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sprachlich – linguistisch

In der Philosophie, Logik und Mathematik ist, vor allem nach den Arbeiten von Bertrand Russell und Alfred North Whitehead, die Unterscheidung zwischen Objektebene und Metaebene seit langem bekannt und in ihren komplexen Ausprägungen sehr präzise untersucht worden. Wie wir sehen werden, ist es nun aber auch in der alltagssprachlichen Kommunikation wichtig, diese Unterscheidung in einer einfachen Form zu respektieren. Wo dies nicht geschieht, ergeben sich fatale Konfusionen.

So ist es ausgesprochen bedauerlich, dass gelegentlich – auch im Feuilleton großer Tageszeitungen – in an sich interessanten, auf sprachliche Themen bezogenen Artikeln die Unterscheidung zwischen sprachlichen Phänomenen und sprachwissenschaftlichen/linguistischen Aussagen verwischt wird. Dies hängt sicherlich mit der Synonymie von Sprachwissenschaft und Linguistik zusammen, wo dem Ausdruck Linguistik in einer bestimmten nicht-fachlichen Öffentlichkeit – fälschlicherweise – ein höheres Prestige zugewiesen wird. Massiv gefördert wird diese Verwendung aber insbesondere durch die Existenz des Adjektivs linguistisch, das im Deutschen eben nicht ‚sprachlich’, sondern ‚sprachwissenschaftlich’ meint, und dessen falsche Verwendung durch zahlreiche unserer Nachbarsprachen gestützt wird; diese kennen diese Unterscheidung im Adjektiv nicht und müssen die begriffliche Differenz im Diskurs oder Text innerhalb einer Bezeichnung realisieren. So heißt es im Englischen, Spanischen, Italienischen usw. ununterschieden einfach linguistic, lingüístico, linguistico usw. Interessanterweise wird im Französischen – als romanische Sprache kannte es ursprünglich auch nur linguistique – seit einiger Zeit immer häufiger auch das elegante Wort langagier für die dem Deutschen sprachlich entsprechende Bedeutung eingesetzt, was zeigt, dass durchaus ein Bedürfnis nach terminologischer Differenzierung bei Begriffsdifferenzen besteht; man spricht dann etwa von un phénomène langagier, aber von dessen conceptualisation linguistique. Die ravages, die verheerenden Effekte, die der skizzierte ununterschiedene Gebrauch in der modernen Linguistik angerichtet hat, wird besonders dort deutlich, wo wir der Bezeichnung linguistic theory begegnen und völlig unklar bleibt, ob es sich um eine Sprachtheorie oder um eine Theorie der Sprachwissenschaft handelt, wobei letztere zusätzlich dann immer noch die Theoriekomplexe „Methodologie“ und „Darstellungstheorie“ beinhaltet, die ebenfalls mit linguistic theory bezeichnet werden. Der Konfusion ist hier also Tür und Tor geöffnet.

Um andere Sachbereiche anzusprechen: Erinnerlich ist uns allen noch eine gewisse postmoderne Berichterstattung im Jugoslawienkrieg, in der viele Greuel und Verbrechen menschenverachtend als interessante medientheoretische Interpretamente im virtuellen Raum präsentiert wurden; die Phänomenalität des persönlich erfahrenen Leids der Menschen verschwand dabei in einer metadiskursiven Aufbereitung in den Medien. Und dass der Hunger am Horn von Afrika nicht als soziologisches oder politologisches Problem bezeichnet werden darf, ist hoffentlich heute jedem klar; auch für andere Regionen unserer Erde lassen sich die gravierenden familiären, erziehungsbezogenen, kommunalen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte dieser Geißel der Menschheit aber natürlich in wissenschaftlichen Perspektivierungen besser verstehen. Und wenn ich mich etwa für die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Folgen der Witwenverbrennungen im früheren Indien interessiere, kann mir historische, ethnologische, soziologische, politologische und wirtschaftswissenschaftliche Expertise natürlich sehr nützlich sein. Immer bewege ich mich dann aber auf der Ebene des Interesses für ein Phänomen, also auf der Sach-Ebene, für deren besseres Verständnis ich wissenschaftliche Konzepte, Fokussierungen und Ergebnisse einsetze, mich dann also auf einer Meta-Ebene bewege.

Wie wichtig diese Unterscheidung ist, sei weiter verdeutlicht: Wenn Professoren der Literaturwissenschaft für Hausarbeiten Themen des Typs „Die psychoanalytische Funktion von Märchen im Kindesalter“ vergeben, müssten bei intelligenten Studierenden die Alarmglocken schrillen – sie sollten diesen Dozenten auch sonst nicht mehr alles glauben! Natürlich wissen wir, was gemeint ist, aber dann sollte man es auch so ausdrücken: Märchen wirken stark auf die kindliche Psyche – und diese Wirkung kann man durchaus mit den Methoden der Psychoanalyse, aber eben auch anderer Geistes- und Sozialwissenschaften betrachten.

Amüsiert zur Kenntnis zu nehmen ist, dass nicht nur Studierende, sondern auch Journalisten das Wort Methodologie in einer Weise verwenden, die klar zeigt, dass sie es im Vergleich zur bloßen Methode für etwas Vornehmeres, Besseres halten und nicht verstehen, dass es eben etwas anderes bezeichnet. Ein methodisches Vorgehen hat nämlich zuerst einmal nichts mit Methodenlehre, mit Methodologie zu tun; erst wenn theoretisch auf die Berechtigung oder die Kritik eines methodischen Entscheids reflektiert wird, haben wir es mit einer methodologischen Frage zu tun; wir bewegen uns dann auf der Metaebene. Kurz: Formulierungen zu Beginn einer Hausarbeit wie „Mein methodologisches Vorgehen ist folgendes: Im ersten Kapitel behandle ich x, in Kapitel 2 diskutiere ich y und in Kapitel 3 komme ich zu den Ergebnissen z“ sind Angeberei und reiner Unsinn.

Es sei nun nicht verschwiegen, dass sich im Deutschen immerhin eine Verwendungsweise eingebürgert hat, die unsere oben diskutierte Unterscheidung überspielt und aushebelt − ich meine die Verwendung der Wörter psychisch und psychologisch. Dass mit psychologisch eben häufig eindeutig die Konkretion der Objektebene bezeichnet wird, lässt sich vielleicht mit der Drastik des Ausdrucks Franz hat psychische Probleme verstehen, die den Sprechern in einem falschen, aber schwächeren psychologische Probleme haben gemildert erscheint; diese Verwendung ist, wie wir Sprachwissenschaftler gerne sagen, klar euphemistisch motiviert.

Derartige Motivationen erinnern − allerdings nur in der Perspektive der Bewertung der Stärke eines Ausdrucks − durchaus an eine Aussage im Stechlin, wo Theodor Fontane den alten Dubslav sagen lässt: „unter der Markise steht die Luft wie ne Mauer, und ich muß frische Luft haben, vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie. Kann eigentlich Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind sie doch ein Segen. Wenn ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer für Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches“.

Kurz: Es mag sein, dass wir Sprachwissenschaftler in der diskutierten Frage besonders sensibel sind. Ich hoffe aber, dass klar geworden ist, warum man darauf bestehen muss, dass alle Sprachnutzer, die Anspruch auf eine korrekte Redeweise erheben, vor allem aber auch Schüler und Studierende, die skizzierte, für ein sauberes Denken wichtige Unterscheidung rasch lernen und systematisch einsetzen. Es handelt sich nämlich um ein Erfordernis der intellektuellen Hygiene, den Unterschied zwischen einerseits der Ebene des Gegenstands, des Objekts, des Phänomens, und andererseits der jeweiligen Meta-Ebene theoretischer und wissenschaftlicher Betrachtungsweisen zu respektieren.

Wulf Oesterreicher, Oktober 2011