Projekte

2016
2015
2014
2013
2012

Forum Sprachkritik

Alle Jahre
2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010

Alle Autoren
Friedrich Dieckmann
Peter Eisenberg
Hans-Martin Gauger
Roland Kaehlbrandt
Joachim Kalka
Wulf Oesterreicher
Uwe Poerksen
Claudia Schmölders
Albrecht Schöne
Ingo Schulze
Peter von Matt

Gräuel

Eigentlich habe ich mit der Rechtschreibreform abgeschlossen. Ich war nicht dafür. Aber ich war auch nicht so berserkerhaft blind dagegen wie einige, wie zum Beispiel – aber lassen wir das ... Vor allem freue ich mich darüber, dass die „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“ mit unserer Sprachkommission - und hier ganz besonders mit und durch Peter Eisenberg - nicht Weniges zur Zurechtrückung oder zum Rückbau jener Reform beigetragen hat. Dankbar bin ich auch einem der Präsidenten der Kultusministerkonferenz, dem Minister Georg Gölter aus Rheinland-Pfalz, dafür, dass unter ihm (das war schon 89/90) die vorgeschlagene radikale Kleinschreibung abgelehnt wurde, die ja vorsah, dass alles, außer Wörter am Satzanfang und Eigennamen, kleingeschrieben werden sollte (man nannte dies verhüllend „gemäßigte Kleinschreibung“ – überhaupt: es wurde da viel getrixt und geholzt, nicht nur sprachlich, sondern auch im Persönlichen). Auch dem bayerischen Staatsminister für „Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst“ Hans Zehetmair bin ich dankbar, denn er kam nach Abschluss der Reform zu dem bemerkenswerten Satz: "Man wird uns einmal fragen: Was habt ihr da eigentlich gemacht?" Richtig, man fragt es sich schon seit einiger Zeit. Seit 2004, nach seinem Rückzug aus der Politik, ist der verdiente Mann Vorsitzender des von der Kultusministerkonferenz eingerichteten Rechtschreibrats. Da aber hat er, wie man hört, nur noch ein Interesse: Ruhe, Ruhe, Ruhe. Auch da könnte man ihn einmal fragen: Was haben Sie als Vorsitzender da eigentlich gemacht? Kurz, ich habe mit dieser Reform innerlich abgeschlossen und ärgere mich kaum mehr über diesen Eingriff in unsere Sprache.

Bei einem Wort jedoch steigt unvermeidbar der Groll, ja etwas wie Wut in mir auf – gegen die Promotoren und Vollzieher der Reform (die Promotoren waren einige Germanisten, die Vollzieher die Kultusminister oder eigentlich, persönlich kaum greifbar, einige Beamten der Kultusministerkonferenz – Bürokraten will ich sie nicht nennen). Anstoß nehme ich an dem Wort Greuel und zwar in der Schreibung ‚Gräuel’. Zugegeben, das ist nicht ganz rational – doch was ist – und speziell auf diesem Feld – schon ganz rational? Aber Gründe, rationes, habe ich. Vor diesem Wort, meine ich, hätte man Halt machen müssen. Das ist ein sehr anderer Fall als beispielsweise aufwändig. Aber gerade bei aufwändig wurde eine Wahlmöglichkeit zwischen dieser und der alten Schreibung mit ‚e’ eingeräumt. Greuel jedoch geht jetzt nur noch mit ‚ä’.

Dieses Wort – Duden: „grauenhafte (moralisch) abstoßende Gewalttat“ – steht für mich (und doch sicher nicht nur für mich) ominös paradigmatisch für die Untaten des Naziregimes. Oder umgekehrt: diese Untaten, für die eine nicht absehbar lange Zeit hindurch wiederum paradigmatisch der Name ‚Auschwitz’ stehen wird, erfüllen jedenfalls für mich – rational und emotional – in exemplarischer Weise den Tatbestand, auf den sich Greuel bezieht. Englisch und französisch und spanisch heißt dies (und diese Wörter kommen mir schärfer vor) atrocities und atrocités und atrocidades (was wieder einmal zeigt, dass auch das Englische eine romanische Sprache ist).

Daher kommt es mir vor wie ein Mangel an Sensibilität, wie eine Rohheit, wie ein Vergehen, bei dem Wort Greuel, als wäre es, wie etwa das moralisch neutrale Wort aufwändig, irgendein Wort unter anderen, quasi spielerisch, weil's da halt auch diese Möglichkeit gab, die Schreibung zu verändern. Man mag es übertrieben finden: aber gerade so kommt es mir vor. Ich wäre zurückgeschreckt und meine, jeder hätte zurückschrecken müssen, gerade an diesem Wort etwas zu ändern. Der Hinweis auf grau und Grauen scheint mir hier restlos deplaziert. Schon bei gräulich übrigens stört mich die neue Schreibung weniger, denn greulich oder also jetzt gräulich hat sich von Greuel deutlich gelöst.

Noch einmal: es ist subjektiv, meine Empörung über Gräuel mag eine Idiosynkrasie sein. Oder (ich frage ja bloß) geht es anderen auch so? Ich wollte es jedenfalls einmal sagen. Aber wie es englisch so fein heißt (die Wendung gefällt mir): ich würde nicht insistieren, I wouldn't insist. Für diese Wendung übrigens haben wir im Deutschen keine rechte Entsprechung. Und wirklich: ist nicht insistieren tatsächlich etwas undeutsch? Doch auch da (und ich frag’ ja bloß) würde ich nicht insistieren.

Hans-Martin Gauger, Oktober 2014