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Debates on Europe III-V

Debatten
in Bukarest, Athen, Belgrad und Berlin

Angesichts der aktuellen Spannungen vor allem in Osteuropa diskutieren Schriftsteller und Wissenschaftler aus europäischen Ländern über zentrale Herausforderungen des europäischen Projekts.

2014 haben die Debatten in Bukarest (III), Athen (IV) und Belgrad (V) stattgefunden. Die Leitfrage war: »Wie viel Europa darf es sein?«. Die Protagonisten dieser Begegnungen sind Ende Februar 2015 in Berlin zusammenkommen, um ihre Positionen zu diskutieren.

Eine Kooperation der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit der S. Fischer Stiftung und der Allianz Kulturstiftung, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Texte Athen

4.12.2014, 10.30 Uhr: Zur aktuellen Lage der Literatur und der Medien in Griechenland

Argyris Kastaniotis: Kann ein Buch dein Leben ändern, Griechenland?

Alexandra Pavlou: Athener Debatte über Europa: Kultur und Krise

4.12.2014, 19 Uhr: »Kultur in der Krise - Krise der Kultur«

Christos Asteriou: Krise und Kultur – drei griechische Feststellungen

Mikela Chartoulari: Kultur der Krise – Kulturkrise

Eva Karaitidi: Kultur in der Krise – Kulturkrise

4.12.2015, 20.45 Uhr: »Welches Europa wollen wir?«

Kostas Kosmas: Kultur in der Krise, Kulturkrise

Christos Chrissopoulos: Europas Wiederherstellung

Lena Divani: Welches Europa wir brauchen

Kultur in der Krise – Kulturkrise

Eva Karaitidi

Die Krise als Chance für den Kulturwandel

Die Krise, ein griechisches Wort mit mehreren Konnotationen, bedeutete in der antiken Kultur die Entscheidung, die Verurteilung, den unglücklichen Gang der Dinge; so steht es im Wörterbuch. Man sagt, das chinesische Wort bedeutet auch Chance. Die beiden antiken Kulturen haben eine Gemeinsamkeit: die Chance oder den Anspruch auf Veränderung. Auch aus medizinischer Sicht kann man das so sehen, dass die Verschärfung der Symptome zu einem chronischen Zustand führt, und aus diesem Zustand kann uns nur die Umkehrung unserer Gewohnheiten, unserer eingefahrenen mentalen Programmierung befreien. Wir müssen raus aus dem Selbstmitleid, aus fruchtloser Kritik und Theoriegeschwätz.
Wollen wir konkret das Beispiel der Buchbranche unter diesem Aspekt betrachten, so müssen wir zeitlich etwas weiter zurückgehen.

Die letzten Jahrzehnte in Griechenland: ein hoffnungsvoller publizistischer Aufbruch ohne die entsprechende Reaktion des Lesepublikums

Griechenland erlebte im 20. Jahrhundert traumatische politische Abenteuer, die in der siebenjährigen Diktatur (1967–1974) gipfelten. Eine große verlegerische Blüte entstand zum ersten Mal nach der Wiederherstellung der Demokratie 1974. Von 2000 neuen Büchern 1967 kommt man 1993 auf ca. 4200 (Aikaterini Lamprou, Der Buchhandel in Griechenland. 1974–2009, Athen 2012; und Eva Karaitidi, Quelle politique du livre en temps de crise, Conférence au Palais de l’Unesco, Paris 2014).
Schrittweise werden in den achtziger und vor allem in den neunziger Jahren alle Berufe, die mit dem Buch zu tun haben, erweitert und entwickelt. Gleichzeitig entstehen die institutionellen Voraussetzungen für einen wohlfunktionierenden Markt:

• 1993 wird das Gesetz zum Schutz geistigen Eigentums in allen kreativen Bereichen verabschiedet.

• 1994 wird das Nationale Buchzentrum (EKEBI) gegründet. Bis zu seiner Abschaffung startete das EKEBI mehrere Initiativen, u. a. von 1998 an die erste systematische, digitale Erfassung der Buchproduktion (biblionet).

• 1997 wird das Buchpreisbindungsgesetz, inspiriert von dem durch Jacques Lang in Frankreich 1981 entworfenen Gesetz, verabschiedet.

Gleichzeitig und in der Folge:

• Die verlegerische Tätigkeit in den internationalen Markt intensivierte sich durch eine beeindruckende Zunahme und Qualitätsverbesserung der Übersetzungen ins Griechische.

• Das Buch, sowohl inhaltlich wie als Produkt, erreichte ein Höchstmaß an Qualität.

• Die Zahl der Raubeditionen nahm ab.

Die Buchlandschaft heute: Die Auswirkung der finanziellen Misere auf das Lesepublikum und die Buchbranche

• Titelanzahl: 2006 erschienen 10300 neue Titel, 2011 waren es nur noch 8333, und seither nimmt die Zahl der Neuerscheinungen kontinuierlich ab. Für die letzten Jahre stehen keine Zahlen zur Verfügung, da die Informationsquellen schrittweise abgeschafft wurden.

• Anzahl der Verlage: 2011 gab es 927 Verlagshäuser, davon gaben 21 über 80 Titel jährlich heraus, 146 zwischen 10 und 80 und 760 weniger als 10 (Nationales Buchzentrum).

• Schreibwaren- und Buchhandlungen: 2007 gab es 2000 solcher Läden (Nationales Buchzentrum), 2014 nicht mehr als 700, davon können lediglich 300 ihre finanziellen Verpflichtungen erfüllen, so Athanasios Psychogios, Verleger des Psychogios-Verlags, wobei es nur 100 reine und qualifizierte Buchhandlungen im ganzen Land gibt, so Nikos Liverios, Inhaber der Politeia-Buchhandlung in Athen.

• Das Lesepublikum ist klein und stagniert seit den letzten zweieinhalb Jahrzehnten des Bücherbooms. Nach aktuellen Statistiken lesen nur ca. 8 bis 8,5 % der Griechen mehr als zehn Bücher im Jahr.

• Die staatlichen Buchförderinstitutionen (Kultus- und Kultusministerium) agierten stets mangelhaft und oft intransparent oder sogar irrational bezüglich der öffentlichen- und der Schulbibliotheken, der Übersetzungsförderung aus dem Griechischen, der Beibehaltung eines einzigen Schulbuches usw. Es sieht nicht so aus, als ob sich die Situation verbessern würde.

• Das Buchpreisbindungsgesetz wurde 2014 offiziell modifiziert, doch tatsächlich wurde es abgeschafft. Nach einer Initiative der OECD und unter dem Druck der finanziellen Entwicklungen wurde das Buch auf eine Ebene mit Milch und Benzin gestellt. Nach Meinung der Finanzspezialisten sollte die Buchpreisbindung ganz abgeschafft werden.

• Die Lohn- und Gehaltskürzungen für Beamte und Angestellte sowie die Pensionskürzungen für Beamte und die hohe Arbeitslosigkeit ließen das sowieso kleine Lesepublikum noch weiter schrumpfen. Die Leser, die dazu auch durch die willkürlichen Rabatte völlig desorientiert wurden, suchen nach Billigbüchern auf Flohmärkten und in sogenannten Ramschbuchhandlungen. Die Vertriebsnetzwerke sind im Begriff, sich aufzulösen. Viele Autoren probieren die Wege der Selbstpublikation aus, um die »Vorteile« der neuen Ära zu nutzen: direkter Vertrieb an ausgewählte Buchhandlungen, ohne die Einmischung von Verlegern und Vertrieb.

• Die Zahl der Bücher und Buchhandlungen ist geschrumpft, und der Umsatz in der sowieso schwachen Buchbranche hat sich in den letzten Jahren schätzungsweise um 50 % verringert. Große Buchhandlungen und Ketten sind entweder endgültig geschlossen oder in Konkurs gegangen. Überhaupt sind die meisten Buchhandlungsketten zusammengebrochen. Nur eine – offiziell griechische – scheint auszuhalten und zu expandieren, trotz schlechter Bilanzen und dank der Kulanz von Verlegern und Grossisten, die die hohen Kosten der griechenlandweiten Filialen schultern. FNAC, ein europäischer Konzern, kam 2005 mit großen Erwartungen nach Griechenland und zog sich 2010 endgültig zurück.
Das Athener Zentrum, wo viele Buchhandlungen zu Hause waren, verödete seit 2006/2007 wegen zunehmender Kriminalität, politischer Unruhen und andauernder Demonstrationen, die das Lesepublikum vertreiben.
Heute hat sich die Situation im Stadtzentrum normalisiert, trotz der anhaltenden wirtschaftlichen und politischen Instabilität. In den letzten Jahren öffneten neue, kleinere, geschmackvolle und professionell anspruchsvolle Buchläden.
Schieflage zwischen den vielen Verlagen und ihrer Buchproduktion und auf der anderen Seite dem Lesepublikum ist weiterhin da. Den Fachleuten der Buchbranche wird langsam klar, wie die Situation in Wirklichkeit ist. Viele Verlage sind Familienbetriebe, und viele Verlegerinnen und Verleger arbeiten passioniert und mit einer hohen Moral, wobei sie alles in ihr Unternehmen investiert haben, ohne je mit Gewinn zu rechnen.

Das Beispiel Hestia-Verlag – was wir geändert haben, was wir heute verlegen

Wir beim Hestia-Verlag, dem ältesten Verlag in Griechenland (gegründet 1885), haben keinen Richtungswechsel vollzogen.

• Wir haben unsere Ausgaben rationalisiert, indem wir die Gehälter um 10 % gekürzt haben; dafür verlegen wir weiterhin keine marktkonforme, sondern anspruchsvolle Literatur; auch Erzählungen, Philosophie oder unbekannte, junge Prosaautoren.

• Wir haben eine große und einzigartige Backlist (die Moderne der dreißiger Jahre, die Reihe der postbyzantinischen und neueren Literatur, wichtige griechische und fremdsprachige Autoren), deren Titel regelmäßig nachgedruckt werden, was zur Zeit der Krise ein Stabilitätsmerkmal ist. Dies bedeutet wiederum auch immense Kosten an Rechten.

• Dieses Jahr haben wir weniger Bücher veröffentlicht (ca. 30 insgesamt) und in kleineren Auflagen; wir haben einige Novitäten mit 800 Exemplaren. Seit einiger Zeit erscheint unsere Literatur- und Kulturzeitschrift Nea Hestia, die ohne Unterbrechung seit 1927 herauskommt) nicht mehr monatlich, sondern vierteljährig.

• Unsere Maßstäbe für Papierqualität, Mitarbeiter, Übersetzer und Lektoren haben sich nicht geändert, doch sind die Konditionen andere, als in den wenigen Jahrzehnten der »Wachstums«, des gedankenlosen Börsenwohlstands, der Banken und des Konsums.

Unsere Motivation bleibt dieselbe. Die Verleger haben einen Bildungsauftrag. Literatur, Geschichte, Philosophie altern nicht, egal wie groß ihr Publikum ist. Und solche Unternehmen waren noch nie populär.

Zur Feier seines 130-jährigen Bestehens hat der Hestia-Verlag eine neue Buchhandlung eröffnet, klein und gut sortiert. Außerdem planen wir die Erweiterung traditionsreicher Reihen und Texte.

Die Buch- und Kulturförderung heute – kleine, multiple Zentren, Streuung der Buchkritik im Internet, Stiftungen mit Großprojekten, eine Explosion der Theater- und Tanztruppen

Die Auswirkungen der Abschaffung der Buchpreisbindung sind sichtbar in der nahezu erstickten Buchhandelslandschaft. Zwei oder drei Buchhandlungen bieten hohe Rabatte für Neuerscheinungen an, eine andere große Buchhandlung arbeitet systematisch damit, viele schließen oder erleben große Schwierigkeiten.

• Es werden regelmäßig kostenlose Lesungen in Buchhandlungen oder Bars organisiert. Das ist eigentlich die einzige Möglichkeit für einen Verleger, seine Bücher etwas besser zu vertreiben, da sich die Buchhandlungen, selbst die großen, keine Großbestellungen mehr leisten können. Immer mehr Leute kaufen immer weniger Bücher und sie leihen sie aus oder verschenken sie weiter.

• Die Leidenschaft, die Verleger und Buchhändler antreibt, zeigt sich in endlosen Diskussionen, live oder im Netz. Das Fernsehen hat mit seinen ehemaligen und meistens langweiligen Buchsendungen nie eine beträchtliche Leserschaft beeinflusst. Viele Menschen entfernen sich täglich und bewusst von dieser Art der Manipulation, die auf unserem Planeten in den letzten Jahrzehnten herrscht.

• Die Wirkung der Mundpropaganda, die nun auch über die sozialen Netzwerke verbreitet wird, ist stärker denn je.

• Die Presse schrumpft ebenso dramatisch. Das Feuilleton und die Literaturbeilagen werden zwar immer weniger, doch sie werden nach wie vor gelesen und regen ein kleines, doch treues Publikum an, das nach ihnen wie nach einer Rettungsleine greift.

• Da mittlerweile der Staat praktisch nicht mehr in der Lage ist, eine rationale Kulturpolitik zu machen (das Zeichen unserer Zeit ist die konstante Unmöglichkeit einer transparenten Kommunikation von allen mit allen), haben die gemeinnützigen Stiftungen einige teure Kultureinrichtungen übernommen. Mangels staatlicher Aktivitäten wird durch private Stiftungen die neue Nationalbibliothek gegründet – an dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass die (2013 nach 128 Jahren endgültig geschlossene) Hestia-Buchhandlung jahrelang eine vollständige Liste aller Neuerscheinungen herausgab und kostenlos zur Verfügung stellte, da sich die Nationalbibliothek nie darum gekümmert hatte. Durch Stiftungsgelder werden außerdem Musik-, Tanz- und weitere Kulturveranstaltungen organisiert und gefördert. Das Publikum sehnt sich danach, und viele Theaterensembles, die keine staatliche Förderung mehr erhalten, finden darüber Auswege zum Überleben; gleichzeitig blüht die alternative Kultur.

Effektive Kommunikation und Aufbau neuer Strukturen als Schlüssel

Keine neuen Bankkredite, hohe Schulden und Steuern, reduziertes Personal und radikal gekürzte Einnahmen, schärfster Konkurrenzkampf, bei dem große, mittlere und kleine Verleger ums Überleben kämpfen, oft, indem sie sich gegenseitig zerfleischen oder Autoren abwerben, die von anderen Verlegern bekannt gemacht wurden – worauf kann heute ein griechischer Verleger hoffen?

• Darauf, dass er sich ehrlich auf seine Ziele und Motivationen konzentrieren und einen Ausgleich zwischen seinen Bedürfnissen und seiner sozialen Rolle finden kann. Auf einen Buchmarkt, auf dem der Qualitätsanspruch entscheidend bleibt.

• Auf die Optimierung der Kommunikation mit seinen Kollegen und den staatlichen Institutionen. Es gibt heute Dutzende Verleger- und Buchhändlerverbände sowie zwei Börsenvereine in unserem Land.

• Auf die Rettung, Wiederherstellung oder Neuerschaffung von Strukturen wie die Buchpreisbindung oder das Nationale Buchzentrum, auf die heute sogar ihre ehemaligen Gegner wehmütig zurückblicken.

• Auf seine Präsenz in europaweiten Netzwerken, die eine angemessene Basis für Literatur und Kultur schaffen, sowie den Ausbau einer effektiven Partnerschaft mit europäischen Buch- und Kulturinstitutionen.

• Auf eine professionelle und ehrliche Arbeit, unabhängig vom herrschenden politischen Klima, so dass irgendwann das Buch von den meisten Griechen als wichtiger Bestandteil ihres Alltags und als Garant für Lebensqualität betrachtet wird.