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mich künftig an Ihren Aktivitäten teilhaben lassen wollen.