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Schwestern zur Sonne, zur Freiheit

Im Juli 2015, beim Abendgottesdienst einer lutherischen Kirche zu Berlin, sang die Gemeinde das bekannte Lied von Matthias Claudius Der Mond ist aufgegangen. Aber auf den ausliegenden Blättern war der Verfasser nicht angegeben. Sehr zu Recht. Denn am Ende hieß es da nicht mehr: „So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder“, sondern wahrhaftig: „So legt euch, Schwestern, Brüder, In Gottes Namen nieder, kalt ist der Abendhauch“!
Man muss das ja nicht gleich als eine inzestuöse Aufforderung beim Wort nehmen. Doch ungehörig bleiben dergleichen Eskapaden der Gender-correctness allemal. Denn dem freundlichen Redakteur des Wandsbecker Boten wird jeder Vernünftige stillschweigend zugute halten, dass er die Brüderlichkeit auf uns alle bezogen hat, auf alte und junge, große und kleine, weiblich wie männlich geratene Menschenkinder. Nichts anderes meinte doch auch Schillers bislang noch unbeschädigtes Lied an die Freude mit den Worten „Alle Menschen werden Brüder...“ Nichts anderes besagt die „fraternité“-Losung der französischen Revolution.
Gott behüte uns vor solch schwachsinnigen Umdichtungen und vergebe notfalls ihren Urhebern, dass sie uns wie „KlippschülerInnen“ behandeln. Das wusste ja schon der alte Matthias Claudius – sie „spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste, Und kommen weiter von dem Ziel.“

Albrecht Schöne, Juli 2015