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Hilde Spiel

Hilde Spiel

Writer and Journalist
Born 19/10/1911
Deceased 30/11/1990
Member since 1972
Johann-Heinrich-Merck-Preis

Self introduction

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

Sie sehen vor sich das Produkt einer Schizophrenie, die mit dem fünfundzwanzigsten Jahr einsetzte und nie wieder gänzlich abzuschütteln war. Bis dahin meinte ich, die ganze Welt gehöre mir und die ganze Literatur dazu: Prousts Madeleine, Madame Chauchats Crayon, Fürst Myschkins Krawattennadel mit dem Brillanten, Mr. Pickwicks gesottene Hammelkeule und natürlich Octavians Tropfen persischen Rosenöls. Aber dann schmolz das alles zu zwei Welten zusammen, zur verlorenen und zur neu gewonnenen, und zumindest für sieben Jahre fiel ich gänzlich aus der deutschen Sprache heraus und in die englische hinein.

Was mir die erste, eigene bedeutet hatte, lehrte mich der Verlust. Sie wiederzuerhalten, bedeutete ein Geschenk; ich habe nie mehr aufgehört, mich darüber zu freuen. Dennoch erscheint mir, daß ich lange in zwei Sprachen schrieb, als Vorteil. Es verhalf mir dazu, meine Ausdrucksmittel mehrdimensional zu sehen, gleichsam stereoskopisch. Freilich bewirkte es auch, daß ich die Kriterien des einen Bereichs in den anderen übertrug, daß eine Neigung zum Anschaulichen, Bildhaften, Durchsichtigen sich in mir verstärkte, zugleich eine gewisse Scheu vor der Abstraktion, in die das Deutsche so oft verfällt.

Mehr noch: was Dr. Johnson das Pedigree der Nationen nannte, eben die Sprache, nahm für mich eine übernationale Qualität und die Bedeutung der einzig dauerhaften Heimstatt an. Ich weiß wohl, denn meine logisch-positivistischen Lehrer haben es mir beigebracht, daß sie die Wirklichkeit nicht wiedergeben kann, nur ein Netz ist, durch dessen Maschen die Substanz der Dinge fällt. Aber eben diese Substanz, so glaube ich, läßt sich durch die Dichtung erfassen. Dazu ein Wort von Emerson: »Sprache ist fossile Literatur«.

All das soll nicht anmaßend klingen. Meine Demut vor den Auserwählten, die uns die wahre Wirklichkeit vermitteln, ist groß. Für mich gilt der Vers von Karl Kraus: »Ich bin nur einer von den Epigonen, die in dem alten Haus der Sprache wohnen«. Ich habe mich immer als ihre Dienerin betrachtet, sie nie gewaltsam zu zügeln und zu gängeln versucht. Man kann ihr dienen in der Belétage und in der Besenkammer. Mir war es in meinem arbeitsreichen Leben bestimmt, mich weit häufiger im Souterrain aufzuhalten – wenn nicht in der Besenkammer, so in der Garderobe, wo man, wie Sir Henry Wotton vom Kritiker sagte, dem Edelmann die Kleider bürstet. Aber im Haus der Sprache immerhin. Ich danke Ihnen, daß Sie mir nun das Wohnrecht darin zugesichert haben.