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Und zwar

Unter Gliederungssignalen versteht die Linguistik Elemente, die zwar Wortstatus haben, aber auch aus mehreren Wörtern bestehen können; sie werden auch zu den sogenannten Gesprächswörtern gerechnet. Als Anfangssignale und Schlusssignale und innerhalb eines dialogischen oder erzählenden Redebeitrags werden sie zur Diskursgliederung eingesetzt (also, hör’ mal, ja, und dann usw.); besonders die gesprochene Sprache ist reich an diesen Elementen; gerade in der Sprechsprache sind diese Elemente teilweise polyfunktional, können also auch für andere Funktionen verwendet werden. Natürlich gibt aber auch schriftsprachliche Textgliedungsmarker (erstens, zweitens, weiterhin, sodann, zusammenfassend usw.)..

Mit den folgenden Bemerkungen möchte ich den germanistischen Spezialisten für die Gesprächsanalyse und für das gesprochene Deutsch einen Hinweis auf ein überraschenderweise noch nicht wirklich wahrgenommenes Phänomen der Sprechsprache geben − nämlich die Gebrauchsausweitung des Gliederungssignals und zwar.

Auch an den Hochschulen ist nämlich inzwischen ein bislang eher soziolektal niedrig markierter und damit häufig als ‚ungebildet’ bewerteter Sprachgebrauch bei den Studierenden angekommen. Wenn sie in die Sprechstunde des Dozenten kommen und nach der Begrüßung Platz genommen haben, beginnen sie ohne Umschweife oder weitere Erläuterungen sehr häufig mit einem knappen und zwar:

– „Und zwar, ich möchte im Frühjahr Examen machen, und da wollte ich nachfragen, ob die Möglichkeit besteht, dass ich ein Thema aus dem letzten Hauptseminar als Spezialgebiet nehmen kann...“

Dabei ist klar, dass dieses und zwar in dieser Kommunikationssituation immerhin noch eine lockere Ankündigung eines persönlichen Anliegens, das durchaus argumentativ gestützt werden soll, signalisiert.

Ein erfreulicherweise noch nicht sehr weit verbreiteter Gebrauchstyp von und zwar ist aber auch schon die gelegentliche Verwendung bei Beginn eines Referats, wo es mit also konkurriert:

– „Und zwar, die Reflexivkonstruktionen stellen in den europäischen Sprachen ein faszinierendes Thema dar, denn sie haben neben ihrer Grundfunktion auch passivische, unpersönliche und mediale Nutzwerte. Das möchte ich heute besprechen... “

– „Also, das spanische Vizekönigreich Neapel war ab dem 16. Jahrhundert im Mittelmeer in ständigem Konflikt mit dem Osmanischen Reich. Dies ist unser heutiges Thema im Seminar...“

Als Konjunktion hat diese Form im Normgebrauch bekanntlich nach wie vor eine logisch einschränkende, begründende Funktion, die in komplexen Satz- und Textkonstruktionen bezüglich der semantischen Progression des Diskurses und der dabei gewählten Fokussierungen für wichtige Präzisierungen sorgt:

– „Hans hatte sich im letzten Jahr immer weiter aus den Geschäften mit seinen afrikanischen Partnern zurückgezogen, und zwar wegen seiner angegriffenen Gesundheit, die ihm keine Reisen mehr erlaubte.“

Um derartige Präzisierungen geht es bei dem expandierenden Gebrauch unseres Gliederungssignals natürlich überhaupt nicht mehr. Und zwar signalisiert einfach den Beginn der Rede und verweist − wie schon angedeutet − sehr indirekt auf die Bedingtheit der zu erwartenden Darstellung durch bestimmte thematische Umstände oder Argumente.

Wulf Oesterreicher, März 2013