Monika Rinck
Begriffsstudio 3 | Wortfeld: Tag- und Nachtzeiten

Hinweis: Erläuterungen finden Sie über die Sternchen.

48 das nachtgesicht

236 in der hellen nacht des nichts der angst

403 den kennen, der in der morgenbarke ist

566 das aufbewahrte jetzt, welches nacht ist

613 das schnarrende murren des gestreiften nachtaffen

798 unwissende nacht, eine dichte und schwere gestalt

919 übernachtung im funkloch

1350 durch den langeweilefilter*In der Hitze des Mittags beantworten wir keine Fragen mehr. Die Pappelblätter, die halbbekleideten Freunde, die sonnengewellten Seiten von Büchern. Der Zugriff lässt nach. Die Welt ist wie durch den Langeweilefilter besehen und sehr warm.

1364 die tochter des unruhigen schlafes / der tagesanbruch*«‹Aber wo hast du bloß diese Daten her?›, fragte Polanco höchst erstaunt. | ‹Aus einem Buch, das mir Bud Flakoll geliehen hat, und das ich ihm schon zurückgegeben habe. Die ersten Maori-Schritte auf die Schöpfung zu sind die folgenden: da ist die ursprüngliche Leere, und auf diese Leere folgen: die erste Leere, die zweite Leere, die weite Leere, die ausgedehnteste Leere, die trockene Leere, die großmütige Leere, die liebliche Leere, die gefesselte Leere, die Nacht, die schwebende Nacht, die fließende Nacht, die seufzende Nacht, die Tochter des unruhigen Schlafs, der Tagesanbruch, der ständige Tag, der strahlende Tag, und zuletzt der Raum.›» | Aus Julio Cortázar: Reise um den Tag in 80 Welten. Aus dem Spanischen von Rudolf Wittkop. Frankfurt am Main 1980.

1494 dämmerungslaut

1667 rentnereihafen*im gegensatz zum fischereihafen, anderthalb meilen die schotterpiste runter, bot unser balkon den blick auf den rentnereihafen, aus dem alte männer am frühen morgen mit kleinen booten mit lämpchen oder sonnenschirmen (bieten sie den fischen als köder den schatten jetzt) ausfuhren. das leere meer, die mühsal und der kleine fang.

1675 starrer, trockener gram*der versuch, sich einen nassen gram vorzustellen, einen am frühen morgen betauten gram, ein gram im fluss – nein, nein, gram fließt nicht. take it from me. es bleibt starrer, trockener gram.

1682 hohe kronen, vom wind bevattert*Die vom Wind bevatterten Kronen stammen aus einem Text von Steffen Popp, «Bei denen von Arnim oder Der Morgenrock des Stipendiaten» – nachzulesen im Archiv von lyrikkritik.de, genauso wie der Text «Verhängnis im Schlafrock», der dem «Morgenrock des Stipendiaten» vorausging. Was trägt man denn, wenn man dichtend im Schlosspark wandelt: Morgenmantel oder Schlafrock – ein Kleidungsstück des Übergangs, ein Rite-de-Passages-Kostümchen, ein Ding fürs Zwischendrin und für das Bei-sich-sein. Um dieses Bei-sich-sein zu weiten, auszuweiten in die Welt hinaus – vom Boudoir zum Couloir zum Boulevard – sind es nur drei tappende Schritte. Es war ein Vorrecht des königlichen Geschlechts, im Morgenrock zu empfangen. Am Dichter dann: ein indolenter Fummel, eine Frechheit gar, dem Zeitverlauf entgegen, ja ein Angriff auf den Tag, der auf den Morgen folgt. Ich hab nur einmal von weitem geguckt, da löste sich mein Uhrenarmband. Da sprangen die Federn aus den Geräten und mit einem kleinen «Fatsch» riss mir der Schwungriemen. Alles geriet aus dem Tritt. Welcher Tag wird heute sein? Ich weiß es nicht. Nahebei ein plätschernder Brunnen. Ach, dieses milchige Licht.

1724 die morgenseite des herzens

1756 ihr wolken, meine schrecklichen schäfchen*las ich im flugzeug, im ausgeliehenen buch. und die sonne, am nächsten morgen, sah aus wie ein knopf im weißlichen himmel. einer nach dem andern stieg auf, immer bergan. die pferde folgten.

1808 maßgaben der entgeisterung*an diesem morgen hatten alle, die ich sah, diese weiten, blanken augen, in denen gar nichts stand – entgeisterung. woher das kam. kein komet. das heißt auch: keine erklärung. am abend, auf dem rückweg war es besser. doch die skepsis blieb.

1910 fertige frau schlägt pferde vor*oder stellen sie sich bitte vor: ein parkplatz, in der höhe, darunter die stadt, in der nacht, die stadt beleuchtet, im stadion verlöschen die lichter rundum und im kreis, stellen sie sich das bitte in moskau vor, stellen sie sich vor, eine völlig betrunkene frau in stiefeletten mit pelzbesatz, die jeans hineingesteckt, pinkfarbene, zu enge steppjacke, eine bierdose in der hand. schwankend führt diese frau nun über den parkplatz zwei schlaftrunkene pferde, und es ist mitten in der nacht und die frau taumelt, führt die pferde auf dem parkplatz hin und her, und die auf den pferderücken aufgebockten us-amerikanischen touristen machen lange hälse und jemand sagt, lass uns wieder in das auto steigen.

2024 in der schlucht der aufgeklappten rechner*noch als der morgen graute, standen sich die beiden rechner gegenüber. Und weiter im text, weiter, weiter in dieser verblockten schlucht, ein felssturz, der stürzende sinn des ganzen ging über uns nieder. pass auf deinen kopf auf. oder ich passe auf deinen kopf auf, und du indes auf meinen.

2044 dämmerungslidl*das ist so ein dämmerungslidl. man kommt mit tüten heraus und schon wird es dunkel, nachtbereit. und wenn sich nun, das ist die saison, neue dunkelheiten ankündigen, der sommer wird ja dunkler, sobald er beginnt, dann ist das fein erdacht. gegen den übermut. das haltmachen vor der herzlos ausgeleuchteten vollkommenheit. Oder auch mal zudecken. ja, zudecken. und dann neben mir, diese ungeheure präsenz, dunkelnd.

2237 ein hypothetisches Häppchen*in der tür, stand- und spielbein, leicht eingeknickte eleganz, die lässigkeit von hüfte und taille gegeneinander gekippt, einen morgendlichen imbiss in der hand, quadratisch, ein stückchen brot darauf butter, und unten der hart hechelnde mops, der schwarze, zu dem sie sagte, mit so fedrigem spott, so voller morgen, so hell, so also sagte sie zum schwarzen mops: du siehst hier wohl ein hypothetisches Häppchen so leicht. das war leichter als luft. das war in der schwebendsten schwebe, das schwebte.

2526 Königin der langen Nacht der Dummheit

2602 Wettergebissen*nun zeigt das wetter endlich sein wahres gebiss! beißende kälte! bissige hitze! die wettergebisse sind ein sehr effizienter vertipper, ich danke frau dr. haff für die übermittlung des begriffs, der durch auslassung eines einzigen buchstabens aus den wettergebnissen entstanden ist. und nun lese ich in einem formular die aufforderung, dieses feld sei «vom wetter auszufüllen» und schaue nach draußen, gewiss wird das wetter dort bald wieder hagel einfüllen, aber heute noch nicht. hier übrigens die wettergebisse für den heutigen abend und morgigen tag: nachts wolkig und besonders vom berliner raum bis zur prignitz gebietsweise regen, am ehesten trocken richtung lausitz bei 16 bis 13°C, in berlin 15°C. morgen vor allem richtung spreewald zeitweise aufheiterungen, sonst wechselnd bewölkt und zeitweise schauer oder gewitter möglich. warme 23 bis 29°C, in berlin 27°C. liebes wetter, ich wette mit dir, dass ich heute abend mit dem fahrrad nach kreuzberg fahre und nicht nass werde. und ich erhöhe noch um den rückweg! und weiß nicht mal, wie die quoten stehen, doch ich verweise in diesem zusammenhang auf das kosmische wettbüro der somnatisten, scrollen sie bitte lesend ganz nach unten, sie werden gewiss nicht enttäuscht sein: das kosmische wettbüro, zürich 1947, zu finden unter somnatist.com.

3235 Raum der Billigbilder in der Nacht*Die Bilder, die in der Nacht entstehen und sich, wo sie sprachlich fassbar sind, verbilligen. Es entsteht dann Raum. Oder nein: das Einzige, was noch geöffnet ist. Maßgaben der Entäußerung … Mimesis. Rivalität. Es für einen Raub zu halten. Gleich zu sein. Kongruenz als Raub. Ebenbildlichkeit als Raub. Bilderverbot. Fernand Delignys Unterscheidung des Bildernehmers vom Bildergeber. Ich schlage den Band «Annäherungen an das Bild» auf und lese auf Seite 33: «Das Bild muss man denken, so wie noch zu bedenken ist, was das heißt: Menschenwesen. [Absatz] Menschenwesen, Bild – es ist dasselbe, exakt dasselbe. Das Bild? Ziehen wir die Linie am Meeressaum, so wird eine andere Linie am Saum der tagundnachtgleichen Gezeiten die Spur wahren: die Schwerkraft der Sterne wirkt hier nicht hinein.» Fernand Deligny: Annäherungen an das Bild. Übersetzt und herausgegeben von Hartwig Zander. Ostheim / Rhön 2011.

3320 die Drogentrümmerfrau deiner ruinierten Weltwahrnehmung*Die am nächsten Morgen aus den Trümmern wieder Welt zusammensetzt. Die die langen dunklen Nachtetappen in eine Reihenfolge bringt. Die kleinschrittig mit der Rekonstruktion beginnt. Die setzt selbst Scheiben zusammen. Die zeigt, wo die Entscheidungen fielen, bis man einfach unverzüglich fällte, was man nicht mehr stehen konnte. (So wie man sagt: Kannst Du den Salto stehen? Bei der Sportgymnastik, beim Geräteturnen. Ich hab den Salto geschafft, aber ich konnte ihn nicht stehen. Steht er den Rittberger? Ja!)

3386 Trauer-Nachtviole auch melancholischer Nachtveil (Hesperis tristis L.)

3389 Mitternacht in der Jaguarwaschanlage*Tätigkeiten, zu denen ich mich zuvor nie und nimmer in der Lage sah, wurden mit einem Mal Routine – manche Mitternacht verbrachte ich voller Andacht in der Jaguar-Waschanlage. O Tankstelle, o Weg zu dir. O Ausbau des glücklichen Bedarfs.

3426 der schlaflose Rasen*Die Blumen gingen schlafen, nicht aber das Gras, gestutzt liegt der Rasen die ganze liebe lange Nacht auf der Lauer, hellwach und grün, so Jean Paul.

3508 Mittagsblumengewächse

3509 abschreckender Brot - Palmfarn, Encephalartos horridus*Was macht das Brot in der Nacht, das Brot in der Nacht, das Brot in der Nacht? Das Brot macht sich ein Messer! Hierzu auch: «Um die Provokation [die in dem Plan bestand, einen Schaukelstuhl über und über mit Bechern voll heißer Milch zu bedecken, M.R.] noch weiter zu treiben, erklärte Dalí ein ganz gewöhnliches französisches Baguette zum Kunstwerk. Das Brot soll aufhören, nützlich zu sein und zu einem Luxusgegenstand werden. Er nennt sein Brot, das sich vom normalen Brot nur durch seine Größe und dadurch unterscheidet, dass es nach Art eines Denkmals aufrecht steht ‹antihumanitär, aristokratisch, ästhetisch, paranoisch, sophistisch, jesuitisch, phänomenal und lähmend‘.» Soweit eine Passage aus Elisabeth Lenks Aufsatz «André Breton, Louis Aragon und Salvador Dalí. Oder: über die Poesie, die Polizei und das Geld», in dies.: Kritische Phantasie. München 1986

3585 die zerrüttete Nacht bei der Bundeskulturstiftung einreichen

3892 eine von zahllosen Nachtwachen zeugende Kompilation

3994 Kunst der Nacht und Halbnacht*Hören als Kulturtechnik suggeriert offenbar eine gewisse Tageszeit, den Abend nämlich, die herannahende Nacht, fortgesetzte Verfinsterung, das Horchen auf die Rufe der dämmerungslauten Tiere. Vom «lichtunabhängigen Hören als vermeintlichem Gegenpol zum Sehen» schreibt Anja Utler und zitiert eine Passage von Nietzsche: «Nacht und Musik. – Das Ohr, das Organ der Furcht, hat sich nur in der Nacht und in der Halbnacht dunkler Wälder und Höhlen so reich entwickeln können, wie es sich entwickelt hat, gemäß der Lebensweise der furchtsamen, das heißt des allerlängsten menschlichen Zeitalters, welches es gegeben hat: im Hellen ist das Ohr weniger nötig. Daher der Charakter der Musik, als einer Kunst der Nacht und Halbnacht.» Trotz der seit Jüngstem aufkommenden Rede von einem acoustic turn, stehe münd-lich präsentierte Literatur nach wie vor unter dem «Vorbehalt des Peripheren», wie Utler es in ihrem sehr lesenswerten Buch »manchmal sehr mitreißend«. Über die poetische Erfahrung gesprochener Gedichte (Bielefeld 2016) formuliert.

4067 Arie der Kündigung der Nacht

4333 Grasaffe*«Es war drei Uhr nachts, aber im Sommer, und schon halb hell. Da erhoben sich im Stall des Herrn von Grusenhof seine fünf Pferde Famos, Grasaffe, Tournemento, Rosina und Brabant.» Kafkas Tagebücher, 27. III 14, Frankfurt am Main 2008. Siehe auch: die Sammlung Ausdrucksstarker Pferdenamen [SAP], Nummer 3243.

4563 Abendgesicht (yugao)*«Sowohl der Tau als auch das ‹Abendgesicht› sind Bilder der Vergänglichkeit. Beim ‹Abendgesicht› handelt es sich um eine Flaschenkürbisvarietät, die so genannt wird, weil sich ihre weißen Blüten abends öffnen und am darauffolgenden Vormittag verwelken», so der Kommentar. Seikaku – Gebet für eine Autorin. Eingeleitet, übersetzt und kommentiert von Sebastian Balmes. Neue Rundschau 130. Jahrgang 2019.

4568 die nächtlichen Wortblätter des Besenbaums

4572 Herr Ober, Herr nächtlicher Baum*Im Dunkeln unter Bäumen sitzen, ein schummrig beleuchteter Schanigarten, ich sehe in die sich ausdehnende Schwärze übergehende ununterscheidbare Schatten, die Bäume, ausladend und groß. Die Nacht wäre schon gekommen, froh wäre man um den Pulli, den man ungläubig am Morgen als letztes noch in die Tasche geworfen hatte. Und noch einen Gespritztn, bitte. Oder? Herr Ober, Herr nächtlicher Baum. Aber eigentlich kommt dieser Begriff woanders her, aus Peter Waterhouse Buch passim, vermute ich, schlage es auf und lese das erste Gedicht, das den Titel «Wo sind wir jetzt?» trägt und folgendermaßen beginnt: «O ja: O nein. Warum nein? Warum nein? (Ein Rutschen mit uns, an uns / wird gerutscht; wir ja, wir nein. Man hält sich oftmals / ungezählt auf zwischen Bäumen.» Es beginnt mit den Bäumen, und den Zeilen: «Es ist ein / Toben um Sprache.» Komischerweise kann ich die Zeile «Herr Ober, Herr nächtlicher Baum» im ganzen Buch nicht finden, vielleicht irre ich mich. Das macht nichts. Es ist ein sehr gutes Buch, das vom Rowohlt Verlag in den Engeler Verlag überging, und ich will es gerne empfehlen: Peter Waterhouse: passim. Basel und Weil am Rhein 2001.

4765 Vogelkohorten*Beim Öffnen der Tür in den Morgen: Protest der zu tausenden im Baum schmausenden Stare.

4947 das pergamentalte Dämmern der Morgensterne

5000 Abendstück bei herangaloppierender Nacht

5215 Sonntagnachmittag in Kafkas Bucht

5724 Abendessen im Gefilde der Überfülle

5729 ein echtes Abendteuer

5758 das mythische Depot der Frühzeit

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