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Uwe Johnson

Uwe Johnson

Writer
Born 20/7/1934
Deceased 24/2/1984
Member from 1977 to 1979
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Georg-Büchner-Preis

Self introduction

 
Herr Präsident, meine Damen und Herren: Wer in eine Akademie gewählt wird, soll Pflichten erwarten. Dennoch, wenn man in Darmstadt als erstes von ihm eine »Selbstdarstellung« verlangt, kann er überrascht sein von der Härte, ja, Grausamkeit der Aufgabe und, in meiner Angelegenheit, versucht sein, ihr auf einem Umweg zu genügen, nämlich einer Vorstellung der Ansichten, die ihn bisher beschreiben sollten. Zum ersten, Ihr neues Mitglied wird des öfteren, grundsätzlich, ein »Pommer« genannt, als sei das eine erschöpfende Auskunft. Daran ist richtig, daß er eine Bauerntochter aus Pommern zur Mutter hatte, jedoch nicht aus jenem hinteren Landesteil, von dem es lateinisch heißt, er singe nicht, sondern aus dem Gebiet westlich der Oder, 1648 schwedisch und 1720 preußisch geworden, was einem 1934 Geborenen als Obrigkeit den Preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring einträgt. Für die ersten zehn Jahre aufgewachsen im Vorpommern eines Reichskanzlers Hitler, bin ich zu wenig ausgewiesen als ein Pommer, wie er in den Büchern steht. Zum anderen, es gefällt Leuten, mich einen Mecklenburger zu nennen, als sei das ein verläßliches Kennzeichen. Dafür ist nachweisbar, daß mein Vater geboren wurde im Ritterschaftlichen Amte Crivitz und aufwuchs im Domanialamt Schwerin, also in jenem »besten Mecklenburg«, das die traurigste Figur machte unter den Staaten des damaligen Europa. Dem bin ich verbunden nicht nur durch einen Vater, einen Absolventen des Landwirtschaftlichen Seminars Neukloster und Verwalter herrschaftlicher Güter, sondern auch durch eigene, ausgiebige Beschäftigung mit dem Boden dieses Landes, beim Kartoffelwracken, Rübenverziehen, Heuwenden, Einbringen von Raps und Roggen, des Umgangs mit den Tieren auf diesem Boden nicht zu vergessen. In Mecklenburg habe ich gelernt, daß man als Kind schlicht vermietet werden kann in drei Wochen Arbeit auf fremdem Acker gegen einen Doppelzentner Weizen, daß Existenz umgesetzt werden kann in jeweils gültige Währung, und bin dankbar für die frühe Lehre. In Mecklenburg war ich von meinem elften bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, und im sechzehnten mag ich begriffen haben, wie ich zu antworten wünschte auf die Ansinnen der Leute und Behörden, mit denen ich befaßt war. Viel nun spricht dafür, daß ich ein Mecklenburger sei. Im Mecklenburg des Nachkriegs allerdings galt ich als einer von den »Flüchtlingen«. Da verschlug wenig, daß Vorpommern noch insofern zum Reste Deutschlands gehörte, als es der Sowjetischen Militär-Administration für das Land »Mecklenburg-Vorpommern« unterstand. Denn am 1. März 1947 verschwand Vorpommern in der gesetzlichen Kürzung »Land Mecklenburg«, und wir waren endgültig von auswärts. In jeder ersten Prüfung durch die Einheimischen galt der Rest der Familie als unwiderruflich überführt: wir hatten keine feste Statt in Mecklenburg, und wir hatten zu wenig mitgebracht. »Flüchtling« also, nur daß diese Bezeichnung strengstens verboten war durch die Behörden, »Umsiedler« war statt dessen erwünscht. Siedeln hätte meine Mutter können, schon damit ich einen anderen Anfang fortsetzte als den eines Lehrlings in einer Dorfschmiede; sie ging in die Stadt Güstrow, da stand das ehemalige Gymnasium, das mein Vater für mich gewünscht hatte, die John Brinckman-Oberschule. Der Namensgeber war in Nordamerika gewesen, aber geschrieben hatte er im mecklenburgischen Platt. Das lasen wir auch. In dieser Oberschule der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren Deutschen Demokratischen Republik wurde ich mir bekannt gemacht als ein »Bürgerlicher«, Sohn eines Beamten bei einem abgeschafften Landwirtschaftsministerium, kein Sohn von Arbeitern und Bauern, an denen die Versäumnisse der bisherigen Bildungspolitik vorrangig gutgemacht werden sollten. Meine Mutter ging Uniformen schneidern für die Rote Armee, sie nahm Arbeit in den Volkseigenen Kleiderwerken der Stadt, sie kontrollierte Fahrkarten in Personenzügen – ich blieb der Sohn einer Angestellten, »bürgerlich«. Meine Mutter trat über in den Dienst der Güterwagenschaffner bei der Deutschen Reichsbahn, fortan war ich der Sohn einer Arbeiterin. Solche Kinder wurden eher zugelassen in eine Universität der D.D.R., als was ich bisher gewesen war. Die erste Universität war eine mecklenburgische: Rostock, deren Studierende einstmals »höflich verbeten« gewesen waren. Nur, daß kurz vor dem Beginn des Studiums, am 23. Juli 1952, das Land Mecklenburg aufgelöst worden war in drei Bezirke, wobei nicht nur allerlei Historie verloren ging, sondern auch die Einheit »Mecklenburg«. Auch die Universität Rostock sollte eine sozialistische werden, und wer die Auslegung dieser Verwandlung durch die Behörden einmal verfehlt und dabei des Beistands seiner Kommilitonen entbehrt, geht nach dem zweiten Jahr erst einmal weg. Es muß nicht die Universität sein in Mecklenburg. Unverdrossen als ein Mecklenburger bezog ich eine sächsische Universität, die von Leipzig. Hier geriet ich an Freunde, die mit einer unverdächtigen Neugier beobachteten, wie ich meine mitgebrachte Phonetik gegen ihre Landessprache verteidigte, und obwohl sie mir in meinem Bestehen auf dem mecklenburgischen R eine Nähe zu schauspielerischem Dilettantismus zugestanden, konnte ich mich doch mit meiner Kenntnis der Leipziger Straßenbahnlinien ausweisen als einen bemühten Adepten, und jederzeit vermochte ich sie zu versöhnen mit meinem einzigen annehmbar sächsischen Satz: »Da gommt Wald’her« (was eben zu sprechen war mit einer unverkennbaren Vorfreude auf eine unverhoffte Ankunft des damaligen Regierungschefs W. Ulbricht). In Leipzig traf ich ein Mädchen, das war aus Mecklenburg, aus Mecklenburg-Schwerin, aus der Residenzstadt Schwerin geradezu, auf die hatte ich lange gewartet, und kann von Leipzig sprechen als »der Stadt, die unsere Jugend war«. Soviel irgend jemand will, bin ich ein Leipziger. Leipzig in Sachsen ist die wahre Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Glauben Sie einem Landsmanne der Sachsen. Seit 1949 war ich in den Augen der Behörden ein »Staatsbürger« der Deutschen Demokratischen Republik, wiederum ohne daß man mich angegangen wäre um meine Zustimmung in dieser Sache. Was den Behörden zu Ohren kam von meinen Äußerungen über sie, ließ sie zweifeln an meiner Eignung, ihnen in einer festen Anstellung zu dienen, so daß ich nach dem Examen drei Jahre zu leben hatte von germanistischer Heimarbeit, »arbeitslos« in einem Lande, das solchen Zustand abgeschafft haben wollte, bald steuerfrei, weil unter dem Existenzminimum. Das war die amtliche, wie immer unausgesprochene, Einladung zum Weggehen, was denn endlich den Anlaß gegeben hätte für eine Bezeichnung als »Verräter«. Da mir aber gerade gelegen war an der Natur dieser öffentlichen Sache, dieser res publica und Republik, weiterhin an dem Deutschen und dem Demokratischen dabei, lebte ich weiter im ehemaligen Mecklenburg und im ehemaligen Sachsen und dachte mir auf der jeweils achtstündigen Eisenbahnfahrt ein Buch aus, von dem meine Freunde mir versicherten, die Behörden würden es mißverstehen als eine Beleidigung der D.D.R. denn als einen Beitrag zu ihrer Wirklichkeit. Vertraut mit der Empfindlichkeit dieses Staates, stieg ich aus der Stadtbahn in Westberlin an jenem Tag des Juli 1959, da in einer westdeutschen Druckerei mein Name auf das Titelblatt von »Mutmaßungen über Jakob« gesetzt wurde. Damit war ich abermals ein »Flüchtling«, nämlich im Verständnis der zuständigen Organe der D.D.R., weil ich versäumt hatte, sie zu ersuchen um eine Erlaubnis zum Umzug. »Kein Flüchtling« war ich in Westberlin, denn ich war gekommen mit einer Zuzugsgenehmigung der Stadt und hielt mich fern von dem Flüchtlingslager Marienfelde, wo man Flüchtlingsausweise und allerlei Flüchtlingsgeld bekommen konnte. Nun waren aber in meinem Buch Personen der D.D.R. auch in normalen, ja lebenswerten Umständen gezeigt, anders als im damaligen westdeutschen Bild von ostdeutschem Leben erwartet, und es erhob sich die Vermutung, ich sei in Wahrheit über die Grenze geschickt als ein »Trojanisches Pferd«. Da ich mich in meinem zweiten Buch weiterhin beschäftigte mit den Unterschieden, der Grenze, der Entfernung zwischen den Daseinsmöglichkeiten in den beiden deutschen Staaten, wurde ich schließlich gedeutet als »Dichter der beiden Deutschland« oder »der deutschen Teilung«. Dies Etikett zu bestreiten machte ich mir ausdrücklich Mühe. Denn ich war in wissenschaftlichen Instituten belehrt worden über die Bemühungen und die Befugnisse von Dichtern; mir hatte das als eine Warnung gedient. Zum anderen, ich hatte in meinem Erzählen von Leuten in Leipzig und Hamburg lediglich meine verwandelten Erfahrungen anbieten wollen, zur beliebigen Verwendung durch den Leser; es konnte mir nicht recht sein, den ganzen Lebenslauf eines Radrennfahrers (mitsamt den Schwierigkeiten, ihn zu beschreiben) eingeschnürt zu sehen in ein politisches Schlagwort. Die einzige Bedingung, unter der ich diese Indizierung hätte annehmen mögen, ihr Wortsinn blieb mir vorenthalten: in beiden Teilen Deutschlands mit dem Leser verkehren zu dürfen. Auch als »Westberliner« wurde ich verstanden oder behandelt, und ich gebe diese Stadt als einen Wohnsitz für fünfzehn Jahre zu. Nicht nur habe ich sie mir als eine Heimat erworben, ich versuchte auch ihren anderen Bewohnern gut zuzureden bei dem Gebrauch, den sie seit der Einmauerung von ihrer Stadtbahn machten, was mir neben bösen Briefen und anonymen Telefonanrufen auch eine neue Kennzeichnung einbrachte, die als »Kommunistenschwein«, aber bis heute keine lebenslängliche Freikarte der Berliner Stadtbahn wenigstens für den Bereich der Westsektoren. Dann zog mir eine Doppelgeschichte über eine Berliner Liebschaft, getrennt und zerrüttet durch die vollendete Grenze, nochmals den Titel auf den Leib, der mich zum Fachmann machte bloß für die deutsche Teilung, und ich verzog mich nach New York. Nach zweieinhalb Jahren war ich beinahe ein »New Yorker«, denn jenes Buch, das ich dort fand, das Leben eines Menschen von Mecklenburg bis Manhattan, ich hätte es um ein Haar in amerikanischer Sprache geschrieben, wäre mir nicht das Geld ausgegangen, so daß ich es auf deutsch in Westberlin fortzuführen begann. Ein Westberliner also, aber es genügt ein Umzug nach England und eine Paß-Erneuerung, mich umzubauen zu einem »Bürger der Bundesrepublik Deutschland«, zu kontrollieren am Schalter für die Angehörigen von Staaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft. Für die Engländer, die mit mir umgehen, sollte ich nun ein »German« sein, wenn nicht gar ein »bloody German«, aber sie wollen Deutsches von mir nicht wissen, wollen reden über das Fischen und das Wetter, und fragen mich das als einen Nachbarn. Am Ende könnte man mir nachsagen, ich sei jemand, der hat es mit Flüssen. Es ist wahr, aufgewachsen bin ich an der Peene von Anklam, durch Güstrow fließt die Nebel, auf der Warnow bin ich nach und in Rostock gereist, Leipzig bot mir Pleisse und Elster, Manhattan ist umschlossen von Hudson und East und North, ich gedenke auch eines Flusses Hackensack, und seit drei Jahren bedient mich vor dem Fenster die Themse, wo sie die Nordsee wird. Aber wohin ich in Wahrheit gehöre, das ist die dicht umwaldete Seenplatte Mecklenburgs von Plau bis Templin, entlang der Eide und der Havel, und dort hoffe ich mich in meiner nächsten Arbeit aufzuhalten, ich weiß schon in welcher Eigenschaft, aber ich verrate sie nicht.