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Das Antisemitismus-Argument

Das mit dem Antisemitismus ist auch sprachlich ein Problem. Also darf man es auch sprachlich glossieren. Sprachwissenschaft, mein Fach, braucht man dazu allerdings nicht. Mit einem meiner sprachwissenschaftlichen Kollegen habe ich einmal kurz über die Frage gestritten, ob es furchtbare Wörter gebe, „Nein“, sagte er dezidiert, das gebe es nicht, furchtbar könne nur der Gebrauch von Wörtern sein, in einer Sprache selbst sei nichts Furchtbares. Es ist die übliche Auskunft von Linguisten, denn die wollen ja nur beschreiben und haben den für diesen Zweck unnötigen Tick zu meinen, dass alles, was in einer Sprache ist, auch ganz zu Recht so und prima sei. Ich sagte dem Kollegen: „Aber hören Sie, ‚judenfrei’ zum Beispiel ist doch so ein Wort. Oder?“. Da sagte er erschrocken: „Das ist ein unfaires Beispiel!“. Also – es gibt furchtbare Wörter.

Ich will das Problem angehen, wie ich es – intensiv – erlebe. Der „Große Duden“ definiert Antisemitismus: „Abneigung oder Feindschaft gegenüber den Juden“. Da wird also ein Gradunterschied hervorgehoben: bloße Abneigung oder regelrechte Feindschaft. Gegen diese Differenzierung habe ich nichts. Aber „gegenüber den Juden“ scheint mir unvollständig. Da müsste expliziert werden, was faktisch gemeint ist, der bestimmte Artikel („den Juden“) reicht da nicht. Denn entscheidend ist doch, dass der Tatbestand ‚Antisemitismus’ nur dann erfüllt ist, wenn Abneigung oder Feindschaft gegenüber Juden bereits als solchen gegeben sind. Dann erst zeigt sich die Ungeheuerlichkeit: da ist jemand gegen Juden, sei es nun im Sinne der Feindschaft oder der Abneigung, aus einem einzigen, für sich allein ihm schon ganz und gar ausreichenden Grund – weil die Juden Juden sind. Und dann wird auch klar, welche Enormität dies ist, gedanklich und emotional. Da ist, noch einmal, jemand gegen jemanden, bevor er noch das Geringste über ihn weiß, außer eben dies: er ist Jude, sie ist Jüdin. Eigentlich doch, wieder gedanklich und emotional, die pure Barbarei, die schiere Gemeinheit (und was einem noch einfallen mag auf dieser Linie).

Und nun kommt, und keineswegs nur für uns Deutsche (und Österreicher), die im Grunde ja gar nicht vorstellbare und doch völlig reale Last des Geschehenen hinzu. Nach Auschwitz, dieser Kürzelname ist hier unabdingbar, ist Antisemitismus noch einmal etwas ganz anderes als das, was er vorher war. Die Sache ist ja uralt, es gibt sie seit 2500 Jahren... Aber das Wort (dies weiß der „Duden“ auch) ist recht jung. Das gibt es erst seit 1879. Kurz nach der Reichsgründung ist es plötzlich – und wohl doch nicht ganz zufällig – da. Aber nach der Shoah (ich habe etwas gegen das Wort ‚Holocaust’) ist alles anders. Trotzdem dies schwer Verständliche: es gibt Antisemitismus im Sinn der Definition des „Duden“ tatsächlich noch immer, und gering ist der Prozentsatz keineswegs. Auch in Deutschland: Umfragen – und nicht nur Umfragen – beweisen es. Allerdings gibt es ihn auch anderswo.

Wenn aber der Antisemitismus diese Ungeheuerlichkeit ist, dann ist der Vorwurf, jemand sei ein Antisemit, ein überaus schwerer Vorwurf. Man kann eigentlich, meine ich, kaum Schlimmeres über jemanden sagen, über jemanden jedenfalls, der über einen auch nur geringen Grad dessen verfügt, was man ‚Bildung’ nennt.

Und da kritisiere ich nun, dass sehr viele heute viel zu schnell, viel zu leichtfertig bereit sind, diesen Vorwurf zu machen. Gut, es wird dann gesagt (Moshe Zimmermann etwa hat es kürzlich, 9.4.12, in „Spiegel Online“ getan), der Antisemitismus sei „vielschichtiger“, es gebe „Bilder und Mythen“, die „antisemitisch angehaucht“ seien. Alles richtig. Nur eben: man sollte letztlich, wenn es jedenfalls um den Vorwurf geht und nicht um bloße Warnung oder Interpretation, bei dem ‚starken’ und, setze ich nun dezidiert hinzu, allein sinnvollen Begriff bleiben: Abneigung und Feindschaft gegen Juden nur weil sie Juden sind. Nur das ist Antisemitismus. Zimmermann selbst redet von einer „zivilisierten Gelehrtendiskussion“, in deren „Rahmen“ dergleichen Dinge, die also mit Antisemitismus irgendwie zusammenhängen, erörtert werden müssen. Wiederum richtig. Und da muss auch all das diskutiert werden, was sich auf die oft subtilen und nicht immer greifbaren Unterschiede und Unterscheidungen zwischen Antisemitismus, dem „primären“ und dem „sekundären“, dem Antizionismus und dem Antijudaismus bezieht (Antijudaismus, sagen viele zum Beispiel, sei etwas ganz anderes und übersehen, dass auch im Antijudaismus oft – und konkret vielleicht gar bereits in den Evangelien – durchaus schon Antisemitisches ist). Der Antisemitismus ist ja längst Gegenstand ausgedehnter wissenschaftlicher Forschung.

Ich selbst bin alt (Jahrgang 35), aber als alles vorbei war, für mich war dies am 21. April 45, als die Franzosen in das oberschwäbische Städtchen Saulgau einzogen, da war sogar ich erst neun. Ich fühle also nur die Verantwortung (und die fühle ich stark), die Erinnerung an das Geschehene, gerade auch und besonders was die Juden und speziell die jüdischen Deutschen angeht (denn diese Juden waren ja Deutsche), wach zu halten. Und diese Verantwortung haben auch die viel Jüngeren und sie wird auch noch denen obliegen, die heute noch nicht geboren sind. Schuldhafte Verantwortung aber kann ich natürlich nur ablehnen. Und eigentlich erkenne ich Schuld, wenn sie halt nur so dabei waren, auch bei den nur wenig Älteren als ich, den Flakhelfern usw., ebenfalls nicht. Nicht jedenfalls pauschal. Eigentlich sehe ich die Möglichkeit von Schuld nur bei denen, die 1933 schon halbwegs (aber was heißt das schon?) erwachsen waren. Und ich würde jemanden, der mit siebzehn – da sehe ich nun eben mal (und dies muss man doch) heute Siebzehnjährige vor mir – nur knapp ein halbes Jahr ungewollt bei der Waffen-SS war, nicht einfach „einen SS-Mann“ nennen, obwohl es formal schon stimmt. Ich selbst habe drei SS-Männer persönlich, ohne dies übrigens, mit einer Ausnahme, zu wissen, ziemlich gut gekannt: Hans-Robert Jauß, Hans Rössner, Hans Egon Holthusen, einen vierten, Hans Schwerte, eigentlich Hans Ernst Schneider, habe ich nur kurz kennengelernt – in Aachen, als ich dort bei einer Bewerbung „vorgesungen“ habe. Seltsamerweise, merke ich erst jetzt, hießen alle diese Männer Hans. Also gut, nur dies will ich jetzt sagen, diese Männer waren SS-Männer.

Ich selbst fühle mich also in dieser Hinsicht – nur in dieser – ganz frei. Und deshalb bin ich auch entschieden gegen die fortgesetzte und fortschreitende sprachliche Aufweichung des Antisemitismus-Begriffs und meine, dies sollte aufhören, definitiv. Man sollte sich dagegen wehren. Es gibt zum Beispiel allzuviele, nicht nur in Israel selbst, die außerstande sind, sich die Probleme, die man mit den wechselnden (oder neuerdings allzu wenig wechselnden) Regierungen in Israel haben konnte und kann, ja, haben musste und muss, anders als durch ‚Antisemitismus’ zu erklären. Da kann im Einzelfall Antisemitismus dabei sein, natürlich, aber dass man prinzipiell imstande sein sollte, solche Kritik auch anders, von der Sache und der schieren Sorge her zu erklären – soviel Phantasie muss man verlangen dürfen. Dies gilt natürlich auch für die „Juden in Deutschland“, die jüdischen Deutschen, wie man gelegentlich doch auch sagen sollte, denn sie sind ja auch Deutsche, die nicht selten allzu reflexhaft zum Antisemitismus-Argument (ich sage nun nicht ‚Keule’) greifen, ein Argument, das jede Diskussion, jedes Gespräch sofort unmöglich macht.

Übel an diesem Argument ist ja auch, dass es prinzipiell unwiderlegbar ist. Es ist sehr oft nichts anderes als das, was die Franzosen einen „procès d’intention“ nennen (gibt es dafür eigentlich kein deutsches Wort? – Unterstellung muss im „procès d’intention“ nicht unbedingt dabei sein). Ein solcher Prozess ist also eine Anklage, die sich nicht auf das bezieht, was jemand tatsächlich gesagt oder vernünftigerweise gemeint haben kann, denn man kann sich ja auch einmal missverständlich ausdrücken – auch sogar in Prosa, sondern auf die Absichten, die Haltung insgesamt, die man ihm zuschreibt. Henryk M. Broder, der nicht unbedingt Teilnehmer an der von Zimmermann apostrophierten „zivilisierten Gelehrtendiskussion“ ist, berichtet von einer „unter Juden verbreiteten Überzeugung“: der „Unterschied zwischen einem Antisemiten und einem Nicht-Antisemiten“ liege darin, „dass man bei einem Nicht-Antisemiten nur etwas länger warten“ müsse, „bis sich auch er als Antisemit herausstellt“. Der Psychoanalytiker Thomas Auchter, der in einem Aufsatz diesen Satz erwähnt, betont zu Recht die geradezu schon drollige Aporie, in die der Antisemitismus-Verdacht praktisch jeden bringen muss: weist man ihn zurück, beweist man ihn durch „Abwehr“ gerade dadurch, und je heftiger man dies tut umso mehr, weist man aber ihn nicht zurück, bestätigt man ihn ohnehin (den, finde ich, recht guten Aufsatz Thomas Auchters findet man unter dem Link http://www.aixpaix.de/autoren/auchter/Referat_Auchter_0303.pdf, 10.04.2012).

Ich war etwas befreundet mit Golo Mann. Er selbst jedenfalls nannte mich, auch in brieflicher Anrede, ich selbst hätte es, allein wegen des beträchtlichen Altersunterschieds, nicht getan, „Freund“. Er war ja Mitglied unserer Akademie und hat, wohl als einziger Nicht-Dichter, den Büchnerpreis erhalten. Nun, auch ihm, dem Emigranten, der, wenn ich dies recht sehe, nach jüdischen Kriterien selbst Jude war, denn seine Mutter war Jüdin, auch sogar ihm ist es geschehen, dass er zum „Verharmloser des Antisemitismus“ wurde oder auch direkt zu etwas wie einem heimlichen Antisemiten. In seiner Golo-Mann-Biographie hat Tilmann Lahme den lehrreichen Fall ausführlich und sorgfältig abwägend geschildert (Golo Mann, Biographie, Frankfurt a.M., Fischer, 2009, S. 287-307). Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verhinderten genau mit diesem Vorwurf, obwohl sie tatsächlich ganz andere Gründe hatten, Golo Manns Berufung auf einen Lehrstuhl nach Frankfurt (ich unterstelle: sie wollten schlicht die Platzhirsche bleiben). Sie haben den (in diesem Fall ganz unberechtigten) Antisemitismus-Vorwurf wahrlich ‚instrumentalisiert’. Direkt, an der Universität, also am berühmten Dienstweg vorbei, intervernierten sie beim zuständigen Minister, dem Sozialdemokraten Ernst Schütte, ein redlicher Mann, der, wegen dieser machtvollen Intervention, trotz des einstimmigen Votums der zuständigen Universitätsgremien, sich schließlich scheute, sich wohl gar ängstigte, den Ruf auszusprechen. Und Horkheimer hatte seinerseits machtvolle Unterstützung angefordert, die er auch erhielt und die den Minister (und, wichtiger vielleicht, auch seine mächtige Ministerialrätin Frau von Bila) zusätzlich verunsicherten: es kam, postwendend geradezu, ein Telegramm des Europadirektors Zachariah Shuster des „American Jewish Committee“, dem Horkheimer selbst, als „chief consultant“, angehörte. Horkheimer bedankte sich bei Shuster ebenso prompt: das Telegramm werde „hilfreich“ sein... So einfach war das! Und noch heute sind einige Adorno-Bewunderer (und da gibt es gute Gründe zur Bewunderung, während die Zahl der Horkheimer-Bewunderer sich stark reduziert hat) der Meinung, an dem Antisemitismus-Vorwurf gegen Golo Mann sei irgendetwas dran.

In seinem Aufsatz „Zur Geschichte der deutschen Juden“ schrieb dieser heimliche Antisemit: „wer die dreißiger und vierziger Jahre als Deutscher durchlebt hat, der kann seiner Nation nie mehr völlig trauen ..., der kann dem Menschen überhaupt nicht mehr völlig trauen ... Der wird, wie sehr er sich auch Mühe geben mag und soll, in tiefster Seele traurig bleiben, bis er stirbt“. Und lange vor dem sogenannten „Historikerstreit“, den Ernst Nolte (auch kein Antisemit) seinerzeit entfesselte, lange übrigens auch vor den Achtundsechzigern, nämlich genau zehn Jahre früher,1958, hat Golo Mann in seiner „Deutschen Geschichte“ (Frankfurt a.M., Büchergilde, 1958) am Ende des Abschnitts „Die Last der Vergangenheit“ (S. 494) zu dem Thema mit einfachen und deutlichen Worten gesagt, was zu sagen ist und was in der Tat in die viel apostrophierten „Lesebücher“ gehörte. Nicht wenige aber, denke ich mir, die darum auch nicht alle Antisemiten sind, würden darüber noch heute (oder heute wieder) den Kopf schütteln: „Einfach bleibt diese Wahrheit. Unter der Anleitung Hitlers sind von Deutschen Verbrechen begangen worden, wie sie in christlichen Zeiten kein anderes Herrschaftssystem sich hat zuschulden kommen lassen, auch der Bolschewismus in seiner ärgsten Zeit nicht, und durch die der tiefste dem Menschen erreichbare Punkt an Schuld und Schande erreicht wurde. Um diese Wahrheit muß gekämpft werden, sie gilt es immer wieder durchzusetzen gegenüber wohlhäbiger Vergesslichkeit, Gleichgültigkeit, gedankenloser Rohheit“. Und, nota bene, denn es ist wichtig: „von Deutschen unter der Anleitung Hitlers“.

Mehr wollte ich dazu jetzt und hier nicht sagen. Weniger aber auch nicht.

Hans-Martin Gauger

Kommentare zu "Das Antisemitismus-Argument":

  1. Claudia Schmölders / 25.6.2012

    Mehr als sieben Millionen Unterschriften verzeichnete im Juni 2012 eine japanische Initiative gegen Atomkraft. Zu den treibenden Kräften gehörte der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe: unermüdlich, umsichtig und bescheiden zugleich. Ähnlich hätte auch ein Günter Grass in Sachen U-Boot-Handel für Israel agieren können. So aber musste die vorliegende Glosse von Hans-Martin Gauger auf Vorwürfe über den angeblichen Antisemitismus des deutschen Dichters reagieren. Doch tempora mutantur. Inzwischen gab es den großen Bericht des SPIEGEL zum Thema, der das Gedicht post festum als eine Art Trailor erweist. Dann erschien ein weiteres Grass-Lamento gegen die politische Gnadenlosigkeit im Umgang mit Griechenland. Seither verläuft die Rezeption des Praeceptor Germaniae auf der eher satirischen Bahn. Andererseits trat mit der Verleihung des Börne-Preises an Götz Aly und der Laudatio von Jens Jessen eine neue Generation der Antisemitismusforschung auf, durch und durch sozialhistorisch und weit entfernt von den anthropologischen Positionen, die Golo Mann, den Hans-Martin Gauger hier freundschaftlich zitiert, in seinem Vortrag von 1960 „Der Antisemitismus“ umrissen hatte.
    Diesen Vortrag sollte man ausdrücklicher erwähnen als es im vorliegenden Beitrag geschieht. Keine Frage: Was sich bei dem Berufungsdesaster von Golo Mann auf den Frankfurter Lehrstuhl 1962 an Rankünen abgespielt hat, erläutert die Glosse von Hans-Martin Gauger zeitzeugengenau. Nur: Dass Juden einander gegenseitig Antisemitismus vorwerfen können, ist nicht neu, und dass SS-Männer, selbst solche von kriminellster Energie, sich im nachkriegsdeutschen Umgang zuvorkommend zeigen konnten, ebenso wenig. Berufspolitisch wichtiger wurde aber doch wohl die Vorderbühne der Auseinandersetzung. Golo Manns Definition von „Antisemitismus“ in diesem Vortrag musste vom Frankfurter Institut für Sozialforschung kritisiert werden, ganz einfach weil man hier seit Jahren „Studies in Prejudice“ publizierte, teils psychologisch, teils psychoanalytisch, teils sozialwissenschaftlich begründet. Nichts oder fast nichts davon ist bei Mann zu finden. In seinem historischen Abriss zum Rassismus in Europa und USA dominiert vielmehr eine Art sardonischer Verzweiflung über die unveränderlich böse Natur des Menschen, ein zwischen Luther und Kant eingefleischter Glaube, der durchaus fatale Sätze in seinem Text hinterließ: Welche Schuld Juden auf sich geladen haben, wie lobenswert ein Treitschke oder ein Stöcker doch eigentlich waren, usf. Wie weit dieser Vortrag vom 14. Juni 1960 verbreitet wurde, ist nicht leicht abzuschätzen. Jedenfalls erschien er auszugsweise in verschiedenen Zeitungen, dann als Broschüre bei dem jüdischen Ner-Tamid-Verlag (4. Auflage mit 26.Tsd.), ferner im Essayband „Geschichten und Geschichte“, und schließlich als Bestandteil der Bibliothek der Bundeswehr, empfohlen von Günter Grass und Uwe Johnson. Ich denke, dass vor allem unsere außerakademische Mittelschicht die Argumentlinien des kurzen Textes teilte; das erste Publikum war der unspezifische Rhein-Ruhr-Club in Düsseldorf.
    Ergänzen sollte man noch, dass Golo Mann den Passus über „Die Last der Vergangenheit“ in der Neuausgabe der „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ von 1966 gestrichen und das gesamte 12. Kapitel neu gefasst hat. Warum, sagt er im neuen Vorwort nicht. Hinweisen möchte man schließlich noch auf die Definition des Sprachhistorikers Dietz Bering, die sich vom normativen Duden ebenso gründlich unterscheidet wie vom ahistorischen Glauben und seit Jahren von der Bundeszentrale für politische Bildung verwendet wird: "Antisemitismus ist eine aggressive, politisch akzentuierte, umfassende Lebenseinstellung, die von der grundsätzlich nichtswürdigen Wesensart der Mitglieder des jüdischen Volkes ausgeht."