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Evidenzbasierte Medizin

Der jetzt geläufige Ausdruck Evidenzbasierte Medizin ist natürlich, wie die Dinge heute mit der Dominanz des Englischen in den Wissenschaften nun einmal sind, eine Übersetzung von evidence-based medicine, abgekürzt ‚EBM’ (und diese Abkürzung gilt dann auch für das Deutsche). Was gemeint ist, ist einigermaßen klar: eine Medizin, die sich auf Beweise, Nachweise stützt. Nun wird ja eigentlich vernünftigerweise niemand eine andere wollen, und insofern möchte man sagen, der Ausdruck sei beinahe tautologisch. Faktisch ist freilich hier vor allem auch eine bestimmte Organisation und Vermittlung der wissenschaftlichen Beweise gemeint: die Ergebnisse der Forschung, der ‚Studien‘, wie in der Medizin gerne gesagt wird, sollen möglichst rasch und vollständig an die behandelnden Ärzte gelangen – und damit an die Patienten, was speziell dann als „externe Evidenz“ bezeichnet wird. Der Ausdruck evidence-based medicine wurde 1990 von Gordon Guyatt in Kanada geschaffen.

Doch uns interessiert hier (das ist nun einmal unsere ‚déformation professionnelle’) vor allem das Sprachliche. ‚Vor allem’ sage ich und meine keineswegs ‚ausschließlich’, denn das Interesse für das Sprachliche muss das für die Sache mit einschließen: tut sie dies nicht, geht sie auch im Sprachlichen fehl. Was nun dieses angeht, so ist es, möchte man sagen, evident, dass hier ein englisches Wort falsch ins Deutsche übersetzt wurde: denn evidence bedeutet nicht dasselbe wie Evidenz oder auch das französische évidence. Mich stört dieser Anglizismus sehr. Und weil ich eben dies hier darlegen wollte, stelle ich, denn ich habe gerade nachgesehen, mit Befriedigung, aber doch auch mit Ärger, weil ich dies also nicht als erster sage, fest, dass in dem entsprechenden, wie mir scheint, guten Artikel in Wikipedia ganz richtig auf den sprachlichen Tatbestand hingewiesen wird: diejenigen, die hier übersetzt hätten, seien „einem falschen Freund erlegen“.

In der Tat sind evidence und Evidenz „falsche Freunde“. So nennt man in der Sprachwissenschaft zwei Wörter zweier oder mehrerer Sprachen, die ähnlich lauten, auch etymologisch gleich sind, aber anderes bedeuten, insofern also täuschen. Jedenfalls ist dies eine Form „falscher Freundschaft“ unter Wörtern zweier oder mehrerer Sprachen (es gibt auch andere).

Evidenz, im Sinne des englischen evidence verwendet, ist ein ärgerlicher Anglizismus. Er bringt nämlich einen Reichtum auch unserer Sprache in Gefahr: die Unterscheidung zwischen ‚Beweis’ und ‚Evidenz’. Und die ist wichtig ist, weil sie einen wichtigen Unterschied in der Sache markiert. Wo Unterschiede sind, sollte unterschieden werden. Evidenz meint ja in gewissem Sinne geradezu das Gegenteil eines Beweises. Das Wort meint eine Sicherheit im Erkennen, die gerade keines Beweises, keiner Schlussfolgerung bedarf. Diese Sicherheit entspricht eher dem, was das englische obviousness meint, ist aber eigentlich noch radikaler und philosophischer. Obvious wäre ja nur unser offensichtlich. Aber unsere Evidenz, ein Fremdwort (und zwar nicht eines aus dem Englischen, sondern aus dem Lateinischen direkt), geht über Offensichtlichkeit noch hinaus und eben in dem philosophisch präzisen Sinn, dass das Evidente, eben weil es evident ist, keines Beweises bedarf.

So finden wir das Evidente zum Beispiel an einer philosophisch entscheidenden Stelle: in dem berühmten „cogito“, „ich denke“, des Descartes – indem ich denke, indem ich mir bewusst bin, dass ich denke, bin ich mir im Sinne solcher Evidenz absolut sicher, dass ich bin. Dies ist das Unbezweifelbare im Meer des Bezweifelbaren. Die authentische Formulierung bei Descartes lautet denn auch: „ich denke, ich bin“, „ego cogito, ego sum“ und nicht, wie man oft hört, „ich denke, also bin ich“, „cogito ergo sum“. Das wäre formal ja wieder eine Schlussfolgerung: alles, was denkt, ist, nun aber denke ich, also bin ich. Gerade so ist es nicht, weil, nach Descartes, dieses „ich denke, ich bin“ nicht das Ergebnis einer Schlussfolgerung ist, sondern, eben als pure Evidenz, jeder Schlussfolgerung vorausgeht. Jede muss schon auf ihr aufbauen. Edmund Husserl spricht in seinen Cartesianischen Meditationen diesem Satz des Descartes „Ewigkeitsbedeutung“ zu, was ja nicht wenig ist. Und jedenfalls beginnt mit diesem Satz, der eine Evidenz formuliert, die neuzeitliche Philosophie, was auch nicht wenig ist. Hier können wir endlich, sagte Hegel im Blick auf die Philosophie vor Descartes, wie jener Matrose 1492 auf dem Masten „Land, Land!“ rufen. Und übrigens meint Descartes, dem man gerne dürren Rationalismus unterstellt, mit „denken“ hier keineswegs nur das Rationale, sondern auch (er sagt es ausdrücklich) das Fühlen, Wollen, Empfinden usw., also überhaupt alles, was, modern gesprochen, zum Inhalt des Bewusstseins werden kann: ich bin mir eines Inhalts in mir selbst, also in meinem Bewusstsein, bewusst und insoweit dann auch meiner selbst. Ich habe insistiert, weil sich in diesem Ergreifen des Bewusstseins durch sich selbst, woraus sich also Selbstbewusstsein, also durch Reflexion auf sich selbst, Bewusstsein im vollen und menschlichen Sinn ergibt, paradigmatisch zeigt, was das Wort Evidenz eigentlich meint: ein sich unmittelbar ergebendes und ganz unbezweifelbares Wissen.

Aber Evidenz im Sinne von schlichtem Beweis, auch von rein empirischem verwendet („a piece of evidence“ heißt juristisch schlicht „ein Beweisstück“) ist nun längst in den mehr oder weniger kultivierten Sprachgebrauch eingegangen und die „evidenzbasierte Medizin“, von der ich ausging, sogar ins deutsche Sozialgesetz, worauf Wikipedia verweist („evidenzbasierte Leitlinien“). Aber Evidenz wird auch sonst im Deutschen jetzt oft in diesem englischen Sinne verwendet. Von einem Psychoanalytiker, der lange in den Staaten gelebt hat, hörte ich schon vor vielen Jahren (aber inzwischen ist es, wie gesagt, längst normal) in einem Vortrag: „Vom Matriarchat haben wir keine Evidenz“, womit er offensichtlich bloß meinte (ob es nun stimmt oder nicht): keinen greifbaren Beleg oder einen Nachweis, dass es dies irgendwo gibt oder je gegeben hat.

Trennen also, bitte, zwischen Evidenz einerseits und Beweis andererseits. Oder retten wir unsere, sagen wir, kontinentale Evidenz. Sie ist ein semantischer Reichtum.

Hans-Martin Gauger, Mai 2011