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Uwe Timm

Uwe Timm

Writer
Born 30/3/1940
Member since 1994

Self introduction

 

Darüber, daß ich jetzt zu Ihnen spreche, würde sich am meisten ein ehemaliger Lehrer wundern, der Lehrer, der mich auf der Volksschule in Deutsch unterrichtet hatte. Für ihn war ich ein ganz hoffnungsloser Fall. Meine Aufsätze benotete er mit Fünfern. Das Thema verfehlt und dann noch 40 Fehler. Wundern würden sich auch meine Eltern, zumindest mit dem Blick auf den Jungen, der nicht lesen konnte, was ihnen einige Sorgen bereitete, bis er, ich denke, ich war eben zwölf Jahre alt geworden, plötzlich nur noch lesen wollte, was den Eltern nun noch mehr Sorgen machte. Er las, was ihm in die Hände kam. Ja, ich las hemmungslos, süchtig und darum auch zuweilen heimlich, wenn ich etwas anderes tun sollte, wurde sogar abgestraft durch Ohrfeigen; ich las, solchermaßen ertrotzt: So weit die Füße tragen, Soll und Haben, Der Schimmelreiter, Der Flieger von Tsingtau, Kon Tiki, Die Leute von Seldwyla; aber auch Zeitungen, Zeitschriften, Groschenromane. Ich las wahllos, so wie heute viele Kinder fernsehen.
Ich weiß seitdem, daß Literatur – wie die Sprache – vielstimmig ist und sein muß, daß das solchermaßen Unterschiedliche auch goutierbar ist: Triviales wie Artifizielles, Niegehörtes wie Altbekanntes, Schlichtes wie Kompliziertes. Wir finden die Vielstimmigkeit im alltäglichen Erzählen, wenn man genau hinhört, in Cafes, Eisenbahnen, Kneipen, auf Vernissagen, auf Elternversammlungen; ich lasse mir erzählen oder höre einfach nur zu, was da an unerhörten, gewöhnlichen, wunderbaren, also ganz alltäglichen Geschichten erzählt wird, von Schmerz, Krankheit und Tod, aber auch von Ungleichheit und sozialer Deklassierung und davon, wie man sich in einer Gesellschaft, von der ein Drittel in Armut lebt, durchschlägt, auch mittels Geschichten, erfindungsreichen wie listigen. In dieser Vielstimmigkeit wird das Geflüster der Generationen hörbar – Geschichten, die einmalig sind und doch allen gehören.
Sprache, die alltägliche, und Dichtung berühren sich im Erzählen, was dann im literarisch Gestalteten durch die Schrift festgehalten wird. Die Alphabetisierung ist – so habe ich es in Erinnerung – ein Zwang, ein Zwang, wie er von jedem Ordnungssystem ausgeht, auch von dem literarischen Werk. Erst der Eingriff in das bloß Zufällige, Beliebige, gibt dem literarischen Text seine zwingende Logik. Einen Anfang und ein Ende zu setzen, hat auch etwas Gewaltsames. Und das Ende, der Abschluß, interessiert mich dabei besonders. Denn so wird das, was im Alltag sich endlos aneinanderreiht und unter der dummen Oppression von Zufall und Kausalität steht, durch eine winzige Drehung in die Freiheit entlassen. Das abgeschlossene Werk kann denn auch der zwingenden Kontinuität der Zeit ein Schnippchen schlagen, jedenfalls, solange es Leser gibt. Wie die Vampire warten die Bücher auf ihr Opfer, grau und verstaubt lauern sie, bis ein Leser zugreift, dem sie sodann etwas von seinem Leben rauben, nämlich Zeit, um so selbst wieder zum Leben zu kommen, das heißt zur Sprache.
Die Sprache, sagt Roland Barthes in seiner Antrittsvorlesung im College de France ›Leçon‹, läßt uns nicht nur sprechen, sondern sie zwingt uns zu sprechen. Auch das Schweigen ist ein Nicht-Sprechen. Die Freiheit fängt dort an, wo mit diesen Zwängen der Sprache, der »Autorität der Behauptung und dem Herdenhaften der Wiederholung« gespielt wird: in der Literatur. Etwas durchaus Lustvolles, Listiges, das den Zwang thematisiert; etwas zu sagen, was so noch nicht gesagt wurde, was es so noch nicht gedruckt gab, was zum Widerpart der Wirklichkeit wird.
Im Schreiben liegt Befreiendes und zugleich Gewaltsames: Das kreisende bildhafte Denken wird ausgerichtet, die fluktuierende Rede zum Stillstand gebracht, eine sprachliche Ordnung organisiert – was sich dann auch in der Rechtschreibordnung niederschlägt. Sie zu erlernen, erfordert eine intensive, oft qualvolle Arbeit, und das ist, vermute ich, der tiefere Grund dafür, daß für die meisten Menschen Schreiben als eine zwangvolle und zwanghafte, ganz und gar unnormale Tätigkeit gilt, eine Arbeit, der sich, wie auch deren Reaktualisierung, dem Lesen, nur eine Minderheit hingibt. Wer es dennoch macht, auf diese lustvoll-qualvolle Weise, für den ist das Schreiben, wie das Lesen, eine Möglichkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen, mit seinen Wünschen wie mit seinen Ängsten; und es ist, je radikaler man dem nachgeht, um so lustvoller. Ich denke, das war damals, in der Schulzeit, die unbewußte Triebkraft für das obstinat fehlerhafte Schreiben, das sich gegen die vorgegebenen Regeln, auch die der Rechtschreibung, richtete, sie buchstäblich auflöste, um eine neue Ordnung zu finden, ein Schreiben, das jedoch mit dazu beitrug, daß ich auf der Volksschule blieb. Das Schreiben hat mich durch eine Kürschnerlehre begleitet, durch eine Ausbildung zum Diplomzuschneider, durch die Zeit, als ich, nach dem Tod des Vaters, ein Kürschnergeschäft selbständig leitete, das Schreiben hat mich auf das Braunschweig-Kolleg geführt, wo ich mein Abitur nachholte, um in München und Paris Philosophie und Germanistik zu studieren – 1971 habe ich bei Max Müller in Philosophie promoviert, um danach endlich nur noch das zu tun, was mich seit meiner Schulzeit begleitet hat: schreiben. Und das hat mich schließlich hierher geführt, in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.
Ich danke denen, die mein Schreiben wahrgenommen haben, die mich vorgeschlagen und gewählt haben.