Jeremy Adler
Philologie des Bösen. Sprachkritik als Widerstand¹
Es mag befremdlich wirken, ein Fach, das sich mit dem Wort abgibt, mit dem Begriff des Bösen in Beziehung zu setzen, doch wenn man bedenkt, inwiefern die Sprache das Böse bewirken kann, sollte man den Sinn einer Philologie des Bösen leicht einsehen. Das älteste Werk, das wir besitzen, das sich mit der Linguistik befasst – Platons Kratylos – gibt sich mit diesen Fragen ab: Sobald wir uns mit der Sprache auseinandersetzen, so Platon, wollen wir über Richtigkeit und Falschheit urteilen; d. h., die Sprachphilosophie rechnet von Anfang an mit der Frage von Gut und Böse.
Die böse Sprache bei Platon und in der Bibel
Dieselbe Haltung findet sich in Platons Gorgias. Hier gibt er sich mit der Rhetorik ab. Diese, laut Platon, hat einen bösartigen Effekt. Auch Aristoteles erkennt die Gefahr, durch sprachliches Handeln das Falsche zu bewirken: Daher sei die Ethik vonnöten, um die negative Wirkung des Affekts zu bändigen (Hamacher 2018, S. 13). Ebenfalls stellt das 9. Gebot – Du sollst nicht lügen – unser Thema aufs Programm. Das Denken über die Sprache, das wir heute als Philologie begreifen, hat sich seit 2.000 Jahren entfaltet, und hat sich von Anfang an mit dem Problem des Bösen befasst.
Das radikal Böse von Proclus und dem Talmud bis zu Vico und Kant
Was ist aber das Böse? Der Neuplatoniker Proclus, der zu den letzten Philosophen der klassischen Antikezählt, betrachtet es als kontingent (Helmig / Steel 2019); und der Aquinat denkt ähnlich: das Böse ist die Abwesenheit des Guten (Aquinas 2003). Dies besagt, dass der Mensch für sich allein für seine Bosheit verantwortlich ist. Der Talmud lehrt auch so: „Wenn du deinen Mund vor bösem Gerede bewahrst, dann werden deine Tage friedlich sein“ (Derech Eretz Zuta, 9). Man muss eine reine Sprache führen, um gut zu leben. An anderer Stelle stigmatisiert der Talmud die üble Nachrede (Aboth 1929-1936, 1, 5): Die Sprache kann das Böse verursachen. Das ist die Weisung, der der Einzelne folgen soll. Für die Stoa liegt das Böse im Geist, der sie wahrnimmt; also kann man es – wie Montaigne (1962, S. 49 f.) noch argumentiert – kontrollieren. Alle diese Einsichten kann man als eine Form der Philologie auffassen, d. h. als Mittel, die Sprache des Bösen zu orten. Ebenfalls kann man Kants Analyse des „radikal Bösen“, das er als humane Anlage versteht, als eine Form von Philologie verstehen: „Dieses Böse ist radical, weil es den Grund aller Maximen verdirbt; zugleich auch als natürlicher Hang durch menschliche Kräfte nicht zu vertilgen, [...]; gleichwohl aber muß er zu überwiegen möglich sein, weil er in dem Menschen als frei handelndem Wesen angetroffen wird.“ (Kant 1996, IV, S. 37)
Das radikal Böse kann sich als Gesinnung, als Sprache oder als Handlung zeigen. Hier soll das Böse als eine ethische Kategorie verstanden werden: Es ist das Zerstörerische, das Unheil bringende, das Negative schlechthin. Nicht die Natur ist böse, sondern nur der Mensch. Nur im Bereich des Ethischen kann man das Böse begreifen. Es verursacht Leid und Unglück, Schmerz und Weh. Am Ende ist es aber laut Bonhoeffer (1961, S. 10, 17) nur eine „Maskerade“, die der Zersetzung ausgesetzt ist: Das Böse hat keinen Bestand. Ferner, wie Martin Luther King erläutert, kann man auch als Zuschauer das Böse tun: „We must learn that passively to accept an unjust system is to cooperate with that system, and thereby to become a participant in its evil.” (1962-67)
Kings Ansicht nimmt die bekannte Typologie Raul Hilbergs (1993) vorweg, der zwischen Täter, Opfer und Zuschauer unterscheidet, doch gibt es laut King keine reinen Zuschauer, nur Täter. Man kann sowohl die Täter als auch die Zuschauer, die alle beide sich sprachlich äußern, durch die Philologie anpacken. Zwar meint man gemeinhin mit Gelehrten wie Wolfgang Schadewaldt und Peter Szondi, die Philologie habe sich mit großer Dichtung abzugeben, mit Homer und Hölderlin, doch heißt dies eine Einengung: Das Böse, das der Mensch tut, verlangt eine Philologie. Dies wird durch den Altertumswissenschaftler August Boeckh bestätigt, der die Philologie als Enzyklopädie begriff: Alles, was der Mensch tut, das eine sprachliche Form besitzt, kann die Philologie erfassen. Er untersucht alles „vom menschlichen Geist Producirte[]“ (Boeckh 1966, S. 10). Auch Giambattista Vico, Vater der Geschichtsphilosophie, verstand sein Werk als Philologie, und prägte den Begriff der Wissenschaft des Bösen – „scienza del bene e del male“ (1984, Absatz 365, 381, 391, 533; Verene 1991, S. 97). Damit wäre die Philologie des Bösen begründet.
Hier ist nicht der Ort, die Philologie in ihrem vollen Umfang zu erfassen, doch sollen einige Stichpunkte ins Gedächtnis gerufen werden, die jetzt relevant sind. Diese „Liebe zum Wort“ erforscht Herkunft und Sinn von Wörtern; ediert Texte; erfasst Fassungen; beleuchtet; kommentiert; erläutert; erklärt; und stellt Lexika und Handbücher auf. Streng genommen ist demnach jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Sprache Philologie. In diesem Sinne gibt es schon seit Vorkriegstagen eine Philologie des Bösen und diese hat sich nach dem Krieg etabliert. Der französische Gelehrte Georges Leroux betrieb die „Philologie des Nazismus“ (2006-2007; van Alphen 2018); diese basiert auf Victor Klemperers „LTI – Notizbuch eines Philologen“, seiner „Philologie des Elends“ ([erstmals 1947]/ 2019, S. 141), das eine Auseinandersetzung mit der Sprache der Nazis beinhaltet. Auch George Orwell behandelt das Thema: „[I]f thought corrupts language, language can also corrupt thought“ ([erstmals 1946]/ 2004, S. 116). In vielerlei Weise behandelt man dieses Gebiet. Der italienische Theoretiker Agamben (2002, S. 29-31) hat eine vorzügliche philologische Analyse des Wortes „Holocaust“ geliefert. Da „Holocaust“ im Altertum für „Opfer“ gebraucht wurde, sollte das Wort in der Moderne nicht für den Mord an den Juden verwendet werden. Nach dieser meisterhaften Dekonstruktion jedoch benutzt Agamben bedenkenlos das Lagerwort „Muselmann“ für die Todgeweihten (ebd., S. 45), als ob es sich um ein objektives, passendes Konzept handeln würde. Diesen Widerspruch hebt er nicht auf. Doch wenn man der Logik von seiner Begrifflichkeit folgen würde, müsste man annehmen, der Gott des Islam habe die Shoah verursacht. In jeder Auseinandersetzung mit der Sprache des Bösen gleitet die Philologie in die Sprachkritik über; in das Zeugnis; und schließlich in die Opposition: auch können Sprache, Philologie, Kritik und Widerstand verschmelzen. Das ist mein Thema.
„Mit mir müssen Sie schon Deutsch sprechen!“ ‒ Sprachkritik in Auschwitz
Lassen Sie mich das Phänomen mit einer Anekdote erläutern. Als mein Vater H. G. Adler in Auschwitz eingekerkert war, sprach ihn eines Tages ein SS-Scherge in gebrochenem Polnisch an: Der SS-Mann befahl ihm, irgendetwas zu tun. Was, ist nicht überliefert. Mein Vater richtete sich auf. Er war fast 1,80 groß. Dunklen Haares. Gut gewachsen. Bebrillt. Er blickte dem SS-Mann ins Gesicht und antwortete unverfroren: „Mit mir müssen Sie schon Deutsch sprechen!“ Was genau hierauf erfolgte, weiß ich nicht. Der Scherge geriet aus der Fassung und konnte sich nicht mehr durchsetzen. Mein Vater hingegen hatte sich bewährt. Er ging als Stärkerer hervor. Durch die Insistenz auf die deutsche Sprache hat der Häftling den Wärter aus dem Konzept gebracht. Der Jude hatte sich selbst im KZ als der Stärkere behauptet. Allein durch die Sprache vermochte sich der Häftling durchzusetzen. Das war Widerstand, ja Widerstand durch Sprache. Durch diese kühne, verwegene Art – wozu auch eine Portion Glück gehörte –, brachte sich mein Vater selbst und einige andere, wie den jungen Südslawen Ivan Ivanji, durch die Welt der Lager. Denn indem er sich als Meister der Sprache durchsetzte, erwies sich H. G. Adler als Erbe der Kultur. Paradoxerweise waren es nicht die Deutschen, die sich um die deutsche Sprache in den Lagern Verdienste gemacht haben, sondern die Häftlinge wie Primo Levi, David Rousset und H. G. Adler, die sich als Hüter der Sprache in der Lagerwelt bewährten.
Die Wissenschaft des Bösen
Die moderne Wissenschaft des Bösen hat ihre Wurzeln in den Vorkriegstagen. Von Karl Kraus Die dritte Walpurgisnacht (1933 beendet) (1967) bis zur Enzyklika Mit brennender Sorge von Papst Pius XI (vom 14.3.1937) befassten sich Zeitgenossen mit den Gefahren der Nazi-Sprache. Auch arbeiteten philologisch gesinnte Editoren vergeblich daran, dem Weltbild der Nazis ein überlegenes Modell entgegenzustellen. Walter Benjamins köstliche Sammlung von Briefen, Deutsche Menschen ([erstmals 1931]/ 2017), verstand sich laut Adorno als Aufbegehren „gegen die Vernichtung des von den Nationalsozialisten vollends zur Ideologie erniedrigten deutschen Geists“ (2017, S. 90). Ebenfalls versuchte der in Böhmen geborene Franz Kobler (1938) mit seinen Briefen die Würde des Judentums zu beweisen. Diese Bewegung setzte man im Krieg fort, z. B. in dem Versuch der sogenannten „Papier Brigade“, in Łódź Bücher des Judentums vor den Nazis systematisch zu retten (Fishman 2017); dann gab es die polnischen Anti-Nazi-Bücher, die sogenannten „Kugeln aus Papier, mit denen man einen geistigen Krieg führte“ (Rzepa 2019, eigene Übersetzung). Inwiefern dies hier etwas mit Philologie zu tun hat, beweist schon die Tatsache, dass 1944 in Amerika ein Glossar zur Nazi-Sprache auf Englisch erschien (Paechter et al. 1944). Im selben Jahr hat der Sprachwissenschaftler Nahman Blumenthal in Polen in akribischer Arbeit die Sprache der Nazis gesammelt und studiert (Neckermann 2019), ein verlogenes Vokabular, das er unter Angabe der Quellen auflistete und aufschlüsselte: „unschuldige Wörter“ wie „Abgang“ oder „Evakuierung“, die eigentlich den Tod bedeuteten oder „Deportation der Juden nach dem Osten“, die „Auslöschung in einem Vernichtungslager“ meinten (Blumenthal 1947). Im Jahr 1947 erschien das bahnbrechende Buch von Victor Klemperer, LTI (2019), das neue Maßstäbe an Genauigkeit und Intelligenz setzte. Wichtig für das Verständnis dieser Sprache im Nachkriegsdeutschland war auch das Büchlein von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm Emanuel Süskind, das 1957 unter dem Titel Aus dem Wörterbuch des Unmenschen erschien (Sternberger / Storz / Süskind 1962). Diese Bücher bildeten die Grundlage für die heutige Wissenschaft. Einen frühen Einblick in die Nazi-Sprache bietet auch der Aufsatz „Wörter der Gewalt“ von H. G. Adler (1965, S. 228), der Hitlers ‚brutaler‘ Sprachführung nachgeht. Siegfried Bork brachte darauf 1970 seine anregende Studie heraus; Konrad Ehlich veröffentlichte 1989 einen Sammelband über die Nazi-Sprache; Danuta Wesołowska folgte 1998 mit ihrer Analyse der Sprache von Auschwitz; darauf brachte 1997 Cornelia Schmitz-Berning ihr Vokabular des Nationalsozialismus heraus; und Nicole Warmbold trat 2008 mit einer längeren Studie über die Lagersprache hervor. Beachtung verdient ferner der Beitrag von Anja Lobenstein-Reichmann zur Sprache im Ghetto von Łódź (2019): Diese Analyse würdigt die Aussagen der Opfer als Form des Widerstandes. Auch Heidrun Deborah Kämper widmet sich in ihrer unentbehrlichen Forschung dem Sprachgebrauch, -praktiken und Diskursen im Nationalsozialismus (2019; 2022). Um dieses traurige Bild abzurunden, muss man auch die monumentale Leistung von Utz Maas (2016) würdigen, der die Sprachwissenschaft unter den Nazis sowie die Verfolgung hunderter Forscherinnen und Forscher untersucht. Inzwischen hat man begonnen, selbst die Historiografie der Shoah nach philologischen Maßstäben zu untersuchen: So untersucht Nicolas Berg (2019, S. 161-182) die Sprache Raul Hilbergs. Diese diversen Beiträge erweitern die von Blumenthal, Klemperer und anderen Zeitzeugen begründete Philologie des Bösen. Zusammenfassend kann man sagen, dass die „Liebe zum Wort“ gerade dort nötig wird, wo man die Sprache lieblos, ja despektierlich behandelt. Eine solche Philologie kann jedoch anders als die normale Wissenschaft nicht „wertfrei“ im Sinne Max Webers (1951, S. 475-526) sein: Wie die Sprachkritik muss sie ihr Objekt wertend betrachten. Die Philologie des Bösen, in dieser Hinsicht auf Schleiermacher und Boeckh aufbauend (Thouard 2013, S. 114-117), versteht sich durchgehend als ethisches Vorgehen.
Philologie als Widerstand
Die Judenheit hat unter dem Nationalsozialismus zu verschiedenen Formen des Widerstands gegriffen. Man hat zwar oft gefragt, warum sie nicht mehr tat, doch haben die Juden sowohl zu passivem als auch zu aktivem Widerstand gegriffen. Manche besorgten sich Waffen. Andere beanspruchten die Sprache, etwa in Form von Schriften oder Aufrufen (Bauer 2001, S. 118; Henry 2014). Der Widerstand durch Sprache hat eine lange Tradition. Man kann nicht sagen, wie viele Menschen durch die Sprache gegen die Nazis Opposition leisteten, doch kann man annehmen, die Technik war weit verbreitet. Den Skeptikern gegenüber meint der Forscher Arnold Paucker (1997, S. 53), dass es eine hohe Anzahl von jüdischen Widerstandskämpfern in Deutschland gegeben habe; und man kann wahrscheinlich davon ausgehen, dass der sprachliche Widerstand eine Grundhaltung gewesen sei. Um jedoch die Rolle der Sprache im Widerstand zu verstehen, muss man weiter zurückgreifen und zwar zur jüdischen Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert (Feiner 2002, S. 41 f.): Die Betonung des Hebräischen als Zeichen und Schöpfer der jüdischen Identität war eine Form des Widerstandes gegenüber der Umwelt. Genauso stellte die Neubewertung der jiddischen Sprache im 19. und 20. Jahrhundert einen Fokus für das Judentum her (Kuznitz 2014, S. 37 f.). Ja, der Historiker Simon Dubnow betrachtet die Sprache als Grundpfeiler der jüdischen Identität über die Jahrtausende (Pinson 1958, S. 50-53). Diese komplexe Sachlage bildet den Hintergrund für den sprachlichen Widerstand gegen die Nazis.
Selbst im KZ hat man Philologie und Sprachkritik konsequent als Widerstand betrieben. Die polnischen Häftlinge in Auschwitz haben über ihre sogenannte „lagaszprache“ reflektiert (Oschlies 2004), die man auch „Krematoriums-Esperanto“ nannte. Typisch für diese Sprache waren syntaktische Einfachheit, Sprachvermischung – etwa Deutsch + Jiddisch + Polnisch –, Euphemismen, Ausrufe, Gemeinheiten und Schimpfworte. Man hat eine besonders rohe, brutale und pietätslose Sprache gepflegt. Für sterben benutzte man Worte wie ‚kaputtgehen‘, ‚verrecken‘ oder ‚abkratzen‘ (Warmbold 2008, S. 255). Die Auseinandersetzung mit der Sprache war geradezu typisch für die Lagerwelt. In Buchenwald hat der Gelehrte Boris Ottokar Ungebaun das Rotwelsch der russischen Gefangenen studiert. Bald nach dem Krieg hat er seine Ergebnisse veröffentlicht (Ungebaun 1945, S. 177-291). Der Literaturwissenschaftler Benjamin Crémieux, ein Freund von Marcel Proust, der über Proust und das Judentum gearbeitet hatte, entwickelte in seinen letzten Tagen in Buchenwald eine neue Form der vergleichenden Literaturwissenschaft. Auch hier diente die Philologie als eine Art Widerstand: Indem Crémieux an seiner Theorie arbeitete, schuf er die Basis für einen neuen, kosmopolitischen Humanismus, der den Nationalsozialismus opponierte.
Im Gulag waren die Zustände ähnlich. Wie Anne Applebaum (2000) bemerkt, wussten die Insassen häufig nicht, wo sie eigentlich waren und wie ihr Lager überhaupt hieß. Man hat die Namen der Lager geheim gehalten, um die Häftlinge zu verwirren und zu desorientieren. Das Beispiel zeigt die Wichtigkeit der Sprache für Herrschaft und Verfolgung: Der Herrscher verlässt sich auf die Sprache für seine Befehle; durch sein Verständnis der Sprache unterliegt – oder widersteht – das Opfer. Die Verbergung des Lagernamens in Sibirien führte zur Desorientierung: Nicht nur musste man die Identität aufgeben, sondern auch die Koordinate ihres Daseins. Man hatte keine Mittel, sich zu orientieren. Das untergrub auch die Möglichkeit, zu opponieren. Für einen Widerstand waren die Bedingungen kaum gegeben. In der arktischen Wüste waren Mauern und Stacheldraht kaum nötig. Die Verheimlichung war eine Folter: Die Gefangenen befanden sich in einem Gefängnis der Sprachlosigkeit. In den KZs war die Situation analog. Das Wörterbuch des Unmenschen präsentiert die Lager wie folgt: „das Lager [war] zu einem Organisationszustand der Menschheit geworden – einem Zustand, der noch nie zuvor dagewesen ist.“ (Sternberger / Storz / Süskind 1962, S. 73) Die ganze Welt wird zum Käfig, zum Gefängnis, wobei das unschuldig klingende Wort „Lager“ zum Euphemismus für die Mordstätte wird.
LTI als Philologie des Bösen
Die Aufzeichnungen Klemperers, die er fast täglich während des Krieges verfasste und später in LTI veröffentlichte, sind durchaus als eine Philologie des Bösen aufzufassen. Indem Klemperer als Zeuge die Nazi-Sprache untersucht, verwandelt er seine Erkenntnis in Wissenschaft, zergliedert das Böse und liefert dadurch eine Einsicht in das Handeln der Nazis. Seine Methode lässt sich jedoch nicht nur als eine Art Philologie begreifen. Stets ist Klemperer auch ein Erzähler: Seine Ethik geht in die Sprachkritik über, wie diese durch Karl Kraus repräsentiert wird, etwa wenn Klemperer die Vorliebe der Nazis für Superlative analysiert: „Schlacht allein genügt selten, es werden ‚Vernichtungsschlachten‘ geschlagen“ (Klemperer 2019, S. 247). Diese Vorliebe für Superlative wurde von der jüngeren Wissenschaft bestätigt (Volmert 1989, S. 151-157). Auch Klemperers Philologie geht stets in die Sprachkritik über. Diese Doppelsicht findet sich in seinem bekannten Ausspruch: „Ich war noch nicht ein bisschen abgestumpft, ich war noch so ganz gewohnt, in einem Rechtsstaat zu leben, daß ich damals vieles für die tiefste Hölle hielt, was ich später höchstens für ihren Vorhof, für den Danteschen Limbo nahm. Immerhin: soviel schlimmer es auch kommen sollte, alles, was sich noch später an Gesinnung, an Tat und Sprache des Nazismus hinzufand, das zeichnet sich in seinen Ansätzen schon in diesen ersten Monaten ab.“ (Klemperer 2019, S. 52)
Klemperer stellt sich als gewissenhafter Bürger vor, der in einem „Rechtsstaat“ lebt, indem er an die Regeln des modernen, an das Gesetz gebundenen Staates appelliert; doch gleichzeitig bringt er sein Wissen als Romanist – d. h. als einem Spezialisten für die romanischen Sprachen und Literaturen – zur Geltung, der die Lage mit dem Maßstab von Dantes Inferno misst. Hier zeichnet sich eben jener Doppelblick ab, der aus Philologie und Sprachkritik besteht. Was Klemperer studiert, bezeichnet er als „Gesinnung“, „Sprache“ und „Tat“ der Nazis: Er folgt hier der Tradition der Sprachwissenschaftler Wilhelm von Humboldt und Benjamin Lee Whorf. Diese finden in dem, was Humboldt die „Weltansicht“ nennt, den Kern der Sprache: „Die Verschiedenheit der Sprachen ist nicht eine Verschiedenheit an Schallen und Zeichen, sondern eine Verschiedenheit an Weltansichten.“ (Humboldt 1963, S. 20)
Der Philologe, der die Sprache der Nazis untersucht, studiert zugleich ihre Ideologie. Die Analyse läuft auf das Studium des Denkens hinaus. Whorfs (1961, S. 135) Hypothese über die Verbindung von Denken und Sprache spiegelt eben diese Theorie. Das, was Whorf von einer Sprache behauptet, trifft auch auf einzelne Soziolekte zu wie etwa Nazi-Deutsch. Diesen Soziolekt – die Sprache der Nazis – hat man oft untersucht: Vokabular, Semantik, Sprechakte, Metaphorik, Syntax, Rhetorik usw. bilden ein Netz zusammenhängender Elemente, die auf ein inhumanes, hetzerisches Handeln aus sind. Wie Siegfried Bork (1970, S. 15, 56, 66, 68) beobachtet, finden sich in dieser Sprache Verrohung, Worttiraden, Zentauren (unlogische Komposita), Pseudolegitimation, Archaismen, und Tarnungen. Wenn soziale Einrichtungen in einem Staat normalerweise dazu dienen, Gefahren zu bannen, hat die Sprache der Nazis den umgekehrten Zweck, Gefahren auszulösen (ebd., S. 103).
Die Sprache einer politischen Mythologie als Potpourri
Das Gebilde, das Hitler und manche Interpreten seine Weltanschauung nannten, was die Wissenschaft genauer als Ideologie bezeichnet und Ernst Cassirer (1946) als erster treffender die „politische Mythologie“ nannte, beruht auf einer spezifischen Ausformung der Sprache. Anders als eine Ideologie enthält die politische Mythologie nicht nur ein Raster stereotyper Ideen, sondern auch Vorstellungen, Bilder, Wissensfetzen und Symbole (Bottici 2007, S. 138, 148, 187, 257). Diese Mythologie beruht auf verbalen Mitteln, auf dem ganzen Spektrum solcher Werkzeuge, und verpflichtet zum Handeln. Hierher gehörende Mittel sind Euphemismen und Übertreibungen, Scheinlogik und Fachsprache, Pseudowissenschaft und -religion. So findet man das Wort „Sonderbehandlung“ für Mord, „Bazillen“ für Jude, „Heil“ als Gruß, „Endlösung“ für Genozid. Dieses letzte Wort – „Endlösung“ – wirkt wie ein wissenschaftlicher Begriff, verbirgt aber das Geschehen, den Massenmord; so wird das Verbrechen als schuldlose, objektive Tatsache hingestellt (Adler i. Vorb.). Ebenfalls verbirgt sich hinter dem Ausdruck „Heil Hitler“ die Apotheose des Führers. Folglich wirkt diese perverse Sprachform – man kann sie vornehmlich in Mein Kampf studieren – wie ein Ragout. Man musste jedoch auch, wie Utz Maas (2016) bemerkt, die „Dynamik der Entwicklung“ beachten. Ein Soziolekt hat normalerweise eine logische Konsistenz; aber die Sprache einer politischen Mythologie kann eher in diesem Sinne als Potpourri bezeichnet werden.
Orwell sagt, eine solche Sprache wird „zusammengekleistert“ (2004, S. 113 f.). Der Sprecher wird zur Maschine. Der Zweck ist die Verblendung, ist, die Macht zu erlangen, und ist am Ende die Ausrottung. Dazu dienen auch die labyrinthischen Abkürzungen von A bis Z: „A“ auf einer Armbinde hieß „Arbeitsjude“; „ZAI“ ein „Zwangsarbeitslager“ (Weinmann 1990, S. IX, LXXXV). Hierher gehört auch die morbide SS-Rune. Diese Verstümmelung war Mittel, den Menschen in eine verlogene Welt zu verwickeln und zu unterdrücken. So wurden Kriminelle zu „Sicherungsverwahrten“ – sie wurden durch die Benennung in ihr Gegenteil verkehrt – und wurden sodann schlicht zu einem „SV“ (Weinmann 1990, S. LXXVII). Wie Danuta Wesołowka (1998, S. 231) bemerkt, erhält die Sprache den Zweck, die Opfer zu überwältigen, um sie zu vernichten. Das ist eine Todessprache.
Besondere Beachtung in der Nazi-Sprache verdient, was nach Orwells Roman 1984 als „double-speak“ bekannt wurde. Hier geht es um euphemistische Metaphern wie „Betreuung“ (Adler 2005, S. XXIV) für „Mord“ oder „Sonderbehandlung“ (ebd., S. LII) für „Vergasen“ und „Deportation“ für „Vernichtung“. Wie Lakoff und Johnson (2003, S. 143-145) in ihrer klassischen Studie gezeigt haben, dienen solche Metaphern dazu, eine neue Welt zu schaffen. Und wie Lakoff (1991) nachweist, können solche Figuren besonders nützlich bei der Kriegsführung sein. Ihr Zweck liegt nicht zuletzt darin, Kriegshandlungen zu rechtfertigen und den wahren Sinn einer Handlung zu verbergen. Jehuda Bacon, der als dreizehnjähriges Kind im sogenannten „Rollenwagenkommando“ Auschwitz überlebte, erzählt von der kuriosen doppelten Wahrheit, welche das Überleben ermöglichte. Es herrschte in Auschwitz eine doppelte Welt: Man überstand in einer Art Illusion (Koller/Lenssen 2015, S. 72).
Dies zu beweisen war wiederum die Aufgabe von Nahman Blumenthal, der als Zeuge eingeladen wurde, nach dem Krieg vor dem polnischen Gericht an Kriegsverbrecher-Prozessen als Experte auszusagen (Blumenthal 2019). Er benutzte dabei sein Wissen um die Sprache der Nazis zur Verdeutlichung ihrer Begriffe: Der deutsche „Lebensraum“, so erläuterte er, hieß eigentlich „Todesraum“ für die Juden (Jockusch 2012, S. 114f.). Die genaue Natur von diesem Sprachragout kann man in Hitlers sogenannter „Prophezeiung“ vor dem Reichstag am 30. Januar 1939 erkennen. Mit Hohn übernimmt Hitler hier das von der jüdischen Religion bekannte Wort „Prophet“, um sich selbst in Szene zu setzen: „Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ (Hitler Speeches o. J.)
Nahman Blumenthal: Pionier der NS-Lexikografie
Wie Gustav Le Bon (1961, S. 83), den Hitler gelesen haben dürfte, schon im Jahre 1895 die Rolle eines Führers beschreibt, ist Hitler ein Hypnotiseur, der sich auch selbst mit seinen Ideen hypnotisiert. Er betrachtet sich als ein zweiter Jesus („Ich will heute wieder ein Prophet sein“), um gleichsam ein quasi-religiöses Versprechen zu bekunden. Doch ist die Bezeichnung absurd: Man ist Prophet, nicht nur zu einem gewissen Zeitpunkt („heute“). Ebenso unlogisch ist die Formel „internationale [...] Judentum in und außerhalb Europas“. Die scheinbare Genauigkeit läuft auf eine geographische Absurdität hinaus. Auch die entsetzliche Phrase „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ ergibt keinen genauen Sinn.
Die Verwendung der schon von Jesus benutzten Formel von Protasis (wenn) und Apodosis (dann) verweist auf eine Instrumentalisierung der Juden in dem Prozess ihrer eigenen Vernichtung: Sinn dieses primitiven Arguments ist es, die Schuld für die Vernichtung den Juden selbst zuzuschreiben. Das ist das altbewährte Muster des Entscheidungsmonologs in Schillers Maria Stuart. Es geht hier aber nicht um eine Entscheidung, sondern darum, einen trügerischen Motorfür die „Endlösung“ vorzustellen, auf welche die Zuhörer längst vorbereitet waren, einen verblendeten Beweggrund, um den erdachten Massenmord zu beginnen und gar moralisch (!) vor der Welt zu rechtfertigen. Hitlers erklügeltes Argument entpuppt sich als Scheinlogik. Seine Prophezeiung ist nichts anders als eine Drohung. Schon Klemperer hat sich über den Begriff der Weltanschauung Hitlers in bitteren Tönen beklagt: Er nennt dies das „Klüngelwort der Jahrhundertwende“. Es handelt sich laut Klemperer um ein „Pfeilwort“ des LTI: das genaue Gegenteil von Logik. Denn Hitler benutzt in seiner sogenannten Weltanschauung eine Fülle von Klischees und Schablonen, die er tollwütig zusammenkleistert, ohne einen wirklich genauen Sinn zu stiften. Zweck dieser Sprachführung ist die „Gewaltherrschaft“ (Le Bon 1961, S. 85).
Sprache = Macht
Das ist keine Weltanschauung, sondern eigentlich eine Ideologie oder eben viel eher noch eine politische Mythologie: ein wüstes Raster von Bildern und Begriffen: Größenwahn und Judenhass, Selbsttäuschung und Sophisterei, Religion und Scheinwissen. Beachtung verdient auch die Verwendung von Formeln – Wendungen wie „der totale Staat“ (Faye 2003, S. 103-105), „Volk ohne Raum“, „die Juden sind unser Unglück“. Diese Wendungen haben den Charakter eines Gedankenkäfigs: Statt zu denken, handelt man mit Vorurteilen. Die Rede ist apodiktisch. Es gibt kein Entrinnen. Ein weiterer Faktor zeichnet diese Sprache besonders aus: die Lüge. Klemperer hat Hitlers Rede im Kino gesehen. Den Eindruck, den dieser auf ihn machte, ist immer noch erstaunlich: „[Hitler] ballt die Faust, er verzerrt das Gesicht, es ist weniger ein Reden als ein wildes Schreien, ein Wutausbruch. [...] Er scheint jetzt allmächtig, er ist es vielleicht auch; aber aus dieser Aufnahme spricht in Ton und Gebärde geradezu ohnmächtige Wut.“ (Klemperer 2007, S. 47)
In seiner Analyse von Hitlers Rhetorik erkannte Klemperer die Angst und den Feigling. Diese Einsicht vertraut er seinem Tagebuch an. Das war Widerstand. Wie in H. G. Adlers Sprechakt im Lager, kehrt Klemperer das Verhältnis zum Führer um. Hätte man die Notizen entdeckt, dann wäre Klemperer unmittelbar in Lebensgefahr gewesen. Jeglicher Widerstand beginnt als geistige Tat und geht in einen Sprechakt über. Demnach kann Sprache selbst als Form des Widerstands fungieren.
Die nationalsozialistische Sprache ist nicht so sehr ein Mittel zur Kommunikation als ein Werkzeug der Macht. Hier befindet sich ein einfaches Gleichnis: Sprache = Macht. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht auch die Menschen und ihren Staat; und die Macht, wie Canetti meint, ist stets ein Böses. Man kann von der Nazi-Sprache als von einem Machtmittel sprechen, von einem Instrument, um das zu bewerkstelligen, was Kant und Hannah Arendt das radikal Böse nennen (Bernstein 2002, S. 17-30). Also ist hier auch Sprache = Waffe: Sie dient der Vernichtung. Diese Erkenntnis verdanken wir Nahman Blumenthal, der beobachtete, dass die Sprache das größte Werkzeug der Nazis bildete. Für H. G. Adler besteht die Nazi-Sprache aus „Wörter[n] der Gewalt“ (1965, S. 214): „Wörter der Gewalt [...] drücken also alles aus, was Menschen einzeln oder in Verbänden oder in überpersönlichen Organisationen wie in den Staaten in nicht wohlwollender Absicht Menschen antun. Es sind verschiedene Handlungen der Lieblosigkeit, sei es Kriegerisches, sei es Verfolgung und Unterdrückung, sei es tätiger Haß, das Trachten, anderen zu schaden, indem man sie tötet, misshandelt oder beraubt.“ (1965, S. 214)
Adler liefert hier eine übergreifende Definition des Tatbestands, den auch Blumenthal erkennt. Dieser nennt die Nazi-Sprache: „an instrument to implement a policy of murder“; und „one of the most important tools used by the Germans in the physical extermination of the Jewish people“ (Blumenthal 1957, S. 58).
Diese Verwendung der Sprache lässt sich leicht daran erkennen, dass die typische Ausdrucksform der nationalsozialistischen politischen Mythologie ein Befehl ist. Der Befehl militarisiert den Staat durch ein rigides System (Ehlich 1989, S. 25): Privatleben, Schule, Verwaltung, Industrie, Wirtschaft – man denke an die Planwirtschaft – werden im totalitären Staat zum Objekt von Befehlen. Das stand schon in der nationalsozialistischen Theorie zum totalitären Staat fest: „[D]er Befehl ist die Handlungsform der Autorität“ (Forsthoff 2014). Die gesamte Lebenswelt verwandelt sich in eine einzige Befehlseinheit. Laut Max Weber (1975, S. 122) ist der Befehl die Form, durch die die Herrschaft ihre Macht über die Gesellschaft ausdrückt. Der Befehl ist also, was John Austin einen illokutionären Sprechakt nennt (Searle 1969, S. 23). Der Sinn eines solchen Akts besteht darin, den Hörer dazu zu bewegen, eine bestimmte Handlung auszuführen. In Elias Canettis Worten: „Das erste, was am Befehl auffällt, ist, daß er eine Handlung auslöst“ (1960, S. 348). Diese Handlung erfolgt aber als Resultat der Macht. Auch das Gesetz ist eigentlich nichts als Befehl, das bei den Nazis nur darum existiert, um eine Vernichtungsmaschinerie zu errichten und das Opfer zu töten. Man hat – wie schon bemerkt – den Nazi-Staat ein Lager genannt; aber dieses konnte nur auf Grund des Befehls entstehen. Allein das Wesen der Einzelnen – Jüdinnen und Juden, Roma – zieht den Befehl nach sich, sie umzubringen, als ob sie ein Kapitalverbrechen begangen hätten. David Rousset schildert das Vorgehen im Lager wie folgt: „Hier ist das Urteil nie gefällt, der Prozess niemals zu Ende. Er nährt und entwickelt sich aus Gestalten, die er selbst hervorgebracht hat, ohne dass die Gründe jemals ausgesprochen würden. Ein Befehl trifft ein. Eine schlichte, unkommentierte Entscheidung. Der Befehl trägt die Handschrift des Meisters. Der Kommandant des Lagers weiß nichts darüber. Der Oberscharführer weiß nichts. Der Blockführer weiß nichts. Der Lagerälteste weiß nichts. Die Scharfrichter wissen nichts. Der Befehl aber bestimmt den Tod und die Todesart und die Dauer des Tötens.“ (2020, S. 57 f.)
Rousset schildert die ganze kafkaeske Hierarchie, die vom „Meister“ – dem Führer – bis zum Opfer mittels einer Serie von Befehlen läuft. Der einzige Sinn des Befehls ist der Mord. Also ist der eigentliche Sprechakt des Totalitarismus, das Zeichen, auf dem der Staat beruht, der Befehl; und so heißt das höchste Gesetz dieser politeia ein „Führerbefehl“. Ein Theoretiker hat 1933 diese Eigenschaft des totalen Staates klar erfasst: Sie sei „hierarchisch, befehlsförmig“ (Forsthoff 2014, S. 273). Im totalitären Staat ist der Befehl gleich Gesetz. Es folgt, dass jeder Sprechakt, der sich gegen diese Norm wendet, Widerstand darstellt.
Die Tätowierung der Häftlinge, die in Auschwitz im Herbst 1941 einsetzte, hat ihre Identität geraubt, der Name entfiel, eine Nummer trat an seine Stelle. Dagegen konnte man sich nicht wehren, doch wie Eva Mozes Kor und Lisa Rojany Buccieri (2012, S. 54 f.) berichten, war ein milder Widerstand möglich, durch den sich der Häftling behaupten konnte. Primo Levi (1987, S. 33 f.), Häftling Nr. 174517, hat die Prozedur beschrieben: der Alkohol auf den Arm, die spitze Nadel, der Schmerz. Durch dieses Zeichen der Entrechtung, durch die Abgabe des Namens, verlor der Häftling die Würde. Man wurde zum Objekt. Die eigene Identität entfiel, der einzelne Mensch verwandelte sich in einen Teil einer Masse, die keine ausgewogene Sprache, sondern nur den Befehl kennt. Die Tätowierung ist die Kalligraphie des Todes.
Auschwitz als Babel
Die Vernichtung läuft über die Zerstörung der Sprache. Auch das hat Primo Levi klar beschrieben: „Dann bemerken wir zum ersten Mal, dass unserer Sprache die Wörter fehlen, das Verbrechen auszudrücken, die Demolierung des Menschen. Plötzlich, mit einer fast prophetischen Intuition, wurde uns die Wirklichkeit offenbart: wir haben den niedrigsten Punkt erreicht. Es ist nicht möglich, niedriger zu sinken: ein schlimmerer menschlicher Zustand ist undenkbar. Nichts gehört uns mehr; sie haben unsere Kleider, unsere Schuhe, auch unser Haar genommen; wenn wir sprechen, werden sie nicht hören, und wenn sie hören, werden sie nicht verstehen. Sie werden selbst unsere Namen nehmen; und wenn wir ihn behalten wollen, werden wir in uns selber die Kraft finden müssen, dies zu tun, damit etwas hinter dem Namen, etwas von uns, noch zurückbleibt.“ (1987, S. 32 f.)
Indem Levi die progressive Reduktion des Häftlings in seiner Sprache verfolgt, erreicht er schließlich den Nullpunkt, da kaum etwas übrig bleibt: Das ist die Sprachlosigkeit, ein Leben ohne Wert. Die Zerstörung der Sprache zerstört auch die Würde. Doch durch diese Reduzierung erreicht Levi die Erkenntnis, dass am Ende doch die Möglichkeit der Existenz zu finden sei – „etwas hinter dem Namen, etwas von uns, noch zurückbleibt“. Paradoxerweise entdeckt Levi im Nullpunkt einen Rest von Leben. Das heißt, indem der Mensch die eigene Zerstörung fortdenkt, gelangt er an den letzten Rand der Sprache. Hier klebt als letztes Wort nur noch der Name an der nackten Person. Hier zählt der Mensch nur als Nummer. Die letzten Lebenszeichen sind nur Schrei und Todesröcheln. Das ist die Zone des Widerstands. Der innere Ort des Überlebens, der die Rettung vor dem Schicksal verheißt. Detlef Garbe definiert, was er ‚Gegenwehr‘ nennt, als jene Handlungsweisen, die „den Absichten der SS zuwiderliefen und deren Herrschaftsvollzug in den Lagern zumindest störten“ (2005, S. 242). Das ist zu schmal. Widerstand kann man genauer als jeden Akt in einer Zwangslage definieren, der sich gegen die bestehende Ordnung richtet, um die Identität des Einzelnen und die Würde zu behaupten. Schon Ruth Klügers „weiter leben“ (1992, S. 113) ist Widerstand. Für Levi sind Sprache und die Kunst des Übersetzens von einer Sprache in die andere eine Form von Widerstand (Breen 2011, S.141-165).
In einer bekannten Stelle schildert Primo Levi die Hölle von Auschwitz als ein zweites Babel. Die Wirrnis liefert jeden dem Untergang aus, gibt ihm aber auch die Möglichkeit, zu überleben. Das ist die binäre Welt des Lagers. Ein Entweder / Oder, das alles übertrifft, was Kierkegaard gedacht haben kann: „Die Verwirrung der Sprachen ist ein fundamentales Element des Lebens hier unten: Man wird von einem andauernden Babel umgeben in dem jeder Befehle und Drohungen in Sprachen schreit, die vorher nie gehört wurden, und wehe dem, der die Bedeutung nicht schnell ergreift. Niemand hier hat Zeit, niemand hier hat die Geduld, niemand hört Dir zu.“ (Cohen 2009, zitiert nach Levi 1987, S. 33, eigene Übersetzung)
Zwar ist man gewohnt, die Lagerwelt primär visuell zu begreifen, doch begreift sie Levi an dieser Stelle akustisch, ja vor allem sprachlich: Wie ich eben bemerkt habe, ist diese Welt der Gewalt ein Universum der Befehle – und der Drohungen. Um zu überleben, muss jeder Gefangene widerstehen. Hier ist Verstehen gleich Widerstand und Widerstand gleich Überleben. Mehrere Insassen, wie Nicole Warmbold schreibt, haben von der Notwendigkeit der Kameradschaft für das Überleben berichtet: Ein Häftling konnte nicht allein überstehen; es brauchte die soziale Verbindung; und es bedurfte der gemeinsamen Sprache, um ein gegen die Obrigkeit gefeites Band zu schmieden. Bruno Heilig berichtete: „Im Konzentrationslager, wo man den Menschen zum Tier erniedrigen wollte, wo die Kreatur in ihm entfesselt war, habe ich den Menschen erst kennengelernt. Ich habe ihn in seiner edelsten Form kennengelernt: als Kameraden.“ (1948, S. 97)
Die Sprache bildete das Mittel, das den sozialen Zusammenhalt formte, durch das die Häftlinge eine neue, gemeinsame Identität stifteten und sich gegen die Macht des KZ-Universums stemmten. Heilig (1948, S. 31) führt aus, „Kameradschaftlichkeit ist das oberste Gesetz unserer Gemeinschaft. Nur so kann man [...] überleben.“ Wie sehr man hier von einer sprachlichen Verständigung abhängt, erkennt man an Ausführungen von Fritz Selbmann (1979), in denen er unzerreißbare Bänder internationaler Verständigung beschreibt. Der Kosmopolitismus dieser Häftlinge stellte de facto eine Form von Widerstandsbewegung dar.
Gradowski und Katzenelson: Die Dichter der Shoah
Zeugnis ablegen und Widerstand leisten gleiten ineinander über, wenn es darum geht, die Existenz im Lager zu bewahren. Der jiddische Dichter Salmen Gradowski, der in Auschwitz dem Sonderkommando zugeteilt wurde, hat ein erstaunliches Zeugnis hinterlassen. Er versteht seine Schrift als Lebenszeichen, als Beweis dafür, dass er gelebt hat. Wie wenige Häftlinge hat er Widerstand gegen die Nazis geleistet: Mit anderen Mitgliedern des Sonderkommandos hat er einen Aufstand in den Krematorien unternommen, wobei eine Gaskammer außer Betrieb gesetzt wurde. Aber in seinem Dokument, das er vor dem Krematorium begraben hat, leistete er auch sprachlichen Widerstand. Dieses Zeichen soll den Leser aktivieren, den Tod der Judenheit zu rächen. Das ist Gerechtigkeit: „Es kann sein, dass dies hier, die Zeilen, die ich hier schreibe, das einzige Zeugnis meines früheren Lebens sein wird. Aber glücklich werde ich sein, wenn meine Schriften zu Dir gelangen, Du freier Bürger der Welt. Vielleicht wird ein Funke meines inneren Feuers in Dir auflodern und Du wirst wenigstens einen Teil von dem erfüllen, was wir im Leben gewollt haben, und wirst Rache nehmen, Rache an den Mördern!“ (Gradowski 2019, S. 157)
Es ist äußerst schwierig – wie Wittgenstein lehrt – den genauen Sinn einer solchen Aussage zu bestimmen. Vielleicht könnte man den Anruf Gradowskis einen Akt des retrospektiven Widerstands nennen. In dichterischen Tönen – „ein Funke meines inneren Feuers“ – vermag er nahezulegen, wie die Sprache ihren vitalen Gehalt zu übermitteln vermag. So wie Wittgenstein geht es Salmen Gradowski nicht so sehr um die Kommunikation, um die Übermittelung von Sinn, als um die Beschaffung von Handlungszusammenhängen. Die Sprache vermag die Gleichgesinnten zu verbinden, vermag eine Gemeinschaft zu bilden, die sich gegen die Peiniger stellt. Sprache ist demnach nicht so sehr ein Gegenstand als ein Akt, der ein ethisches Band bildet. In dieser extremen Situation im Lager erkennt der Philologe die Radikalität seines Gegenstandes. Man geht in eine Schule der Demut, in der neue Erkenntnisse erwachsen. Die Lagerdichtung will nicht nur als Protest verstanden werden; sondern zugleich auch als Widerstand. Das große, von Wolf Biermann übersetzte Gedicht von Jizchak Katzenelson, der Große Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk, knüpft an die Psalmen und Homer an, um die Welt der Lager zu zeihen: „Du, sing! Greif die zerhackte, deine nackte Harfe, singe doch / Schmeiß ins Gewirr der Saiten deine Finger für ein Lied / Sing schmerzgebrochne Herzen. Sing diesem Europa noch / Den letzten Abgesang von seinem allerletzten Juden.“ (Katzenelson 1994, S. 55)
Wo der Protest aufhört, beginnt der Widerstand, indem der Sprechakt nicht nur die Rage zum Ausdruck bringt, sondern auch eine unerbittliche Opposition: Der Dichter vermag den Unterdrücker im Wort anzugreifen und dadurch über den Tod hinweg in Schach zu halten. Also geht der Dichter als Sieger hervor. Keiner hat das besser gespürt als Celan, etwa im Gedicht ‚Unten‘ in seiner Sammlung Sprachgitter, in dem die konkrete Sprache – „Silbe um Silbe“ – mit der Existenz zusammenfällt. Der Kritiker George Steiner hat gemeint, die Nazis fanden eine präzise Sprache vor. Das mag stimmen. Doch wie ich bemerkte, verwandelten sie diesen Wortschatz in ein Potpourri. Celan verleiht der Sprache ihre Präzision wieder – „Silbe um Silbe, verteilt / auf dem tagblinden Würfel.“ Man hat oft von der poetologischen Dichtung gesprochen. Dagegen würde ich meinen, Celan betreibt eher eine philologische Lyrik. Die oft beobachtete Sperrigkeit dieser Lyrik, diese intime Resistenz, gehört auch in den Rahmen, den ich darzustellen versuche. Denn dem Gräuel der Verfolgung antwortet Celan mit der Reinheit des Wortes – „dem kleinen Kristall / in der Tracht deines Schweigens.“ Daher wohl auch die Anziehung von Celans Dichtung für Philologen wie Szondi und Starobinski. Die Philologie des Bösen geht unmittelbar in die Dichtung über.
Kultur als Widerstand
Der Komponist und Gelehrte Nick Strimple behauptet, dass allein der Versuch, im Lager zu überleben, einen Akt des Widerstandes darstellt (2014, S. 320). Indem man das nackte Leben behauptete, widerstand man dem Versuch, das jüdische Volk zu ermorden. Jede Kulturhandlung – im Sinne des Kulturbegriffs des 19. Jahrhunderts – stellt ebenfalls einen Akt des Widerstands dar, indem sie gegen die Barbarei opponiert. Die Nazis hielten sich in der Tat an einen primitiven Begriff der Kultur, wie ihn der amerikanische Anthropologe Franz Boas definierte (Stocking 1966, S. 876): Er stellte ein Schema der Kultur auf, das drei Fähigkeiten beinhaltete: Abstraktion, Selbstbeherrschung und die freie Wahl. Heutzutage würde man das nach Norbert Elias eher Zivilisation nennen. Der entscheidende Punkt jedoch an dieser Analyse ist, dass der Nationalsozialismus in anthropologischer Hinsicht ein anti-zivilisatorisches Projekt war. Nicht nur in metaphorischer Hinsicht, sondern auch im Sinne der damaligen Anthropologie stellte Hitlers Wille ein anti-kulturelles, anti-zivilisatorisches Vorhaben dar. Hieraus folgt die Einsicht: Jede gegen ein solches barbarisches Regime gerichtete Kulturhandlung bildet eine Form des Widerstandes. Hierhin gehört eben auch die Philologie, aber auch jede Art von Sprechakt.
Die zahllosen Tagebücher, die von Kindern und Erwachsenen stammen, haben eine Chronik der Shoah geliefert, die auch mit Vorbehalt als ein vergeblicher, schriftlicher Widerstand zu verstehen ist (Garbarini 2006, S. XIII). Kinder so jung wie elf und zwölf haben Zeugnis abgelegt (Holliday 1995): Janine Philips, Ephraim Shlenkler, Dirk van der Heide, Werner Galnik, Janina Heshele – und viele andere mehr. Hunderte Tagebücher haben überstanden. Tausende sind wohl untergegangen (Garbarini 2006, S. XIII). Kein anderes Ereignis in der jüdischen Geschichte hat eine solche Flut von Zeugnissen hervorgebracht. Besondere Beachtung fand die neunzehnjährige Mary Berg. Sie entkam von Warschau nach Amerika; ihr Tagebuch wurde schon im Krieg veröffentlicht. Sie berichtet vom „Widerstand“, vom Aufstand gegen die Deutschen (2006, S. 177-180). Sie schreibt, wie die kleinen Zellen sich in eine große Organisation formierten, und wie diese in Gestalt von bewaffnetem Widerstand die Nazis angriff: „Von jedem Fenster aus, von jedem Dach, von jeder ruinierten Mauer trafen die Nazis auf einen Hagelsturm von Kugeln automatischer Gewehre.“ (Berg 2006, S. 226, eigene Übersetzung)
Wie die Historikerin Alexandra Garbarini (2006, S. 21) bemerkt, stehen die Tagebücher im Zeichen der Hoffnung: Man wollte weniger den Feind überwältigen als die eigene Situation transzendieren.
Die Rolle der jiddischen Aufklärung
Der polnische Widerstand konnte von der Vorkriegsbewegung profitieren, die im YIVO (Kuznitz 2014) – das 1925 in Vilnius gegründete Jiddische wissenschaftliche Institut –gipfelte. Das YIVO verstand sich als Gegenspieler zur deutschen Wissenschaft des Judentums. Nicht die Assimilation, sondern eine neue jüdische Lebenswelt war das Ziel. Es war von Anfang an kämpferisch, auf Selbstbehauptung und Widerstand aus. Es besaß vier Sektionen: Philologie; Statistik-Volkswirtschaft; Psychologie-Pädagogik; und Geschichte. Hier war also die Philologie, das Studium der jiddischen Sprache, in ein Programm des Aufbaus und des Widerstands integriert. Zwei Großprojekte in den von den Nazis eingerichteten polnischen Ghettos sind in ihrer Methodik von dem YIVO abhängig. Jene sind historisch, soziologisch und philologisch interessant. Hierher gehört die fünfbändige Chronik des Łódźer Ghettos. Diese Schrift legt Zeugnis vom Leben der Juden ab. Oskar Rosenfeld hat in einem Tagebuch über seinen Stil berichtet, der für die Schreibart der Chronik von Łodź typisch ist: „Alles, was gegenwärtig ist, transkribieren, sehr kurze, konkrete Formulierungen, alles Sentimentale bei Seite lassen [...]“(1989, S. 1). Dieser kühle, objektive und distanzierte Stil stellt den Autor als Wissenschaftler dar, der durch seine knappe Klarheit dem Gegner überlegen ist. Rosenfeld (1989, S. 297) hat auch die Sprache im Ghetto beschrieben: Nirgendwo gab es vorher eine solche Einrichtung; diese hat zu einer Verwandlung der Begriffe geführt; und daher mussten neue Bedeutungen, ja neue Wörter geschaffen werden. Eine Sammlung dieser Feststellungen – so führt er fort – würde eine „Enzyklopädie“ des Ghettos bilden, denn die Sprache ist das verlässlichste Instrument, die Wahrheit darzustellen. Demnach kann man die 2.000 Seiten der Łódźer Chronik als Monument der Shoah betrachten – ähnlich der unter der Schirmherrschaft des Freiherrn vom Stein 1826 begonnenen Monumenta Germaniae Historica. Neben der nationalen Verherrlichung der MGH tritt nun die Anklage der Łódźer Chronik. Hier hat man unter Zusammenarbeit mit vielen Ghettobewohnern den Widerstand in einem Schriftzeugnis als monumentale Institution für die Zukunft errichtet.
Das andere Großprojekt dieser Art ist der Oneg Shabbat – Freude am Schabbat – des Warschauer Ghettos, vom Historiker Emmanuel Ringelblum dirigiert (Oneg Shabbat-Programm o. J.). Dieses Archiv war methodologisch das anspruchsvollste Schriftwerk des jüdischen Widerstands. Man könnte es als Paradebeispiel eines Archivs im Sinne von Foucault und Derrida betrachten (Manoff 2004, S. 9-25). Es gab etwa 50 Mitarbeiter. Unter Ringelblums Anleitung sammelte man 1.680 Archivposten in etwa 25.000 Seiten. Man begrub sie in Milchkannen und Büchsen. Nach dem Krieg hat man sie fast alle geborgen. Der Herausgeber hat die Entstehung genau beschrieben (Ringelblum 2006, S. XX f.). In langen Sitzungen hat man das Werk geplant, die Themen ausgesucht – Gesetze, Polizei, Erziehung, Korruption usw. –, und entsprechende Fragebögen entworfen. Ziel war es, dass „kein einziges Faktum jüdischen Lebens verborgen bleiben sollte.“ Hier trafen Soziologie und Philologie in einem einzigen Archiv zusammen.
Die großen Archive der Ghettos
Die Themenwahl fiel auf Allgemeines, Wirtschaftliches, Kulturelles und gegenseitige Hilfe (Kassow 2007, S. 226). Die Systematik sollte das Ghettoleben in seiner Gesamtheit erschließen. Wie Foucault herausstellt, wird in einem solchen Archiv der Einzelne zum Zeichen der Geschichte (van Alphen 2018, S. 8). Anders als die Łódźer Chronik waren die Aufsätze laut dem Herausgeber „mit Gefühl verfasst“, bzw. mit einer „epischen Stille“, „mit der Stille des Friedhofs“ (Kassow 2007, S. 270). Einer hat die Entdeckung des Archivs imaginiert (Kassow 2007, S. 3): „ein Schrei“ werde die „Wahrheit“ an die Welt übermitteln. Hier sollte ein posthumer Widerstand entstehen, der die Täter vor der Nachwelt bloßstellen sollte. Männer und Frauen sind gleich wichtig. Zu den beachtlichsten Zeuginnen gehört Gustawa Jarecka. Sie schreibt, „Wir hassen Wörter, weil sie zu oft als eine Decke für die Leere gedient haben“ (Kassow 2007, S. 6), und doch anerkennt sie das Wort eines Sterbenden als Beweis für einen Delikt. Diese Doppeldeutigkeit der Sprache gibt der Schrift ihre Kraft.
Die beiden großen Chroniken von Warschau und Łódź haben den Sinn, die Katastrophe in die 3.500 Jahre jüdischer Geschichte einzureihen, die, wie Dubnow behauptet, aus „Denken und Leiden“ (1958, S. 262) besteht.
Bildung als Bewahrung des Volkes
Eine Philologie im Sinne Boeckhs gereichte auch den Insassen in Theresienstadt dazu, eine Art von kulturellem Widerstand zu leisten. Die Forscherin Elena Makarova hat diese sogenannte „Universität über dem Abgrund“ studiert: 520 Vortragende in 2.430 Vorträgen haben im Rahmen der sogenannten „Freizeitgestaltung“ im Lager über viele Themen gesprochen. Leo Baeck hat diese Veranstaltungen wie folgt beschrieben: „In the sheltering darkness of the long evenings, they gathered in the cold and gloomy attic of a barrack, just under the roof. There they stood, pressed close to each other, to hear a talk about the Bible and the Talmud, about Plato, Aristotle, Maimonides, about Descartes and Spinoza, about Locke and Hume and Kant. [...] All those hours were hours in which a community arose out of the mass and the narrowness grew wide. They were hours of freedom.“ (Zitiert nach Makarova / Makarov / Kuperman 2004, S. 12)
Das, was die 520 Vortragenden zu bieten hatten, war Philologie: das Studium der klassischen Antike wie auch der Klassiker der Moderne. Manche waren professionelle Philologen, wie Maximilian Adler; andere hatten Philologie studiert, wie Leo Baeck; wieder andere waren Amateure. Mit ihrem Publikum opponierten diese Philologen gegen die Bedrängnis ihres Zustands und die Folter ihrer Peiniger. Die Befreiung, welche diese Strategie erzielte, riss die Mauern nieder. Man setzte im geistigen Universum der Philosophie die Staatsmaschinerie des Dritten Reichs außer Kraft.
Das Gebet als Selbstbehauptung
Wenn ein Opfer durch einen Sprechakt sich einem Täter gegenüberstellt, mag das weder Philologie noch Sprachkritik darstellen, doch gereicht dies zu einer Form des Widerstandes. Im Falle der Juden steht hier an erster Stelle das Gebet, denn durch das Gebet stellt der Einzelne eine Beziehung zu Gott her und schafft eine Verbindung zur Gemeinschaft. Die Ansicht findet man bei Franz Rosenzweig bestätigt: „Die Sprache ist wahrhaftig die Morgengabe des Schöpfers an die Menschheit und doch zugleich das Gemeinsame Gut der Menschenkinder, an dem jedes seinen besonderen Anteil hat, und endlich das Siegel der Menschheit im Menschen. Sie ist ganz von Anfang, der Mensch wurde zum Menschen, als er sprach.“ (1976, S. 122)
Indem die Sprache das Individuum zum Menschen macht, erlaubt sie ihm, gegen die Unmenschlichkeit zu wirken.
Das Massaker zu Babi Jar am Tag der Versöhnung
Rosenzweigs Auffassung der Sprache kann man in ergreifender Weise bei der Handlung der Juden im Massaker von Babi Jar erkennen. Diese Orthodoxen werden an die Thora-Stelle gedacht haben, die am Sabbat jener Woche in den Synagogen verlesen wird. So heißt es im Fünften Buch Mose 31,1-31: „Siehe, ich habe euch das Land, das vor Euch liegt, gegeben. Zieht hinein und nehmt das Land ein, von dem der HERR euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat [...].“
Das war die Hoffnung. Man darf annehmen, dass manche Betende, die niedergemetzelt wurden, die Stellen im Talmud erinnert haben, die vom Wert des Leidens predigen: „Es gibt Züchtigungen, die alle Sünden der Menschheit bereinigen“ (Berakoth 5a); und: „Ein Mensch soll sich eher über das Leid freuen, als über das Glück“ (Sifre V. Buch Mose, 37b), denn das Leid bringt Vergebung. Diese jahrhundertealten Lehren dürften den Opfern eine Würde verliehen haben, die ihren Peinigern unerreichbar blieb. Es ist anzunehmen, dass manche in dieser letzten Stunde an die Kabbala gedacht haben. Hier heißt es: Im Augenblick des Sterbens konzentrieren sich alle gute Taten, die einer getan, wie ein intensives Licht. Ferner werden viele an die Psalmen gedacht haben, die man in den letzten Minuten rezitiert, bevor man von der Welt in die Ewigkeit hinübergeht: der 91. Psalm, der 121. Psalm, der 130. Psalm. Ob die Nazis das Datum der Massaker mit Absicht gewählt haben, lässt sich nicht ermitteln – man hat bisher dieses Datum nicht bedacht –, doch fiel der Anfang der Untat knapp vor den heiligsten aller Feiertage, Yom Kippur. Der Chronist des Sonderkommandos in Auschwitz, Salman Gradowski (2019, S. 177), berichtet, die Nazis hätten mit heimtückischer Vorliebe jüdische Feiertage für ihre Massaker ausgesucht: Die Wahl für den Anfang des Gemetzels war der Tag vor dem Vorabend des Versöhnungstags, der damals auf den 30. September 1941 fiel (Jewish Calendar 1941). Kaum eines der Opfer dürfte nicht an dieses Fest gedacht haben, einen Tag der tiefsten Innigkeit, der Pietät, der Buße. Gedenkt man der Gebete dieses Feiertags, so kommt man den letzten Gedanken, den letzten Worten der Opfer nahe. Der Historiker hat nicht die Opfer in ihrer Degradation zu erinnern, sondern in ihrer ganzen Würde: Die Menschenwürde, welche die Täter zerstörten, haben die Historiker wieder herzustellen. So hat man nebenbei nur vorsichtig mit den Bildern der Ermordeten umzugehen. Um sie in ihrer Würde zu begreifen, denke man an ihre letzten Worte, an ihre Gebete. Laut dem Historiker Leopold Zunz haben Juden im Mittelalter vor der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen das Gebet „Schema Israel“ rezitiert (1907, S. 53). Das älteste, ergreifendste aller jüdischen Gebete, Aveinu Malkeinu, mit der Litanei „Unser Vater, unser König“, das man zu Yom Kippur rezitiert, blieb im Augenblick des Untergangs nach hunderten von Jahren immer noch aktuell (Kol Nidre Prayers).
Unser Vater, unser König, nimm’ in Barmherzigkeit und Wohlgefallen unser Gebet an.
Unser Vater, unser König, o lass uns nicht leer vor Dir ausgehen!
Unser Vater, unser König, tue es um derentwillen, die für Deinen heiligen Namen erschlagen wurden.
Unser Vater, unser König, tue es um derentwillen, die für Deine Einheit hingeschlachtet wurden.
…………
Unser Vater, unser König, tue es deinetwillen und rette uns!
Unser Vater, unser König, tue es um deines großen Namens willen!
Unser Vater, unser König, tue es um deines großen, mächtigen und furchtbaren Namens willen, der über uns genannt wird!
Unser Vater, unser König, aus Gnade erhöre uns [...]!
In das gegen die deutsche Sprache gerichtete Hebräisch haben die Opfer durch ihre Ergebung in Gott einen innigen Widerstand geleistet. Was könnte eine größere Opposition gegen die Ungerechtigkeit bieten als dieses Jahrhunderte alte Gebet? Oder die Psalmen? Die Anrufung Gottes vollbrachte für die Juden im letzten Augenblick ihres irdischen Daseins den moralischen Sieg. Nicht die Opfer, sondern die Mörder wurden gerichtet; denn die Toten – wie es im Gottesdienst zu Yom Kippur heißt – hat Gott im Buch des Lebens aufbewahrt.2
Anmerkungen
1 Dieser Aufsatz geht auf einen Vortrag zurück, den ich zuerst als Keynote Lecture an der Tagung „Sprachhandeln“ – Reflexionen über die deutsche Sprache nach dem Holocaust am Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, im Literaturhaus Leipzig am 21. Oktober 2019 hielt. Den Organisatoren, Nicolas Berg, Elisabeth Gallas und Aurélia Kalisky, sowie den Teilnehmern danke ich für ihre weiterführenden Anregungen. An dieser Stelle möchte ich Anja Lobenstein-Reichmann für ihre kritische Durchsicht dieses Aufsatzes danken. Für Kopien von Aufsätzen von Nahman Blumenthal und wertvollen Hinweisen danke ich Katrin Stoll.
2 Als dieser Beitrag im Druck war, erschienen die Weimarer Tagungsergebnisse in Zeithistorische Forschungen. Studies in Contemporary History 2023, 2, auf die ich mich leider nicht mehr beziehen konnte.
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Dieser Text wurde, ergänzt um illustrierende Abbildungen, im SPRACHREPORT erstveröffentlicht: Adler, Jeremy (2024): Die Philologie des Bösen. Sprachkritik als Widerstand. In: SPRACHREPORT 4/2024. Mannheim: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache. S. 10-25. https://pub.ids-mannheim.de/laufend/sprachreport/pdf/sr24-4.pdf
Jeremy Adler ist emeritierter Professor für Germanistik und Senior Research Fellow am King’s College London. Seit 2005 ist er Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er hat zahlreiche Beiträge und Editionen zur Shoah verfasst.
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