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Debates on Europe III-V

Debatten
in Bukarest, Athen, Belgrad und Berlin

Angesichts der aktuellen Spannungen vor allem in Osteuropa diskutieren Schriftsteller und Wissenschaftler aus europäischen Ländern über zentrale Herausforderungen des europäischen Projekts.

2014 haben die Debatten in Bukarest (III), Athen (IV) und Belgrad (V) stattgefunden. Die Leitfrage war: »Wie viel Europa darf es sein?«. Die Protagonisten dieser Begegnungen sind Ende Februar 2015 in Berlin zusammenkommen, um ihre Positionen zu diskutieren.

Eine Kooperation der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit der S. Fischer Stiftung und der Allianz Kulturstiftung, gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Texte Belgrad

5.12.2014, 19.00 Uhr: »Das eine Europa und die Vielfalt europäischer Identitäten«

Marie-Janine Calic: Herrschende Europa-Begriffe und die Vielzahl der Identitäten

Dubravka Stojanović: Europa: von außen und von innen

Srećko Horvat: Die Entführung der Europa

6.12.2014, 10.00 Uhr: »Lost in Transition«

Nenad Veličković: Lost in Transition

Ivan Čolović: Keine Liebe.

Drinka Gojković: Womit soll ich anfangen?

Alida Bremer: Die »europäischen Werte« aus Südosteuropa betrachtet

6.12.2014, 18.00 Uhr: »Kultur der Demokratie – Kultur in der Demokratie«

Vladimir Arsenijević und Ana Pejović: Wie sicher ist unser sicheres europäisches Zuhause wirklich?

Slavenka Drakulić: Zu hohe Erwartungen

Svetlana Lukić: Zusammenfassung der Debatte

Fatos Lubonja: Kultur der Demokratie – Kultur in der Demokratie

6.12.2014, 20.30 Uhr: »Innere Unruhe und die Neuerfindung der Nachbarschaft«

Aleš Debeljak: Sechs Thesen zu »Innere Unruhe und die Neuerfindung der Nachbarschaft«

Aleš Debeljak: Wo sind die Gesichter?

Daša Drndić: Wovon wir reden, wenn wir von Europa reden

Dragan Velikić: Kultur der Demokratie – Kultur in der Demokratie

László Végel: Europäer vor dem Tor Franz Kafkas

Filip David: Die Dynamik des heimischen Terrains und neue Formen der Nachbarschaft

Kultur der Demokratie – Kultur in der Demokratie

Dragan Velikić
In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die internationale Staatengemeinschaft Sanktionen über Serbien verhängt hatte, mangelte es in Serbien an allem, an Lebensmitteln und Kosmetik ebenso wie an Medikamenten und Benzin. Zuweilen gab es auch in Betrieben zur Verarbeitung von Lebensmitteln Engpässe bei der Verpackung, deshalb wurde die Milch in Packungen abgefüllt, auf denen »Eistee« stand, und Öl in Flaschen mit der Aufschrift »Orangensaft«. Das heißt, die Produktbezeichnung hatte damals keinerlei Bezug mehr zum Inhalt der Packung.

Eine solche Verwirrung der Namen und Beziehungen herrschte jedoch nicht nur in den Lebensmittelgeschäften. Niemand, der bei vollem Verstand war, hätte die damaligen serbischen Sozialisten und Anhänger der JUL-Partei etwa für links gehalten. In einer Gesellschaft, in der das Wertesystem aus den Fugen geraten war, konnte es natürlich jederzeit vorkommen, dass links in Wahrheit rechts war, nach derselben Logik, nach der es sich bei Eistee in Wirklichkeit um Milch und bei Orangensaft um Öl handelte.
Viel brauchte es nicht, bis den serbischen Politikern dämmerte, wie sie ihre unaufhaltsamen Niederlagen am besten kaschieren könnten; sie begriffen den Wert der Verpackung, und so wurden im Serbien der 1990er Jahre Verbrecher über Nacht zu Wohltätern, Elend verwandelte sich in Reichtum, eine Niederlage wurde zum Sieg erklärt, und aus Dummheit wurde allerhöchste Weisheit. Es genügte, etwas im gewünschten Sinne zu benennen, und schon sorgten die Medien durch beharrliche Wiederholungen dafür, dass jede Lüge sich in eine Wahrheit verwandeln ließ. Das armselige Leben wurde in das Glitzern der Show-Programme verwandelt, mit Pornofilmen und halbnackten Entertainern wurde der abgestumpften Nation die Illusion vorgegaukelt, sie sei noch am Leben.
In diesem politischen Bordell gab es keinen Platz für Kultur, denn diese ist von Natur aus kritisch-hinterfragend und subversiv, und das ist das allerletzte, was die serbische Regierung brauchen konnte, beruhte sie doch auf einem Fundament aus Lügen, Betrügereien, Kriminalität und Schwindel. Der unaufhaltsame Abbau der Kultur wurde durch eine Flut an Unterhaltung kompensiert, und damit diese Verwandlung unbemerkt vor sich gehen konnte, benötigte man die richtige Verpackung. In den Zeitungen rückten Kultur und Unterhaltung auf eine Seite zusammen und machten sich den Platz streitig, fast so wie einst im Sozialismus, als es eine Rubrik »Sport und Schach« gab – eine Gemeinschaft von ungeklärter Herkunft. Dennoch wurde damals Sport nicht zu Schach erklärt, im Unterschied zur Kultur, die heutzutage bloß noch eine andere Bezeichnung für Unterhaltung ist.
Es ist vor allem die Mittelschicht, die in einer Gesellschaft den Ton der Kultur bestimmt. Aber gerade die Mittelschicht wurde in Serbien im Laufe der Kriege und der Transition zerstört. In der Folge wurde ein großer Teil der serbischen Mittelschicht in der ganzen Welt verstreut, von Neuseeland bis Kanada, von Südafrika bis Norwegen, während ihre im Lande zurückgebliebenen Mitglieder in einer langwierigen (ökonomischen) Isolation verharrten, die mehr als zwei Jahrzehnte anhielt. Es wäre daher ziemlich unrealistisch zu erwarten, dass in absehbarer Zukunft von dieser Bevölkerungsgruppe Forderungen nach einer Teilnahme am kulturellen Leben in Serbien laut werden. Partizipiert werden kann zudem auch nur dort, wo kulturelle Teilhabe angeboten wird, und das findet sich allenfalls noch auf kleinen Inseln in einem Ozean aus Unterhaltung.
In einem solchen Leben unter Hypnose scheint Kultur gänzlich überflüssig zu werden; nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich, weil die Kultur imstande wäre, die Menschen aus der Anästhesie zu erwecken. Dort hingegen, wo die Kultur aus dem Alltagsleben verdrängt worden ist, dort, wo die Kultur ein bloßes Lippenbekenntnis ist, dem keine Taten folgen, dort sind die Möglichkeiten für Betrug und Missbrauch schier unerschöpflich. So gibt es Regierungen, die den Mangel an Bildung eines Teils ihrer Bürger ausnutzen, indem sie kulturelle Inhalte nach ihren Vorstellungen gestalten, insbesondere, weil der Kultursektor aus staatlichen Mitteln finanziert wird.
Für Demokratie braucht es ein gewisses Maß an Ordnung in der Gesellschaft, es muss eine unabhängige Justiz geben, eine funktionierende Exekutive, und die Korruption muss eher die Ausnahme als die Regel darstellen. Freie Wahlen sind die erste Voraussetzung für Demokratie – was passiert jedoch, wenn die zu den Wahlurnen pilgernden Bürger in einer Gesellschaft ohne demokratische Traditionen sozialisiert wurden, in einer Matrix des Einheitsdenkens? Menschen ohne Prinzipien und Ideologien, die je nach Bedarf sowohl »aufgeklärte« Serben als auch Europäer sein können, so wie sie einst auf die Selbstverwaltung und den Kommunismus eingeschworen waren. Vor diesem Hintergrund ist die Etablierung einer individuellen und freiheitlichen Lebensweise wesentlich schwerer zu erreichen.
Was immer man von Jugoslawien halten mag, es lässt sich nicht in Abrede stellen, dass es ein geordneter Staat mit einem stabilen Wertesystem war, in dem es zwar keine Demokratie gab, sehr wohl aber eine Kulturpolitik. Der jugoslawische Staat hatte durchaus das Bedürfnis, sich durch seine eigene Kultur sowohl dem Osten, als auch dem Westen zu präsentieren. Diesem Ziel wurde in Jugoslawien ein außerordentlich hoher Stellenwert beigemessen, und man scheute keine Mittel, um den entsprechenden Ansprüchen gerecht zu werden. Als dieser Staat verschwand, wurde unser »Territorium« (für Serbien ist dies jedenfalls ein präziserer Begriff als »Staat«) zu einem Vermächtnis für eine kriminelle Bande, die uns in Kriege verwickelte und einen gründlichen Raubbau am gesellschaftlichen und privaten Vermögen betrieb, was zu Folge hatte, dass die Mittelschicht, das Bindegewebe einer jeden Gesellschaft, geradezu vernichtet wurde. Seit Jahren schon drehen wir uns im Kreis, unfähig, auf den Ruinen eine neue Gesellschaft aufzubauen, weil dies ohne ein Kulturmodell und ohne ein Wertesystem nicht möglich ist. Als Jugoslawien von der Bildfläche verschwand, wurde auch das ihm zugrunde liegende Kulturmodell zerstört. Ein neues konnte indessen bislang noch nicht aufgebaut werden. Dazu kommt ein globaler Trend, demzufolge der freie Markt das wichtigste, zuweilen auch das einzige Wertmaß ist. Wenn jedoch alles nur noch auf die Funktion einer Ware reduziert wird, dann wird auch das Individuum vollständig durch den Verbraucher ersetzt.
Der Dialog ist der Sauerstoff der Kultur. In unserem Fall wird der Dialog durch die bloße Tatsache erleichtert, dass es zwischen den Ländern des westlichen Balkans – Albanien und Kosovo ausgenommen – keine sprachlichen Barrieren gibt. Literarische Werke, Theaterstücke und Filme sind im Original erhältlich, ohne dass eine Vermittlung durch die Übersetzung nötig wäre. Es ist gerade die Kultur, die eine erneute Annäherung der Völker auf dem Balkan ermöglicht. Allerdings lässt sich die gemeinsame Vergangenheit, belastet durch Kriege und Verbrechen, nicht überwinden, ohne dass es zu einer Konfrontation mit all dem, was geschehen ist, kommt. Ich denke, es müssen individuelle Gesten erfolgen, um in diesem mühseligen Prozess der Vergangenheitsbewältigung die Grenzen zu verschieben (ich verwende hier bewusst den Begriff Vergangenheitsbewältigung, der in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg entstand).
Kaum jemand in der Region widersetzt sich derart kompromisslos jeglichen Halbwahrheiten und dem Vergessen wie der Theaterregisseur Oliver Frljić. Fokussiert auf die neuralgischen Punkte unserer jüngsten Vergangenheit, fördert er die ganze Wahrheit zu Tage und schleudert sie dem Publikum ins Gesicht. Er führt Regie in der ganzen Region – einen Versuch wagte er auch in Polen – und konfrontiert jede Gegend mit ihrer eigenen Geschichte. Deshalb stößt er überall auf starken Widerstand und macht sich Feinde. Und überall steht er alleine da, in der Schusslinie, weil er die Dinge beim Namen nennt. Ganz genau so, wie sie sind, ohne Verpackung.
Zu unserem Trost sei dennoch darauf hingewiesen, dass Frljić immerhin überall auf dem Gebiet Ex-Jugoslawiens zumindest eine seiner Vorstellungen zur Aufführung bringen konnte, im Unterschied zu Polen, das nicht genug Kraft aufbringen konnte, um sich mit der Wahrheit über das eigene Verhältnis zu Russland zu konfrontieren, weshalb das Theaterprojekt dort abgebrochen werden musste.


Aus dem Serbischen von Mascha Dabić