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Lange gelebt

Zwei oder drei Jahre nach Ernst Jüngers Tod, zu dessen Bewunderern (bei allem Respekt) ich mich nicht zähle, fuhr ich mit meinem Bruder aus Berlin, der mich in Freiburg besucht hatte, zu Jüngers Haus in Wilflingen. In diesem Dorf in Oberschwaben, nahe der jungen Donau, hat Jünger viele Jahrzehnte seines sehr langen Lebens gelebt, bis zu seinem Tod im Jahr 1998 (da war er beinahe hundertdrei).

Wir gingen, da sich auf unser Klingeln niemand meldete, in den schönen Garten, dessen Türe offenstand. Als wir wieder heraustraten, fuhr eine ältere Dame vor und fragte uns, noch vom Fenster ihres Wagens aus, ob wir das Haus sehen wollten. Wir bejahten erfreut und wurden eingelassen. Erst nach einigen Minuten (ich war wie benommen) wurde mir klar: das ist die Witwe, in den Tagebüchern „Stierlein“ genannt. Sie zeigte uns alles, auch die große Käfersammlung in vielen Schubladen, und beantwortete unsere Fragen. Übrigens ist das schöne große Haus eigentlich ganz unabhängig von Jünger eindrucksvoll. Bundeskanzler Kohl war mehr als einmal hier, einmal zumindest mit François Mitterand, ein anderes Mal mit dem spanischen Premier Felipe González. Am Ende sagte Frau Jünger: „Nun kommt ein peinlicher Augenblick. Ich muss Sie um zehn Euro bitten!“. Ich fand dies rührend.

Danach setzten wir, mein Bruder und ich, uns in den „Löwen“, den stattlichen Gasthof des Dorfs. Da saßen drei Männer an einem Tisch und redeten mit der Wirtin. Ich suchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, was mühsam war, aber schließlich gelang. Dass es gelang, lag sicher auch daran, dass die oberschwäbische Variante des Schwäbischen auch mein Dialekt ist. Er habe, begann ich zögernd, wohl nicht allzuviel Kontakt im Dorf gehabt. Da rechnete ich, um ihn zum Reden zu bringen, mit Widerspruch. Der kam aber erst nach langen Sekunden und bedächtig. Einer der Männer sagte: „Ha, also leitschei war er it“. Nicht ‚leutscheu’ somit. Übrigens ein schönes Wort, und ‚it’ ist die oberschwäbische Form von ‚nicht’ (in Stuttgart hieße es ‚net’ oder ‚et’). Ob er auch manchmal hierher gekommen sei, fragte ich. „Ha, emmer wieder. Er hot do halt a Bier tronke“. Worauf die Wirtin ergänzte: „Ond au a Schnäppsle drzua!“. Ich kam auf sein sehr hohes Alter. Darauf schaltete sich ein anderer der Männer ein und sagte: „Ha, alt war er eigentlich it. Er hot halt bloß lang glebt!“.

Diese Äußerung (nur wegen ihr habe ich dies alles erzählt) fesselt mich bis heute. Nicht nur weil sie überraschend und witzig und gar etwas weise war. Sie zeigt uns doch auch, dass die sogenannten ‚einfachen Leute’ ebenfalls Sprachbewusstsein haben und dass sie auch etwas wie eine semantische Analyse vornehmen können, hier also des Adjektivs alt. Zunächst einmal ließ der Mann unbewusst die neutrale Bedeutung beiseite. Wir reden ja von Alter auch schon bei jungen Leuten, sogar schon bei ganz jungen Kindern, wenn wir etwa fragen ‚Wie alt ist denn das Baby?’. In der anderen, nicht neutralen Bedeutung sonderte der Mann nun aber alle negativen Elemente aus, die dieses Wort zusätzlich enthält, also alle, die sich auf die vielen möglichen körperlichen und geistigen Reduzierungen beziehen, und beschränkte die Bedeutung auf ihren Kern, den er mit ‚lange gelebt’ korrekt umschrieb. Er isolierte ihn, indem er ihn gleichzeitig – darin liegt der Witz ̶ als gleichsam unerheblich beiseite schob. Alles also, was wir mit dem Adjektiv auch verbinden, fehlte in den Augen dieses listigen Wilflingers im Blick auf diesen besonderen Hundertjährigen: lange, sehr, sehr lange gelebt und trotzdem bis zu seinem Ende eigentlich nicht alt.

Hans-Martin Gauger, November 2010