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Wörter und Worte

Die deutsche Sprache besitzt eine grammatische Besonderheit, die von großer begrifflich-semantischer Tragweite ist. Sie wird leider weithin, auch im Feuilleton oder in Vorträgen aller Art, also in, wie wir Linguisten sagen, konzeptionell elaborierten Kontexten, ignoriert. Das ist, ohne dass die Beteiligten dies merken würden, häufig von einer gewissen Peinlichkeit.

Es geht um den Plural des Lexems Wort, der im Deutschen in zwei verschiedenen Formen erscheinen kann, nämlich als Wörter und als Worte. Und diese beiden Plural-Wortformen repräsentieren ganz unterschiedliche Funktionen; sie sind gerade nicht synonym, können also nicht ununterschieden gebraucht werden. An sich ist die Unterscheidung jedoch leicht nachvollziehbar.

Wörter sind nämlich Elemente, die im Diskurs oder Text erscheinen, aber vor allem auch isoliert im Wörterbuch aufgeführt werden können. So kann man sagen „der heutige Vokabeltest umfasste 30 neue Wörter“, „dieser Satz besteht aus sechs Wörtern“ oder „der Wortschatz der deutschen Standardsprache umfasst ca. 75.000 Wörter“.

Demgegenüber meint der Plural Worte immer eine mündliche oder schriftliche Äußerung als Ganzes; so sagt man etwa: „Hans fand in dem Brief an seine liebe Olga die richtigen Worte“, „die Worte des Geistlichen am Grab waren sehr anrührend“, „es gelang ihm, mit deutlichen Worten den Streit zu schlichten“, „Mutter macht immer zu viele Worte“.

Im Singular bleiben diese Zusammenhänge grammatisch-lexikalisch unexpliziert, die impliziten Bedeutungsfunktionen bleiben aber auch dann verständlich; man vergleiche nur etwa „ein Wort war falsch geschrieben“ mit „das war ein freundliches Wort zur rechten Zeit“. Letzteres steht also, wie oben Worte, für ‚Rede’, ‚Aussage’, ‚Ausspruch’.

Insgesamt sind im Sprachgebrauch auch Unsicherheiten zu vermelden; etwa bei dem Vorwort sind häufig unterschiedliche Plurale anzutreffen − nach dem Gesagten ist aber wohl klar, dass man nur den Plural Vorworte benutzen sollte. Allerdings gilt dies nicht für die Sprichwörter,wo sich im Deutschen eindeutig dieser Plural durchgesetzt hat.

Diese kurzen Bemerkungen zu einem nach wie vor aktuellen Problem des Sprachgebrauchs knüpfen an den von Hans-Martin Gauger schon im November 2010 unter dem Titel „Worte und Wörter“ im Forum Sprachkritik veröffentlichten Kommentar an.

Wulf Oesterreicher, März 2013