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noch einen schönen Nachmittag

Sicherlich bin ich nicht der einzige Zeitgenosse, dem ein Typ einer seit einigen Jahren grassierenden, ritualisierten Verkäufer- oder Kellnerinnen-Freundlichkeit ziemlich auf die Nerven geht. Man kann keine Zeitung kaufen, kein Bier bestellen, keine Butterbrezel kaufen, ohne dass man ‚Wünsche für einen schönen Tag’ entboten bekommt. Man hat den Eindruck, dass „Einen schönen Tag noch!“ vielleicht bald flächendeckend das traditionelle „Auf Wiedersehen“, „Guten Tag“ oder „Auf Wiederschauen“ ersetzen könnte.

Es gibt beim „Einen schönen Tag noch!“ sogar eine interessante, anbiedernde ‚Aufgipfelung’, die die angesprochene Person eigens sprachlich fokussiert, was dann Folgendes ergibt: „Noch einen schönen Tag für Sie!“, „Einen schönen Nachmittag für Sie!“ oder „Noch einen schönen Abend für Sie!“.

Man braucht hier gar keinen Einfluss des Englischen anzunehmen, wo die Formulierungen „Goodbye to you”, „Good morning and a good day to you” seit langem weit verbreitet sind. Auch in den Zügen der Bundesbahn wird man inzwischen entsprechend freundlich auf Englisch verabschiedet; und dies gehört bekanntlich in den Kontext der zurecht ironisierten Formel „senk ju for trewelling wis Deutsche Bahn“...

Interessant ist im Englischen übrigens die ebenfalls verbreitete Verwendung der freundlicheren Form des Abschiedsgrußes „Goodbye“ (gern auch an Supermarkt-Kassen!), nämlich „Have a nice day!“. Letzteres wird aber offensichtlich auch in folgendem Fall verwendet: Man lässt jemanden stehen und beendet eine unerfreuliche Unterhaltung oder Auseinandersetzung mit dieser Formulierung − die pragmatische Bedeutung ist dann etwa ein ‚Lass’ mich doch in Ruhe!’ oder ‚Sie können mich mal...’. Dies wäre ironisch mit einem „Einen schönen Tag noch!“ zwar auch im Deutschen zu machen, ist aber noch eher selten...

Sehr bemerkenswert ist in unserem Gesamtzusammenhang übrigens die Beobachtung, die mir ein befreundeter anglistischer Kollege mitteilte, der in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten viel herumgekommen war. Es gab damals in Amerika schon einen Auto-Aufkleber, auf dem geschrieben stand:

DON’T TELL ME WHAT KIND OF DAY TO HAVE!

Wulf Oesterreicher, März 2013