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Herr Professorin?

(Diese Glosse wurde am 10. Juli 2013 in der „Frankfurter Allgemeinen“ unter dem schönen von der Redaktion ersonnenen Titel „Wir fahren jetzt vierzehn Nächte in den Sprachurlaub“ veröffentlicht – ich habe sie für das Forum Sprachkritik etwas ergänzt.)

Also, es steht ja nur in der Verfassung der Leipziger Universität: „Professorinnen“, wenn ‚Professoren und Professorinnen’ gemeint sind. „Auf den Alltag an der Universität, auf den universitären Sprachgebrauch“, so Rektorin Beate Schücking, werde dies „keinerlei Auswirkung haben“. Die Bezeichnung „Herr Professorin Maier“, wie sogleich und etwas albern gewitzelt wurde, ist nicht zu befürchten. Es war auch, offensichtlich, nicht daran gedacht worden.

Man kann den Professor Josef A. Käs, „Head of the Soft Matter Physics Division“, ungefähr verstehen, wenn er im Senat der Universität, der diese terminologische Entscheidung fällte - entnervt, ist zu vermuten -, schließlich den Antrag stellte, dann eben die weibliche Form als die allgemeine oder neutrale zu nehmen: ‚dass a Rua is’ (offensichtlich ist Josef A. Käs Bayer: sein Name passt da gut hin, und jedenfalls hat er in München studiert).

Interessant wäre es aber schon zu wissen, ob bei jener Sitzung auch ein Sprachwissenschaftler, weiblich oder männlich, zugegen war. Leipzig ist nämlich für jeden Sprachwissenschaftler mit historischem Sinn ein fast magischer Name, denn die Leipziger Universität war Ende des 19. Jahrhunderts und etwas darüber hinaus das unbestrittene Mekka der Sprachwissenschaft – keineswegs nur in Deutschland, sondern überhaupt. Sprachwissenschaft hieß damals, ins Räumliche übersetzt, nicht nur Deutschland, sondern ganz speziell Leipzig. Hier haben denn auch zwei Männer studiert, die danach die Sprachwissenschaft veränderten: der Genfer Ferdinand de Saussure und der Nordamerikaner Leonard Bloomfield (und noch andere wären da zu nennen).

Jetzt sollen die vielen Stellungnahmen, welche die Universität Leipzig nach jenem Beschluss erreichten, im Auftrag der Rektorin von dem offensichtlich Schweizer Sprachwissenschaftler Beat Siebenhaar untersucht werden (Beat heißt man, glaube ich, nur in der Schweiz), und sicher wird dieses ohne Zweifel emotional sehr geladene Corpus dessen auch hier geforderten Sinn für Objektivität auf eine harte Probe stellen.

Von der Sache her gibt es, was jene Entscheidung angeht, eigentlich nur vier Möglichkeiten: man kann entweder die männliche Form generisch oder neutral gebrauchen, so wie es unsere Sprache und sehr viele andere Sprachen vorschreiben, oder man kann umgekehrt – und also gegen die Sprache – die weibliche Form generisch neutral verwenden oder man greift drittens auf die schwerfällige, weil monoton verlängernde Schrägstrichlösung Professoren/Professorinnen (oder Professorinnen/Professoren) zurück oder schließlich auf das merkwürdige, mit dem sogenannten Knacklaut beginnende und groß geschriebene Binnen-I, also Professor-Innen (man kann dieses ‚I’ also schon auch hörbar machen). Diese letztere Lösung ist eine für jeden Sprachempfindlichen unschöne Lösung (also keine), die sich in bestimmten progressiven Milieus, etwa (‚progressiv’ ist ein relativer Begriff) in der SPD, halbwegs durchgesetzt hat, aber, wie es scheint, schon wieder auf dem Rückzug ist.

Da haben wir nun gleich das Problem: entweder man stellt sich auf die Seite der Sprache, oder aber das mit der sprachlichen „Sichtbarmachung der Frau“ ist einem aus anderen als sprachlichen Gründen dermaßen wichtig, dass man es vorzieht, sich gegen die Sprache zu stellen.

Rein sprachwissenschaftlich ist die Sache eigentlich einfach. Unsere deutsche Sprache hat sich, wie sehr viele andere Sprachen, für die männliche Form entschieden, wenn es um das Generische geht, wenn also vom Geschlecht abgesehen wird: ‚Lehrer werden zu schlecht bezahlt’ oder ‚Dem Franzosen ist gutes Essen wichtiger als dem Deutschen’ oder ‚Die Zahl der Radfahrer nimmt zu’. Aber natürlich ist es Unsinn zu sagen, unsere Sprache habe sich so ‚entschieden’ (man sagt halt so), denn eine Sprache entscheidet sich nicht – es hat sich eben in ihr so ergeben: historisch. Dies heißt nun aber, dass Wörter wie Lehrer, Franzose, Deutscher, Radfahrer (und davon gibt sehr, sehr viele und zunehmend mehr) zwei Bedeutungen haben: erstens die allgemeine, generische, geschlechtlich undifferenzierte, zweitens das männliche Exemplar. Und die Bezeichnung für das weibliche ist dann zusätzlich markiert, durch Suffix und Artikel: (die) Lehrerin, Französin, Deutsche, Radfahrerin. Lehrer steht also erstens für den Beruf und nur für diesen, also auch ganz abgesehen von männlich oder weiblich, zweitens für den männlichen Fall. Das Wort Lehrer kann die Lehrerin einschließen (dann ist der mögliche Unterschied, wie die Sprachwissenschaft sagt, ‚neutralisiert’), es kann sie aber auch gerade ausschließen. Beispiele: ‚Lehrer werden zu schlecht bezahlt’ (da wird ja nun wirklich niemand verstehen: ‚Lehrerinnen aber keineswegs’) oder ‚Für eine solche Aufgabe sind Lehrer möglicherweise nicht so geeignet wie Lehrerinnen’.

Man redet da sprachwissenschaftlich auch, je nach Schule, von einer ‚inklusiven Opposition’: Lehrer steht sprachlich in ‚Opposition’ zu allen anderen Berufen, enthält aber dann in sich selbst auch die ganz andere (sprachliche) ‚Opposition’ zu Lehrerin; in die ‚Opposition’ zu allen anderen Berufen ist also die ‚Opposition’ zu Lehrerin eingeschlossen, so dass – es ist eine einseitige Einschließung – Lehrer auch für Lehrerin stehen kann, nicht aber Lehrerin für Lehrer. Die männliche Form kann somit für die weibliche stehen, die weibliche aber nicht für die männliche.

Genau gegen dieses sprachliche Verfahren, das fest zur Grammatik auch unserer Sprache gehört (das Kapitel heißt traditionell ‚Femininmotion’) verstößt die Leipziger Entscheidung, die nach eigenem und durchaus zutreffendem Bekunden folgenlos bleiben wird. Sprachlich folgenlos sowieso, folgenlos aber auch in der Wirklichkeit außerhalb der Sprache. Es wird wegen dieser Entscheidung sicher nicht mehr Professorinnen in Leipzig oder anderswo geben. Rektorin Schücking hat inzwischen auch gesagt, nachdem die Verfassung durch das zuständige Ministerium genehmigt wurde, es handle sich hier um ein „symbolisches“ Zeichen. So gesehen würde jedenfalls ich persönlich, obwohl ich eigentlich dagegen bin, dies begrüßen, als Zeichen: man darf – angesichts der nach wie vor großen Dringlichkeit des Problems der Gleichstellung von Frau und Mann – solche Symbole setzen. Man sollte es sogar, meine ich, immer einmal wieder tun.

Die Sprachwissenschaft, so wie sie ist, bewertet nicht. Sie beschreibt, was ist, und sie erklärt auch, soweit dies möglich ist, wie das, was in einer Sprache ist, wurde. Würde man aber das mit den beiden Bedeutungen von Lehrer usw. bewerten, wogegen gar nichts spricht, müsste man die folgenden Punkte nennen. Zunächst: dieses Verfahren, dieses ‚Arbeitsprinzip’, hat in der Tat etwas Ungerechtes. Dieses besteht darin, dass die neutralisierte Form auch die männliche ist – eine Bevorzugung des Männlichen ganz ohne Zweifel. Andererseits kann, zweitens, die Sprache bei solchem Verfahren nur die eine oder die andere Seite bevorzugen, es gibt kein Drittes; sie kann nur, so oder so herum, ungerecht sein. Dann aber, drittens und vor allem, ist dies Verfahren – und hierin liegt nun ganz klar das Positive – ungeheuer ökonomisch, wobei es natürlich eben so ökonomisch wäre, wenn die weibliche Form die neutrale wäre, also: fast ebenso ökonomisch, denn die weibliche Form ist, wie die Dinge sind, zumeist etwas länger. Und viertens gibt es, ebenfalls wichtig, aber weithin unbekannt, jenes Verfahren der Neutralisierung, der ‚inklusiven Opposition’ auch außerhalb des Genus- oder Gender-Bereichs: es ist also etwas Allgemeineres, Übergreifendes. Zum Beispiel, um nicht irgendeines zu nennen, kann das Wort Tag das Wort Nacht miteinschließen (24 Stunden – ‚Wir waren vierzehn Tage unterwegs’), es kann aber umgekehrt Nacht gerade ausschließen, dann sagen wir ‚ein Unterschied wie Tag und Nacht’ – oder Brigitte Bardots seinerzeit berühmte Antwort auf die Frage nach ihrem schönsten Tag – „Eine Nacht“ (das kann man deutsch oder englisch oder italienisch genauso sagen wie französisch, und in sehr vielen anderen Sprachen auch; es ist also wirklich keine Spezialität des Deutschen). Ebenso etwa bei alt: ‚Der ist jetzt wirklich sehr alt geworden’ oder dann ,neutralisiert’: ‚Der Junge müsste jetzt so um die fünf Jahre alt sein’; analog etwa auch bei lang, hoch, breit und tief.

Übrigens gibt es solche Neutralisierungen auch im Lautlichen. So ist im Deutschen der Unterschied zwischen p, t, k und b, d, g am Wortende aufgehoben: zwischen dem Auslaut von Rat und Rad ist kein Unterschied. Gleich im Englischen ist dies nicht so: bet und bed.

Was nun aber die Erklärung der in vielen Sprachen allgegenwärtigen männlichen Genus-Neutralisierung angeht, so liegt sie auf der Hand. Es kann ja wirklich nicht erstaunen, dass unsere Sprachen das Männliche privilegieren. Unsere Welt ist nun einmal von sehr weither durch die männliche Sicht geprägt – und dies muss sich doch in unseren Sprachen, die auch von sehr weit her sind, spiegeln. Es gilt ja in jeder Hinsicht für die Wurzeln dessen, was man ‚Abendland’ nennt: Judentum und Christentum sind männlich geprägt, die griechisch römische Antike ebenso, Rom nicht ganz so stark wie Athen. Aber was unsere Sprachen angeht, müsste man ja noch erheblich weiter zurück...

Übrigens dominiert die Männersicht in der Sprache wohl nirgends so stark wie dort, wo es um das Beschimpfen, Beleidigen, Fluchen und ganz allgemein um die Kennzeichnung von Negativem geht. Im Französischen zum Beispiel ist das häufigste Wort in diesem Bereich und eines der häufigsten überhaupt con – es ist das vulgäre Wort für das weibliche Organ und das üblichste Schimpfwort. In dieser Hinsicht nun aber schneidet, wenn man schon wertet, das Deutsche ganz entschieden besser ab als unsere Nachbarsprachen, denn unser üblichstes vulgär-familiäres Schimpfwort (ich will es hier nicht nennen) ist, im Unterschied zu con, gender-neutral... Die feministische Sprachwissenschaft hat dies so gut wie gar nicht gemerkt. Sie hat sich sehr einseitig an anderem, vor allem an der Femininmotion, festgebissen. In der vulgären und auch schon familiären Sprache, denn das Familiäre ist vom Vulgären nicht klar zu trennen, hätte sie noch fündiger werden können. Das Buch von Luise Pusch „Das Deutsche als Männersprache“ (1984) suggeriert bereits im Titel, ‚Männersprache’ gelte speziell für das Deutsche. Da stoßen wir einmal wieder auf den bis vor einigen Jahrzehnten üblichen Tunnelblick der Germanisten. In Wirklichkeit steht das Deutsche in dieser Hinsicht im Vergleich klar besser da. Die romanischen Sprachen sind ungleich ‚männersprachlicher’ als das Deutsche. Im Spanischen zum Beispiel steht die Väter auch für ‚die Eltern’, die Brüder auch für ‚die Geschwister’, die Großväter kann auch die Großmütter einschließen, steht also für ‚Großeltern’, und die Onkels, die Vettern und die Neffen, auch für die Tanten, die Cousinen und die Nichten: los padres, los hermanos, los abuelos, los tíos, los primos, los sobrinos. Und um den König und die Königin zu bezeichnen, heißt es einfach ‚die Könige’, los Reyes. Da sagt man dann also: ‚Der feierliche Akt fand unter Teilnahme der Könige statt’.

Dann haben wir ja im Deutschen vor allem, wie etwa auch im Russischen, sprachlich ganz und gar untadelig, die hier entscheidende Unterscheidung Mensch und Mann, während alle romanischen Sprachen und auch das Englische nur ein Wort für beides haben oder eben wieder ein Wort mit zwei ungut zusammenhängenden Bedeutungen – da ist ‚Mensch’ in der Tat der (sprachlich) ‚neutralisierte’ Mann: man und homme, uomo, hombre usw. Wann immer man dies sagt, ist jedoch einer zur Stelle, der einem erklärt, dass auch das Wort Mensch auf Mann zurückgeht, nämlich auf ein erschlossenes germanisches manniska, ‚männisch’. Richtig – aber dies hindert ganz und gar nicht, dass wir jetzt und schon seit sehr langem hier zwei verschiedene Wörter haben und dass im Deutschen der Mann, wie es sich gehört, einer der beiden Fälle von Mensch ist.

Nun aber andererseits die wichtige, die zentrale Frage: erleben diejenigen, deren Sprache nur ein einziges Wort für ‚Mensch’ und ’Mann’ hat, den Mann anders als wir Deutschsprachigen oder als die Russischsprachigen? Ganz sicher nicht. Und dies ist ein weiterer und entscheidender Punkt: die Sprechenden wissen, intuitiv zumindest (und dieses Wissen ist entscheidend), dass ihre Sprache die Wirklichkeit nicht einfach abbildet wie ein Spiegel, sie unterscheiden zwischen Sprache und Wirklichkeit, genauer: sie unterscheiden zwischen der Wirklichkeit ihrer Sprache und derjenigen, auf die ihre Sprache zielt. Die feministische Sprachkritik überschätzt gewaltig die bewusstseinsbildende Macht einer Sprache. Man muss die Wirklichkeit außerhalb der Sprache verändern. Leicht erreichbare und möglichst kostenlose Kitas sind für die Gleichstellung ungleich wichtiger und auch bewusstseinsbildender als der zudem utopische Versuch, sprachwidrige Regelungen durchzusetzen.

Der spanische Sprachwissenschaftler Ignacio Bosque von der „Königlichen Spanischen Akademie“, „Real Academia Española“, hat im vergangenen Jahr eine sehr gute Ausarbeitung (18 Seiten) mit dem Titel „Sprachlicher Sexismus und Sichtbarkeit der Frau“ vorgelegt („Sexismo lingüístico y visibilidad de la mujer“). Dieser Text wurde in der Vollversammlung jener Akademie am 1. März 2012 von allen anwesenden Mitgliedern angenommen. Javier Marías, der wohl bedeutendste lebende Schriftsteller Spaniens, war bei dieser Sitzung nicht dabei, erklärte aber danach, er sei mit dem Text Bosques vollkommen einverstanden. In diesem Text heißt es: „Unter Sprachwissenschaftlern gibt es eine allgemeine Übereinstimmung darüber, dass der nicht markierte oder generische, beide Geschlechter bezeichnende Gebrauch des Maskulinums im grammatischen System des Spanischen wie auch in dem vieler anderer – romanischer und nichtromanischer – Sprachen fest verankert ist und dass es keinen Grund gibt, ihn zurückzuweisen. Man darf deshalb mit vollem Recht die Frage stellen, über welche professionelle, wissenschaftliche, soziale, politische und administrative Autorität diejenigen verfügen, die mit solcher Insistenz den sexistischen Charakter solcher Ausdrücke behaupten und damit diejenigen diskreditieren, die sie verwenden. Man darf doch nicht vergessen, dass Urteile über unsere Sprechweise auch uns selbst treffen.“ Ausführlich nimmt hier Bosque Bezug auf eine Reihe von Leitfäden zu einer „nicht-sexistischen“ oder „gendergerechten“ Sprache, die es in den letzten Jahren in Spanien gab und an denen es hierzulande auch nicht fehlt. Dazu sagt er sehr deutlich: „Ein guter Schritt in Richtung auf die Lösung des ‚Problems der Sichtbarkeit der Frau’ wäre es, schlicht und einfach anzuerkennen, dass man, wenn man diesen Leitlinien folgte, gar nicht mehr sprechen könnte.“

Dies nun führt uns auf Leipzig und auf die Worte der Rektorin Schücking zurück. All diese Hinweise oder auch Anweisungen zielen ja nur auf offizielle und also schriftliche Verlautbarungen. Nur derlei kann ja überhaupt geregelt werden. Den allgemeinen Sprachgebrauch kann man nur sich selbst überlassen. Die Römer hatten den Spruch: „Selbst der Caesar steht nicht über der Grammatik.“ Jene Versuche, die Sprache quasi offiziell zu regeln, widersprechen aber dann gerade der – unter demokratischem Vorzeichen – wichtigen Bemühung, die Sprache der Gesetze, der Erlässe und der offiziellen Verlautbarungen wieder näher an die allgemeine Sprache heranzuführen.

Wäre – nur eine Frage – irgendeine der mehreren einschlägigen Akademien oder eine der anderen hier in Frage kommenden Institutionen deutscher Zunge bereit, sich einen Text, der dem von Ignacio Bosque mutatis mutandis entspräche, zu eigen zu machen? Und hätten wir da ebenfalls einen Konsens – auch nur unter Sprachwissenschaftlern und Sprachwissenschaftlerinnen?

Coda

Zufällig stoße ich gerade auf ein Heft der nach 1945 gegründeten Zeitschrift „Universitas“, Heft 12 des 2. Jahrgangs, 1947. Da findet sich am Ende unter „Nachrichten aus den Universitäten“ diese kurze Notiz: „Zum ersten weiblichen Professor der Universität Tübingen wurde Fräulein Dr. Hildegard Gauger ernannt. Prof. Gauger vertritt seit längerer Zeit das Fach der Anglistik.“ Da sieht man den großen Unterschied, den Wandel: niemand würde heute in solchem Fall vom „ersten weiblichen Professor“ reden, man würde jetzt „zur ersten Professorin“ ernannt, und „Fräulein“ (Hildegard Gauger war damals fast fünfzig!) verschwand sehr zu Recht ziemlich schnell in den siebziger Jahren, so wie sich in jenen Jahren das „Du“ unter den Studentinnen und Studenten ausbreitete – zwei Beispiele für einen überaus raschen Sprachwandel. Dass Fräulein verschwinden musste, leuchtete doch fast jedem ein (nicht allen, ich weiß) – warum sollte man bei einer Frau – im Unterschied zu einem Mann – schon in der Anrede den Familienstand erkennen oder ihn berücksichtigen müssen? Deutlich erinnere ich mich an die Kollegen, die damals sagten: „Nein, um Gottes willen, jede Siebzehnjährige rede ich jetzt mit ‚Frau’ an.“ Sicher hat zu diesem Wandel bewusstseinsbildend auch die feministische Sprachwissenschaft beigetragen. Und dies war auch gut so. Hildegard Gauger starb 1975 fünfundachtzigjährig als ‚Fräulein Gauger’. Sie war eine entfernte Tante von mir, ich habe sie erst als Student kennengelernt: „Aber wird sind doch verwandt, also duzen wir uns doch!“. Nach ihrer Meinung zum Wechsel von Fräulein zu Frau habe ich sie nicht gefragt (kaum hätte ich mich auch getraut, dies zu tun). So wie ich sie kannte, könnte ich mir aber schon vorstellen, dass sie gesagt hätte ‚Ich finde das gut.’ Ja, und mein erster Assistent war die unvergessene Brigitte Schlieben-Lange. Sollte ich da sagen ‚Meine erste Assistentin war eine Frau’? Oder dann, denn so war es, ‚Meine zweite Assistentin war ein Mann’?

Hans-Martin Gauger, Februar 2014

Kommentare zu "Herr Professorin?":

  1. Luise Pusch / 18.2.2014

    Generisches Femininum erregt Maskulinguisten, Teil 1

    Die feministische Sprachkritik hat es weit gebracht. Früher wurde sie von der Maskulinguistik (kurz für „etablierte, männlich geprägte Linguistik“) schlicht ignoriert: Mit derartigem „unlinguistischen Blödsinn“ machte mann sich nicht die Hände bzw. den wissenschaftlichen Werdegang (CV) und das Schriftenverzeichnis schmutzig. Nun da feministische Sprachforderungen nach 35 Jahren „Nerverei“ sogar von der deutschen Universität selbst nachgerade übererfüllt werden, wendet sich das Blatt. In den letzten Wochen haben sich zwei männliche Sprachwissenschaftler herbeigelassen, dem Publikum in konservativen Zeitungen „linguistische Analysen“ bzw. „Anleitungen zur Gelassenheit“ zum Thema generisches Femininum zu verabreichen. Beide sagen im Wesentlichen dasselbe wie ihr heroischer Vorkämpfer Hartwig Kalverkämper schon vor 35 Jahren: Die feministische Sprachkritik sei „unlinguistisch“, sie vernachlässige die in den Sprachen auch sonstwo übliche Neutralisierung, und dergleichen mehr. (vgl. meinen in der Fußnote genannten Artikel). Neu hinzugekommen ist die putzige Idee, das Deutsche sei keine Männersprache, sondern im Vergleich zu anderen Sprachen sogar besonders frauenfreundlich.
    Selten so gelacht. Ich habe diese „Argumente“ zwar alle schon im Jahre 1979 widerlegt, aber da Maskulinguisten sich erst neuerdings mit dem Thema befassen, ist ihnen das offenbar entgangen.
    Die beiden Sprachwissenschaftler heißen Hans-Martin Gauger (Jg. 1935) und André Meinunger (Jg. 1969). Sie publizierten ihre Artikel in der „Welt“ (Meinunger am 7.7.) bzw. in der FAZ (Gauger am 10.7.) Es wäre interessant, die beiden Aufsätze zusammen abzuhandeln, aber das könnte die Geduld der Leserin überstrapazieren. Deshalb erledige ich sie nacheinander. In dieser Woche befasse ich mich mit Gaugers Artikel „Wir fahren jetzt vierzehn Nächte in den Sprachurlaub“, FAZ Nr. 157, S. N5 (online zugänglich hier leider nur gegen Bezahlung oder für AbonnentInnen).
    “Ist die ‘Sichtbarmachung der Frau’ dermaßen wichtig?” 
Gauger, emeritierter Romanist, kritisiert in seinem Artikel die Bemühungen der feministischen Linguistik um eine gerechte Sprache als „gegen die Sprache gerichtet“:
    Da haben wir nun gleich das Problem: Entweder man stellt sich auf die Seite der Sprache, oder aber das mit der “Sichtbarmachung der Frau” ist einem dermaßen wichtig, dass man es vorzieht, sich gegen die Sprache zu stellen.
    Männer haben kein Problem mit dieser Sprache, sie werden ja auch von ihr bestens bedient und verwöhnt. Sie sagen aber nicht „wir wollen unsere unverdienten Privilegien beibehalten“, sondern: „Diese Frauen tun der Sprache Gewalt an.“ So formulieren es die meisten antifeministischen Sprachschützer. Gauger drückt sich etwas gemäßigter aus und sagt lieber, wir „stellten uns gegen die Sprache“ oder unsere Vorschläge seien „sprachwidrig“. Und was ist, wenn diese Sprache Frauen Gewalt antut, sich „gegen Frauen stellt“ oder „frauenwidrig“ ist? Soll dann immer noch „die Sprache“, ein Abstraktum, gegen das weibliche Recht auf Gleichberechtigung verteidigt werden?
    Früher argumentierten Maskulinguisten meist so, dass die offensichtliche Bevorzugung der Männer bei den Personenbezeichnungen reiner Zufall sei, die entsprechende Formel hieß: „Die Feministinnen kennen nicht einmal den Unterschied zwischen Sexus und Genus.“ Viele argumentieren bis heute so altertümlich, Gauger aber ist schon ein Stück weiter. Er gibt zu:
    Was nun aber die Erklärung der in vielen Sprachen allgegenwärtigen männlichen Genusneutralisierung angeht, so liegt sie auf der Hand. Es kann ja wirklich nicht erstaunen, dass unsere Sprachen das Männliche privilegieren. Unsere Welt ist nun einmal von sehr weither durch die männliche Sicht geprägt - und dies muss sich doch in unseren Sprachen, die auch von sehr weither sind, spiegeln. Es gilt ja in jeder Hinsicht für die Wurzeln dessen, was man “Abendland” nennt: Judentum und Christentum sind männlich geprägt, die griechisch römische Antike ebenso, Rom nicht ganz so stark wie Athen. Aber was unsere Sprachen angeht, müsste man ja noch erheblich weiter zurück.
    Und da das schon immer so war, soll es auch weiterhin so bleiben, findet Gauger. Ein armseliges Argument, fürwahr. Wenn wir dieser Denkweise generell gefolgt wären, gäbe es weiterhin offiziell Feudalherrschaft, Leibeigenschaft und Sklaverei, hätten Frauen noch heute keine Wahlrecht, usw.
    Am falschen Thema “festgebissen”?
 Gauger gibt sogar noch mehr zu - um seine Einsicht dann sogleich gegen die feministische Linguistik zu wenden:
    Übrigens dominiert die Männersicht in der Sprache wohl nirgends so stark wie dort, wo es um das Beschimpfen, Beleidigen und ganz allgemein um die Kennzeichnung von Negativem geht. ... Und in dieser Hinsicht schneidet, wenn man schon wertet, das Deutsche ganz entschieden besser ab als unsere Nachbarsprachen, denn unser üblichstes vulgär-familiäres Schimpfwort ist gender-neutral. ... [Damit meint der Spezialist für Vulgär- und Fäkalsprache das Wort „Arschloch“.] Die feministische Sprachwissenschaft hat dies so gut wie gar nicht gemerkt. Sie hat sich sehr einseitig an anderem, vor allem an der Femininmotion, festgebissen. In der vulgären und auch schon familiären Sprache hätte sie noch häufiger fündig werden können. Das Buch von Luise Pusch “Das Deutsche als Männersprache” (1984) suggeriert bereits im Titel, Männersprache gelte speziell für das Deutsche. Da stoßen wir einmal wieder auf den bis vor einigen Jahrzehnten üblichen Tunnelblick der Germanisten.
    Da ich in Gaugers „Analyse“ als einzige Vertreterin der feministischen Linguistik namentlich genannt werde, möchte ich mir dies Zitat besonders liebevoll „zur Brust nehmen“. Da haben wir uns also sehr einseitig am generischen Femininum „festgebissen“, weil wir es unterlassen haben, uns um Gaugers Spezialgebiet Fäkalsprache zu kümmern. In „festgebissen“ klingt das bekannte Klischee für Feministinnen an („verbissen“) und jenes andere für streitbare Frauen („Stutenbissigkeit“).
    Zu Gaugers herablassender Unterstellung „Die feministische Sprachwissenschaft hat dies so gut wie gar nicht gemerkt“ ist aus feministisch-linguistischer Sicht folgendes zu sagen: Wir kennen die beiden Abarten des sprachlichen Sexismus sehr genau. Ich habe sie als „groben“ und „alltäglichen“ Sexismus bezeichnet. Der grobe Sexismus fällt den meisten durchaus auf, sofern ihnen Sexismus überhaupt auffällt. So ist er denn schließlich auch Gauger aufgefallen. Groben Sexismus finden wir überwiegend im Beschimpfungsvokabular der Sprachen, in den Sprichwörtern und in Texten aller Art. Besonders tut sich dabei die Werbesprache hervor. Das wissen wir alle, es nervt uns täglich, aber es ist nicht das schlimmste Übel. Das eigentlich Entsetzliche an unserer Sprache ist der alltägliche Sexismus, der den meisten nicht einmal mehr auffällt. Es ist die Eigenschaft des Deutschen und vieler anderer Männersprachen, die Frauen sprachlich zum Verschwinden zu bringen, sowie nur ein einziger Mann auftaucht. Kurz, der wahre Feind ist das „generische Maskulinum“, das zu gebrauchen uns die deutsche Grammatik vorschreibt und das Frauen besser unsichtbar macht als jede Burka, denn es erledigt die Frauen gleich scharenweise, Tausende auf einen Streich: Aus 9.999 Sängerinnen und einem Sänger werden auf Deutsch zehntausend Sänger. Die Frauen können selbst zusehen, wo sie geblieben sind.
    “Tunnelblick der Germanisten”?
 Weiterhin attestiert mir Gauger wegen des Titels meines Buchs „Das Deutsche als Männersprache“ einen „Tunnelblick der Germanisten.“ Ich bin aber kein Germanist, ja nicht einmal Germanistin, sondern promovierte Anglistin und habilitierte Sprachwissenschaftlerin. Und als Anglistinnen wurden Senta Trömel-Plötz und ich, die allgemein als Begründerinnen der feministischen Linguistik in Deutschland gelten, intensiv von der feministischen Sprachkritik der USA geprägt, die sich im Anschluss an die Sprachkritik der Bürgerrechtsbewegung der USA entwickelte.
    Das Englische ist sehr viel leichter zu therapieren als die europäischen Genus-Sprachen. Mag eine deutsche Feministin die Doppelformen, ja sogar das große I wie in „LehrerInnen“ lästig finden - für eine englischsprachige Feministin gibt es keinen einzigen formalen Grund, das generische „he“ nicht durch ein generisches „she“ zu ersetzen. Gauger fände ein generisches „she“ genauso ungerecht wie das generische „he“. Nach dem Rotationsprinzip ist es aber nur gerecht und kann erstmal für die nächsten 1000 Jahre so bleiben. Gemäß Gaugers eigener Formulierung „Unsere Welt ist nun einmal von sehr weither durch die männliche Sicht geprägt“ müsste frau bei der Berechnung der Länge der Kur sogar „noch erheblich weiter zurück“.
    Wie Tag und Nacht
 kommen wir nun zu dem neckischen Titel, den Gauger für seine „linguistische Analyse“ gefunden hat. „Wir fahren jetzt vierzehn Nächte in den Sprachurlaub“. Was will uns der Professor damit sagen? Er will darauf hinweisen, dass es nichts Besonderes ist, dass Bezeichnungen wie „Lehrer“ alle Lehrerinnen mit einschließen sollen.
    Auch wichtig, aber weithin unbekannt, gibt es jenes Verfahren der Neutralisierung, der “inklusiven Opposition” auch außerhalb des Genus- oder Gender-Bereichs: Es ist also etwas Allgemeineres, Übergreifendes. Zum Beispiel, um nicht irgendeines zu nennen, kann das Wort Tag das Wort Nacht mit einschließen (24 Stunden, “Wir waren vierzehn Tage unterwegs”), es kann aber umgekehrt Nacht gerade ausschließen, dann sagen wir “ein Unterschied wie Tag und Nacht“.
    Dieses Argument brachte schon Gaugers Vorläufer Kalverkämper vor 35 Jahren gegen die feministische Linguistik vor. In seinem Bezugssystem heißen die jeweils „neutralisierenden“ Wörter der opponierenden Begriffspaare „Archilexeme“. Ich schrieb damals dazu u.a. folgendes:
    Eine nach versteckten Wertungen forschende Analyse hätte hier zu fragen: Welches von zwei Oppositionsgliedern trägt den Archi-Sieg davon? Schon ein kurzes Hinsehen liefert interessante Aufschlüsse. Bei den Nutztieren wird anscheinend das nützlichere Geschlecht zum Archi: GANS/Gänserich, KUH/Stier. Bei den Raubtieren ... das starke Geschlecht: „LÖWE/Löwin, BÄR/Bärin. Bei den relativen Adjektiven wird dasjenige zum Archi, das das Mehr der jeweiligen Dimension bezeichnet: Wie GROSS/?klein, Wie LANG/?kurz... 
Das Archilexem Tag hat gegenüber Nacht die positiveren Konnotationen. Zum Archi wird also das jeweils Wichtigere, Größere, Positivere. Wie schön für uns Frauen. (1)
    Ohne Frauen kein “allgemeiner Sprachgebrauch” 
Gauger empfiehlt abschließend: „Den allgemeinen Sprachgebrauch kann man nur sich selbst überlassen.“
    Genau! Sprache ändert sich dauernd durch diejenigen, die sie benutzen. Sprachwandel vollzieht sich durch öffentliches Reden, von dem Männer die Frauen bis vor kurzem ausgeschlossen haben, oft per Gesetz. Die Frau durfte nicht von der Kanzel predigen, nicht zu Gericht sitzen, nicht an der Universität studieren, geschweige denn lehren, sie durfte nicht wählen, also in der Politik nicht mitreden und mitbestimmen. Männer redeten in der Öffentlichkeit miteinander übereinander. Seit etwa 50 Jahren aber reden immer mehr Frauen in der Öffentlichkeit mit. Wir wollen miteinander übereinander reden, aber die Sprache, die wir vorfanden, erlaubte dies nicht. Wie gesagt, „sobald ein einziger Mann hinzukommt, wird im Deutschen jede noch so große Menge von Frauen symbolisch zu einer Männermenge“. Klar, dass wir das nicht hinnehmen mochten und unsere eigenen Sprachkonventionen entwickelt haben.
    Zweifellos tragen auch feministisch sensible Frauen zum „allgemeinen Sprachgebrauch“ bei, und nicht zu knapp. Sogar so sehr, dass es nun auch schon emeritierte Sprachwissenschaftler aufschreckt, die sich bisher nicht darum gekümmert haben, was viele und immer mehr Frauen weltweit von den Männersprachen halten. (2)


    ——————

    (1) Pusch, Luise F.1984 [1979]. “Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, doch weiter kommt man ohne ihr: Eine Antwort auf Kalverkämpers Kritik an Trömel-Plötz’ Artikel über ‘Linguistik und Frauensprache’”,in: Pusch, Luise F. 1984. Das Deutsche als Männersprache: Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1217. S. 20-42. S. 35


    (2) Vgl. hierzu Hellinger, Marlis & Hadumod Bußmann. 2001-3. Gender Across Languages: The Linguistic Representation of Women and Men. 3 vols. Amsterdam; Philadelphia. Benjamins. Der vierte Band ist in Arbeit.

  2. Hans-Martin Gauger / 14.3.2014

    Antwort an Luise Pusch

    Luise Pusch ist ohne Zweifel, dies muss ich nur den Außenstehenden sagen, eine der führenden Vertreterinnen der feministischen Sprachwissenschaft bei uns. Ich hatte sie fälschlich unter die Germanisten eingereiht, sie ist aber Anglistin, doch Germanistin ist sie auch. In dem gewichtigen Band Lexikologie. Ein internationales Handbuch zur Natur und Struktur von Wörtern und Wortschätzen (Berlin/New York: de Gruyter, 2002) findet sich in dem Artikel Das Wort in der feministischen Sprachreflexion von Angelika Linke (Zürich) die knappe Feststellung: „für den deutschsprachigen Bereich grundlegend die Arbeiten hierzu von Luise F. Pusch“. Übrigens ist es bemerkenswert, aber auch wieder bereits normal (deshalb weise ich darauf hin), dass die vier – durchweg männlichen – Herausgeber dieses Handbuchs gerade auf einen solchen Artikel Wert gelegt haben. Ich freue mich, dass ich hier mit Luise Pusch ins Gespräch komme.
    Es geht um den grammatischen Tatbestand, dass in sehr vielen Sprachen und in der unseren ebenfalls, die männliche Form eines Substantivs auch für Frauen verwendet werden muss. Dies heißt: unter einer ‚eigentlich’ (grammatisch) männlichen Bezeichnung, wie etwa Lehrer, können auch Frauen, kann gar eine Mehrheit von Frauen mit gemeint sein.
    Es beginnt, äußerst fundamental, etwa im Englischen und in allen romanischen Sprachen, nicht aber im Deutschen, bereits mit dem Wort für ‚Mensch’ – da kann das Wort für ‚Mann’ auch für ‚Mensch’ stehen und das für Mensch auch für ‚Mann’. Gerhard Polt lässt einmal eine seiner Figuren von einer Reise nach Australien berichten: da sei, erzählt ein Mann, die Reisegruppe, mit der er unterwegs gewesen sei, interessanterweise auch mit sogenannten „man-eaters“ zusammengebracht worden. Und er erläutert dann, dieser Begriff sei eigentlich missverständlich: „denn die essen ja Frauen auch“. Da wurde also, unterstellt Polt, dem englischen Wort man das deutsche Mann untergeschoben. Das mit der geschlechtsneutralen oder generischen Bedeutung des englischen man war diesem erfundenen Zeitgenossen nicht klar. Im Deutschen, darauf will ich hinaus, ist dies also anders: da haben wir Mensch als eigenes generisches Wort, und keineswegs kann Mann da auch für ‚Mensch’ stehen.
    Hier, meine ich, kann oder muss man das Deutsche loben, und Sprachkritik schließt ja eventuelles Sprachlob mit ein. Unsere Sprache, so sehr sie in Europa numerisch, nur numerisch dominiert, ist ja keine Weltsprache – das Englische aber, das Spanische, das Portugiesische und auch das Französische sind es (das Kriterium ist hier: zumindest auf zwei Kontinenten gesprochen). Unsere Sprache hat da also den vier Weltsprachen etwas voraus. Und, meine ich, nicht nur in feministischer Sicht.
    Aber nun gleich die Frage: was eigentlich hat das Deutsche damit voraus? Die Frage ist mir wichtig, weil sie, meine ich, objektiv wichtig ist. Denn wenn an Humboldts Gedanken, die Verschiedenheit der Sprachen sei „eine Verschiedenheit der Weltansichten selbst“ etwas dran ist (es ist etwas dran), kann diese Frage, wenn es um so Fundamentales geht wie um den Unterschied zwischen Frau und Mann, nicht unwichtig sein. Andererseits möchte ich aber keinesfalls sagen wollen, dieser sprachliche Unterschied zeige oder bedeute, dass die Deutschsprechenden aufgrund ihrer Sprache die Frau gerechter, richtiger sehen als die Sprecher der anderen genannten Sprachen. Ich weiß überhaupt nicht, was man in dieser Hinsicht an diesem – rein sprachlich gesehen – evidenten Unterschied festmachen könnte oder sollte: im Bewusstsein nämlich der Sprechenden (und eben darauf käme es an).
    An diesem Punkt ist nun ein klarer Unterschied zwischen Luise Pusch und mir. Sie hält eine Sprache für enorm bewusstseinsprägend. Ich hingegen kann sie, mit Faust zu reden, „so hoch unmöglich schätzen“ – trotz Humboldt und trotz des Evangelisten Johannes, auf den sich Faust, ihn „in sein geliebtes Deutsch“ übersetzend, zu Beginn der Szene „Studierzimmer“ (Faust I) bezieht – doch Johannes meinte ja nicht das Sprechen der Menschen, sondern dasjenige Gottes. Bleiben wir aber auf unserem, dem menschensprachlichen Teppich! Also: die jeweilige Sprache prägt ganz gewiss, damit ist jedenfalls immer zu rechnen, das Bewusstsein der Menschen, die sie sprechen, aber sie tut dies mit einer ganzen Reihe anderer Dinge zusammen, also keineswegs allein, und es ist oft nicht leicht zu konkretisieren, wie gleich im Fall Mensch, was und inwieweit sie da prägt.
    Das mit dem generischen Maskulinum – Lehrer, wenn auch Lehrerinnen mitgemeint sind – ist sicher ungerecht. Ich kann verstehen, dass man (und speziell ‚frau’) sich darüber ärgert, und ich hüte mich, facharrogant und fachidiotisch zu sagen, dass diejenigen, die sich darüber ärgern, schlicht nicht kapiert haben, was eine sprachliche „Neutralisierung“ ist. Denn eben dies liegt hier sprachwissenschaftlich vor. So wie wir eine solche auch, und nun ganz außerhalb des Genus- und Sexusunterschieds, etwa bei Tag und Nacht vorliegen haben und zwar wieder in sehr, sehr vielen Sprachen: Tag kann die Nacht einschließen (‚Ein grippaler Infekt dauert rund acht Tage’) oder es kann sie gerade ausschließen (‚Jetzt wird’s Tag!’). Und natürlich liegt da auch verkappt die Bewertung, der Tag im Sinne von ‚die Zeit innerhalb der 24 Stunden, in der die Sonne über dem Horizont ist’, ist wichtiger als die Nacht – dieser Teil des Tags ist der ‚eigentliche’. Genau dies meinte ich, da gibt’s nichts zu widerlegen. Die Neutralisierung hebt – für das Bewusstsein – die andere Bedeutung nicht einfach auf. Oder, mit Hegel: sie hebt sie auf, hebt sie aber auch auf – in dem anderen Sinne des Wortes –: dem des Aufbewahrens. Konkret: im englischen man ‚Mensch’ ist für die Englischsprechenden ebenso wie in homme und hombre und homen für die Französisch-, Spanisch- und Portugiesischsprechenden der ‚Mann’ nicht einfach weg, vielmehr ist er noch irgendwie da, und es kommt schon ein bisschen so heraus, man kann es jedenfalls so erleben, als sei der ‚eigentliche’ Mensch der Mann, als sei er der ‚prototypische’ Vertreter des Menschen. Und dann analog der männliche Lehrer, Arzt, Minister usw. der ‚Prototyp’ des jeweiligen Berufs (‚Prototyp’ ist ein nicht mehr ganz neuer Fachausdruck der Sprachwissenschaft – es gibt die sogenannte „Prototypensemantik“, als deren Vorläufer ich mich betrachte, denn ich habe sie schon 1970 unter dem mir angemessener scheinenden Begriff des „Idealtypischen“ vertreten).
    Dann ist zwischen Luise Pusch und mir ein zweiter gravierender Unterschied. Ich halte das mit dem generischen Maskulinum für ärgerlich, es schafft mir aber, klinisch geredet, keinen Leidensdruck. Für sie jedoch (und nun übertreibe ich vielleicht) ist dieses Maskulinum ein regelrechtes Verhängnis, beinahe das Verhängnis schlechthin: „der wahre Feind“, schreibt sie, und dies geht weit in der Tat, „ist das ‚generische Maskulinum’, das uns zu gebrauchen die deutsche Grammatik vorschreibt und das Frauen besser unsichtbar macht als jede Burka...“. Für jemanden, der – c’est plus fort que moi – gerade dieses Kleidungsstück, ein portatiles Gefängnis mit fest zugehörigem Gitterblick, als sehr unangemessen erlebt, ist diese Gleichsetzung noch verstörender. Wenn man Lehrer sagt und dabei Lehrerinnen mit einbezieht, wischt man, so Frau Pusch (aber da ist sie nicht allein), alle Lehrerinnen in den Orkus. Das erlebe ich nicht so.
    Von den vier Möglichkeiten, von denen ich sprach, wählt sie, die deutsche Sprache korrigierend oder, wie sie sagt, „therapierend“, die zweite. Noch einmal diese vier Möglichkeiten: die männliche Form generisch, wie sprachlich vorgeschrieben – es ist, zugegeben, ‚eigentlich’ ungerecht; zweitens die weibliche Form generisch – genauso ungerecht, nur andersherum, und sprachwidrig; die ständige Nennung beider Formen (‚Lehrer und Lehrerin ist ein schwerer Beruf geworden’) – es geht, aber oft nur zur Not und ist auf die Dauer sehr, sehr lästig; schließlich das groß geschriebene generische Binnen-I, LehrerInnen oder Lehrer-Innen – es nervt, und nicht nur auf die Dauer, sondern, jedenfalls mich, sofort. Der generischen Verwendung der weiblichen Form kann man den Vorwurf der Schwerfälligkeit nicht machen, denn sie ist ja nur zwei oder, im Plural, fünf Laute länger als die männliche. Das wäre unerheblich. Was Luise Pusch aber vorschlägt, ist – natürlich gewollt, und dies weiß sie – sprachwidrig. Unsere Sprache hat ja gerade die -in, innen-Formen als die – von den männlichen unterschiedenen – weiblichen vorgesehen. So ist das in unserem Bewusstsein. Dazu sagt nun Luise Pusch, dies sei eine Sache der Gewöhnung. Richtig, theoretisch nicht widerlegbar: Sprache, jede Sprache ist Gewöhnung, Gebrauch, Usus, Tradition. Und vielleicht ist nichts so sehr Tradition wie die Sprache. Denn sie ist eine Tradition, die man als solche überhaupt nicht spürt, und deshalb wird sie einem, im Unterschied zu anderen Traditionen, in die man hineingeriet, nie zu einer Last, die man gern los wäre...
    An sich könnte man es sich mit der von Luise Pusch propagierten Lösung einfach machen. Denn es ist praktisch ganz und gar ausgeschlossen, dass die weibliche Form sich als die generische durchsetzen wird. Sehr zu Recht machen Sprachwissenschaftler ungern Prognosen. Diese aber kann getrost gewagt werden. Auch wenn ich viel jünger wäre als ich es bin, mich hier also noch blamieren könnte, würde ich sie ohne weiteres wagen. Jedenfalls, les choses étant ce qu’elles sont, bin ich sicher: weder mein Enkel, noch meine Enkelin noch meine Urenkelin (die letztere ist etwas älter als meine Enkelin) werden dergleichen erleben. Dies wollen die meisten Männer nicht, so wie ich selbst dies einfach nicht will, dies will auch die Mehrheit der Frauen nicht, und vor allem (und nun qualitativ) wollen das auch viele emanzipierte Frauen nicht. Die früh verstorbene Gisela Schoenthal, auch eine feministische Linguistin, sagte einmal in einem Vortrag zum generischen Maskulinum trocken: „Es ärgert viele Frauen, aber den meisten, muss man zugeben, ist es egal“. Da stoßen wir einmal wieder auf die Trägheit, den Konservativismus einer Sprache. Diese Trägheit, besonders in der Grammatik, steht der generischen Verwendung des Femininum definitiv entgegen. Übrigens ist da das rasche und in jeder Hinsicht zu begrüßende Verschwinden von Fräulein, das noch bis in meine frühen Erwachsenenjahre hinein allgegenwärtig war, wirklich kein Gegenbeispiel. Dieser Fall lag eindeutig anders. Dass aber hier die feministische Linguistik eine treibende Kraft war, verkenne ich nicht. Und hier trieb sie zu Recht.
    Ich plädiere also dafür (aber dies ist, wie gesagt, unnötig, weil ohnehin nichts anderes geschehen wird), bei der generischen männlichen Form zu bleiben. Allerdings, meine ich, mit der mir wichtigen Maßgabe, immer mal wieder und eher öfter als weniger oft, die weibliche Form zu nennen, auch wenn es dann länger wird. In der direkten Anrede ist anderes jetzt ohnehin nahezu unmöglich geworden, denn selbstverständlich geht etwas wie ‚Liebe Münchener!’ oder ‚Liebe Studenten!’ (was in meiner Jugend noch ohne weiteres ging) heute gar nicht mehr. Hartmut von Hentig hat dazu einmal, wenn ich mich recht entsinne, einen Artikel geschrieben mit dem hübschen sprechenden Titel „Liebe Krankengymnastinnen und liebe Krankengymnasten!“ Ganz klar: da darf einem nichts zu lang sein! Zusätzlich finde ich es auch gut, immer mal wieder symbolisch etwas in dieser Richtung zu machen. Das mit dem generischen Professorin der Leipziger Universität zum Beispiel, das ja in der Tat nur symbolisch in der Verfassung steht und keine weiteren Folgen hat, finde ich jetzt nicht mehr so negativ. Da wird ja nur einmal wieder nebenbei gerufen: ‚Hallo, da sind auch Frauen und noch immer zu wenige!’ Anscheinend kam es in Leipzig zu dieser Symbolik ja quasi zufällig. Ich hatte auch gleich vermutet, dass der schon nach seinem Namen aus Bayern stammende Josef A. Käs, „Head of the Soft Matter Physics Division“, der in jener Sitzung des Senats der Universität, den Vorschlag gemacht hatte, dann halt die weibliche Form als die generische zu nehmen, dies gar nicht ernst gemeint hatte. Von einer Leipziger Kollegin hörte ich viel später, dass es tatsächlich so war. Der Mann wollte einen Jux machen, aus dem dann Ernst wurde. Aber kein bitterer.
    Deutlich festhalten möchte ich jedoch erneut, dass sich das Deutsche in diesem Punkt eher positiv von seinen Nachbarsprachen unterscheidet. Einverstanden, es ist – wie anders? – auch eine Männersprache, aber doch nur eine unter – vorsichtig gesagt – sehr, sehr vielen. Das ist ja schon einmal ein Unterschied: entweder etwas ist, im Extrem, ein einmaliger Sonderfall oder es ist, was hier nun wirklich vorliegt, ein Fall unter sehr, sehr vielen anderen, so dass es geradezu unnormal wäre, wenn’s anders wäre. Und dann haben wir, wie gesagt, im Deutschen, wie übrigens auch im Russischen (человек), ein eigenes generisches Wort für ‚Mensch’. Das ist schon einmal ein wichtiger Punkt – auch wenn etymologisch Mensch und Mann zusammenhängen. Und dann, weiterer Punkt, mir noch wichtiger scheinend, erlaube ich mir zurückzukommen auf die in meiner Stellungnahme von mir herangezogene vulgäre Sprache. Denn hier haben wir einen ausgesprochenen, und ich denke positiv zu bewertenden Sonderweg des Deutschen. Während alle Sprachen um uns herum, angefangen bei dem der unseren so ähnlichen Niederländischen, beim vulgären Schimpfen, Fluchen, Beleidigen, Verletzen usw., ganz vorwiegend Wörter und Ausdrücke für Sexuelles verwenden, verwenden wir zu diesem Zweck fast ausschließlich Ausdrücke für Exkrementelles. Diese letzteren sind geschlechtsneutral und nicht, wie die sexuellen, quasi automatisch frauenabwertend, weil diese Ausdrücke ja dann wieder sämtlich vom Mann her gesehen sind, da ‚unsere’ Sprachen nun einmal männergeprägt sind. Das gebe ich nicht nur zu, sondern das stelle ich selber heraus, einfach weil es noch nicht genügend herausgestellt wurde und in gewissem Sinne neu ist. Vor kurzem haben wir den sprachlich wahrlich nicht originellen und inhaltlich wenig differenzierten Satz der US-Diplomatin Victoria Nuland gehört „Fuck the EU!“ Und seine Übersetzung ins Deutsche konnte selbstverständlich nur „Scheiß auf die EU!“ sein. Es ist psychologisch ein erheblicher Unterschied, meine ich, ob man in der entsprechenden Situation – pardon! – Arschloch sagt oder motherfucker oder französisch con, was ‚eigentlich’, unübertragen, das vulgäre Wort für das weibliche Organ ist! Letzteres ist doch eigentlich ein Skandal! Und es könnte durchaus sein, dass dergleichen das Bewusstsein stärker prägt als das generische Maskulinum, weil hier offen der Affekt beteiligt ist. Da kommt uns im Ärger etwas ‚aus dem Bauch heraus’ nach oben. Überschätzen will ich aber auch diese Prägung nicht. Übrigens ist es bemerkenswert, dass die Frauen diese vormals fast ganz den Männern vorbehaltenen und bei Frauen anstößigen Ausdrücke nun ihrerseits mehr und mehr übernehmen. Offensichtlich leuchtet es ihnen – Emanzipation, was sonst? – nicht mehr ein, weshalb ihnen diese Ausdrücke vorenthalten bleiben sollen!
    Ich habe unterstellt, die feministische Linguistik habe dieses Kapitel bisher kaum zur Kenntnis genommen. Es war mein Eindruck, und der eingangs genannte Übersichtsartikel von Angelika Linke, den ich da noch nicht kannte, widerlegt mich kaum. Und da Luise Pusch in diesem Zusammenhang auch von der Sprache der Werbung redet, reden wir da wohl doch aneinander vorbei, denn die Sprache der Werbung ist ja nun nicht vulgär, so raffiniert machistisch sie freilich oft ist (wenn irgendwo ein Paar Mann-Frau abgebildet ist, ist immer der Mann größer). Kurz, ich bin in meinem Buch „Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache“ (2012) auch unter diesem Aspekt (sprachliche Behandlung der Frau) ausführlich auf diesen deutschsprachigen Sonderweg eingegangen, der in der Tat alle Deutschsprachigen verbindet (nur der alemannische Südwesten macht hier, die Schweiz einschließend, eine Ausnahme). Übrigens ist dieses Thema keineswegs mein „Spezialgebiet“. Ich bin da halt vor Jahren zufällig darauf gekommen, blieb daran hängen und wollte die Sache, über die ich schon 1999 im „Merkur“ geschrieben habe, schließlich hinter mich bringen. Und über das breite mediale Echo habe ich mich natürlich gefreut. That’s all.
    Natürlich ist die feministische Sprachwissenschaft, wie sie Luise Pusch vertritt, ein Grenzfall – für die Sprachwissenschaft, aber auch für die Sprachkritik. Die Sprachwissenschaft wertet nicht (und darin unterscheidet sie sich von nahezu allen ihren Nachbardisziplinen). Wertung tritt in ihr (darüber wäre einmal gesondert zu reden) nur insofern hervor, als sie, was immer sie in einer Sprache vorfindet, eigentlich ganz prima findet, weshalb sie eine Tendenz hat, die ihrer Wertungsabstinenz widerspricht, das jeweils Vorgefundene zu rechtfertigen: es ist so, es muss so sein, und es ist auch gut, dass es so ist (Zufall, Kontingenz gibt es für sie nicht). Also – was soll dies anderes sein als verkappte Wertung? Die Sprachkritik hingegen wertet offen, und eben deshalb steht die zünftige Sprachwissenschaft ihr gleichgültig oder feindselig gereizt gegenüber. Luise Pusch geht nun aber noch einen Schritt weiter: sie will die Sprache – und zwar gerade als Sprachwissenschaftlerin – nicht nur kritisieren, sondern sie will verändernd in sie eingreifen, sie will sie „therapieren“ (was beim Englischen, einer Nicht-Genus-Sprache, leichter sei als beim Deutschen). Luise Puschs Lehrsatz wäre nicht schlecht umrissen mit: Die Sprachwissenschaft hat die Sprachen nur verschieden beschrieben, „es kömmt darauf an, sie zu verändern“. Gut, sie zu verändern ist schwierig, wegen ihrer genannten Trägheit, also, denn darum geht es, die Trägheit derjenigen, die sie sprechen. Aber verboten ist solche Veränderungsabsicht natürlich auch nicht, und punktuell, in mehr oder weniger wichtigen Einzelheiten, sind solche Veränderungen auch zu erreichen und wurden erreicht. Solche Einzelheiten – darauf will ich hinaus – sind aber das generische Maskulinum und das Femininsuffix -in, -innen ganz und gar nicht!
    Und dann und vor allem: die Wirklichkeit außerhalb der Sprache, diejenige, auf welche die Sprache zielt, die wirkliche Wirklichkeit, die „dominante“ Wirklichkeit, „the paramount reality“, wie Alfred Schütz sagt, die nämlich unseres Alltags, diese Wirklichkeit muss, was die faktische (nicht bloß rechtliche) Stellung der Frau betrifft, selbstverständlich weiter verändert werden. Und ebenso selbstverständlich kann dies auch ohne Eingriff in die Sprache geschehen! Die Disjunktion ‚entweder die Sprache oder die Frauen’ kann sich schon aus diesem Grund nicht stellen. In Richtung dieser Wirklichkeit zielte in meinem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen der Hinweis auf die bei uns fehlenden und/oder zu teuren Kitas! Heute, wo ich dies schreibe, am 5.3.14, finde ich in der Presse zwei hierher gehörende und ganz verschiedene Meldungen: erstens hätten, laut einer Studie der EU, überraschend ein Drittel der Frauen zwischen 15 und 74 Jahren auf Befragung angegeben, „körperliche und/oder seelische Gewalt erfahren zu haben“, zweitens, im Unterschied dazu kaum überraschend, in den „Führungsjobs“ seien Frauen „seltener“, zudem, auch dies ist von geringem Neuigkeitswert, verdienten sie weniger als Männer, und „die Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern“ sei in keinem europäischen Land so groß wie in Deutschland, am kleinsten sei sie in Spanien (da hat mich nun beides überrascht). Aber hier sind wir definitiv außerhalb der Sprache und also auch außerhalb der Sprachkritik und der Sprachwissenschaft...
    Was sonst? Ja, also den Titel meines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen, nämlich Nun fahren wir vierzehn Nächte in den Sprachurlaub, habe nicht ich mir ausgedacht, wie Luise Pusch vermutet, sondern die Redaktion dieses Blatts. In deren Interesse muss ich dies klarstellen. Ich gebe aber zu, dass ich den Titel, auch gerade in seiner entspannten Heiterkeit, vorzüglich fand.
    Ein Spruch, ein kurzer Satz hat mir, seit er mir, vor ungefähr zehn Jahren, unterkam, gefallen, obwohl ich nicht weiß, ob man ihm einfach zustimmen kann – in einer Hinsicht aber kann oder muss man es sicher tun. Er lautet: „L’esprit n’a pas de sexe“. Wie ich jetzt erst, durch „Google“ erfahre, ist er überraschend alt. Er stammt von einem gewissen François Poullain de la Barre, der 1725 starb. Er dürfte sehr zu Recht feministisch nicht unbekannt sein, denn da war er ein sehr früher Vorläufer. Im Übrigen war er Philosoph und als solcher Cartesianer. Dann war er katholischer Geistlicher, wurde jedoch Protestant und verließ Frankreich, nach der Widerrufung des Edikts von Nantes (1685), in Richtung Genf. Von ihm gibt es zwei anonym publizierte Werke mit schönen expliziten Titeln: De l’égalité des deux sexes, Discours physique et moral où l’on voit l’importance de se défaire des préjugés (1673) und De l’éducation des dames pour la conduite de l’esprit dans les sciences et dans les mœurs (1674). Im Jahr darauf äußerte sich der Mann offensichtlich in genau umgekehrter Richtung, was „Wikipedia“ mit dem hübschen Satz kommentiert, er habe „nicht immer stringent gearbeitet“. Schönes understatement! Da lautet nun der ebenfalls explizite Titel De l’Excellence des hommes contre l’égalité des sexes (1675), und die Zusammenstellung macht hier sogleich klar, was mit „hommes“ gemeint ist: nicht also ‚Menschen’. Es ist jetzt unerheblich, was hinter dem beträchtlichen Meinungswechsel steht (widerrief der Mann unter Druck?). Jetzt geht es mir ja nur um den zitierten in der Tat klaren Satz, wobei Poullain den jetzt (unnötigerweise) mit einem englischen Wort bezeichneten Begriff ‚gender’ noch nicht hatte, ihn von Sexus nicht trennte – gerade darin liegt vielleicht die Schwierigkeit. In die Wissenschaft, denn darum geht es jetzt, hier also um die Sprachwissenschaft, dürfen Genus oder gar Sexus nicht hineinspielen, genausowenig wie Nationalität oder Hautfarbe. Dies meine ich aber nur einerseits, denn andererseits gibt es diese Unterschiede faktisch doch, und vielleicht darf es die da auch geben – bis zu einer bestimmten Grenze. Diese wäre für mich überschritten durch einen Satz wie diesen: als Frau darf sie diese Position wissenschaftlich vertreten, bei einem Mann ginge dies aber nicht. Und das Umgekehrte wäre natürlich genauso ausgeschlossen. La vérité n’a pas de sexe. Vor über dreißig Jahren konnte ich mich, im Wissenschaftskolleg zu Berlin, darüber mit Helga Nowotny nicht verständigen. Nein, insistierte sie, eine weibliche Wissenschaft müsse anders aussehen als eine männliche. An diesem Tage, lebhaft und irritierend ist es mir in Erinnerung geblieben, sprachen wir nicht weiter... Hier jedoch, in dem Gespräch zwischen Luise Pusch und mir, sind wir von vorneherein in einem anderen Raum: in dem vor- oder nachwissenschaftlichen der Sprachkritik. Auch da werden Argumente ausgetauscht, das Reden ist auch hier nicht irrational. Zudem ist in unserem Fall das sprachkritische Gespräch ja sprachwissenschaftlich informiert. In diesem Raum geht es nicht um die schiere Erkenntnis dessen, was ist, genauer: um das Bemühen um sie, sondern, durchaus analog zum Politischen, wo ebenfalls grundsätzliche Optionen am Ausgang sind, um Dinge, die man will oder nicht will, die man mag oder nicht mag, die einem (oder einer) mehr oder weniger wichtig sind Und da darf auch die Gender-Differenz, das Gespräch verschärfend und belebend, hereinkommen. Mir hat es Spaß gemacht.

    Coda 1: Fräulein
    In Thomas Manns früher Erzählung Beim Propheten stoßen wir nebenbei auf eine vornehme und reiche Frau, Mutter eines reifen Mädchens namens Sonja, die der „Novellist“, der hier auftritt, erotisch verehrt. Nach der seltsamen „Lesung“ begleitet er die Mutter zum Wagen, der hier noch eine Kutsche ist: „‚Grüßen Sie Sonja’, sagte er ihr, als sie ihm vom Sitze aus die Hand reichte, und dabei las er mit Spannung in ihrer Miene, wie sie es aufnehmen werde, dass er einfach von ‚Sonja’, nicht von ‚Fräulein Sonja’ oder von ‚Fräulein Tochter’ sprach. Sie schätzte seine Bücher, und so duldete sie es lächelnd. ‚Ich werde es ausrichten.’ ‚Danke!’, sagte er, und ein Rausch von Hoffnung verwirrte ihn.“ Dies kommt uns nun aus einer sehr fernen Welt, zu der die Kutsche vollkommen passt. Und doch war dies noch meine Wirklichkeit – nicht zwar „Fräulein Sonja“, aber „Fräulein Meier“ natürlich und sogar „Ihr Fräulein Tochter“... Und dann, plötzlich, wie über Nacht, war das Fräulein verschwunden. Schon 1962 gab es zu diesem Wort einen Brief des Bundesinnenministers Hermann Höcherl. Und ähnlich faszinierend rasch für uns Sprachwissenschafter (denn so rasche ‚Sprachwändel’ sind ja selten) verschwand vor unseren Ohren, in dem 68er Sturm, unter den Studenten, pardon den Studierenden, das Sie. Auch dies gehörte zu meiner Welt. Und meinen ersten Fehler an der Universität machte ich hier: schon zwei Monate vor Beginn meines ersten Semesters durchforschte ich in Tübingen die Aushänge am Romanischen Seminar, und als ich da etwas nicht verstand, wandte ich mich an einen neben mir Stehenden: „Könntest Du mir vielleicht sagen...“; er schaute mich seltsam an und sagte nach einer Pause „Hier sagt ma Sie“. Dann, er war ziemlich groß, mit schrägem Blick zu mir hinunter: „Mir send hier nemme en dr Schul!“

    Coda 2: Dozierende
    Die Wahlmöglichkeit entweder zwischen dem generischen Maskulinum oder der sogenannten „Paarform“, die einzige, die vernünftigerweise bleibt, ist ein echtes Dilemma, denn nicht jedes Problem ist ein Dilemma (ein solches liegt nur vor, wenn sich die Wahl auf zwei Möglichkeiten reduziert, die beide ungut sind). Also wenn ich Studenten, Professoren, Hausmeister sage, ärgern sich die Gendersensiblen, sage ich Studentinnen und Studenten, Professorinnen und Professoren, Hausmeisterinnen und Hausmeister wird dies, wie gesagt, auf die Dauer, fast hätte ich gesagt, echt zu lang. Die übliche Lösung, der Befreiungsschlag aus dem Dilemma, ist das geschlechtsneutrale Partizip Präsens. Also: Studierende, Lehrende, Mitarbeitende usf. Es geht aber nicht immer: von Professor, da das Substantiv nicht von einem entsprechenden deutschen Verb abgeleitet ist, lässt sich kein Partizip bilden und von Hausmeister auch nicht. Aber zuweilen gibt es auch Probleme mit dem Partizip. Ein mit mir sehr befreundeter jüngerer Kollege (dies sind nun die meisten) protestierte kürzlich in einer an die Geschäftsführung seines Instituts gerichteten Mail gegen die Anrede „Liebe Dozierende“. Es komme ihm, schrieb er, schon mal vor, dass er ins Dozieren gerate, trotzdem oder gerade deshalb lege er aber Wert darauf, nicht als ‚Dozierender’ bezeichnet zu werden. Völlig nachvollziehbar! Das lateinische Partizip Präsens docens hat hier, also im deutschen Dozent, eine andere Bedeutung als das deutsche Partizip dozierend. Und „Docet omnia“, das berühmte Motto des 1530 von Franz I. gegründeten „Collège de France“, kann man nicht mit „Es doziert alles“ übersetzen. Übrigens sind auch Studenten nicht immer Studierende und Studierende nicht immer Studenten.

    Coda 3: Offizielles
    Aus dem Jahr 1850 gibt es einen „Act of British Parliament“, dessen Überschrift die Absicht klar signalisiert: „An Act for shortening the language used in all acts of Parliament”; da heißt es: „[...] in all acts words importing the masculine gender shall be deemed and taken to include females [...] unless the contrary as to gender [...] is expressively provided”. Natürlich ist dies auch interpretierbar im Sinne von ‚Achtung, da sind auch Frauen dabei!’
    Am 09.09.2004 erließ die „Sächsische Staatsregierung” (da wäre nun eine bundesländervergleichende Betrachtung fällig) eine Verwaltungsvorschrift über den Erlass von Rechtsnormen und Verwaltungsvorschriften. Da heißt es: „Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist auch sprachlich zu berücksichtigen. Soweit es zweckmäßig ist, sollen maskuline Begriffe durch geschlechtsneutrale Formulierungen ersetzt werden“. Als Beispiel wird Vertrauensperson anstelle von Vertrauensmann genannt. Dann: „Allgemeine Hinweise darauf, dass von der maskulinen Forms eines Worts sowohl weibliche als männliche Personen erfasst werden, erfolgen nicht. Die gleichzeitige Verwendung der femininen als auch der maskulinen Form eines Wortes ist aus Gründen der Lesbarkeit des Textes in der Regel zu unterlassen“.
    Also: hier geht es nur um Parlamentsakten und um Erlasse. Aber so etwas hat ohne Zweifel symbolisch eine gewisse bewusstseinsbildende Bedeutung.