Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Arnold Stadler

Arnold Stadler

Writer
Born 9/4/1954
Member since 1998

Georg-Büchner-Preis 1999
Laudatory Address by Peter Hamm
Acceptance Speech by Arnold Stadler
Diploma

... dessen Bücher, indem sie das Gruseln lehren, jenen Ernst bezeugen, ohne den die Komik keinen Grund hätte.

Jury members
Juryvorsitz: Christian Meier
Peter Hamm, Harald Hartung, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Klaus Reichert, Lea Ritter-Santini, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Herman Dieter Betz (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Erbarmen mit dem Seziermesser

Herr Präsident, meine Damen und Herren, liebe Freunde,

ich möchte für diesen Preis, der Georg Büchners Namen trägt, danken, indem ich über das Sehen und Bezeugen spreche.

Jeden Morgen erblicke ich die Erde neben meinem Bett. Sie steht auf dem Tisch: die Erde, eine Kugel, etwa so groß wie mein Kopf, der fast so rund ist wie sie, mit dem Kontinent, auf dem mein Haus steht, mit dem Schlafzimmer und dem Bett, in dem ich liege. Und auch, bevor ich das Licht lösche, sehe ich noch einmal auf die Erde neben mir, auf der auch das Bett steht, in dem ich liege, damit ich weiß, wo ich bin. Dann träume ich noch etwas, bis ich einschlafe. Liebe Zuschauer!

»Hat es während des Guillotinierens geregnet? Oder hast du einen schlechten Platz bekommen und nichts sehen können?« Das sind Büchners Fragen, die er dem Menschen stellt. Schauderhaft. Mit einem Drama, das den Tod im Titel trägt, begann er. Was für ein Leben! Unter den allertraurigsten Umständen hat er ›ich‹ gesagt und dabei auf die Welt gesehen, diesen Revolutionsplatz, über den er sich keine Illusionen gemacht hat. Doch wie diese Welt, die sprachverschlagend ist, zur Sprache bringen? Was Georg Büchner zu sagen hat, konnte ich im Lenz nachlesen:

Lenz sagte: »Die Dichter, von denen man sage, sie geben die Wirklichkeit, hätten auch keine Ahnung davon, doch seien sie immer noch erträglicher als die, welche die Wirklichkeit verklären wollten. Er sagte: Der liebe Gott hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können wohl nicht was Besseres klecksen. Unser einziges Bestreben soll sein, ihm ein wenig nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, Möglichkeit des Daseins und dann ist’s gut: wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen. Übrigens begegne es uns nur selten...«

Und: »Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzelnen einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen...« Büchner läßt einen Menschen, der alles sehen will, der auf panem et circenses aus ist, fragen: »Hat es während des Guillotinierens geregnet? Oder hast du einen schlechten Platz bekommen und nichts sehen können?« Und Georg Büchner erbarmt sich auch noch dieser seiner Erbärmlichkeit. Das sind Fragen, die von Menschen mit dem Blick auf die Guillotine gestellt werden. Büchner macht sich über die Welt, den Revolutionsplatz mit dem Menschen, der in seiner Mitte hingerichtet wird und zuschaut, keine Illusionen. Trotzdem: »Ich bin kein Guillotinenmesser« schreibt er an seine sogenannte Braut. Für »Guillotinenromantik« [ein wahres Stichwort aus Dantons Tod] ist er nicht zu haben.

Dagegen wollen die von Büchner so genannten Bürger alle jene, »die kein Loch im Rock haben«, totschlagen und totgeschlagen sehen: »An die Laterne!« – Das ist eine Forderung der Avantgarde, die sich mit dem schönnamigen Wort Revolution schmückt. Kommt mir bekannt vor, dachte ich: Pol Pot, der alle erschlagen ließ, die eine Brille trugen, Intellektuelle oder auch nur Menschen, die die Welt besser sehen wollten. Das war vor 20 Jahren. »An die Laterne!«, das war die Forderung des Bürgers vor 200 Jahren, – doch dann kommt, – von Büchner so gewollt, so steht es in seinem Text, »ein junger Mensch«. Es ist das Vorrecht dieses jungen Menschen, in diese Welt das Wort »Erbarmen!« hineinzurufen. Dieser junge Mensch ist so jung wie Büchner selbst und hat einen Namen: Georg Büchner.

»Junger Mensch: Erbarmen!« Büchner, der sich keine Illusionen macht, ruft dennoch: »Erbarmen!«. Das ist großartig. Und im Woyzeck ist es wieder da, das Erbarmen: »Herr Doktor, erlauben Sie, daß ich ein Menschenleben rette?«

Ein Menschenleben, ein einzelner Mensch also ist es. Und das heißt: möglicherweise bin auch ich derjenige, der gerettet werden soll. Es geht um mich. Schon im Titel Dantons Tod geht es Büchner um den Tod eines einzelnen.

»Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhäuter, wir sind sehr einsam«, sagt Danton, sagt Büchner. Und: »Wir müßten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.«

Das ist unerhört und steht auf engstem Raum, aber zusammen. Und der Satz des Doktors enthält die böse Vorahnung: »Wenn Gott will, so machen wir die unsterblichsten Experimente.«

Die Schädeldecke aufbrechen, um Nähe herstellen zu können, und auch, um etwas zu sehen: Es ist ein sonderbares Erbarmen bei Büchner –, ein Erbarmen mit dem Seziermesser. Erbarmen ist eine theologische Kategorie, die über das Mitleid weit hinausgeht, die das konstruktive Gegenteil von ihm ist. Der Blick des Menschen vom Jesus der Evangelien her und der Blick eines Naturwissenschaftlers vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts: Büchners Erbarmen geht mit dem Seziermesser vor. Die Sprache ist sein Seziermesser. Also tut es weh. Und er weiß als Anatom, daß wir alle denselben Grundriß haben; und als Mensch weiß er: daß der Schmerz, der zwar nicht meßbar ist, sich doch an der jeweils selben Stelle einstellt. Und gewiß ist: ja, die einzige Gewißheit ist: es tut weh, also bin ich. Es blutet, also bin ich. Ich blute, also bin ich.

Ich sehe, ein Abgrund tut sich auf, ein Schmerz stellt sich ein. [wie bei Günther Uecker mit seinen Nägeln:] das bist du, tat tvam asi, das bin ich: ein Anti-Descartes gegen das gedenkvolle, blutleere ›Cogito ergo sum‹. Darin liegt der Unterschied zwischen Descartes und Büchner: sein Mensch blutet, während Descartes’ Mensch denkt. Georg Büchner seziert, aber die Sprache ist bei ihm ein Seziermesser und ein Schmerzmittel. Das ist kein Widerspruch: »Man muß den Menschen lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen«. Ganz offenbar ist es, und daher ist er uns so nahe, daß Büchner nicht konstruiert, sondern etwas sucht, und findet und offenlegt: »Zeige deine Wunde!« Mit Ästhetik hat das nichts mehr zu tun. Büchners Sätze schulden ihre Schönheit der Wahrheit, die – eine Offenlegung der Wunde ist. »Wir haben nicht zu fragen, ob es schön oder häßlich ist«. So Büchner. Von da erkläre ich mir Büchners Gegenwart, für die ich, wie für alles Große, keine Erklärung habe. Sie ist einleuchtend wie eine Metapher: Büchner, das ist eine Begegnung von Rose und Schwert. [Das sagte Cioran von Shakespeare, den Lieblingsdichter Büchners. Zurück zum Schmerz!]

Ich blute, also bin ich. Jedoch, das Leid wie das Mitleid bliebe ohne Folgen, außer der einen, daß es keine Folgen hat, außer dem Tod, während sich Büchner des Menschen, je für sich, erbarmt. Das Wort stammt aus dem Evangelium. Das hat Jesus auch gesagt. »Man muß den Menschen lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu häßlich sein, erst dann kann man sie verstehen«. Jesus will retten, Büchner verstehen. Beide erbarmen sich. Büchners Sätze sind ein einziges, einzigartiges Zeugnis: sie beweisen, indem sie einleuchten. Der Schmerz ist ein Fels des Atheismus und er ist ein Existenzbeweis: es tut weh, also bin ich. Büchner erbarmt sich in neutestamentlichem Ausmaß, aber auf naturwissenschaftliche Weise. Büchners Sprache – sein Seziermesser und Schmerzmittel ‒ ist etwas Sonderbares, etwas, das einen Schmerz zugleich stillt und provoziert. Ein Seziermesserschmerz, der zum Verschmerzen führt, aber nicht in jedem Fall. »Erbarmen!« – so hat dieses Seziermesser bei mir gewirkt.

Allerdings ist es ein niederschmetterndes Erbarmen: und das Niederschmetterndste, das nur Georg Büchner in seinem lebens- wie todesnahen Drama zu sagen hat, kommt ganz zum Schluß: da bin ich wieder bei der Anfangsfrage nach dem Logensitz auf dem Revolutionsplatz: Nein, es hat nicht geregnet. Und man sah alles, Und jene, die sich am Anfang nach dem schlechten Platz erkundigt haben, haben jetzt den besten: in der Mitte des Revolutionsplatzes, oben auf der Guillotine, die das unglaublichste Seherlebnis ermöglicht: die öffentliche Hinrichtung, denn die Revolution frißt ihre Kinder. Gräßlicher Fatalismus dieser Geschichte Büchners: Wir sind auf dem Revolutionsplatz und hören, wie »einige Stimmen«, so die Regie-Anweisung Büchners, »das war schon einmal da; wie langweilig!« rufen, derweil »Männer und Weiber singen und tanzen«, so Büchner. »Die Guillotine ist der beste Arzt«, sie macht dem Schmerz ein Ende. Das sagt Büchner, der behauptet, es sei schmerzlicher, einen Zahn gezogen zu bekommen, als erschossen zu werden. Und als die Köpfe Dantons und Héraults nebeneinander im Guillotinen-Korb liegen, kommt eine einzelne Stimme, die Stimme Luciles, die gerade ihren Herault verloren hat: »Da hilft nichts, da ist noch alles wie sonst; die Häuser, die Gasse, der Wind geht, die Wolken ziehen. – Wir müssen’s wohl leiden.« Das ist die an den Büchern Hiob, Kohelet und an den Klagepsalmen geschulte Stimme Büchners. »Es lebe der König!« – dann wird Lucile von Denunzianten-Bürgern abgeführt. Die »drei Weiber« aber, von Büchner so genannt, sind seltsame Zeuginnen des Todes, die der bibelfeste Büchner nach dem Bild den drei Zeuginnen am leeren Grab geformt hat. Jene bezeugen das Leben, diese den Tod aber wie:

»Erstes Weib: Ein hübscher Mann, der Hérault!

Zweites Weib: Wie er beim Konstitutionsfest so am Triumphbogen stand, da dachte ich so, der muß sich gut auf der Guillotine ausnehmen, dachte ich. Das war so ‘ne Ahnung.

Drittes Weib: Ja, man muß die Leute in allen Verhältnissen sehen: es ist recht gut, daß das Sterben so öffentlich wird.«

So reden Georg Büchners drei Weiber, die offenbar einen guten Platz bekommen und alles gesehen haben.

Und diesen guten Platz gibt es immer noch: beim Fernsehen sitzen wir in der ersten Reihe. Das ist die traurige Aktualität Büchners. Einmal auf der Welt, und dann so! Dantons Tod! – mein Gott, wie macht sich Büchner das Sterben schwer. Aber: wie schön und belanglos wird vieles, was ich über den Tod und über das Leben gelesen habe. Schön und belanglos: das Wort ›und‹ ist, wie Büchner sagt, »ein langes Wort«. Dantons Tod ist ganz nahe beim Tod, ›troppo vero‹, zu wahr, wie Papst Innozenz X. sagte, als er sah, wie Velázquez ihn gemalt hatte.

Meine Damen und Herren,

Georg Büchner, ein illusionsloser Mensch, der sich dieses Menschen dennoch erbarmt, starb mit 23 Jahren. Das kommt hinzu. Er war ein armer Mensch, am nächsten vielleicht Lenz verwandt, der bedauerte, manchmal nicht auf dem Kopf gehen zu können. Und es ist doch eine Tragödie, daß wir ihn heute feiern, wo er doch tot ist und unter solchen Umständen leben mußte, und – kaum auf der Welt, diese Welt bald wieder verließ. Doch er hat Zeugnisse hinterlassen, Beweise – nicht einmal ein Jahr hat er geschrieben – und zwar nicht nur sein nichtssagendes Grab, an dem ich stand. Er mußte aus einem Staat und einem Land fliehen; das großgeworden war über den Menschenhandel, wo noch vor kurzem Menschen Exportware und Verkaufsschlager waren. Nach 162 Jahren gibt es den Menschenhandel mehr denn je, und die Welt ist eine, die nur noch von Gläubigen und Zynikern als sinnvoll erfahren wird. Letztere behelfen sich mit Sprichwörtern, ›wo gehobelt wird, da fallen Späne‹. Nach 200 Jahren wütender Geschichte, die zunächst als Fortschritt deklariert wurden, hat sich die Erde weithin in ein Trümmergrundstück verwandelt, auf dem es noch Inseln und Oasen gibt. Das ist die Erde, die auf meinem Nachttisch steht. Und doch: wir ertragen diese Realität nur, weil wir ahnen, daß diese so real nicht ist [sagt Borges]. Sie ist nicht das Ganze. Es gibt auch noch die Hoffnung und die Liebe: es gab auch in Dantons Tod Lucile, die allen Zynikern und Protagonisten des Unmenschentums dieser Welt durch ihren Liebestod bewies, daß es die Liebe gibt, die selbst die Hoffnung überlebt. Mag auch der Henker vorerst auf der Guillotine stehen und ein Liedchen vorm Feierabend singen:

»›Und wann ich hame geh,

scheint der Mond so scheh...‹

Oh Moon of Goddelau!«

Meine Damen und Herren,

ich lebte unter einem Himmel, der kaum größer als meine Sehnsucht war. Denn einmal im Jahr schien die Sonne. So warm war es bei uns. Und ich sah mein Herz schlagen. Das war beim Ultra-Schall. Was sah ich noch? Wie gesagt, die Erde am Morgen neben meinem Bett stehen. Und auch am Abend. Dazu habe ich gelesen, zum Beispiel bei Jacob Burckhardt: »Die berühmtesten Reisenden unserer Tage durchziehen in Afrika und Australien doch nur Länder, deren Umrisse wir schon kennen.« Dazu gibt es jetzt Satellitenaufnahmen von allem. Wo soll da noch Heimat sein? Das Wort Heimat hat aus vielen Gründen keinen Sinn mehr, obwohl es ein schönes Wort ist: auch auf dem sogenannten Land nicht, das immer noch die Illusion nahelegen mag, es gebe Boden unter den Füßen. Trotzdem habe ich früher zum Heiligen Antonius gebetet, daß ich mich finde. Katholiken wissen, daß dieser Heilige für jene da ist, die etwas verloren haben. Aber ›Heimat‹ hat keinen Sinn mehr, höchstens noch in der Zusammensetzung ›Heimatfriedhof‹, dem letzten Wort, wo Heimat vorkommt, außer ›Heimathafen‹ vielleicht. ›Ende der Welt‹ ist geradezu unsinnig geworden auf einer Kugel, wo der Mensch, also auch ich, allem gleich nahe und fern ist. Nähe und Distanz bezeichnen eigentlich nichts anderes mehr als die Entfernung vom Zuschauer zum quadratischen Bildschirm. Das will noch nicht in unseren Kopf, der etwa so rund ist wie die Erde.

Auch in Schwackenreute bin ich auf der Welt. Und ebenso die Menschen, die alle gut verkabelt sind, angeschlossen an das Netz, das aus der Welt eine einzige, am Netz hängende Provinz macht. Diese Menschen von Schwackenreute, Kreenheinstetten und aus dem Hotzenwald lasse ich ›ich‹ sagen. Das ist mein Erbarmen mit ihnen. Es sind doch auch Menschen! Lasse ich den Pfarrer beim Kirchchorausflug sagen – über Menschen, die aus dem Hinterland der Welt kommen und als Waldmenschen gelten, was auf indonesisch ›Orang Utan‹ heißt. Nur weil ich mich kranker Menschen erbarme, dabei am Ende der Welt, das heißt, auf dem Lande lebe, ist das noch lange nicht Heimat. Es ist die Beschreibung der Heimatlosigkeit des Menschen vor Ort, an Ort und Stelle. Und sei es das sogenannte Land mit dem fehlenden Boden unter den Füßen.

Und jetzt doch noch ein kleines Stück Heimatliteratur: In einer unserer namhaftesten Irrenanstalten befand sich am Ende des Krieges noch ein Lazarett. Im naheliegenden, ummauerten Gartengelände hat einer unserer Irren die amputierten Glieder ausgebuddelt und angeknabbert, bis man sie ihm weggenommen hat. Das war herzlos. Und könnte eine Büchnergeschichte sein, wenn sie nicht von mir und meiner Heimat und meinen Menschen wäre, die unser Philosoph als noch ›heil‹ bezeichnet hat. Zum Glück gehen die Menschen jetzt auch auf dem Land zu Psychiater. Die Menschen sind so krank wie überall. Es gibt nirgendwo auf der Welt noch besondere Krankheiten: und wäre es bei uns.

Meine Damen und Herren,

am 12. Oktober wurde der 6milliardste Mensch auf dieser Welt gefeiert. Es gibt jetzt mehr Lebende als Tote. Und genau so viele Menschen, wie am Beginn dieses Jahrhunderts lebten, haben kein richtiges Wasser mehr. Es ist eine Welt, auf der es Hunger gibt: am 16.10.99 las ich auf Seite 10 der Frankfurter Allgemeinen, daß etwa 790 Millionen Menschen, grob gerechnet, nicht genug zu essen hätten. Vor wenigen Wochen fand in Frankfurt die Internationale Automobilausstellung statt, vielbejubelt. Ich las vom »Auto der Zukunft«, »gigantischen Wachstumsraten, vor allem im Luxussegment« und all unseren Erfindungen. Weiter hinten in der Zeitung las ich dann den UNO-Bericht zur Lage der Erde gegen Ende des Jahrtausends unter der Überschrift: »Die Zeit läuft aus«. Als ob das eine mit dem anderen nichts zu tun hätte. »Die fortdauernde Armut und das exzessive Konsumverhalten einer Minderheit« werden im UNO-Bericht für die Lage der Welt gegen Ende des Jahrtausends verantwortlich gemacht. Mit »einer Minderheit«, sind, glaube ich, wir gemeint, die wir vielleicht schizophren, krank oder nur so sind, wie wir sind.

Als Kind wollte ich in die Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger« eintreten, vielleicht aus zwei Gründen: weil ich so weit weg vom Meer lebte, das ich nie gesehen hatte, und weil ich die Welt retten wollte, nein: weil ich wollte, daß alle Menschen genug zu essen hätten und später einmal in den Himmel kämen. Es war ein schiffbrüchiges Jahrhundert. Was tun? – Ein einzelner Mensch kann die Welt nicht retten, aber es genügt ein einzelner, der seine Helfer fand, dieses Jahrhundert zu zerstören, es als ›mißglückt‹ deklarieren zu müssen. Doch »weil der Mensch ein Mensch ist, so braucht er was zu essen, bittesehr!« Wie mein verehrter schwäbischer Brecht sagt, der den Büchner-Preis leider nicht bekommen hat. Und ich wollte, da ich nicht einmal als Kind die Welt retten konnte, wenigstens daran erinnern, wie sie ist: an die Lage, die wir [im UNO-Bericht] nachlesen können.

Meine Damen und Herren,

1999, das heißt: eine Zeitrechnung, die mit dem Stern von Bethlehem und dem ›et in terra pax hominibus‹, Büchners »Friede den Hütten!« beginnt, über das ›leere Grab‹ und die ›Hand in der Wunde‹ bis zur weltweiten TV-Übertragung der Öffnung der Heiligen Pforte im Petersdom in der Nacht vom 24. zum 25. Dezember 1999 reicht. Auch wenn wir nichts mehr davon wissen: wir rechnen 2000 von 1 an, und 1 das heißt: der Stall von Bethlehem, mit dem Stern als Zeichen der Versöhnung von Himmel und Erde, mit den Weisen aus dem Morgenland als Zeugen für die ganze Welt, diese Welt, die zweitausend Lichtjahre oder mehr vom Stern von Bethlehem entfernt ist. 1999 ist ein Kriegsjahr in Deutschland. Das erste seit 1945. Das allein schon ist traurig; neu ist, daß es dieses Mal die Menschenrechte sind, auf die sich auf seine Weise Büchner berief, und die nun für einen Krieg herhalten müssen, eine traurige Wahrheit: Bombenabwürfe im Namen der Menschenrechte, die Menschen trafen. Die ihr Ziel nicht erreicht haben, den Diktator und seine Günstlinge, die heute abend vielleicht vor dem Bildschirm sitzen und einen Samstagabend-Spielfilm sehen. Auch Büchner hätte durch eine zweite Aufklärung, dieses aufgeklärte, dunkle Jahrhundert hindurchmüssen, das alles bereithielt, zum Beispiel Sätze wie ›Arbeit macht frei!‹ (vielleicht im zynischen Anschluß an Johannes?) oder ›Jedem das Seine‹ und andere Schlüsselsätze [zu diesem Jahrhundert].

Was ist aus jenem Kunstschmied geworden, der diesen Satz: ›Jedem das Seine‹ in Eisen goß und über dem Tor des schönnamigen Buchenwald bei Weimar anbrachte? Woran starb er? Brach ihm das Herz? Lebt er noch? – Vielleicht war dieses Kunstwerk eine Gemeinschaftsarbeit.

Es gibt Menschen, die mit eigenen Augen den Rauch gesehen haben, der zum Himmel über dem schönnamigen Birkenau stieg, und an klaren Tagen wurden schöne kleine Wolken daraus. Ich selbst sah einen Berg von Brillen, durch die einst Menschen die Welt sahen. Ja, dieses zwanzigste Jahrhundert, vom Stern von Bethlehem her gerechnet, bot ein Leben in der Nachbarschaft von Verbrennungsöfen, das Leben in einer unheimlichen Ko-Existenz. Wo soll da noch Heimat sein! Celan hat sie in der Todesfuge geortet: »er schenkt uns ein Grab in der Luft«.

Irina Pawlowna aus Kiew hat mit eigenen Augen gefrorene Menschen als Fackelträger gesehen. Das war bei Babij Jar. Nach Berlin verschleppt, hat sie trotz allem weitergelebt und weitergespielt. Im 85. Jahr verabschiedete sie sich, zunächst von der Bühne, stand zum letzten Mal vom Flügel auf (Skrjabin auf Steinway), hatte den Faden verloren und entschuldigte sich für alles, vielleicht auch noch dafür, daß sie so viel gesehen hatte, eine Zeugin war, griechisch-deutsch: Märtyrerin. Meine Damen und Herren: »Sie nichts dafir kennen, daß ich geworden bin so alt«.

Was habe ich für einen Platz bekommen? Was habe ich gesehen? Was kann ich bezeugen?

Daß ich vom Dreirad gefallen bin, daß ich zwei Zähne verloren habe, daß es beim Zahnarzt wehgetan hat? Daß ich die Slums dieser Welt gesehen habe im Vorbeifahren auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel, Bombay, New York, Rio. Und daß ich weiß, daß es das gibt: Paläste und Hütten in Sichtweite, und Mauer an Mauer, 165 Jahre nach Büchner. Ich habe die Erde auf dem Nachttisch gesehen. Eine Adolf-Hitler-Straße blieb uns erspart, weil es noch keine Straßennamen gab bei uns; aber Mengele gab es, eine Landmaschine, die mitten in den Feldern meiner Erinnerung steht, und stehen wird. Mengele, das war ein Fahrzeug, mit dem die Ernte eingebracht wurde.

›Jedem das Seine‹ – und andere Schlüsselsätze dieses Jahrhunderts. Alle Uri-Uri-Raboti-Kommandos, die Schneller!-Schneller!-Kommandos, und ›Arbeit macht frei‹ – hatten diese Menschen umsonst Todesangst? Sich die Welt anhand von Beispielen erklären?

Mein alter Baumeister! – sagte, man muß beim Bauen auch ans Abreißen denken. Ich las den Artikel zum 80. Geburtstag und dachte mir: das wird das letzte Mal sein, daß du in die Zeitung kommst. Das nächste Mal werde ich deine Todesanzeige lesen. Und so war es.

Der berühmte Professor! – Anatom, starb auf der Straße, ohne daß er Papiere bei sich gehabt hätte. Das war keine fünf Jahre nach seiner Emeritierung. Er wurde in sein Institut eingeliefert und lag auf dem eigenen Seziertisch, mit einem Zettel um den Fußknöchel: unbekannter Toter.

Mitte 17. Jahrhundert! Dominicus Mayer aus dem Nachbardorf. Wurde Jesuit und ging in ferne Länder. Sein Dorf sah er nie mehr wieder. Dafür hängt ein Bild in der Kirche, gemalt von Indianern, zum Dank, daß sie gerettet wurden, wo sie sonst nur einen gewöhnlichen und unsinnigen Tod in den Minen von Bolivien gestorben wären. Sein Leichnam verweste nicht, das war das Hauptwunder, auf das man in Rom aufmerksam wurde. Ein Heiligsprechungsprozeß kam in Gang, Material wurde gesammelt. Zeugen befragt. Man stand kurz vor dem Abschluß. Aber das Schiff mit den ganzen Unterlagen, Zeugnissen von Zeichen und Wundern ging auf dem Weg nach Rom unter. Unser Heiliger wurde niemals heiliggesprochen. Hat er also umsonst gelebt?

Das war alles auf einer Welt, auf der Blaise Pascal mit seinem Memorial auf dem Leib herumlief. Das mit dem Wort ›Feu!‹ begann. Mit jenem Element, mit dem auch Georg Büchner nahe verwandt war, und das ihn verzehrte, jung und brennbar, wie er war. Und Pascal, der eine Rechenmaschine erfunden hat, meinte mit ›Feu!‹ den Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs, auf den der Erfinder der Rechenmaschine hoffte, und von dem er lebte. Und nicht auf den Gott der Philosophen.

Es gab auch in diesem Jahrhundert neben der Hoffnung auch noch die anderen alten Elemente: das Wasser, das hunderten von Millionen Menschen zum Leben fehlt, die Erde, die keine Heimat mehr ist, und die Luft, auch für mich. Und es gab meinen Großvater, der kurz vor seinem Tod sagte: So viel Luft ist auf der Welt! Nur nicht für mich. Das ist gerade zwanzig Jahre her. Er lag im Bett. Es war ein schöner Tag Anfang September. Der Hafer stand noch, und er konnte nicht auf dem Feld sein. Die letzte Frage, vom Sterbebett aus: wie weit sie zu Hause mit der Ernte seien. Die Frage mag unverständlich sein, aber ich kann sie bezeugen.

Als ich fünf Jahre später mit der Bahn durch Südchina fuhr, sah ich Menschen auf den Feldern stehen, ganz wie damals zu Hause. Ich glaube, sie hätten die Frage meines Großvaters verstanden, ja, vielleicht auf ihrem Totenbett auch diese Frage gestellt.