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Noch einmal: Rechtschreibreform. Vorläufiges Postscriptum

In meinen Bemerkungen zu der durch die Rechtschreibreform festgelegten Schreibung ‚Gräuel’ (anstelle des vorher geltenden ‚Greuel’) bin ich auf diese Reform kurz zurückgekommen. Da habe ich auch gesagt, ich selbst hätte – für mich – mit ihr abgeschlossen. Trotzdem hier ein Nachtrag. Wenn ich an sie denke, habe ich eine äußerst lebendige Erinnerung an eine nun schon sehr zurückliegende Episode in unserer Akademie, dann aber auch persönlich etwas wie ein Schuldgefühl: ich fühle mich an ihr, vielleicht zu Unrecht, nicht ganz unschuldig.

Zunächst die Erinnerung. Sie bezieht sich auf die Einladung, die von unserem unvergessenen Präsidenten Herbert Heckmann ausging: Gerhard Stickel, damals Direktor des „Instituts für deutsche Sprache“ in Mannheim, sollte sich bei uns, in interner Sitzung während einer Tagung, zur Rechtschreibreform, die viele von uns sehr irritierte, äußern. Sie war ja entscheidend von Gerhard Stickel und seinem Institut, das eine öffentlichkeitswirksame Aufgabe suchte, vorangetrieben oder vielmehr wieder aufgegriffen wurde, denn die Sache war ja schon alt: bereits Thomas Mann, der 1955 starb, hat zu entsprechenden Vorschlägen Stellung bezogen; ablehnend, versteht sich. Was den heutigen Direktor des Mannheimer Instituts, Ludwig M. Eichinger, angeht (er gehört zum Kuratorium der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“), so fand er, ich vermute, eher zu seinem Missvergnügen, die Reform, als er sein Haus bezog, schon in ihm vor. Er musste also notgedrungen mit ihr leben. Ich bin übrigens nicht mehr sicher, ob ich es war, der Herbert (ich war damals sein Vize) die Einladung Stickels vorgeschlagen hatte. So glücklich war der Gedanke nämlich nicht. Zudem kam Stickel unerwartet nicht allein, sondern brachte als weiteren Promotor einen wirklichen Gesinnungstäter mit: Gerhard Augst aus Siegen. Es wurde eine eher quälende Sitzung. Für mich persönlich aber war sie überaus lehrreich: ein eindrucksvoller von beiden Seiten aggressiv geführter Zusammenstoß zwischen zwei getrennten Welten. Auf der einen Seite war da die normale, also ästhetisch wenig ansprechbare Sprachwissenschaft, auf der anderen die nun gerade in dieser Hinsicht hochsensiblen, andererseits aber mit der normalen sprachwissenschaftlichen Haltung zur Sprache so gut wie gar nicht vertrauten Akademie-Mitglieder. Einige von diesen wollten schließlich von Gerhard Augst geradezu wissen, wer ihn bezahle. Man nahm ihm nicht einmal ab, dass er, was er sagte, von sich aus sagte, einfach weil er es für richtig hielt, irgendjemand müsse ihn doch dafür bezahlen ... Augst, verständlicherweise etwas genervt, erklärte mit dem, sagen wir, verdrossenen Selbstbewusstsein des Ordinarius: „Ich setze mich für diese Reform ein. Wenn sie aber scheitert, wird sich nie wieder ein Sprachwissenschaftler für so etwas zur Verfügung stellen“ – eine Drohung, die nun unter den Mitgliedern völlig verpuffte.

Besonders eindrucksvoll war für mich die Reaktion der Mitglieder auf einen Satz Stickels, mit dem dieser versucht hatte, sie zu beruhigen. Es gehe doch, sagte er, bei dieser Reform gar nicht wirklich um unsere Sprache, sondern nur um „ihr äußerstes Gewand“. Ein Satz, den wohl jeder normale Sprachwissenschaftler sagen würde oder jedenfalls, wenn es darauf ankäme, sagen müsste, hier aber wurde er kopfschüttelnd und mit bei uns ungewöhnlich lautem Protest aufgenommen. Zur Beruhigung jedenfalls trug er gar nicht bei. Aber für einen Sprachwissenschaftler ist Sprache natürlich primär und überhaupt etwas Lautliches, etwas Gesprochenes. Die Schrift kam erst äußerst spät zu ihr hinzu, und ontogenetisch, biographisch kommt sie ja ebenfalls später, wenn sie überhaupt dazukommt. Sie ist, wie Saussure sagte und dies war schon damals, 1916, wahrlich nichts Neues, ein „Epiphänomen“. Bereits Jacob Grimm sah dies nicht anders. Er hatte zunächst in der Lautlehre seiner Deutschen Grammatik von „Buchstaben“ geredet, hat dies dann aber geändert. Übrigens war Buchstabe, wie auch schon das lateinische littera, eben nicht nur auf Geschriebenes bezogen, sondern meinte gleichzeitig auch den Laut. Wie hätten die lateinischen Grammatiker sonst das ‚r’ als den ‚Hundebuchstaben’, ‚littera canina’, bezeichnen können? Es geht für den Sprachwissenschaftler zunächst darum (und in seiner Lehre ist dies mmer ein Problem), den Blick auf das wirklich Gesprochene, also eben auf die Sprache, von all dem zu befreien, was diesen von der Schreibung her verstellen kann. Das Ohr, könnte man sagen, muss da erst einmal vom Auge befreit werden. Der Sprachwissenschaftler ist sozusagen ganz Ohr oder strebt danach, es zu sein. Einer meiner Lehrer, Ernst Gamillscheg, eigentlich noch ganz alte, sogenannte „junggramatische“ Schule, konnte über einen Buchstaben oder eine Buchstabengruppe in einem Wort, wenn es sich so verhielt, nichts Verächtlicheres sagen als „Ja gut, das ist dann bloße Graphie!“ Die muss man bloß als solche erkennen – Gegenstand ist sie aber nicht und „Rechtschreibung“, „Orthographie“, also etwas Präskriptives, schon ganz und gar nicht.

Allerdings hat sich die Sprachwissenschaft in den letzten Jahrzehnten des Themas „Schrift und Sprache“ doch angenommen, denn „Epiphänomen“ reicht eben doch nicht. Hier sind besonders unsere beiden Mitglieder Peter Eisenberg und Wulf Oesterreicher zu nennen. Eisenberg hat zu den Problemen der Rechschreibung einen genuin sprachwissenschaftlichen Zugang gefunden, und Oesterreicher hat (zusammen mit seinem Juli 2014 früh verstorbenen Freund Peter Koch, einem vorzüglichen Sprachwissenschaftler, ebenfalls Romanist) mehrere gemeinsam verfasste Schriften eben zu dieser Thematik vorgelegt. So redet man heute in der Sprachwissenschaft weithin nicht mehr schlicht von „gesprochener“ und „geschriebener Sprache“. Koch und Oesterreicher reden da (und dies wurde weithin aufgenommen) von „Sprache der Nähe“ und „Sprache der Distanz“, was sich nicht einfach mit „gesprochen“ und „geschrieben“ deckt. Auch sollte man, wenn man es wissenschaftlich genau nimmt, nicht mehr einfach, wie noch weithin üblich, von „Umgangssprache“ reden („Umgangssprache“ ist jetzt ein umgangssprachlicher, kein sprachwissenschaftlicher Terminus mehr). Aber trotz alledem: ein Sprachwissenschaftler würde auch heute an Stickels Satz keinen Anstoß nehmen. Schon weil er ja nur auf die Rechtschreibung zielte!

Vielleicht darf man aber doch fragen, ob der Satz in jeder Hinsicht richtig ist. Das mit der Rechtschreibung als dem „äußersten Gewand“ ist als Metapher sicher für das sprachwissenschaftliche Bewusstsein, also das der Sprachwissenschaftler, zutreffend. Diese wollen wissen, wie die Dinge in der Sprache ‚an sich’ sind, und so sind sie, wenn's um Rechtschreibung geht, in gewisser Weise tatsächlich auch ‚an sich’. In gewisser Weise, also von diesem Bewustsein ausgehend, ist die Rechtschreibung nicht nur ein solches „Gewand“, sondern dieses „Gewand“ ist auch höchst kontingent, das heißt: es könnte vielfach auch anders sein. Man kennt den Scherz von G.B. Shaw, den eben die Kontingenz der Orthographie des Englischen nervte, das Wort fish könnte man genau so gut ‚ghoti’ schreiben: ‚gh’ für ‚f’ wie etwa in ‚enough’, ‚i’ mit ‚o’ wie etwa in ‚women’ und ‚ti’ für ‚sh’ wie etwa in ‚nation’. Dieser übrigens ernstgemeinte Scherz zeigt, dass Shaw sprachwissenschaftlich ein Laie war, denn ‚gh’ kommt nie im Anlaut für ‚f’ vor und ‚ti’ nie am Ende für ‚sh’. Er hatte offensichtlich keine Ahnung von dem, was fachlich „Distribution“ heißt.

Alles richtig, die Sprachwissenschaft liegt da nicht falsch. Aber sie müsste, meine ich dezidiert, neben ihrem fachlichen Bewusstsein auch das, sagen wir, durchschnittliche oder „idealtypische“ (so etwas gibt es) und dann auch das kultivierte Sprachbewusstsein berücksichtigen. Sie darf ihr eigenes – wissenschaftliches – Bewusstsein von der Sprache, gegen das nichts zu sagen ist, nicht absolut setzen, so als müsste es für jedermann gelten – es ist berechtigt, aber nur für ihre Zwecke. Und sowohl vom durchschittlichen wie auch vom literarisch kultivierten Sprachbewusstsein her sehen auch hier die Dinge anders aus. Beide sind vor- oder außerwissenschaftlich. Aber beide gibt es und beide bedingen ein jeweils anderes Verhältnis zur Sprache. Und beide, das durchschnittliche ohnehin, bedingen auch den Sprachgebrauch. Und den will die Sprachwissenschaft doch beschreiben. Er ist ihr, so sagt sie selbst, eigentlicher, und viele würden sagen, ihr einziger Gegenstand. Insofern war es nicht nur psychologisch ungeschickt, sondern auch nicht einfach, das heißt in jeder Hinsicht zutreffend, den Akademiemitgliedern zuzurufen: „Das ist doch nur das äußerste Gewand“. Mit dem unüberhörbaren (sprachwissenschaftlichen) Unterton: es ist im Grunde sehr unwichtig und letztlich geradezu egal. Jedem, der über „Schriftlichkeit“ im weitesten Sinne verfügt und kein Sprachwissenschaftler ist, wird, wie etwas geschrieben wird, wie geschrieben werden muss, nicht restlos gleichgültig sein können.

Und nun zu dem leichten Schuldgefühl, von dem ich sprach. Ich habe von den sechziger Jahren an über eine Auffassung von Sprachwissenschaft nachgedacht, die sich gerade dort jedenfalls, wo es angeht, am Sprachbewusstsein des durchschnittlichen Sprechers zu orientieren sucht (Sprachbewusstsein und Sprachwissenschaft, 1976). Ich habe dies insbesondere an der traditionell sogenannten „Wortbildung“ im Französischen und Spanischen zu exemplifizieren versucht. Ich sprach da von „durchsichtigen Wörtern“ und meinte damit, was man herkömmlich „Ableitungen“ oder „abgeleitete Wörter“ nennt, Bildungen also mit Suffixen und Präfixen (Wahrheit und befreien), und dann natürlich und für das Deutsche besonders wichtig (weit mehr jedenfalls als für die romanischen Sprachen), die Wortzusammensetzungen, die aus zwei oder mehr Wörtern bestehen. Solche Wörter nannte ich „durchsichtig“ (was ja auch ein durchsichtiges Wort ist), weil sie durchsichtig sind – in ihrem Inhalt und in ihrer lautlichen Form – auf dasjenige Wort oder auf diejenigen Wörter hin, das oder die in ihnen selbst enthalten ist oder enthalten sind. Genau dies ist dem vorwissenschaftlichen, dem durchschnittlichen Sprachbewusstsein durchaus gegenwärtig: in Wahrheit steckt wahr, in befreien frei und in Befreiungsbewegung stecken Bewegung und Befreiung. Mit einer solchen Mitteilung sagt man niemandem etwas Neues. Da expliziert man nur, was jeder weiß, der deutsch kann. Und jeder, der deutsch kann, weiß auch, dass das letzte Wort einer Wortzusammensetzung dasjenige bezeichnet, was die Zusammensetzung als ganze meint: 'Befreiungsbewegung' ist eine Bewegung, keine Befreiung, sie zielt nur darauf. In den romanischen Sprachen ist es übrigens umgekehrt in aller Regel das erste Wort, das bezeichnet, was gemeint ist (deutsch Froschmann, französisch homme-grenouille). Kurz, es gibt für mich in den Sprachen überhaupt nur drei Arten von Wörtern: entweder undurchsichtige wie deutsch etwa Mond, die also kein anderes Wort in sich selbst enthalten, oder durchsichtige und dann eine dritte Art, eine Teilmenge, die ich gerne traditionell als ‚lautmalend’, „onomatopoetisch“, bezeichne, weil sie das durchschnittliche Sprachbewusstsein eben so erlebt (also etwa knirschen, aber auch Wörter für Optisches, wie etwa Blitz können ‚lautmalend’ sein – Synästhesie, nicht erst in der Lyrik, sondern schon in der Sprache selbst). Wörter wie Mond nennt die normale Sprachwissenschaft „unmotiviert“ oder „arbiträr“, während ich meine, dass dies wieder ganz und gar nicht für das durchschnittliche Sprachbewusstsein passt, worauf es hier doch ankäme: für dieses ist ein Wort wie Mond keineswegs „unmotiviert“ oder „arbiträr“ in dem Sinne, dass es auch ganz anders lauten könnte: es ist einfach nicht ‚durchsichtig’ und, in diesem Fall, auch nicht ‚lautmalend’: die Frage, ob ‚motiviert’ oder nicht, stellt sich diesem Sprachbewusstsein gar nicht. Kein Wort der Sprache erlebt es als arbiträr, es findet, einfach weil es die Wörter seiner Sprache gar nicht hinterfragt, alle ‚passend’ und für die ‚lautmalenden’ gilt ihm dies eben als ganz besonders so.

Nun habe ich, was die Rechtschreibreform angeht, ich hoffe, in diesem Fall zu Unrecht, im Blick auf meine durchsichtigen Wörter die egozentrische Furcht, da könnte mein Buch Durchsichtige Wörter. Zur Theorie der Wortbildung (1971) mitgewirkt haben, obwohl man gewiss auch ganz ohne mich hätte daraufkommen können, Wörter, welche die Rechtschreibung getrennt hatte, durch die Reform wieder zusammenzuführen. Da sah ja auch die Sprachwissenschaft, die sich sonst um Sprachbewusstsein nicht kümmert, einen Anlass, gerade an diesem, dem durchschnittlichen Sprachbewusstsein, anzuknüpfen, denn es ging ihr ja vor allem auch darum, die Zahl der Rechtschreibfehler zu verringern. Da wollte man in der Nähe der Sprechenden sein. Daher dann also nummerieren, platzieren, behände, aufwändig, gräulich etc. etc. Also: ich weiß es nicht, es muss wirklich nicht so gewesen, es könnte aber so gewesen sein. Sollte es aber so gewesen sein, könnte ich nur mit Wilhelm II. sagen (aber mit mehr Recht als er): „Das habe ich nicht gewollt!“

Hans-Martin Gauger, Oktober 2014