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Etymologie führt leicht in die Irre

Eben lese ich (3. Oktober 14), was Jochen Hörisch auf der Internet-Programmseite des „Südwestrundfunks“ zum 30jährigen Jubiläum der Gesprächssendung „SWR2-Forum“ schreibt: „Diskurs ist seit langem und bleibt wohl noch lange ein Modewort. Nur wenige bedenken den hübschen Sinn dieses Wortes: ‚dis-currere’ meint, dass Leute in verschiedene Richtungen laufen und eben deshalb miteinander kommunizieren. Das SWR 2-Forum hat sich einen diskursiven Kultstatus erarbeitet, weil es weiß, dass der Diskurs auf Dissens und nicht etwa auf Konsens zielt. Deshalb hat es systematisch dissidenten Stimmen zum Ausdruck verholfen, die nicht rituell Bedenken artikulieren, sondern viel zu denken geben.“

Wieder einmal der häufige Fall eines Rekurses auf die Etymologie zur Ermittlung seiner Bedeutung im gegenwärtigen Sprachgebrauch. Solch ein Rekurs ist bei Hochgebildeten, gleichzeitig aber sprachwissenschaftlich Unkundigen nicht selten. Martin Heidegger zum Beispiel gehört hierher. Man könnte da auch einfach von ‚sprachlich Unkundigen’ reden, denn viel Sprachwissenschaft braucht man ja nicht, um das Unsinnige des Verfahrens zu durchschauen.

Dies sollte doch eigentlich klar sein: der „Sinn“ eines Worts, wie es jetzt gebraucht wird, ob er nun „hübsch“ ist oder nicht, kann durch solchen Rekurs keinesfalls ermittelt werden. Es wäre dies eine gefährliche Substantialisierung des Worts, des Wortbegriffs überhaupt! Nur durch die Analyse des gegenwärtigen Sprachgebrauchs kann ermittelt werden, was ein Wort jetzt bedeutet. Der Rückgriff auf die Etymologie oder, genauer gesagt, auf das Etymon bringt da nur gelegentlich etwas, positiv etwa einen brauchbaren Denkanstoß, zumeist führt er aber in die Irre oder ins Belanglose, denn Wörter bleiben auf ihrem Weg durch die Zeit ja nicht stehen und werden, durch Veränderung nicht nur ihrer Lautform, sondern vor allem ihrer Bedeutung, wirklich zu anderen Wörtern. Und oft liegt, wenn wir sagen, zwei Wörter seien ‚dasselbe’ Wort, die Identität nur eben im gemeinsamen Etymon – eine oft sehr schwache Identität (und eigentlich nur eine für den Etymologen). So sind zum Beispiel Boulevard und Bollwerk ‚dasselbe’ Wort ...

Ganz abgesehen davon, dass lateinisch dis-currere kaum „in verschiedene Richtungen laufende Leute“ im Auge hat, sondern ein „Umherlaufen“, ein gedankliches „Sich-über-etwas-Ergehen“, eines Einzelnen oder mehrerer Einzelner. Von diesem Etymon her kommt Etymologe Hörisch dann zu der Meinung, dass man eben deshalb kommuniziere, weil man in verschiedene Richtungen laufe, was ja wirklich nicht zwingend ist, und schließlich zu der originellen These, das Ziel des Diskurses sei nicht etwa Konsens, was ja mit Wahrheit (quelle horreur!) etwas zu tun haben könnte, sondern der postmodern lustige Dissens: „viele, viele bunte Smarties“, wie Hans Ulrich Gumbrecht einmal gesagt hat. Es kommt ja, so kommt es heraus, ausschließlich darauf an, dass von Verschiedenen Verschiedenes gesagt wird. Ist dies erreicht, ist der Diskurs, das sitzenbleibende gedankliche Herumlaufen von Leuten, ohne Rest geglückt. Oder wie Gottfried Benn sagt (allerdings in einem Gedicht): „Kommt reden wir zusammen / wer redet ist nicht tot ...“. Es ist ein Punkt in der Tat.

Soviel Aufwand, um zu sagen, was der schlichte und vernünftige Tatbestand ist, dass nämlich der SWR, vormals SWF, zu seinen Gesprächen, die sich jeweils auf ein aktuelles Thema beziehen, Leute einlädt, die zu diesem Thema verschiedene Meinungen haben, weil man sonst – als Zuhörer – von solchen Gesprächen im Blick auf die eigene Suche nach dem Richtigen, also nach Wahrheit, weniger hätte. Und die Wahrheit ist dann vielfach nur (aber auch dies ist eine Wahrheit): ich weiß nicht, wo sie ist.

Aber ich tue hier dem von mir gemochten, ja, geschätzten Jochen Hörisch Unrecht: So hat er seinen etymologischen Exkurs im Ernst gar nicht gemeint. Er wollte ja nur etwas Nettes sagen. Und dies hat er getan. Und eigentlich ‚wissenschaftlich’ war der Anlass seiner Äußerung auch nicht. Freilich, dass es prinzipiell die Aufgabe des Diskurses sein soll, Dissens zu erzielen, bleibt eine aparte Position ...

Doch mein Punkt ist hier dieser (und Hörischs Äußerung nur mein austauschbarer Anlass): Etymologie als Suche nach dem Etymon und als Erforschung der lautlichen und semantischen Geschichte eines Worts ist das eine, und dagegen ist wahrlich nichts zu sagen, das andere aber ist die Ermittlung der Bedeutung eines Worts zu einer bestimmten Zeit, zum Beispiel in der Gegenwart, und dazu taugt der Rückgriff auf das Etymon gar nicht – da führt er vielmehr oft in die Irre; ein Wort ist, so gesehen, nichts anderes als ein semantischer Kontrakt auf Zeit mit einer gewissen Lautform.

Hans-Martin Gauger, Oktober 2014