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Die ‚ehemalige DDR’ – wie lange noch?

Am 25.Oktober 2010 berichtete die „Süddeutsche Zeitung“ über die Herbst-Tagung der „Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung“. In diesem übrigens guten Bericht lese ich: „Als Höhepunkt der Veranstaltung und des alljährlichen literarischen Lebens in Deutschland erhielt der Schriftsteller Reinhard Jirgl – im Jahr 1953 in der vormaligen DDR geboren ̶ ... den begehrten und verdienten Georg-Büchner-Preis“. Also die Adjektive ‚vormalig’ oder, noch häufiger, ‚ehemalig’ oder auch ‚damalig’ stellen sich noch immer, wenn es rückblickend um die DDR geht, wie selbstverständlich ein. Aber (meine erste Reaktion): darf man in diesem Fall ̶ „1953 in der DDR geboren“ ̶ nicht voraussetzen, zwanzig Jahre nach ihrem Verschwinden, jedermann sei darüber informiert? Muss man dies immer wieder sagen? Und umgekehrt ist es ja jedermann auch klar, dass es sie 1953, also im Geburtsjahr Jirgls, noch gab. Oder dann, dass es sie damals schon gab ̶ es gab sie ja seit 1949. Warum sagt man da nicht einfach „in der DDR geboren“?

Vor einer guten Woche monierte ein Leserbriefschreiber aus Wernigerode, einer Stadt also, die zur DDR gehörte, in der „Frankfurter Allgemeinen“, der Ausdruck, ‚ehemalige DDR’ sei schon deshalb „ein falscher Begriff“, weil es ja keine ‚heutige’ oder ‚gegenwärtige DDR’ gebe. Dies aber ist nun auch abwegig, weil ‚damalig’ vor einem Hauptwort keineswegs voraussetzt, dass es zu dem, was das Hauptwort meint, auch eine ‚gegenwärtige’ Entsprechung geben müsse. Wenn etwa ein Schloss zu einem Hotel umgebaut wurde, kann man im Blick auf das, was da jetzt ist, doch ohne weiteres vom ‚damaligen’ oder ‚vormaligen’ oder ‚ehemaligen’ Schloss sprechen. Das frühere Schloss gibt es dann eben nur noch als Bauwerk oder als ein Teil von ihm, aber eben nicht mehr als Schloss. Aus der ,ehemaligen DDR', dem „Beitrittsgebiet“, wie man eine Zeitlang juristisch sagte (jemand sprach seinerzeit auch witzig vom „Gebiet der Reichsbahn“), aus diesem Gebiet also ist nun eben ein Teil der Bundesrepublik Deutschland geworden. Nur als Gebiet und als Erinnerung ist die DDR noch da.

Und was das Gebiet angeht, liegt da auch der Unterschied zum ‚Kaiserreich’ oder zur ‚Weimarer Republik’. Denn es wird ja immer wieder gesagt (auch in dem erwähnten Leserbrief zum Beispiel), man rede doch auch nicht vom ‚ehemaligen Kaiserreich’ oder der ‚ehemaligen Weimarer Republik’, auch nicht (davon freilich – immer diese seltsame Aussparung ̶ spricht jener Leserbrief nicht) vom ‚ehemaligen Dritten Reich’. Diese Analogisierung ist falsch, denn diese drei Ausdrücke beziehen sich ja auf ein ganzes zusammenhängendes Gebiet, der Ausdruck ‚DDR’ jedoch nur auf ein Teilgebiet der heutigen Bundesrepublik. Oder: die anderen drei Ausdrücke meinen nur eine Zeitspanne, DDR meint dies auch, aber zusätzlich eben auch ein Gebiet. Deshalb ist es normal zu sagen, jemand sei ‚im Kaiserreich’, ‚in der Weimarer Republik’ oder ‚im Dritten Reich’ geboren, und deshalb oder zumindest auch deshalb zögern wir, einfach zu sagen, jemand sei ‚in der DDR’ geboren. ‚DDR’ meint halt nicht nur die Zeitspanne zwischen 1949 und 1990, sondern auch das Gebiet, das als ein Teilgebiet, zwischen diesen beiden Jahren eben als DDR existierte und jetzt als „die neuen Bundesländer“ fortexistiert, was ja auch ein misslicher Ausdruck ist, weil diese Länder ja sehr alt sind (älter sicher als Baden-Württemberg). Daher die Schwierigkeit. Sie hat also auch mit Sprache zu tun. Und so ist das Insistieren auf ‚ehemalig’ schon zu verstehen. Andererseits: man sollte man jetzt, nach so langer Zeit, allmählich darauf verzichten. Ein guter Ersatz wäre etwa ‚zu DDR-Zeiten’ – etwa ‚noch zu DDR-Zeiten in Dresden geboren’.

Seltsam: im westlichen Teil hatten wir vorher das Problem, dass die Bezeichnung ‚DDR’ für viele anstößig, geradezu etwas wie ein Verrat an Deutschland war. Und der Ausdruck ‚BRD’ galt für sehr viele schlicht als kommunistisch, weil er dem Sprachgebrauch ‚drüben’ entsprach. Und weil er schockierte, sagten ‚bei uns’ die Achtundsechziger ganz gerne so. Übrigens redeten ‚bei uns’ viele, auch noch lange nach 1949, von der ‚SBZ’, also der „Sowjetisch besetzten Zone“ (für die Jungen muss man die Abkürzung ja nun schon auflösen) oder der „Ostzone“ oder einfach „der Zone“. Und Kurt Georg Kiesinger, der kultivierte und eloquente Kanzler der großen Koalition, „König Silberzunge“, wie Franz-Josef Strauss und Helmut Schmidt ihn nannten, redete im Bundestag einmal im Blick auf die ‚DDR’, die er keinesfalls anerkannt haben wollte, von einem „Phänomen“ („Dass da etwas ist, ein Gebilde, nicht wahr, ein Phänomen, wer, meine Damen und Herren, wollte es denn leugnen?“) – soweit in der Tat, bis zum „Phänomen“, ging er. Ein Phänomen, rechtfertigte er sich danach, sei schließlich alles – richtig. Außerdem schrieb ja bekanntlich die Springerpresse, etwa „Welt“ und „Bild“, den Namen ‚DDR’ beharrlich fast bis zum Schluss sich distanzierend und so die Anerkennung verweigernd in Anführungszeichen. Übrigens auch „Ostzone“. Einmal hörte ich zu DDR-Zeiten, wie sich eine Oma aus dem Westen, die vor mir stand, bei dem DDR-Grenzbeamten wegen irgendeines Versehens so entschuldigte: „Ach, das wusste ich nicht. Ich war nämlich noch nie in der Ostzone“. Übrigens reagierte der Mann nett, machte alles andere als eine Geschichte daraus, er sagte nur ruhig und leise: „das heißt ‚Deutsche Demokratische Republik“.

Golo Mann war einer der ersten, wenn nicht der erste, der sich, schon in den frühen sechziger Jahren, so entschieden wie behutsam gegen die Weigerung wandte, die Dinge zu sehen, wie sie tatsächlich waren: im Blick auf die DDR zunächst, dann, wichtiger, im Blick auf die Oder-Neisse-Grenze. Allabendlich zeigte uns die Wetterkarte im Fernsehen das Wetter bis weit nach Polen hinein...

So hatten wir damals in der ‚BRD’ ein sprachliches Problem mit der DDR und haben es nun, allerdings eher harmlos und gleichsam als Posse wieder. Wir haben eben, von uns selbst, je nachdem ob aus dem Osten oder Westen, verschiedene Geschichten, Erzählungen. Einige sehen jetzt und seit längerem schon im Ausdruck ‚ehemalige DDR’ eine unnötige und sie irritierende Distanzierung. Man suche so die DDR „weit zurück in die Vergangenheit zu verbannen“ (so jener Leserbrief); es sei, glaubt er zu wissen, ein Ausdruck von „Wendehälsen“. Andere und nun solche, die in der DDR gelebt haben, sind möglicherweise irritiert, weil sie in dem ‚ehemalig’ etwas wie eine Totalabwertung sehen, in der sie dann zugleich und vor allem ihr eigenes Leben abgewertet sehen. Sie irritiert vielleicht auch (ich kann es nachvollziehen) das triumphierende Händereiben, das man aus ‚ehemalig’ heraushören kann – wenn man dazu disponiert ist. Ich will auf diese Disposition – ‚Man hat uns doch unsere Identität genommen...’ – nicht eingehen. Vor allem weil es mir da an Lebensanschauung fehlt. Auch handelt es sich hierbei nicht um etwas Sprachliches (das Sprachliche ist nur mit dabei, einfach weil es immer mit dabei ist). Nur soviel: Spanien kenne ich ganz gut (schon weil meine Frau da her ist). Dort gab es vor zwei, drei Jahrzehnten immer wieder die Protest-Inschrift von Demokratiegegnern oder Franco-Freunden: „Unter Franco lebten wir besser!“. Darunter nun schrieb ein kluger Witzbold den Zusatz: „Unter Franco waren wir jünger!“. Vielleicht ist dies, was die Bewertung der DDR durch die Älteren angeht, doch auch ein Punkt. Ich frage ja bloß.

Doch wie immer: das mit der habituellen, auch quasi rituellen ‚ehemaligen DDR’ sollte nun allmählich aufhören. Denn wirklich: dass es sie nicht mehr gibt, hat sich herumgesprochen.

Hans-Martin Gauger, November 2010