Joachim Kalka
Nichtsdestotrotz
Der mittlerweile stabil gewordene und auch Mitgliedern der Akademie nicht völlig fremde ernsthafte Gebrauch der Nonsense-Wendung „nichtsdestotrotz“ bietet ein Beispiel dafür, wie ein Witz schließlich nicht mehr als solcher erkannt wird; irgendwann nimmt man ihn für bare Münze. Die von Friedhelm Kemp im Gespräch geäußerte Vermutung, es handele sich hier um einen losgelösten, nicht mehr begriffenen Pennälerscherz der Jahrhundertwende oder des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, hat sehr viel für sich. Die Zusammenziehung von „nichtsdestoweniger“ und „trotzdem“ sollte zuerst parodistisch eine gewisse gravitätische Unbeholfenheit des Sprachgebrauchs markieren, um dann fatalerweise in die Diktion ahnungsloser Hörer/Sprecher einzugehen, welche die ironische Intention nicht mehr begriffen. An diesem Prozess hat sicher teilgehabt, dass „nichtsdestoweniger“ bereits selbst eine recht ungefüge Wendung darstellt. Die sprachlogische Unmöglichkeit von „nichtsdestotrotz“ jedoch liegt schon deshalb auf der Hand, weil dem „-desto“-Bestandteil zwingend etwas Komparativisches folgen müsste. Also, das Wort hat seine Vergangenheit als Kalauer fast erfolgreich abgestreift, doch sollten wir uns dieser wieder innewerden. Die Nachschlagewerke sind hier ein wenig zu gutmütig: „umg.“ (Wahrig), „ugs., oft scherzhaft“ – immerhin! – (Duden). Das Wort, unbefangen gebraucht, ist ein Lapsus. Ein wenig Strenge muss sein.
In memoriam Friedhelm Kemp
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