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Debates on Europe III-V

Debatten
in Bukarest, Athen, Belgrad und Berlin

Angesichts der aktuellen Spannungen vor allem in Osteuropa diskutieren Schriftsteller und Wissenschaftler aus europäischen Ländern über zentrale Herausforderungen des europäischen Projekts.

2014 haben die Debatten in Bukarest (III), Athen (IV) und Belgrad (V) stattgefunden. Die Leitfrage war: »Wie viel Europa darf es sein?«. Die Protagonisten dieser Begegnungen sind Ende Februar 2015 in Berlin zusammenkommen, um ihre Positionen zu diskutieren.

Eine Kooperation der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit der S. Fischer Stiftung und der Allianz Kulturstiftung, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Texte Berlin

Zur »Bucharest Debate«:

Andrei Pleşu: Zur Einführung in das Gespräch über die »Bukarester Debatte über Europa«

Zur »Athens Debate«:

Mikela Chartoulari: Kultur und Krise

Zur »Belgrade Debate«:

Dubravka Stojanović: Die »Belgrader Debatte über Europa«: Integrationsmüdigkeit

Kultur und Krise

Mikela Chartoulari

Kritische Zusammenfassung der Themen und Fragen, die während der »Athener Debatte über Europa« zur Sprache gekommen sind

Ich möchte mit einer literarischen Beschreibung des Klimas beginnen, das seit 2010 die griechische Gesellschaft beherrscht. Es handelt sich um einen Auszug aus dem neuen Buch des 45-jährigen Schriftstellers Christos Ikonomou, das 2014 veröffentlicht wurde:(1)
»Es ist beängstigend, wenn du darum kämpfst, dein Leben wieder auf die Beine zu stellen, es neu aufzubauen, und dabei darum ringst, deine größte Furcht zu bewältigen. Und diese Furcht ist nicht die Furcht vor dem Tod, sondern die Furcht vor dem Leben, die Furcht zu leben, die Angst, ein Leben in Angst zu leben. Es ist diese Furcht vor dem Leben, die dich jeden Tag ein bisschen sterben lässt. [...] Und so findest du dich wieder, gefangen irgendwo zwischen der Furcht, die das Feuer verursacht, und der Furcht, die die Dunkelheit schafft, und weißt nicht, für welche der beiden du dich entscheiden sollst. Und schon packt dich eine neue Furcht, eine noch größere, denn in dem Moment begreifst du, wie erschreckend es ist, dass du begonnen hast, nicht mehr wie ein Mensch zu reagieren, sondern wie etwas Anderes. Denn kein Mensch würde sich jemals fragen, was schlimmer ist, das Feuer oder die Dunkelheit. Und das, was dir am meisten Angst macht, ist, dass du nicht weißt, was dieses Andere ist, in das du dich gerade verwandelst ...«
Es waren Werke der Literatur und nicht der politische Diskurs, in denen zuerst dieser Existenzangst ebenso wie dem Gefühl der Ausweglosigkeit ein Ausdruck verliehen wurde, diesen beiden zentralen Faktoren, die den Alltag der Griechinnen und Griechen in den vergangenen Jahren unter dem Druck der härtesten neoliberalen Maßnahmen geprägt haben. Die Existenzangst hat unser alltägliches Leben aus der Bahn geworfen, sie hat uns aber gleichzeitig auch gezwungen, darüber nachzudenken, wie wir leben wollen.
Das erste Opfer der Krisenpolitik war der Sozialstaat. Vielerorts in der Europäischen Union war zu beobachten, wie dies gesellschaftliche und politische Ungleichheit zur Folge hat, die wiederum kulturelle Ungleichheit, kulturelle Diskriminierung und kulturelle Ausgrenzung hervorbringt. Im konkreten Fall Griechenlands war nach den strategischen Maßnahmen, die die Regierungen Papandreou, Papadimos und Samaras umgesetzt haben, die Kulturlandschaft völlig auf den Kopf gestellt. Zugleich haben wir aber eine wahre Explosion des kreativen Schaffens erlebt.
Seit dem 25. Januar gibt es jedoch einen weiteren Faktor, der die Kulturwelt beeinflusst:(2) Es ist der frische Wind, der seit der Wahl der Regierung Tsipras in Griechenland weht. In diesem Sinne sind die Debatten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung dicht am Puls der Zeit und spiegeln die Entwicklungen der Geschichte, die gegenwärtig geschrieben wird! Bereits jetzt können wir sehen, dass ein grundlegender Kurswechsel gegenüber der Kulturpolitik der vergangenen Jahre stattfindet: die Zusammenlegung des Bildungsministeriums mit dem Kulturministerium (unter Federführung angesehener Intellektueller) unterstreicht, dass Kultur kein Luxus ist, sondern ein Allgemeingut, ein grundlegender Wert für die Bildung der Bürger. Man könnte sagen, dass dies der erste Schritt hin zu einem Paradigmenwechsel in der großen Frage des Zusammenhangs zwischen Kultur und Demokratie ist. Diese Beziehung ist, wie bereits viele Teilnehmer an der »Athener Debatte über Europa« (3.–4.12.2014) betont haben, keine ausschließlich griechische Frage, sondern eine europäische.

A) Kritische Fragen an die Strategien der Europäischen Union
In den Jahren der globalen Krise hat sich die Europäische Union schrittweise der Ideale des Humanismus entledigt. Dies wurde in Athen von den Schriftstellern Christos Asteriou und Christos Chrysopoulos ebenso wie von Lena Divani, Dozentin für Diplomatiegeschichte und Autorin, hervorgehoben. »Auf dem Altar der wirtschaftlichen Sanierung und der Einsparungen« seien, so erklärten sie, » einige grundlegende europäische Errungenschaften geopfert worden«. Zum Beispiel drohten das wichtige politische Ziel einer Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung und Kultur und damit auch die Chance sozialer Mobilität an Bedeutung zu verlieren oder gänzlich aufgegeben zu werden. Dies habe dazu geführt, dass in den Gesellschaften Europas die politischen Strategien der Europäischen Union zunehmend in Frage gestellt würden. Diese Politik vergiftet die demokratische Kultur Europas und beschädigt die europäische Identität, wie sie uns vertraut war. Gleichzeitig erzeugt bzw. fördert diese Politik in einem Europa der sprachlichen, kulturellen und ethnischen Vielfalt nicht nur Formen der Diskriminierung, sondern auch Phänomene der Auflösung wie Neonazismus, Rassismus, Xenophobie, Islamophobie oder Homophobie.(3)
Wie kann also die Europäische Union als einende Kraft funktionieren? Was wird der kulturellen Ausgrenzung schwacher Bevölkerungsgruppen, die den Alltag der letzten fünf Jahre kennzeichnet, entgegengesetzt? Muss die EU vielleicht eine verantwortliche Rolle einnehmen und die sozialen Akzente im Kulturgeschehen stärken? Oder ist etwa eine Neudefinition der europäischen Identität notwendig?

B) Die neuen dynamischen Mäzene und die unterwürfige Haltung des Staates
In Griechenland begann alles bereits kurz vor dem Jahr 2010 – mit der Geringschätzung der Kultur durch die Regierungen, die die Geschicke des Landes nach der »Party« der Olympischen Spiele 2004 lenkten. In der Amtszeit von Antonis Samaras als Kulturminister, im Jahr 2009, unterzeichnete die griechische Regierung einen Schenkungsvertrag mit der gemeinnützigen Stiftung Stavros Niarchos. Die Stiftung verpflichtete sich darin, bis Ende 2015 ein neues, 22000 Quadratmeter großes Gebäude für eine ultramoderne Nationalbibliothek, ein neues Opernhaus und einen großen Park auf einem hochwertigen Grundstück gleich am Meer im Athener Stadtteil Faliriko Delta der Öffentlichkeit zu übergeben. Damals begann sich ein Phänomen zu entwickeln, das sich mit der Wirtschaftskrise(4) zuspitzte und bedeutsame Veränderungen in der Kulturwelt mit sich brachte. Es breitete sich das »amerikanische« Modell aus, das auch in der Kulturpolitik anderer europäischer Länder an Einfluss gewinnt, so zum Beispiel in Frankreich und England, aber auch in Deutschland, wie Nike Wagner, Intendantin des Bonner Beethovenfestes, in ihrem Vortrag in Athen bestätigte. Für Griechenland bedeutet dies im Detail:
1) Über gemeinnützige Stiftungen(5) drängt privates Kapital energisch auf die »Agora« der Kultur. Große moderne Mäzene, die Danaer sozusagen, verbessern die das Kulturleben, fördern das zeitgenössische intellektuelle und künstlerische Schaffen und modernisieren die kulturelle Infrastruktur – allerdings geschieht dies mit selektiven Eingriffen. Die Onassis-Stiftung erwirbt beispielsweise das Kavafis-Archiv, die Niarchos-Stiftung organisiert eine moderne Leihbibliothek in Athen, unterstützt einige öffentliche und städtische Bibliotheken und finanziert die Übersetzung der Werke von Aristoteles. Gleich mehrere Stiftungen (Onassis, NEON, Daskalopoulos) fördern Theaterautoren, Schauspieler, Maler und Architekten, beispielsweise, indem sie Retrospektiven organisieren. Diese Stiftungen verändern durch ihre Arbeit allmählich den kulturellen Kanon und die kulturelle Landschaft Griechenlands.(6)
2) Gleichzeitig zieht sich der Staat aus seiner Rolle als Förderer zurück. Seit dem Jahr 2010, nach dem Abbau der Abteilungen des Kulturministeriums im Zuge der Sparmaßnahmen hat der Staat die Zügel der Kulturpolitik ausschließlich für den Bereich des kulturellen Erbes in der Hand behalten. In der Praxis bedeutet dies die ideologische und biopolitische Instrumentalisierung der Antike durch die »Memorandum«-Regierungen, während die lebendige Szene der modernen Kultur stillschweigend den privaten modernen Mäzenen überlassen bleibt.(7)
»Wer gestaltet«, so fragte Christos Asteriou bei unseren Athener Diskussionen, »letztendlich den kulturellen Masterplan in Zeiten der Krise in Griechenland?« Hat die Sparpolitik am Ende einer Kolonialisierung der Kultur durch die Wirtschaft den Boden bereitet? Die griechische Regierung hat sich nicht die Möglichkeit vorbehalten, bei der privaten Kulturfinanzierung regulierend einzugreifen – bis heute ist ihr Verhältnis zu den neuen Danaern nicht geklärt. Was bedeutet die Vorherrschaft der Kultur der Stiftungen für die griechische Gesellschaft? Auf Grundlage welchen Modells wird die kulturelle Identität des heutigen Griechenlands gestaltet werden – von oben herab (top-down) oder von der Basis (bottom-up)?(8) Haben wir ein Recht auf Kultur? Diese Frage, die für Griechenland weiterhin unbeantwortet bleibt, ist, denke ich, eine Frage, die auch die Europäische Union beantworten muss.

C) Das Buch ist kein Kulturgut mehr
Ich möchte Ihnen an Beispielen aus der Welt der Bücher die wirtschaftlichen und auch qualitativen Folgen der Krisenpolitik verdeutlichen, wie sie von den Leitern zweier großer Verlagshäuser, Eva Karaitidis (Estia Verlag) und Argiris Kastaniotis (Kastaniotis Verlag), sowie vom Autor Christos Asteriou und der Übersetzerin Alexandra Pavlou während der Athener Debatten dargelegt worden sind.
Seit 2011 wurden 700 Schulbibliotheken und das Europäische Zentrum für Literarisches Übersetzen geschlossen. Sämtliche Aktivitäten des Nationalen Buchzentrums wurden gestrichen, die Artists’ Residence auf Paros hat zugemacht, die Nationalbibliothek muss ohne Bibliographie heimischer Autoren, ohne Digitalisierung und ohne Personal auskommen. Gleichzeitig wurde die Mehrwertsteuer auf Bücher verdoppelt wurde. Und am Ende, nach einem Vorschlag unter anderem der OECD, wurde darüber hinaus die Buchpreisbindung abgeschafft – unter dem Vorwand, dass dies den Markt beleben werde.
Die staatlich gestützte Infrastruktur im Bereich der Bücher brach zusammen, der Markt wurde dereguliert, mit der Folge, dass die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Buchbranche um 50 Prozent sank. Das Buch wurde vom Staat nicht länger als Kulturgut behandelt – ein entscheidender Faktor in einem Land wie Griechenland, in dem die Zahl der Leser ohnehin sehr gering ist.(10) Während sich die Bücherbasare vervielfacht haben, kämpfen die kleinen Buchgeschäfte täglich ums Überleben, die großen Ketten mussten schließen oder sind geschrumpft(11) und die Buchhändler haben nicht genug flüssige Mittel, um die Verlage zu bezahlen, die wiederum Schwierigkeiten haben, ihre Übersetzer, Lektoren und Editoren zu finanzieren (die meisten Verlagshäuser sind Familienunternehmen). Die gesamte Branche basiert mittlerweile auf nichts anderem mehr als Leidenschaft und Selbstausbeutung. Eine andere Folge ist, dass immer weniger Verleger das Risiko eingehen, etwas Neues, »Schwieriges«, Unbekanntes vorzustellen. Und so durchläuft die Buchbranche (der Markt und die »Agora«) einen Qualitätswandel, sie wird ganz dem Diktat des Marktes unterworfen.
Obwohl die Lage heute sehr schwierig ist, hat sich ein lebhaftes intellektuelles Leben erhalten. Es gibt immer noch viele anspruchsvolle Bücher von griechischen oder internationalen Autoren, allerdings nur noch in kleinen Auflagen, und es finden rege Diskussionen rund um Bücher statt, die dem öffentlichen politischen und gesellschaftlichen Dialog Nahrung geben. Doch kann dies auf Dauer keine Lösung sein, weder für die Branche, noch für das kulturelle Leben in Griechenland überhaupt. Die Verbindung zwischen Kultur und Demokratie ist in Griechenland ebenso wie in Europa heute nicht mehr selbstverständlich. Wenn wir weiterhin an diese Verbindung glauben wollen, dann müssen wir vielleicht neue Regeln des Zusammenlebens in einer demokratischen Kultur entwickeln, für eine kulturelle Demokratie in Europa.


Anmerkungen

(1) Το καλό θα’ρθει από τη θάλασσα [Das Gute wird aus dem Meer kommen]. Polis Verlag.

(2) Der Begriff der »Kultur« schließt die Mentalität und die Alltagskultur mit ein.

(3) »Von den verschiedenen europäischen Programmen ist das ERASMUS-Programm das einzige, das im Hinblick auf die Stärkung und Bereicherung der europäischen Identität tatsächlich zu 100 Prozent funktioniert hat«, so Divani. Sie betonte jedoch auch, dass selbst die Jugendlichen, die das Programm genutzt haben, mit der Unsicherheit im Hinblick auf die Beschäftigungssituation konfrontiert sind. Etwa 200000 Nachwuchswissenschaftler haben Griechenland verlassen, weil sie sich in einer Sackgasse befanden. Der 46-jährige Chrysopoulos sprach seinerseits in der Athener Debatte direkt davon, dass eine »Neudefinition der europäischen Identität« und eine »Neugründung des Wohlfahrtsstaates« nötig seien.

(4) Gemeint sind die Sparpolitik, die Defizitpolitik, der Schutz der Interessen der Banken, das Abfließen des Wohlstands an das europäische Zentrum und schließlich die Zerrüttung der sozialen Rechte – ebenso wie die Art und Weise, wie diese Politik als Strategie der griechischen Regierungen umgesetzt wurde.

(5) Die gemeinnützigen Stiftungen Niarchos, Onassis, Daskalopoulos (»Neon«), Bodossakis, Theocharakis, Kakoyannis usw.

(6) Zum Beispiel ist es typisch, dass die alten Eliten von der neuen kulturellen Landschaft verdrängt werden – berühmte Beispiele sind das Benaki-Museum oder das Megaro Mousikis (Konzerthalle), die das Qualitätsniveau des kulturellen Lebens angehoben, aber übertrieben hohe staatliche Zuschüsse bekommen haben.

(7) Die modernen Mäzene entscheiden über keine ihrer zentralen Aktivitäten gemeinsam mit dem Kulturminister. Sie halten das Ruder allein in der Hand, bitten die Regierung nicht um Finanzkapital, erhöhen aber ihr eigenes symbolisches Kapital. Sie häufen Macht an, die sie als Druckmittel bei ihren Geschäftstätigkeiten einsetzen. Ein charakteristisches Beispiel ist das Projekt »Rethink Athens«.

(8) Der neue Chef im Kulturministerium, Nikos Xydakis, hat eine Hervorhebung der neuen Kräfte Griechenlands versprochen, aber wie will er mit den gemeinnützigen Stiftungen, die über das große Kapital verfügen, konkurrieren?

(9) Das Nationale Buchzentrum (E.KE.BI), das 1994 gegründet wurde, hat unter anderem eine nationale Strategie zur Förderung der Freude am Lesen, den Aufbau von Beziehungen mit anderen Ländern, die Lösung von Problemen der Buchbranche, den Zusammenschluss von Verlegern und Autoren sowie die Schaffung einer Informationsplattform (biblionet.gr) für die Buchproduktion und deren Hauptakteure realisiert.

(10) Lediglich 8,5 Prozent der Griechen lesen mehr als zehn Bücher im Jahr, und drei Viertel der Bevölkerung lesen überhaupt nicht.

(11) FNAC hat sich aus Griechenland zurückgezogen. Von den ursprünglich 2000 Bücher- und Bürobedarfgeschäften im Jahr 2007 sind 700 übrig geblieben, von denen nur 100 qualitativ hochwertig sind.