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Lars Gustafsson

Lars Gustafsson

Writer and Philosopher
Born 17/5/1936
Deceased 3/4/2016
Member since 2006

Self introduction

 

Sehr Verehrter Herr Präsident, geehrte Mitglieder und künftige Kollegen in der Deutschen Akademie !
Ich danke Ihnen für das Vertrauen und die große Ehre, die sie mir erwiesen haben mit der Entscheidung, mich als korrespondierendes Mitglied in ihren Kreis aufzunehmen. Ich weiß es zu schätzen; unter den Namen in Ihrem Mitgliederverzeichnis sehe ich so viele Freunde und so viele, die ich bewundere, zwei Mengen die sich natürlich überschneiden.
In meiner jetzigen Situation wäre es verlockend, ein bißchen zu lügen, et- was Spannendes zu erfinden. Vielleicht eine Expedition auf Pferderücken durch die großen Asiatischen Wüsten? Oder wie wäre es mit einer Sejour als Ratgeber zu einem bösartigen Bananrepublikdiktator ?
Nein. In der Tat kann ich nur von einem sehr friedlichen Leben erzählen, verbracht in Zeitschriftenredaktionen, Bibliotheken und Lehrsälen verschiedener Universitäten in zwei Kontinenten. Mein eigentliches Leben, scheint es mir oft, hat in meinen Büchern stattgefunden.
Ich bin also in Västerås, Mittelschweden, am See Mälaren, 1936 geboren und ging auf Schwedens ältestes Gymnasium, die Rudbeckianische, die nur drei Jahre jünger als Harvard ist, was ich gerne Leuten erzähle, die meinen, daß die Vereinigten Staaten eine junge Nation sind. In diesem Gymnasium schrieb ich, als ich siebzehn Jahren alt war, meinen ersten Roman und meine erste Gedichtsammlung. Meine akademische Ausbildung absolvierte ich in Uppsala und, eine kürzere Zeit, am Magdalene College, Oxford. Ich bin Doktor der theoretischen Philosophie aus Uppsala und ich unterrichtete, haupt- sächlich Sinntheorie und Epistemologie, aber auch ein bißchen ideenhistorisch orientierte Philosophie an der University of Texas in Austin zwischen 1980 und 2004. Außerdem habe ich an dem großen Utopieforschungsprojekt in Bielefeld teilgenommen und mich beschäftigt mit Philosophie der Farben und philosophische Problemen die mit Zeit zu tun haben. Im Jahr 2000 war ich Aby Warburg Professor in Hamburg und 2004-2005 am Wissenschafts- kolleg zu Berlin.
Ich habe Romane und Gedichte geschrieben und sehe in meinen Gedichten den wichtigsten Teil meiner Aktivitäten. Unterrichtet habe ich gerne; ich gehe sehr gerne mit jungen Menschen um und spiele gerne Tennis. Meine Malerei habe ich in Stockholm und Berlin ausgestellt. Meine musikalischen Kompositionen ruhen in der Handschriftensammlung der Carolina Rediviva in Uppsala, tief unter der Erde.
Taxifahrer fragen ja oft, um die Zeit mit etwas Konversation zu vertreiben, welchen Beruf der Passagier ausübt. Ich finde immer diese Frage sehr heikel.
Wenn ich »Schriftsteller« antworte, werde ich natürlich gebeten meine Romane zu erzählen, was nicht immer so leicht ist. Einige sind länger als eine Taxifahrt. Wenn ich »Poet« antworte, blockiert das jede weitere Konversation. Mathematiker unter meinen Freunden haben dieselbe Beobachtung gemacht. Mit Poeten und Mathematikern wollen Taxifahrer nicht reden. Vielleicht ha- ben Mathematik und Poesie wirklich etwas gemeinsam, nämlich die Eitelkeit.
Wenn man stattdessen »Philosoph« antwortet, wird man unmittelbar nach dem Sinn des Lebens gefragt. Ich muß gestehen, daß ich keine Ahnung habe, was der Sinn des Lebens sein könnte. Vielleicht ist das Leben wirklich sinnlos? Die Welt; eine unerhörte Anhäufung von Schraubenzieher ohne Schrauben? Ich neige zu den Lösungen des Existentialismus: Wenn wir vom Sinn des Lebens reden, meinen wir nicht Sinn als Zweck – wir sind keine

Schraubenzieher oder Kühlschränke –, sondern hier bedeutet Sinn die Möglichkeit einer Auslegung, Interpretierbarkeit.
In dieser Weise habe ich immer meine Dichtung gesehen; als eine Bemühung, die geheimnisvolle Schrift zu entziffern, die das Leben zeichnet – nicht unähnlich den geheimnisvollen Piktogrammen, die Indianer einmal auf die Felswände in den großen texanischen und mexikanischen Wüsten gemalt haben.
Die haben mich nicht selten dazu verlockt, von dem Pferderücken abzusteigen.