Georg-Büchner-Preis

Established by the then People's State of Hesse to recognise poets, artists, actors and singers, the »Georg-Büchner-Preis« was first awarded on 11 August 1923 in the state capital, Darmstadt.
Since 1951 the »Büchner-Preis« has been awarded by the German Academy for Language and Literature. It is granted to authors »writing in the German language whose work is considered especially meritorious and who have made a significant contribution to contemporary German cultural life.« (Academy charter)
The »Georg-Büchner-Preis« is awarded annually during the autumn conference of the German Academy in Darmstadt. The prize comes with a €50,000 award.

Awardees

Sibylle Lewitscharoff

Sibylle Lewitscharoff

Writer
Born 16/4/1954
Member since 2007

Georg-Büchner-Preis 2013
Laudatory Address by Ursula März
Acceptance Speech by Sibylle Lewitscharoff
Diploma

Sibylle Lewitscharoff, die in ihren Romanen mit unerschöpflicher Beobachtungsenergie, erzählerischer Phantasie und sprachlicher Erfindungskraft die Grenzen dessen, was wir für unsere Wirklichkeit halten, neu erkundet und in Frage stellt...

Jury members
Juryvorsitz: Heinrich Detering
Aris Fioretos, Peter Hamm, Joachim Kalka, Navid Kermani, Per Øhrgaard, Gustav Seibt, Michael Stolleis, Jan Wagner, Nike Wagner, außerdem Ulrich Adolphs (Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst), Peter Benz (Stadt Darmstadt), Horst Claussen (von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien)

 
LAUDATOR
Ursula März
Born 1957
Literary scholar, Literary critic, Writer and Journalist

Ich habe einen Liebling, einen persönlichen Favoriten unter der Bewohnerschaft des hier zu ehrenden Werkes; ein vierbeiniges Wesen, dessen Charakter nicht liebenswerter, treuer, mutiger, ja edler gedacht werden könnte. Vielleicht, sehr geehrte Damen und Herren, ahnen Sie, wen ich meine. Ich meine den Dackel, der, wenn auch etwas im Hintergrund, durch die Romane Sibylle Lewitscharoffs springt. Keine Sorge, der Löwe kommt schon noch! Aber jetzt ist, zumal diese Reihenfolge auch der Chronik des Werkes entspricht, erst mal der Dackel dran. Denn so atemberaubend der Eintritt des Wunderlöwen, dieser metaphysischen Erscheinung, in Blumenbergs Arbeitszimmer und in die deutsche Gegenwartsliteratur vor zwei Jahren auch gewesen sein mag, so wenig lässt sich leugnen, dass noch kein Schimmer seiner Mähne zu sehen war, als Kollege Dackel schon längst ein Plätzchen zwischen den Buchdeckeln eingenommen hatte. Und der heutige Tag scheint mir eine gute Gelegenheit zu sein, eine kleine Umverteilung des Ruhmes vorzunehmen, der in so reicher Menge auf dem Löwenhaupt liegt. Ich mache mir keinerlei Illusionen, wie gnadenlos schlecht ein optischer und kulturgeschichtlicher Vergleich für den Dackel ausfällt, der nicht einmal die Gattung mit dem Löwen teilt. Neben der majestätischen Großkatze mit ihren 190 Kilogramm und einer Schulterhöhe von 100 Zentimetern macht mein Dackelchen – 9 Kilogramm, 20 Zentimeter Schulterhöhe, wurstförmiger Korpus über stummelartigen Beinen – wenig her. Ganz zu schweigen vom ikonographischen und mythologischen Volumen. Seit rund 3000 Jahren gilt der Löwe, ausstaffiert nicht zuletzt mit Elementen des Heiligen, als eine Art Superstar der Symbole. Wenn der Dackel im Lauf der Menschheitsgeschichte überhaupt in die Nähe des Symbolträchtigen kam, dann allenfalls bei Gelegenheiten wie jener im Jahr 1972, als die Stadt München mit dem Maskottchen Waldi für die Olympischen Spiele warb.
Nun muss man sagen, dass unsere Autorin durch das literarische Entrée, das sie den Vierbeinern jeweils bereitet, diese Rollenverteilung, zumindest auf den ersten Blick, bestätigt. Der Löwe spaziert 2011 über den roten Teppich des allerersten Absatzes in den Roman Blumenberg. Die adjektivische Trias »groß, gelb, atmend« signalisiert poetische Prominenz, sie wird kurz danach wiederholt und sprachlich exquisit variiert; »habhaft, fellhaft, gelb«. Sie alle kennen das Zitat, es ist fast schon ein geflügeltes Wort unserer Literatur.
Und der Dackel? Er schlüpft im Jahr 2003 durch den Hintereingang einer unauffälligen Randepisode in den Roman Montgomery. Die Situation ist folgende: Der Filmproduzent Montgomery Cassini-Stahl, als Siebzehnjähriger aus Stuttgart-Degerloch nach Rom entflohen, dort zum mächtigen Mann und hypochondrischen Sonderling ausgereift, ruft jeden Morgen seine alte Mutter an. Zu den Lieblingswaffen dieser aus Gift, Galle und Nikotin bestehenden Frau zählt anklagendes Schweigen. Jedes Telefonat ein kalter Kleinkrieg, ein Pflichtritual, wenn überhaupt der Liebe, dann jener geschuldet, die mit Hass verkocht ist. Drei Vormittage lang geht das so.
Am vierten Tag jedoch, genau in der Romanmitte, stellt sich unversehens eine Erwärmung in der Leitung ein. »Sie redeten länger als sonst«, heißt es. Ja sie reden auf ganz normale, Anteil nehmende Weise miteinander. Montgomery berichtet, dass er in der Nacht zuvor den ins Saufkoma gefallenen Hauptdarsteller seines neuen Filmes zu betreuen hatte, die Mutter bedauert den Schlafentzug des nervlich leicht erschütterbaren Sohnes. »Und du?«, erkundigt er sich. Und jetzt – jetzt kommt er auf die Bühne, der Anstifter familiärer Humanisierung. »Gestern«, antwortet die Mutter, »bin ich in aller Herrgottsfrühe los und hab mir einen neuen Dackel besorgt. Ein Männle.« Die »Herrgottsfrühe« entstammt dem alltäglichen Sprachgebrauch der Schwäbin, aber in Verbindung mit einem Wort, das nur eine Zeile zuvor verwendet wird, eröffnet sich dem Dackelauftritt ein Signalraum, der alles andere als nur profan ist. Von »Mitgefühl« ist die Rede, zu dem die Mutter urplötzlich fähig ist, und dieses Wort zielt ins Zentrum der christlichen Barmherzigkeitsbotschaft.
Man reibt sich beim Lesen ein wenig die Augen. Hat Sibylle Lewitscharoff, der bekanntlich keine Kühnheit fremd ist, die Verstorbene plaudern und im Roman Consummatus Engel durch das Stuttgarter Café Rösler flattern lässt, allen Ernstes einen Dackel zum Symbol des Trösters und Retters erhoben? Ja und nein. Ja, weil der Dackel in ihren Geschichten tatsächlich diese schöne Aufgabe erfüllt. Nein, weil ihre Literatur letzten Endes nicht auf symbolisierender Bedeutungsverschiebung beruht, sondern auf Bedeutungsvollendung, auf der Ausdehnung der Wirklichkeit in Traum und Vision. Nachdrücklich hat sie immer wieder Franz Kafka ihren bedeutendsten Lehrmeister genannt. Lewitscharoffs verspielte, zwischen Heimatdialekt und sublimen Neologismen aufgespannte Sprache hat mit der Franz Kafkas wenig zu tun. Aber in der Anwendung des phantastischen Realismus steht sie tatsächlich in seinem Erbe.
Als vor Jahren am Firmament des Bachmannpreis-Wettbewerbes Pong, ihr erster, vielmehr ihr erster veröffentlichter Roman auftauchte, da schien es, als würde ein bislang unbekannter Planet entdeckt. Ein Planet, den vitaler, schnoddriger Humor und theologische Intention in ziemlich unvergleichlicher Weise bewirtschaften.
Ich muss, bevor ich hier weiterspreche, etwas nachholen, etwas Entscheidendes, nämlich den Namen des Dackels. Er heißt Schnacks. Erst im Namen werden wir erkennbar und für die Stimmen, die uns rufen, erreichbar, und wie wichtig Namen für die Romane der Autorin sind, zeigen schon deren Titel: Pong, Der höfliche Harald, Montgomery, Apostoloff, Blumenberg; demnächst wird noch ein Detektiv in die Reihe all dieser, nun ja, Männernamen treten. Es lässt sich nicht übersehen, dass auf dem Lewitscharoff-Planeten Männerüberschuss und ein gewisser Frauenmangel herrschen. Selbst Schnacks ist ja, wie seine neue Besitzerin nach Rom mitteilt, »ein Männle«. Das Exzentrische, mitunter Asketische, mitunter Märtyrerhafte, dem Lewitscharoffs Figuren zuneigen, ergibt sich plausibler aus dem kulturhistorischen Angebot männlicher Typologie. Wenn ich in der Literaturgeschichte nach einer Schriftstellerin suche, die vielleicht geeignet wäre, die Rolle einer geistigen Schwester Sibylle Lewitscharoffs einzunehmen, dann kommt mir immer wieder die Französin Marguerite Yourcenar in den Sinn. Auch ihr Werk ist von Herren bevölkert, auch sie verfügte über einen unfassbaren Radius abendländischer Gelehrsamkeit und über einen Kopf, an dessen intellektueller Autonomie literarische Moden und jeder Zeitgeist abprallten. Beide Damen aber – ich spreche hier einmal als Vertreterin des weiblichen Geschlechts – gehören zu uns, zu unserer Hälfte des Himmels, denn sie sind unverzichtbare Glieder in der historischen Kette der Femmes de Lettres. Sibylle Lewitscharoff wurde in den vergangenen Jahren mit Preisen und Ehrungen regelrecht bombardiert. Wer ein Aufenthaltsstipendium zu vergeben oder einen Vortrag zu besetzen hat, reißt sich um sie, und – nicht zu vergessen – auch das Lesepublikum hängt an ihren Lippen. Ihr Rang als Schriftstellerin ist dem ihrer Stimme im deutschen Denk- und Literaturbetrieb längst ebenbürtig. Nicht nur mir kommt dieser Betrieb bisweilen wie ein Patient vor, dessen äußere Agilität über seine innere Ermüdung hinwegtäuscht. Er wäre noch um einiges müder ohne Sibylle Lewitscharoffs geistiges Temperament, das im Ernstfall die polarisierende Schärfe nicht scheut. Ihre öffentliche Erscheinung befestigt eine Eigenschaft der Femme de Lettres, die kaum hundert Jahre alt ist und schon deshalb der Befestigung bedarf: die Streitbarkeit.
Wo und wozu sie sich äußert, ob sie kulturellen Vulgarismus verdammt, die Kenntnis literarischer Tradition, die Wahrung des Urheberrechts oder die Überlebensfähigkeit ihres Verlages einfordert, werden Positionen sichtbar, deren kompromisslose Deutlichkeit sie angreifbar macht. Auch ich bin keineswegs immer mit ihr einverstanden. Ich halte es beispielsweise für etwas überflüssig, in Poetikvorlesungen Invektiven gegen die Fernsehserie Tatort einzustreuen, ohne die mein privates Sonntagabendglück überhaupt nicht vorstellbar ist. Aber ich kenne wenige Schriftsteller, die sich über den eigenen Schreibtisch hinaus in vergleichbar leidenschaftlicher Weise an die Literatur verausgaben, auch an die von Kollegen. Wer ihr am Montag ein Manuskript zur Prüfung schickt – und das tun nicht wenige –, darf am Dienstag mit einem Anruf und einem Urteil rechnen, das so aufrichtig wie gerecht ist. Wenn sie es für erforderlich hält, die Misslungenheit eines Textes als solche zu benennen, macht sie zwischen mir und einem Nobelpreisträger keinen Unterschied. Ihr Talent zur Kritik ist allerdings nichts neben ihrer Fähigkeit, im Jubel über Gelungenes aus dem Häuschen zu geraten. Im Laufe einer fast zwei Jahrzehnte währenden Freundschaft habe ich es oft erleben dürfen und als großes Geschenk erfahren.
Auf dem Schulhof wären wir uns wahrscheinlich nicht nahegekommen. Im Backfischalter trennten uns Welten, deren dogmatische Differenzen heute kaum mehr erkennbar sind, damals aber scharf markiert waren. Ich gehörte dem Schülerkader der KPD/ML an und probierte zaghaft Haschischzigaretten. Die Stuttgarter Gymnasiastin Lewitscharoff hatte sich einem trotzkistischen Splittergrüppchen verschrieben und stieg gleich mit LSD ein. Ohne Zweifel traf sie in ideologischer wie in toxikologischer Hinsicht die weitsichtigere Entscheidung. Die Trotzkisten waren eine Spur weniger paranoid als die KPD/MLer, und während Haschisch vor allem albern macht, sorgt LSD für Halluzinationen, die auf lange Sicht der Arbeit am phantastischen Realismus nicht undienlich sind. Sibylle Lewitscharoff wird heute mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet; und ich habe die sehr große Freude und die Ehre, sie und Dackel Schnacks zu würdigen.
Geduld zählt ebenfalls zu den charakterlichen Vorzügen des 9 Kilogramm schweren heimlichen Helden. Es dauert vier Romane, bis er 2009, in Apostoloff, seine Fähigkeiten auf gebührende Weise entfalten darf, im bislang einzigen Roman mit weiblicher Erzählerstimme. Und was für eine Stimme! Ein Ausbund an polemischer Boshaftigkeit und niedermachender Gemeinheit, an zornigen und höhnischen Tiraden, wie sie in der Belletristik selten und aus Frauenmund noch viel seltener zu hören sind. Die schwäbische Giftspritze hat sich im Roman auf der Rückbank eines Autos niedergelassen. In Begleitung von ihrer Schwester, einem Wesen von versöhnlicher und milder, also etwas langweiligerer Natur, und dem Chauffeur Rumen Apostoloff unternimmt sie eine Reise durch das postsozialistische Bulgarien, das sich in den Augen der übel gestimmten Ich-Erzählerin als Müllhaufen der Geschichte, als ein einziges Inferno architektonischer, kultureller und kulinarischer Verrottung darstellt.
Das Konzept der Katabasis, der Reise in und durch die Unterwelt, nach den Worten des Philosophen Hans Blumenberg ein »Obligatorium« allen Erzählens, formt oder tangiert zumindest auch alle Romane Sibylle Lewitscharoffs. Hier, in Apostoloff, vollziehen sich gleich zwei Höllenfahrten: eine homerische, die tatsächlich in das Reich der Toten führt, und ihre moderne Variante, der Abstieg in die Unterwelt der Psyche. Beide aber folgen der Spur des Vaters. Dieser, ein gebürtiger Bulgare, der am Ende des Zweiten Weltkrieges nach Stuttgart kam und eine Deutsche heiratete, nahm sich, als die Erzählerin ein elfjähriges Mädchen war, das Leben, indem er sich an einem Strick erhängte.
Dass der frühe Verlust eines Elternteiles entsetzlich, ja traumatisch ist, steht außer Frage. Aber aus dem Trauma des Elternsuizides ergibt sich für das Kind noch ein anderer, über alle Trauer weit hinausreichender Verlust, der seiner elementaren Selbstgewissheit. Denn der Vater, der sich das Leben nimmt, richtet diesen Gewaltakt gegen den Leib, dem sich das biologische Leben des Kindes verdankt. Er mutet dessen Phantasie den Zweifel an der Berechtigung, ja an der Diesseitigkeit seines Daseins zu. Der verrückte Pong, Lewitscharoffs Debütfigur, hat seine Gründe, weshalb er dem üblichen Fortpflanzungsprozedere der Menschen misstraut und es vorzieht, durch den »Großen Ratsch«, einen kurzen Tumult im Schöpfungsgeist, in die Welt gekommen zu sein. Wer nicht gezeugt wurde, kann nicht in Mithaft genommen werden von einem lebensmüden Erzeuger.
Die Bulgarienreisende aber, tagsüber munter draufloszeternd, wird in ihren Nachtträumen vom Vater aus dem Totenreich heimgesucht. Den Strick hinter sich her ziehend, steht er im Zimmer, als wollte er sie daran erinnern, dass sich die Handlung, der er sein Leben opferte, indirekt auch auf sie bezieht. In diesem Traumbild, einem Bild umfassender Ungeschütztheit, liegt, so denke ich, ein Ausgangspunkt des Schreibens und der Poetik unserer Preisträgerin.
Im Jahr 2009, also im zeitlichen Umfeld von Apostoloff, hielt sie zur Eröffnung des Europäischen Schriftstellerkongresses in Saarbrücken einen Vortrag, der, obwohl keineswegs als Selbstkommentar intendiert, das Motiv des Traumes und seines speziellen Schreckens kulturgeschichtlich rahmt. »Der mörderische Kern des Erzählens« lautete der Titel dieses Vortrags. Angelehnt an eine Reihe anthropologisch-psychoanalytischer Studien neuerer Zeit rekapituliert Sibylle Lewitscharoff – ich erlaube mir eine äußerst kurze Zusammenfassung – den langwierigen und mühseligen Entwicklungsprozess des Erzählens aus dem archaischen Menschenopfer. Das Schuldhafte dieser Praxis brachte jenes narrative Fädchen hervor, das einen sowohl verschleiernden als auch mythischen Sinn über die Grausamkeit legte. In einer längeren Passage setzt sich Sibylle Lewitscharoff dann mit der alttestamentarischen Szene auseinander, zu der ihr Gedankengang zwangsläufig hinführt: zu Abraham, der sich bereit macht, seinen Sohn Isaak zu opfern, um den Befehl Gottes zu befolgen. Es kommt nicht dazu. Gott selbst schreitet im letzten Moment gegen den Vollzug der Handlung ein.
Unschwer lässt sich die Lage der bedrohten Träumerin in Apostoloff in Verbindung bringen mit der bedrohlichen Lage Isaaks. Im einen wie im anderen Fall geht, mittelbar oder unmittelbar, vom Vater eine mörderische Gefahr aus. In der Geschichte des Alten Testaments hat diese Gefahr allerdings eine doppelte Gestalt. Denn in dem Moment, in der Sekunde, die dem Unterlassungsbefehl Gottes vorausgeht, wird Isaak sowohl vom irdischen als auch vom überirdischen Vater der Ungeschütztheit preisgegeben, die deshalb umfassend ist. Es braucht das Wort des einen und die Hörbereitschaft des anderen Vaters, um das Leben des Kindes zu verschonen. Rettung kann, anders gesagt, nur gelingen, wenn sich metaphysische und physische Welt verständigen. Dies ist das provozierend unzeitgemäße und verblüffend selbstverständlich angewandte Postulat von Sibylle Lewitscharoffs literarischer Arbeit.
Es liegt nahe, im Löwen und im Dackel die jeweiligen Repräsentanten der beiden Welten zu sehen. Aber es wäre nicht im Sinn der Imagination der Schriftstellerin, die beiden Vierbeiner als Kontrastpaar zu betrachten. Im Gegenteil: Sie bewegen sich, bis zum Austausch ihres Wesens, aufeinander zu. Der übersinnliche Löwe, der eines Nachts vor Blumenbergs Schreibtisch liegt, besitzt in den Augen des Philosophen ja alle Merkmale, auch durchaus nachteilige, physisch-sinnlicher Präsenz und leiblicher Echtheit. Bevor Blumenberg das Wunder begreift, das ihm zuteilwird, befürchtet er auf höchst realistische Weise, einen asthmatischen »Rohrkrepierer« vor der Nase zu haben, der seinen Bucharateppich aufsucht, um dort den letzten Seufzer zu tun. Über den kleinen Kompagnon des Löwen wird in Apostoloff wiederum Folgendes berichtet:
»Als wir mit dem Lesen anfingen, kam der Dackel zu uns ins Haus. [...] Natürlich war es verboten, den Hund mit ins Bett zu nehmen oder ihm heimlich etwas zuzustecken. Ich fand Wege, den Dackel in mein Zimmer zu schleusen. Und da lag er nun an meiner Seite, schnarchte und seufzte, während ich das Licht wieder anknipste und las. Obwohl ich längst keinen Hund mehr besitze, brauche ich im Bett nur ein Buch aufzuschlagen, und schon fühle ich das warme Dackelohr auf meinem Handrücken zucken.«
Natürlich wäre es vermessen, diese idyllische Miniatur, die uns eine Dauerleserin und ihren unsichtbar anwesenden Gefährten vor Augen führt, in den Rang eines Dackelwunders zu erheben. Aber in der Hand einer Schriftstellerin, die nicht Wirklichkeit abbildet, sondern nach den Maßgaben eines unbedingten, subjektiven Gestaltungswillens erschafft, springt selbst auf einen Dackel ein Fünkchen über vom Feuerwerk der Metaphysik.
Eine einzige Prosaseite genügt, um in Sibylle Lewitscharoff eine beinharte Verteidigerin jener Literatur zu erkennen, die sich in erster Linie als Kunst versteht, als Form ästhetischer und sprachlicher Pracht. Sie bliebe, so denke ich, kühl ohne das Humane; ohne die kunstvoll überarbeitete Mitteilung von Not und Schrecken, wie sie ein zutiefst schutz- und trostbedürftiges Kind erfahren kann. Die Romane, die in den vergangenen achtzehn Jahren am bewundernswert ordentlichen und jederzeit aufgeräumten Schreibtisch Sibylle Lewitscharoffs entstanden, sind Zeugnisse des Schönen, des Komischen und des Ergreifenden. »In diesen verworrenen und melancholischen Verhältnissen«, äußerte die Autorin einmal über Kinder- und Jugendzeiten, »war der Dackel ein lebendiger Beistand. Man weiß ja, wie unglaublich subtil sich Hunde auf Menschen einstellen können. In einer solchen Situation wird so ein kleiner Hund riesengroß, ein Unterpfand des Trostes.«
Lieber Schnacks, wo auch immer du dich mittlerweile befindest – ich vermute im Hundehimmel –, grüße ich von Darmstadt aus dorthin und gratuliere von ganzem Herzen deinem Frauchen zum Georg-Büchner-Preis.