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„Fritz J. Raddatz ist im Alter von 83 Jahren gestorben“

Etwas stört mich in diesem Fall an „ist gestorben“. So stand die Nachricht in „Spiegel Online“, wo ich sie zuerst und mit Bewegung erfuhr, auch weil ich gerade in diesen Tagen in seinen Tagebüchern las. So stand es auch in der „Zeit“; nicht anders in der „Frankfurter Allgemeinen“ und in der „Süddeutschen“ in Willi Winklers Nachruf, der seine oft forcierte Lustigkeit sogar hier nicht ganz unterdrücken konnte.
Ich meine, man sollte – auch gerade im Sprachlichen – den Tod, der einem geschieht, der in irgendeiner Form, ob erwartet, erwünscht oder ganz und gar nicht erwartet, ganz und gar nicht erwünscht, an einen herantritt (auch so eine Metapher), doch jedenfalls von dem selbst herbeigeführten unterscheiden. Denn hier war es äußerst klar ein Suizid. Beides, meine ich, ist in gleicher Weise ernst, hat dieselbe Würde, ist in gleicher Weise zu respektieren. Natürlich, es gibt religiöse Bedenken: ‚das Leben ist ein Geschenk’ usw. Und in dem Punkt scheinen sich Judentum, Christentum und Islam nicht zu unterscheiden. Oder besser: Christentum und Islam sind hier jüdisch geblieben. Aber selbst wer solche Bedenken hat, wird nicht widersprechen wollen, wenn ich hier vom gleichen Respekt rede. Jedenfalls wenn er bereit ist, die Dinge unter menschlichem Gesichtspunkt zu sehen, was in diesem Fall nun keine Floskel ist. Die Zeiten, in denen ‚Selbstmörder’ außerhalb der (jüdischen und christlichen) Friedhöfe begraben werden mussten, sind ja nun auch vorbei. Geistliche begleiten sie heute, soviel ich weiß, auch hier ... Man soll auch nicht von ‚Selbstmord’ reden, ‚Freitod’ mag auch problematisch sein, denn, psychologisch gesehen: wer ist da wirklich frei? ‚Suizid’ ist möglicherweise am besten, weil es ohne Wertung, ohne Psychologie einfach den Unterschied ausdrückt zum anderen, dem nicht selbst herbeigeführten Tod. Etymologisch (lateinisch) meint das Wort ja ganz neutral ‚Selbsttötung’.
Also man soll, wenn jemand durch Suizid stirbt, dies in der Nachricht ohne zu zögern sagen. Denn ‚ist gestorben’ ist in diesem Fall eine in gleicher Weise unnötige wie unangemessene Verhüllung, ja eine Irreführung. Da ist einfach in der Sache, die man hier als die paradigmatisch ernste überhaupt bezeichnen darf, ein großer Unterschied, und der sollte, auch gerade weil unsere Sprache dies so vorsieht, ausgedrückt werden.
Das lateinische Wort ‚Suizid’ erinnert mich, eben weil es lateinisch ist, an meinen höchst eindrucksvollen, auch mehrfach gefährdeten Tübinger Philosophielehrer Walter Schulz, Sohn eines Herrnhuter Pfarrers aus Oberschlesien – der Ort, aus dem er stammte, heißt oder hieß tatsächlich Gnadenfeld ... Er schien sich, nach dem, was er in lockerer Runde überaus deutlich sagen konnte, von dieser Herkunft völlig gelöst zu haben, ließ sich aber doch – sehr überraschend – auf dem einzigen Herrnhuter Friedhof Baden-Württembergs, in Bad Boll auf der Schwäbischen Alb, als „Bruder Schulz“ begraben. Er war ein robuster Melancholiker und kam auf das Thema Suizid in Vorlesungen und Seminaren nicht selten zu sprechen und sagte dann, nicht eigentlich anklagend, aber doch bedauernd und spürbar beteiligt, leider habe das Christentum dem Suizid seine Unschuld genommen, die er für die Antike offensichtlich gehabt habe. Kaum sei er da, philosophisch und psychologisch, ein Problem gewesen: „Spaziert man rein, spaziert man raus – eigentlich doch kaum ein Unterschied ...“. Ob es wirklich ganz so war? Auch psychologisch? Philosophisch gab es schon Gegenstimmen, Cicero zum Beispiel. Doch gehört dies jetzt nicht hierher – nur ‚Suizid’, das gegenüber ‚Selbstmord’ so sachlich schöne lateinische Wort brachte mich darauf. Walter Schulz wurde übrigens alt und starb, so lange es ging (und es ging lange) arbeitend, den ‚von außen kommenden’ Tod – mit 88. Und nun denke ich auch an Peter Wapnewski, der noch älter wurde und übrigens ein Freund von Fritz J. Raddatz war. Wapnewski schrieb mir einmal: „Da sitze ich nun in meinem Zimmer und warte auf den Gast, der niemanden im Stich lässt“.
Was den Ort des Todes von Raddatz betrifft, war die Merkwürdigkeit, dass Willi Winkler in der „Süddeutschen“ schrieb, er sei in Hamburg gestorben (warum schreibt man so etwas, wenn man es nicht weiß?), kurz danach las man in „Wikipedia“, es sei in Zürich gewesen im Hotel „Baur au lac“, und jetzt steht da „Pfäffikon“ und dann, offenbar nun definitiv zutreffend und jedenfalls sprachlich richtig: „nahm sich am 26. Februar 2015, einen Tag vor Erscheinen seines letzten Buchs, im ‚Sterbehaus’ von ‚Dignitas’ das Leben“.

Postscriptum
Im Islam haben wir, was den Suizid angeht (und dies wäre von dort her zu klären), sprachlich etwas, das uns im jetzt vielberufenen „Westen“ („Westen“ im Sinne Heinrich August Winklers als Gemeinsamkeit spezifischer Werte), als höchst anstößig, ja widerwärtig in jeder Hinsicht erscheint: die Bezeichnung von Selbstmordattentätern (und ihr Feiern) als „Märtyrer“. Unter einem ‚Märtyrer’ versteht unsere, also die „westliche“ Tradition ausschließlich solche, die reine Opfer sind und nicht solche, die – als Täter – ihren eigenen Tod in Kauf nehmen, nur um eine mehr oder weniger große Zahl anderer, natürlich auch völlig Unbeteiligter, umzubringen. Attentäter sind (pardon für das ungewollte Wortspiel) Täter. Sie mögen zwar, psychologisch gesehen, durchaus auch Opfer sein – ihrer eigenen fanatischen Verblendung oder derer, die sie, zynisch oder nicht, zu solchem Tun abgerichtet haben. Sie sind auch nicht „feige“, wie man sie seltsamerweise oft nennt: dies gerade sind sie am wenigsten ... Aber Märtyrer in irgendeinem für uns vertretbaren Sinn sind sie ganz und gar nicht. Es ist auch ein sprachliches Problem. Wie gesagt: es wäre von Kennern zu klären, ob oder inwieweit dieser Sprachgebrauch vom Islam her zu rechtfertigen ist. Ich will auch nicht ausschließen (auch dies wäre zu klären), ob es nicht in sehr zurückliegenden Zeiten im Christentum, etwa in der Zeit der Kreuzzüge, ebenfalls Analoges gegeben hat.

Hans-Martin Gauger, Juni 2015