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Bomben-Bastler

In einer süddeutschen Tageszeitung, aber nicht der Süddeutschen Zeitung, konnte man vor einiger Zeit eine Meldung lesen, dass die Polizei nach sorgfältiger Observation einen jungen Mann verhaftet hat, dem terroristische Kontakte nachgewiesen werden konnten und der „fünf Bomben gebastelt hatte“. Es geht mir in diesem Zusammenhang nicht um die polizeiliche Arbeit und die politischen Fakten, sondern allein um den hier verwendeten Ausdruck basteln, also um die Bezeichnung Bomben-Bastler.

Einige von uns Älteren erinnern sich vielleicht noch an die Zeiten, in denen zu Sylvester noch nicht Raketen und Knallkörper in aufwendigen und teuren Sets im Supermarkt verkauft wurden sondern man sich mit Knallfröschen, Luftschlangen, Heulern, Sonnenrädchen usw. zufrieden gab. Da die größeren Kanonenschläge, die in quadratischer Form mit einer Schnur fest umwickelt waren wie die Raketen vergleichsweise viel kosteten, man aber dennoch eine stärkere Detonation erreichen wollte – damit konnte man die damals eher noch furchtsamen Mädchen beeindrucken –, entschlossen sich immer einige mutige und zu derartigen Tätigkeiten durch das Vorbild von Vätern oder durch ältere Arbeitskollegen angeregte Jugendliche zur Eigenproduktion von Kanonenschlägen. Man füllte etwa entsprechend zugeschnittene Rohrstücke mit Schwarzpulver, verlötete die Öffnungen und bereitete die Zünder vor; dann legte man Lunten, brachte sich in Deckung und zündete das Ganze. Bei diesen Sylvesteraktivitäten kamen übrigens ziemlich regelmäßig einige der Feuerwerker und Bastler zu Schaden; es gab Verbrennungen und Verletzungen an den Händen und Armen, im schlimmsten Fall verloren sie das Augenlicht.

Hier lässt sich nach meiner Meinung der Ausdruck Bastler durchaus verwenden. In den anderen Fällen mit terroristischem Hintergrund, bei denen, geplant zur Tötung von Menschen und zur Zerstörung von Gebäuden, fast professionell Bomben mit großer Sprengkraft, mit elektronischen Reglern und hochkomplexen Verdrahtungen hergestellt und dann mit Hilfe von Zeituhren gezündet werden, scheint mir die Verwendung des harmlosen Worts Bastler jedoch ein inakzeptabler, weil verniedlichender Euphemismus, der dem Ernst der entsprechenden kriminellen Aktivität nicht gerecht wird.

Es ist nun interessant, dass bei dem – wie wir Sprachwissenschaftler sagen – agentiven Wortbildungstyp mit dem Suffix -ler bei Nomina (gelegentlich auch bei entsprechenden Verben) im Deutschen eine Reihe von Bemerkungen naheliegen, die zeigen, dass im Gebrauch und im Sprachbewusstsein der Sprecher und Sprechergruppen eine an sich überraschende Tendenz zu einer wertenden Interpretation bestimmter Wortformen sichtbar wird, die natürlich wiederum mit der Einstellung der Sprecher zu den Tätigkeits- und Sachsphären zusammenhängt, in denen die entsprechenden Wörter gebraucht werden.

Bei Wörtern wie Wissenschaftler, Künstler usw. wird die Seriosität der Berufsbezeichnungen durch die soziale Anerkennung garantiert; beim Segler oder einem Händler besteht ebenfalls kaum Diskussionsbedarf. Kunstsammler ist ebenfalls völlig neutral, was für Briefmarkensammler oder Schmetterlingssammler dann gelegentlich nicht gilt, wenn man im Kontext die Assoziation einer beliebigen Sammelleidenschaft hat. Dass Gewerkschafter die Bezeichnung Gewerkschaftler nicht mögen, mag mit einer Distanzierung von der Assoziation mit werkeln und Werkler zusammenhängen. Ähnliches gilt auch für Handwerker oder Feuerwerker. Übrigens firmiert das Universitätsfach Volkskunde heute gerne als Interkulturelle Kommunikation, und auch die so genannten Landeskunden mutierten inzwischen zu Regionalstudien. Es sei gar nicht bestritten, dass das Element -kunde in Volkskunde und Landeskunde unerwünschte Assoziationen wecken kann, vor allem eliminieren die genannten Ersetzungen aber die Bezeichnungen Volkskundler und Landeskundler. Dass derartige Umbenennungen bei eingeführten Bezeichnungen nicht unschuldig sind, sondern direkt auch auf Prestige-Gewinne zielen, zeigt schön – jetzt natürlich ganz unabhängig vom Suffix -ler – die gelegentliche Ersetzung der Studienfachbezeichnung Didaktik durch Educational Design ...

Wörter wie Zündler, Bastler, Tüftler, Trödler, Grübler, Nörgler usw., vor allem auch Verben wie zündeln, basteln, tüfteln, trödeln, grübeln, hüsteln, wursteln, nörgeln usw. produzieren gelegentlich, ohne dass dies sprachstrukturell wirklich begründet werden könnte, kontextuell gewisse negative oder unernst-ironische Assoziationen. Die Dialekte und Substandardvarietäten sind übrigens voll von derartigen Wörtern; man vergleiche etwa schwäb. Bruddler ‚Meckerer, Nörgler’, Gruschtler ‚Herumkramer’, bruddla, gruschtla usw.oder Priepler, Fummler, zu priepeln, fummeln usw.

Es ist in unserem Zusammenhang nun interessant, dass im Französischen die Wortfamilie bricole, bricolage, bricoler, bricoleur, ohne eine wortbildungsbezogene Anbindung an andere Wortschatzelemente, den Referenzbereich und die Assoziationen von deutsch Bastler, Bastelei, basteln durchaus wiedergeben kann. Überraschenderweise hat das Nomen bricolage im Rahmen eines postmodern-dekonstruktivistischen französischen Denkens – man vergleiche vor allem Texte von Claude Lévy-Strauss, Michel de Certeau, Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Félix Guattari usw. – in der Philosophie, in den Sozialwissenschaften und im Bereich der Kunst aber eine erstaunliche ‚Nobilitierung’ erfahren: Ursprünglich metaphorisch, drastisch-anschaulich motiviert, meint bricolage jetzt begrifflich-präzise die Besonderheiten eines Denkens, das einem ‛schwachen Subjekt’ zugehört, das für seinen Diskurs keinen autoritativ und strategisch abgesicherten lieu d’énonciation zur Verfügung hat, sondern sich mit taktischen ad hoc-Positionierungen zufrieden geben muss; im künstlerischen Bereich handelt es sich etwa um Zusammenstellungen von zufällig ‚greifbaren’ Gebrauchsobjekten zu Skulpturen.

Wulf Oesterreicher, Oktober 2011