Members

Ludwig Harig

Ludwig Harig

Writer and Translator
Born 18/7/1927
Member since 1979

Self introduction

 
Ich bin Saarländer und Hypertoniker, und ich kokettiere mit meinem Saarländischen und mit meiner Hypertonie. Das halte ich für wagemutig, denn mit dem Saarland und mit der Hypertonie zu kokettieren, ist angesichts des geringen Ansehens des Saarlandes im gesellschaftlichen und der Hypertonie im physiologischen Rahmen so riskant, daß ich mich jeden Augenblick den gesellschaftlich und den physiologisch Überlegenen aussetze und dabei schon mit einem Bein im Grabe stehe. Nicht, daß ich unter einer schlimmen Zivilisationskrankheit litte; keine Störung der Verdauung, kein Verfall des Gebisses, nicht Verweichlichung und nicht Verkrampfung bedrohen meinen Leib, vielleicht ist meine Ernährung etwas fettreich und etwas vitaminarm, nein, nicht diese akzidentiellen Ursachen und auch nicht diese existentiellen Nieren- und Nebennieren-, Schilddrüsen- und Hirnanhangdrüsengeschichten entkräften mein Gebein, es sind nicht diese zufälligen und nicht diese daseienden Gebrechen, die den Druck meines Blutes so mächtig befeuern, o nein, es sind jene tiefsitzenden Listen der Gene, jene unberechenbaren Vorgänge im vegetativen System, die diese vermehrte Spannung erzeugen. »Essentia involvit existentiam«, ja, das dauerhafte Wesen des Saarländers und des Hypertonikers, auch wenn sie mit einem Bein im Grabe stehen, fordert das schiere Vorhandensein des Robusten heraus. Meine Hypertonie ist nicht von Schwindel und Ohrensausen, von Atemnot und Herzklopfen begleitet, es ist eher ein fröhliches Kopfsingen, was ja wieder etwas Angenehmes und etwas ist, von dem nicht jedermann sagen kann, er sei damit begabt. »La balance entre le naturel et l’humeur«, sagt Rousseau, dessen Leben und Denken ich eben in einem Roman beschrieben habe, und das sage ich auch. Die Balance zwischen dem Naturell und dem Humor ist nämlich die Voraussetzung der »imagination riante«, der »imagination créatrice«, der lachenden, der schöpferischen Einbildungskraft. Professor Leppla vom Rastpfuhl-Krankenhaus in Saarbrücken verschreibt mir ein Beta-Sympathikolytikum, und mit zwei Pillen pro Tag kokettiere ich mit meiner Hypertonie und meiner fröhlichen Kreativität. Nebenan sitzen die Robusten, aber sie reden von Krankheit und Tod, von Leiderfahrung und Geworfensein als von den tiefen schöpferischen Triebkräften aus den Abgründen des Seins, und sie sitzen womöglich noch mit fünfundachtzig da, dann sind sie aber schon alte Leute, und ich bin längst verfault, und es war nichts als ein deutsches Geschwätz, ein phänomenologisches Als-ob. Ein Franzose lacht darüber, ein Georgier hält eine Tischrede, und ein Saarländer geht in den Keller und holt noch eine Flasche herauf. Ich bin Saarländer und Hypertoniker, ich bin zwanzig Jahre lang Volksschullehrer gewesen, aber jetzt würde ich, wenn es möglich wäre, die ganze Welt in ein Spiel verwandeln, Ordnung in Chaos und Chaos in Ordnung, mit diesen possierlichen Sprengsätzen der Uneffektivität, damit die geworfenen Robusten aus ihren gesellschaftlichen und physiologischen Rahmen fallen. Das wäre ein Glück!