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Bernhard Zeller

Bernhard Zeller

Literary historian and Archivist
Born 19/9/1919
Deceased 7/9/2008
Member since 1976

Self introduction

 

Für die Aufnahme in die Kreise der Akademie sage ich Dank. Ich freue mich darüber und bin doch nicht ohne ein gewisses Erstaunen, denn mag ich auch eine Reihe von Büchern geschrieben und eine wesentlich größere Reihe herausgegeben, mitherausgegeben oder zur Herausgabe verleitet haben – zu den praktizierenden Schriftstellern im eigentlichen Sinne, den Neues Schaffenden, oder wie man heute meint sagen zu müssen, zu den kreativen Autoren, habe ich mich nie gerechnet. Und so stehe ich mit angemessener Befangenheit hier vor Ihnen, auch verunsichert natürlich: Was kann, was soll ich sagen, um in gebotener Kürze das eigene Ich oder was man davon wichtig nennt, einigermaßen zu empfehlen und Ihre Wahl zu rechtfertigen?

Aber ich nehme wohl mit einigem Recht an, daß es bei dieser Wahl weniger um meine Person als um deren Funktion und berufliche Geschäfte gegangen ist, und diese sind in der Tat, mit Literatur und mit Sprache und mit den Werken und dem Leben der Schriftsteller eng verbunden. Mein Beruf – wer von Ihnen bei der Frühjahrstagung mit in Marbach gewesen ist, hat vielleicht eine gewisse Vorstellung davon gewonnen – ist mir zu einer Aufgabe geworden, mit der ich mich vielleicht fast zu sehr identifiziert habe; er ist ein Stück meines eigenen Ichs.

Obwohl Traditionen zerbrochen, der Glaube an das Dauernde, auch an die Dauer des Wertes der Dichtung, fragwürdig geworden, gilt meine ganze Arbeit seit bald einem Vierteljahrhundert als Literaturarchivar und als Bibliothekar, als Museumsdirektor und Literaturhistoriker dem Dienste an der Überlieferung von Literatur, dem Sammeln und Bewahren und Tradieren von Werken der Dichtung und den Zeugnissen ihrer Entstehung, dann der Dokumentation ihrer Wirkung, also den mannigfachen Spuren ihrer Rezeption und schließlich nicht minder ihrer Vermittlung: sei es durch Forschung oder Forschungsförderung – vor allem von Editionen –, sei es auf breiterer Ebene durch Ausstellungen und Kataloge oder durch sonstige literarische Veranstaltungen verschiedenster Art.

Ich hatte das Glück, die Idee eines Deutschen Literaturarchivs entwickeln und verwirklichen zu können. Dank der Hilfe und Mitarbeit vieler konnte ein Institut aufgebaut werden, das bei aller Bedeutung, die der Sicherung des Gesammelten zukommt, doch nicht zu einem Mausoleum der Geister erstarrte, sondern eine sehr lebendige Stätte der Forschung und auch der Gegenwärtigkeit der Literatur geworden ist.

Ein Wort doch noch zur Person: ich bin Schwabe, lebe und arbeite in dem Land und in der Landschaft, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Liebe zur Literatur und ein elementares Interesse an allem Geschichtlichen haben mich über manche nicht gerade vorbestimmten Wege zu meinem Berufe geführt. Die Passion des Sammelns und des Festhaltenwollens dessen, was der Überlieferung wert scheint, hat zweifellos starke Impulse durch die Erfahrungen und das Erleben jener Jahre der Zerstörungen gewonnen, in die ich, wie so viele meiner Generation – ich bin 1919 geboren – als kurzbehoster junger Pfadfinder hineingestolpert und mit nichts mehr als einem Rucksack auf ausgehungertem Leib herausgekommen bin – verwundert darüber, überhaupt davongekommen zu sein.

Nahezu alle meiner direkten Vorfahren bis zurück ins Jahrhundert der Reformation haben als württembergische Pfarrer Kirchenbücher geführt, haben als Chronisten ihrer Gemeinde treu und genau jene Fakten verzeichnet, die das Leben bestimmen: Geburt, Hochzeit und Tod. Ich bin aus der Reihe ausgeschert, bin etwas abtrünnig geworden; aber vielleicht ist der Sinn für Tradition ein Stück überkommenen Erbes – belastend und verpflichtend zugleich.