Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Wolfgang Hilbig

Wolfgang Hilbig

Writer
Born 31/8/1941
Deceased 2/6/2007
Member since 1990
Homepage

Georg-Büchner-Preis 2002
Laudatory Address by Georg Klein
Acceptance Speech by Wolfgang Hilbig
Diploma

Wolfgang Hilbig, der in der ungeheuren leeren Halle des Schweigens seine Stimme wagte, um der Wortlosigkeit zu entkommen...

Jury members
Juryvorsitz: Christian Meier
Peter Hamm, Harald Hartung, Peter von Matt, Uwe Pörksen, Ilma Rakusa, Klaus Reichert, Lea Ritter-Santini, außerdem Peter Benz (Stadt Darmstadt), Konrad Schacht (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst)

Literatur ist Monolog

Als Hans Erich Nossack im Oktober 1961 mit dem Georg‑Büchner‑Preis geehrt wurde, war die Mauer in Berlin noch sozusagen nagelneu, es gab sie erst seit wenigen Monaten, es wurde vielleicht, ich weiß es nicht so genau, noch immer an ihrer Fertigstellung gebaut. Und ich weiß auch nicht mehr genau, was ich damals über das wohl folgenreichste europäische Bauwerk gedacht habe. – Was für ein Aufwand, was für eine Zweckentfremdung von Arbeitskraft und Material, eigens zur Errichtung eines Provisoriums, dessen Sinn sich in kurzer Zeit ganz von selbst wieder in Frage stellen wird! – solche oder ähnliche Gedanken müssen mir damals an jenem Montag, dem ersten Arbeitstag nach dem Sonntag, an dem der Mauerbau begann, durch den Kopf gegangen sein. – Die Szene, in der wir, die Arbeiter einer riesigen Maschinenhalle, in der Spindelkästen für Werkzeugmaschinen bearbeitet wurden, oder die monströsen Laufbetten für Langhobel‑ oder Schleifmaschinen – allesamt wertvolle Exportgüter, welche die Metallindustrie der DDR weltmarktfähig gemacht hatten, wie uns immer wieder gepredigt wurde –, von dem Beschluß der Regierung in Kenntnis gesetzt wurden, hat sich in meiner Erinnerung einigermaßen deutlich erhalten: es war eine etwas unheimliche Szene. Wir wurden zu einer kurzen Pause in der Haupthalle, der unseren, zusammengerufen, der Maschinenlärm verstummte für etwa zwanzig Minuten; und ein Mensch aus der Betriebsparteileitung verkündete, die westliche Staatsgrenze der DDR, die Grenze zur imperialistischen BRD, sowie die Grenze zu der besonderen territorialen Einheit, der Frontstadt West‑Berlin, sei mit dem Datum des gestrigen Tages als geschlossen zu betrachten, um das Ausbluten der jungen DDR‑Wirtschaft zu verhindern, und, um den ständigen Übergriffen feindlicher Elemente aus dem Westen Einhalt zu gebieten. – Der Redner las seine Rede von einem vorbereiteten Papier ab, mit bleichem und unverkennbar nervösem Gesichtsausdruck; es war merkwürdig, daß der Redner nach seinen Worten keinen oder nur einen sehr spärlichen Beifall erhielt; die Männer in den ölverschmierten Arbeitsanzügen nahmen seine Ausführungen wortlos zur Kenntnis und kehrten nachdenklich, kopfschüttelnd und mit eher undurchdringlichen Mienen an ihre Arbeitsplätze zurück. – An irgendwelche Folgen, die der begonnene Mauerbau haben könne, dachte ich nicht: ein Gemäuer ohne frei verfügbare Aus- oder Eingänge konnte ich mir einfach nicht vorstellen. Aber unheimlich war mir die Szene schon: unheimlich deshalb, weil ich mich auf einmal in einem Land eingeschlossen sah, das ich irgendwie als mein Zuhause, als mein Heim betrachtete – man hatte mir plötzlich mit staatlicher Gewalt und, das war bald darauf zu erkennen, mit Waffengewalt, eine Heimat verschafft, und man hatte mich nicht gefragt, ob ich diese Heimat haben wollte. Man hatte versucht, mit Gewalt ein Heimatgefühl in mir zu erzwingen – wenn es ein Mittel gibt, in einem Menschen, in seinem Herzen, in seinem Kopf, ein sogenanntes Heimatgefühl dauerhaft auszuschließen, dann ist es genau dieses Mittel staatlicher Gewalt.

Die ersten Folgen des Mauerbaus zeigten sich schon bald: mit Beginn der Heizperiode des Jahres 61 wurden Facharbeiter aus dem Produktionsbereich dazu verdonnert, sich für einen Monat ins Kesselhaus zu begeben und dort zu heizen. Dies war freilich eine Notwendigkeit, da es in unserem Betrieb, wie in fast allen Betrieben der DDR, stets zu wenig Heizer gab, aufgrund der dort herrschenden Arbeitsbedingungen, die mit der betrieblichen Entwicklung nicht Schritt gehalten hatten, und aufgrund der dort allzu schmalen Verdienstmöglichkeiten. Nun war die Art, in der dies geschah, eine ganz neue: die Leute wurden nicht mehr überzeugt von der Notwendigkeit einer solchen Maßnahme, sie wurden auf Befehl von oben ins Kesselhaus verbannt, alle Einsprüche dagegen erwiesen sich als wirkungslos. Auch ich kam an die Reihe, im November oder Dezember 61: es geschah, was geschehen mußte, ich fand plötzlich Geschmack an der einsamen Tätigkeit eines Heizers in seinem Heizungskeller; als die mir gestellte Frist verflossen war, meldete ich mich nicht zurück.

Wahrscheinlich sind mir dort, in meinem ersten Kesselhaus – an dessen Tür sich ein Schild befand: Betreten für Unbefugte verboten! – zum ersten Mal ernsthaftere Überlegungen über meine Zukunft angekommen, und vielleicht auch der Gedanke daran, daß ich inmitten einer falschen Umwelt lebte – auch wenn sich mir in dieser Umwelt plötzlich ein Refugium aufgetan hatte, in dem ich mir solche Gedanken machen konnte – ich wußte auf einmal, ich wollte schreiben, und zwar nie und nimmer etwas anderes als schreiben. Ich weiß nicht mehr, ob dieser Gedanke für mich sofort mit einem Entschluß verbunden war – es war wohl eher so, daß ich den Gedanken seit dieser Zeit als eine Art ideellen Hinterhalt mit mir führte, jedes Ansinnen, das an mich herangetragen wurde, geriet in die Falle dieses Hinterhalts, wo es, in meinem Kopf, sofort sabotiert wurde: ich wollte nichts von alledem, was man von mir wollte, oder von dem man wünschte, daß ich es wolle, ich wollte schreiben, nichts anderes, ich sagte es niemanden, es war ein Geheimnis, das in diesem Keller mit der rostigen Wärmeversorgungsanlage in mich eingetreten war. Und das noch immer in mir steckt – längst freilich als ein gelüftetes Geheimnis, aber, wie ich hoffe, noch immer als ein Geheimnis. Auf eine bestimmte Art des Umgangs mit diesem Geheimnis werde ich noch zurückkommen.

Es gibt einen merkwürdigen Satz in der Rede auf Georg Büchner von Hans Erich Nossack, der mir sofort einleuchtend erschien: »Sämtliche Parteidoktrinen, Glaubenslehren, Soziologien, Handelskammern und Gesundheitsämter sind sich komischerweise trotz aller Todfeindschaft von jeher in einem Punkte einig: daß es nichts Verbietenswerteres gibt als das Alleinsein‑Wollen.«

Und wahrscheinlich können die sogenannten Hilfsabteilungen, die für die Wärmeversorgung von Industrieanlagen verantwortlich sind, der obengenannten Reihe von Institutionen ohne weiteres angegliedert werden. Aber Hilfsabteilungen haben den Vor‑ oder Nachteil, je nach dem Blick des Betrachters, daß man, befindet man sich einmal dort, nicht mehr tiefer absteigen kann. Wenn ein Heizer sich als fähig erweist, seine Arbeit zufriedenstellend zu erledigen, dann will man nicht mehr wissen, was er sonst noch denkt oder sich zusammen philosophiert. Man läßt ihn also mit seinem Geheimnis allein. Und ich habe, das nur am Rande, schon ein‑, zweimal einem Stasi‑Mann die Tür gewiesen, mit dem Hinweis auf das Schild: Betreten für Unbefugte verboten! – Das funktionierte natürlich nicht mehr in Bezug auf die Deutsche Post, die zwar eine Dienstleistungsfirma ist, aber keineswegs eine im Status einer Hilfsabteilung. Und da ich die Post benutzte, nämlich für die Zustellung meiner Manuskripte, von denen ich stets einige Durchschläge zur Reserve anlegte, wurde es schließlich ruchbar, daß ich schrieb. Und fortan versuchte man, mit welchen Mitteln auch immer, hinter mein Geheimnis zu kommen: zuerst war es die Stasi, am Ende waren es die Massenmedien – einen Vergleich der beiden Institutionen würde ich mir nicht erlauben, sie treten hier nur in Form einer Reihenfolge auf.

Da es die Stasi nicht mehr gibt, oder nur in Form eines Spuks in vereinzelten Köpfen, sind die Massenmedien inzwischen für mich viel interessanter geworden. – Die Massenmedien sind Apparate zur Lüftung jedweden Geheimnisses, und sie sind damit Apparate, die dem Vergessen dienen. Mir scheint, in den Palästen der Massenmedien existiert gar keine andere Absicht, als alles Neue, alles was neu erscheint, ganz gleichgültig, wie alt dieses Neue sein mag, an das Licht der Öffentlichkeit zu reißen, es mit dem Sprachgebrauch der Aktualität zu verkleiden, um es danach dem Verkauf feilzubieten. Und um es danach abzuhaken und zu vergessen, damit es wieder Platz gibt für die nächsten Aktualitäten. Denn von dieser Zirkulation leben die Massenmedien, sie ist ihre einzige Existenzgrundlage. Das degradiert den Leser von Zeitungen zum bloßen Informationsempfänger, der jede Information so schnell wie möglich wieder abhaken und vergessen muß, damit ihm tagtäglich Platz entsteht und dieser Platz kann getrost eine Leere genannt werden ‒ für neue, für aktuellere Informationen. Und auf vergleichbare Weise wird der Fernsehzuschauer zum bloßen Objekt der Unterhaltungsindustrie, er wird ganz automatisch jenem Herdenvieh zugeteilt, das die Einschaltquoten sichert und sie möglichst in die Höhe treibt. ‒ Und es ist zu bemerken, daß schon ein gewisser Sprachgebrauch eigentlich falsch ist: nicht der Kasten mit dem Bildschirm ist der Fernsehempfänger, sondern wir sind die Fernsehempfänger, die wir mit der Fernbedienung in der Hand vor dem Apparat sitzen, um uns mit Informationen in Gestalt von Unterhaltung berieseln zu lassen, die wir während den eingestreuten Werbesendungen wieder vergessen können.

In der Rede von Hans Erich Nossack gibt es einen ungemein harten Satz; ich erinnere noch einmal daran, daß der schon 1961 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, in der ich gerade zu versuchen begann, mit dem Schreiben ernst zu machen. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, diesen Satz schon damals zu lesen, dann, glaube ich, wären mir schwerste Bedenken angekommen: »Die tiefe Verachtung, in der die Literatur heute steht, indem man sie entweder als ungefährlichen Zeitvertreib betrachtet oder sie mit hohen Lobesworten bedenkt, wenn sie sich für machtpolitische Zwecke mißbrauchen läßt, ist so kränkend, daß jeder Literat sich fragen muß, ob das Schreiben überhaupt noch Sinn hat.«

Wie sieht es damit heute aus? frage ich mich. Ich bin in einem Land aufgewachsen, ich habe in einem Land geschrieben, in dem sehr wohl versucht wurde, die Literatur einer machtpolitischen Ideologie unterzuordnen – aber hier? Jetzt, in diesem wiedervereinigten Deutschland? Die Stellung der Literatur ist so vage und diffus, so randständig und auf sich selbst zurückgeworfen, daß kein Mensch mehr daran denkt, sie, für irgendeinen Zweck zu gebrauchen oder zu mißbrauchen; man würde sich mit ihr ein Kuckucksei ins Nest legen, man würde sich lächerlich machen.

Und ihre »hohen Lobesworte« holt sich die Literatur selbst ab, indem sie auf allen Festivitäten der Medien tanzt, indem sie das Gnadenbrot frißt, das ihr in den Palästen der Zeitungshäuser und Fernsehanstalten gereicht wird. Manchmal habe ich den Eindruck – aber es mag dies ein paranoischer Gedanke sein, der in mir auf schleichende Art entstanden ist, als die Hatz der Medien auf mich einsetzte, nachdem zu erfahren war, daß ich der diesjährige Georg-Büchner-Preisträger werde –, daß sich die Literatur in einem dauernden Ansturm auf die Paläste der öffentlichen Medien befindet, in denen ihr Platz eigentlich nicht zu finden ist. Ich begreife immer besser, was Hans Erich Nossack meinte, als er schrieb: »Was von der Literatur unserer Tage übrigbleiben wird, kann nur Monolog sein.« – Die Literatur unserer Tage gibt ihren Platz auf, jedenfalls ist sie dabei, dies zu tun, und sie wird, wenn sie sich diesem Vorhaben immer rascher und widerstandsloser hingibt, eines Tages überhaupt keinen Platz mehr haben.

Tatsächlich, der Platz der Literatur ist der Monolog: es gibt da einen einsamen Schriftsteller, Poeten oder Dichter, der das Verbot des Alleinseins übertritt und seine Gedanken zu Papier bringt. Er mag dabei wohl an einen Leser denken, aber er kennt den Leser nicht. Wenn daraus ein Text oder ein Buch wird, so gelangt dies über die Umwege des Vertriebs an einen ebenso einsamen Leser, der den Monolog liest, er mag dabei wohl an den Schreiber des Monologs denken, aber er kennt ihn nicht wirklich, er kennt vielleicht nur sehr wenig von diesem Schreiber, und wenn die Sache gut geht, dann entwickelt sich im Kopf des Lesers ebenfalls ein Monolog. – Auf diese Art funktioniert Literatur, und sie kann nur auf diese Art funktionieren. Alles, was der Schreiber über seinen Text hinausgehend von sich preisgibt, gehört nicht mehr der Literatur, es gehört den Massenmedien und der Vermarktung von Literatur. Es reißt jedenfalls das Geheimnis nieder, das in der sonderbaren Zweierbeziehung zwischen Schreiber und Leser besteht, und damit vielleicht auch das Interesse des Lesers an der Literatur.

So lebte er hin – lautet der letzte Satz des Lenz von Georg Büchner, ein Text den Hans Erich Nossack nicht als Fragment gelten lassen will, denn dieser Satz sei »der endgültigste Abschluß, der sich denken läßt.« – Was mag ein solcher Satz im Kopf eines Leser auslösen? Zumindest doch wohl die Frage, auf welche Art er, der Leser, selbst hin lebe. Und schon entsteht der Monolog, der eigentlich eine Zwiesprache ist, eine Zwiesprache über Jahrhunderte hinweg, wie sie nur mit Hilfe der Literatur zu erreichen ist. – Und er wird, womöglich, sofort in einen Widerspruch geraten zu einem anderen Satz von Georg Büchner, der aus dem Woyzeck stammt: Er tat alles, wie es die anderen taten. – Und genau dieser Widerspruch kann der Anfang sein für eine Veränderung. Vielleicht liegt das Geheimnis und die Größe des Menschen in genau jenem Punkt, an dem er beginnt, über Veränderung nachzudenken.

Meine Damen und Herren, ich bedanke mich für den Georg‑Büchner-Preis, ich kenne nicht genau die Institution, in der dieser Dank an den richtigen Platz gelangt wäre: deshalb danke ich Ihnen, die mir geduldig zugehört haben. Sie haben mir Mut und, Kraft verliehen, auf meinem Weg weiter zu gehen, Sie haben mir Hoffnung gemacht, daß meine Wörter und Sätze nicht vollkommen ins Leere laufen, deshalb gebührt die Feier dieser Preisverleihung Ihnen, ich bin einzig und allein Ihr Protagonist, und ich will es nicht anders. Ich danke Ihnen, und ich hoffe, daß Sie meinen Dank in Freiheit entgegennehmen.